Glückwunsch, Genosse!

Posted on 15. März 2007 von


von Patrik Köbele

Am 26. Februar begeht unser Freund und Genösse Hans Heinz Holz, Mitbegründer und Herausgeber von T & P, seinen 80. Geburtstag. Die Bitte, einen Artikel zu diesem Anlass zu verfassen, war schwer auszuschlagen und schwer anzunehmen.

Schwer anzunehmen, weil eine Würdigung seines philosophischen Wirkens, das sich fast auf alle Bereiche der Philosophie erstreckt, hier kaum vorgenommen werden kann. Zudem würde so ein Unternehmen zugegebenermaßen auch meine philosophischen Kenntnisse übersteigen.

Schwer auszuschlagen, weil mich seit dieser Zeit eine Freundschaft mit ihm und seiner Frau Silvia verbindet, die für mich weit über die persönliche Freundschaft hinausgeht, deren Grundlage die intensive politische Zusammenarbeit ist.

Kennen gelernt haben wir uns erst Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dabei stand diese Freundschaft anfangs unter gar nicht so einfachen Vorzeichen. Kurz nach dem Erscheinen seiner Schrift „Niederlage und Zukunft des Sozialismus“ war sein Name – für mich plötzlich – innerhalb der DKP in aller Munde. Ich hatte vorher seinen Namen noch nie gehört. Zugegeben, das war mir anfangs etwas suspekt. Dies wurde noch verstärkt, als ich beim Stöbern auf einen Bannstrahl gegen ihn stieß. Bezogen auf seine Untersuchung des revolutionären Chinas hieß es: „Geschichtsphilosophische Konstruktion und Mystifikation, die weder mit dem realen Prozess der Menschheit noch mit dem Marxismus etwas gemein hat (…), ist dagegen der Vorschlag von H. H. Holz“, „eine aus agrarischen Produktionsverhältnissen erwachsene Form des Kommunismus in einen Impuls für die gesellschaftliche Organisation des Industrialisierungsprozesses zu übertragen.“[1]

Ich war also gewarnt.

Nun, ich kam nicht herum, dann doch sein Büchlein zu lesen – es war für mich, wie sicher für viele Kommunisten, nicht nur in Deutschland, wie ein Befreiungsschlag. Da hatte einer den Mut – nach der welthistorischen Niederlage von 89 -uns ins Stammbuch zu schreiben, dass die Niederlage die Erscheinung und die notwendige Überwindung des Kapitalismus und der Übergang zum Sozialismus nach wie vor das Wesen ist. Dass der Stolz auf den Sieg des „roten Oktober“ sowie auf den Aufbau des Sozialismus nach wie vor berechtigt ist. Dabei ohne jede Beschönigung von Fehlentwicklungen, Deformationen und Unrecht, aber mit dem Verweis auf eine materialistische Analyse derselben und ebenso der letztendlichen Niederlage.

Und dann, nach zaghaften ersten Kontakten (wie spricht man einen Professor am Telefon eigentlich an?) die sich entwickelnde Zusammenarbeit in der Programmdiskussion der DKP. Es waren für mich meist Lehrstunden, auch deshalb, weil ich schnell merkte, dass Hans-Heinz immer bereit war zuzuhören und auch Wert auf meine Einschätzungen legte, die meist mehr im Politischen, denn im
Philosophischen lagen. Später dann die Arbeit an den Verbesserungsvorschlägen für verschiedene Kapitel des ersten Entwurfs eines Parteiprogramms, sie wurden dann „Holz/Köbele“ genannt, obwohl sie viel mehr Holz als Köbele enthielten.

Diese Zusammenarbeit gab und gibt mir sehr viel. Sie war, wie könnte es dialektisch auch anders sein, nie widerspruchsfrei, aber auch das hat Hans Heinz mir und vielen anderen ins Stammbuch geschrieben: „Achtet den Widerspruch, solange er nicht antagonistisch ist, denn er ist nicht das Problem, sondern das vorwärts treibende Moment – zum Problem wird er, wenn er nicht oder nicht solidarisch ausgetragen wird, dann kann er auch unversöhnlich, zerstörerisch, trennend werden.“ Etwa so lautete seine eindringliche Warnung, die mich seit dort in meiner politischen Tätigkeit begleitet.

Seine Lebensgeschichte und viele einzelne spannende Begebnisse werfen zugleich Licht auf die allgemeine historische Entwicklung:
Sein früher antifaschistischer Kampf, der ihm Gestapohaft einbrachte und sein Herzleiden, das den vom Geist des „Sturm und Drang“ Geprägten oft hindert und nervt.

Seine Promotion bei Ernst Bloch und das Verschwinden seiner Doktorarbeit, als dieser in der DDR in Ungnade gefallen war. Sein Berufsverbot in Marburg, aber auch die Auseinandersetzungen zwischen den dortigen Politologen und den Philosophen. Viele der Erstgenannten später auf der Seite der sogenannten Erneuerer, er – obwohl in Absprache mit der Partei -nicht
deren Mitglied und doch auf ihrer Seite.

Bannstrahle „seiner“ Partei, wie das Verdikt „Holzwege des Marxismus“ oder der bereits oben genannte – und trotzdem immer der Optimismus und die (von ihm selbst so bezeichnete) „preußische“ Disziplin.

Was bleibt da zu kritisieren – nur das Übermaß, das er sich immer wieder selbst zumutet. Da ist es schon fast der „notwendige Zufall“, dass er sich vor nunmehr zwei Monaten bei einem schweren Sturz beide Handgelenke bricht, als er ausgerechnet den Koran mittels Leiter in seiner Bibliothek sucht, um einen Artikel über Josef Ratzinger („Wir sind Papst“) zu vollenden.

Das Internet-Lexikon „Wikipedia“ bezeichnet ihn als deutschen Universalgelehrten. Ergänzt um die Charakterisierung als lebensfreudiger Marxist-Leninist trifft dies am besten.

Lieber Hans Heinz, ich wünsche Dir zu Deinem Geburtstag alles Gute; mir und vielen anderen Kommunistinnen und Kommunisten wünsche ich noch viele Kontakte, Gespräche, Tage, Abende, Veranstaltungen mit Dir; und Dir und Silvia wünsche ich etwas weniger von Deiner Ungeduld und viele schöne Erlebnisse mit Euch beiden und uns allen.

 

Anmerkungen

[1] Kritik der philosophischen Grundlagen und der gesellschaftspolitischen Entwicklung des Maoismus, Köln 1973, S. 34

 

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