Bemerkungen zu Dogan Göcmen

Posted on 3. März 2007 von

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von Ingo Wagner

Zum „Der Begriff der Gerechtigkeit und der Kampf um Sozialismus“ in Theorie und Praxis, Heft 7/2006, S 12 f

Dogan Göcmen hat in Theorie und Praxis, Heft 7/2006, S 12 f, mit seinem Beitrag „Der Begriff der Gerechtigkeit und der Kampf um Sozialismus“ eine Problematik aufgeworfen, die weit über seine Kontroverse mit Nina Hager und Robert Steigerwald hinausgeht. Denn sie enthält zwar implizit jedoch prononciert die Frage nach der Möglichkeit und Notwendigkeit, solche Werte wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit heute in den Dienst der sozialistischen Sache zu stellen. Bereits bei Franz Schandl konnte man hierzu in junge Welt vom 12. Februar 2003 lesen: „Sie sind höchstens die vorletzten Wahrheiten der Menschheit. Wahrscheinlich nicht einmal das. So paradox es dem modernen Individuum erscheint, gerade darum geht es: Nicht mehr die Gerechtigkeit zu verinnerlichen, sondern sich ihrer zu entledigen! Sie trägt nirgendwo hin, wo wir nicht schon gewesen. Im Zeichen der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit ist heute keine emanzipatorische Praxis mehr zu entwickeln. Diese sind nichts anderes als Grundprinzipien des Kapitals. Der Sozialismus ist jenseits davon. Kommunisten sind nicht jene, die die Gerechtigkeit verwirklichen wollen, sondern solche, die die Notwendigkeit zur Gerechtigkeit abschaffen möchten.“ Einspruch! Mir scheint, daß sich Göcmen gleichfalls auf diesem Pfad bewegt, den ich theoretisch für falsch und politisch für destruktiv halte. Warum? Hierzu einige grundsätzliche Bemerkungen:

Erstens. Marx war kein Gerechtigkeitstheoretiker; er hat keine Gerechtigkeitstheorie geschaffen. Sein wissenschaftlicher Sozialismus ist in der Geschichte verwurzelt. Nach wie vor gilt auch heute: Der Marxismus faßt „den Sozialismus in letzter Instanz nicht als Schlußfolgerung aus irgendwelchen Ideen oder Prinzipien, wie Gerechtigkeit etc., auf …, sondern als ideelles Produkt eines materiell-ökonomischen Prozesses des gesellschaftlichen Prozesses auf gewisser Stufe.“ [1] Der Marxsche Sozialismus ist also kein soziales Wunschbild, kein Verheißungsüberschuß im Begriff der Gerechtigkeit als utopische Zielbestimmung. Deshalb ist auch solchen „modernen“ Auffassungen zu widersprechen, die Marx eine „Gerechtigkeitstheorie“ als Grundlage seiner Kapitalismuskritik und Sozialismusvorstellung unterstellen oder auch solchen, die eine solche „vermissen“ und deshalb Marx in Sicht des bürgerlichen Gerechtigkeitsdiskurses Reduktionismus vorwerfen.

Die wenigen Gerechtigkeitsbemerkungen von Marx und Engels sind solche axiologischen Reflexionen, die direkt in die Konnexität der dialektisch-materialistischen Geschichtsbetrachtung als „Historische Gerechtigkeit“ [2] ‚, „geschichtliche Berechtigung“ [3] , „berechtigte Tendenz“ [4] „geschichtliche Unvermeidlichkeit“, „geschichtliche Berechtigung“ [5] oder in die politische Ökonomie (als Äußerung zur Tauschgerechtigkeit) eingelagert sind. Diese normativen oder präskriptiven Momente können aus dem soziologischen Konnex nicht herausgelöst und theoretisch verselbständigt werden, da sie dem erkenntnismäßigen (deskriptiven) Herangehen und Ergebnis als Urteile logisch inhärent sind. Und deshalb ist es wohl richtig zu sagen, daß der originären Marxschen Theorie keine ethische Theorie substantiell inhärent ist.

Zweitens. Marx und Engels haben den Inhalt der „Gerechtigkeit“ im Kapitalismus als bürgerlich-kapitalistische bloßgelegt. Und sie haben mit der wissenschaftlichen Erkenntnis nach Abschaffung der Klassen und Ausbeutung sowie Herbeiführung der gleichen Stellung zu den Produktionsmitteln zugleich impliziert, daß in einer künftigen kommunistischen Gesellschaft mit der „wirklichen Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen“ (Marx) die Gleichheit, das formale Recht sowie die Gerechtigkeit zu den historischen Akten gelegt werden. Soweit – so gut.

Allerdings halte ich es für falsch, bei der Interpretation und Beantwortung der Eingangs gestellten Frage einige weltgeschichtlich Tatsachen einfach zu übersehen und das Heute nur in ein „logisches“ Bezugsgefüge zu dieser Marxschen Positionierung zu stellen, wie dies Göcem tut. Einiges hierzu sei angemerkt:

Nach der Niederlage des europäischen frühen Sozialismus und der kommunistischen Weltbewegung hat sich das Zeitfenster für die Aufhebung des Kapitalismus weiter geöffnet. Die Marxsche Grundkonzeption des weltweiten revolutionären Übergangs zum Sozialismus war historisch nicht langfristig angelegt. Das kommunistische Ziel ist heute in historisch weite Feme gerückt. Einerseits nimmt der imperialistische Gesellschaftszustand immer mehr barbarische Züge an. Andererseits ist die Formierung eines geschichtsmächtigen subjektiven Faktors, der auch die Chance eines neuen sozialistischen Anlaufs involvieren würde, weit zurückgeblieben. Die Lösung dieses Widerspruchs bedarf nicht nur längerer historischer Fristen, sondern auch neuer gesellschaftlicher Anknüpfungspunkte und Vermittelungsglieder. Eine zeitgemäße marxistische politisch-strategische Orientierung, die selbstverständlich nach wie vor im wissenschaftlichen Sozialismus wurzelt, muß deshalb ebenfalls theoretisch artikulieren, die Errungenschaften der menschlichen Zivilisation und des gesellschaftlichen Fortschritts für die sozialistische Sache verstärkt zu nutzen. Denn die klassischen Werte der europäischen Aufklärung sind immer mehr auf dem Rückzug. Die einst vom Bürgertum getragene Aufklärung hat heute in der verbürgerlichten kapitalistischen Gesellschaft ihren ärgsten Feind. Dieses Erbe darf nicht den kapitalistischen Interpreten überlassen werden! Das beginnende 21. Jahrhundert bedarf einer zweiten Aufklärung, die involviert, daß das Werk von Marx und Engels nicht nur für die proletarische Bewegung steht, sondern für alle vom Imperialismus strangulierten gesellschaftlichen Schichten, denen es so ermöglicht wird, sich in den Kampf um demokratische und sozialistische Emanzipation einzubringen. Hans Heinz Holz ist deshalb zuzustimmen, daß hier eine neue Front im ideologischen Klassenkampf, im Kampf um die weltanschauliche Hegemonie des Proletariats entsteht, und daß die Arbeiterklasse heute „die Chance ihrer geschichtlichen Existenzbedingung“ auch so zu Nutzen angehalten ist, indem sie die „kulturellen Ideale und Antizipationen der Menschheit in ihre Weltanschauung“ transformiert. [6]

Drittens. Aber nicht nur das. Göcmen übersieht weiter, daß die Begriffe Gerechtigkeit, Gleichheit (und andere) in der realsozialistischen Entwicklung als sozialistische Werte Einzug in das marxistische Wissenschaftsgefüge hielten. Bereits der frühe Sozialismus hat trotz großer Schwierigkeiten dieser und jener Art ein ganzes Paket sozialistischer Werte hervorgebracht. Es wurden diesbezügliche wissenschaftliche Leistungen von Rang und Geltung erbracht, die nur in anderen Zusammenhängen vorgestellt werden können. Dieses progressive Erbe darf nicht zu den historischen Akten gelegt werden. Denn es ist gleichfalls für die Ausarbeitung einer zeitgemäßen Sozialismuskonzeption von großen Nutzen, in die sich ebenfalls sozialistische (und andere humanistische) Werte sozialpolitischer und geistiger Art einflechten müssen – und damit auch der Gerechtigkeitswert.

Solche sozialistischen Gerechtigkeitsvorstellungen als Werte, die stets einen bestimmten Aspekt der geistigen Aneignung und der praktischen Beherrschung der Welt durch den gesellschaftlich tätigen Menschen im Auge haben, sind allerdings nicht nur für eine künftige sozialistische Neuorganisierung unentbehrlich. In ideologischer Form können sie den Gedanken eines humanistisch-sozialistischen Ausbruchs aus der Evolution des Kapitalismus in die Barbarei inspirierend vermitteln und so mithelfen, in Richtung dieses Ausbruchs aktiv zu werden.

Ich halte es also für grundfalsch, Gerechtigkeit – Freiheit und Gleichheit – nur als „Grundprinzipien“ des Kapitals zu interpretieren und „kapitalistisch“ konstituiert zu begreifen. Das sind unzulässige Verkürzungen. Das zum Himmel schreiende soziale Unrecht in unserer Zeit als historisch-gesellschaftliche Praxis sowie die „Gerechtigkeit“ aus dem Munde des Kapitals sind für mich keine stichhaltigen Gründe, sich der Gerechtigkeit überhaupt zu entledigen – der bürgerlichen ja. Ohne die Akzeptanz und den Kampf um die sozialistische Gerechtigkeit – zunächst als politische Forderung — zu begreifen, wird es keine Emanzipation des Menschen als Ziel des Sozialismus geben. Deshalb ist es zwingend, sich um diesen Begriff zu streiten, ihn der bürgerlichen Vormundschaft zu entreißen. Mit „Illusionen und politischer Romantik“ hat dies nichts zu tun. Dieser Vorwurf an Hager und Steigerwald ist in meinen Augen absurd. Es gilt vielmehr, die bürgerliche „Gerechtigkeitsfalle“ – das Problem der sozialen Gerechtigkeit ist an die „Gerechtigkeit im Kapitalismus“ gefesselt, die in Wirklichkeit gesellschaftliche Ungerechtigkeit in kaum vorstellbarem Maße bedeutet – aufzubrechen. Das Wie steht auf einem anderen Blatt, das hier nicht beschrieben werden kann.


[1] F. Engels, MEW, Bd. 34, S. 379 f.

[2] Ebenda, Bd. 13, S.405.

[3] Ebenda, Bd. 20, S. 263.

[4] K. Marx, MEW, Bd. 16. S. 193.

[5] F. Engels, MEW, Bd. 21, S. 501.

[6] Siehe H. H. Holz, Topos, H. 27 (Februar 2007), S. 72 ff.

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