Linksradikalismus / Rechtsopportunismus

Posted on 15. März 2007 von


EDITORIAL

von Hans Heinz Holz

Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist durchsetzt und beherrscht von Widersprüchen, die sich „in letzter Instanz“ auf den Grundwiderspruch von Kapital und Arbeit zurückführen lassen. Diese objektiven Widersprüche spiegeln sich subjektiv in den Köpfen der Menschen als unterschiedliche bis gegensätzliche Konzeptionen, Verhaltensweisen, Zielsetzungen; und zwar nicht nur im Antagonismus der Klassen, sondern auch innerhalb der Klassen selbst und ihrer politischen Organisationen. Das gilt wie für alle anderen ebenso für die Partei der Arbeiterklasse. Bis zum Zerfall der einheitlichen Sozialdemokratischen Partei im Ersten Weltkrieg und der Gründung des Spartakus-Bundes waren Gustav Noske und Rosa Luxemburg in ein und derselben Partei!

Objektive Widersprüche werden nicht durch den wohlmeinenden Willen zur Einheit aufgehoben. Sie reproduzierten sich in der Vergangenheit und reproduzieren sich heute in Positionsdifferenzen, die in den kommunistischen Parteien existieren und ausgefochten werden müssen. Angesichts der komplexen Situation des krisengeschüttelten Kapitalismus kann niemand die ganze Wahrheit für sich in Anspruch nehmen. Diskussion ist nötig, um Verhältnisse zu klären und sie darf und muss streitbar sein, damit sie nicht in voreiligen Kompromissen still gestellt wird, die nur Halbwahrheiten – und das sind immer Unwahrheiten! – hervorbringen. Kritik im eigenen Lager gehörte von der „Deutschen Ideologie“ über den „Anti-Dühring“ bis zum „Materialismus und Empiriokritizismus“ zum Selbstverständigungsprozess der Kommunisten.

Zu dieser Denkbewegung will T&P beitragen. Nicht um zu spalten, wie uns Kritiker vorwerfen, die Kritik schlecht vertragen, sondern um den Gefahren entgegenzuwirken, die aus der Einebnung der Diskussion für die revolutionäre Praxis entstehen. Es gibt, wie uns Lenin lehrte, keine revolutionäre Praxis ohne revolutionäre Theorie; und es gibt keine revolutionäre Theorie ohne den Meinungsstreit um die Einschätzung politischer Lagen und Strategien.

So ist dieses Heft streitbar, indem es stumpf gewordene Begriffe schärfen will. Was ist eigentlich Revisionismus? Welche Haltung kritisierte Lenin als linken Radikalismus? Lassen wir uns vom Gegner in die Falle des Stalinismus-Tabus locken? Wie wird in einem links-sozialdemokrati-schen Keynesianismus der Abweg von der marxistischen Ökonomie eingeschlagen? Welche gesellschaftliche Strategie ist der imperialistischen Globalisierung entgegen zu setzen? Wie ist die kommunistische Antwort auf diese Fragen zu präzisieren?

Antworten müssen gefunden werden, die aus der Praxis erwachsen und das Niveau einer verallgemeinerbaren Theorie erreichen. Keine einzelne Antwort, die aus einer besonderen Situation abgeleitet wird oder in der sich eine besondere Perspektive ausdrückt, kann genügen. Der kollektive Erfahrungsschatz der Partei muss zusammengeführt werden, die bewährte und begründete Theorie hat die Kraft, anleitende Hilfe zu geben – auf der Grundlage der Erkenntnisse von Marx, Engels und Lenin, wie es im Statut und Programm der DKP heißt. Wer die Kampfähigkeit und Attraktivität der Partei fördern will, ist aufgerufen, sich in die Diskussion mit Argumenten einzumischen. Und wer das für richtig hält, ist gebeten, einem Diskussionsorgan auch materielle Unterstützung zu gewähren: T&P ist auf die Spenden angewiesen, die seine Leser ihm zukommen lassen; daran erweist sich, ob die Stimme gehört wird und gehört werden soll, wenn sie auch zuweilen dissonant klingen mag – und dissonant klingen muss, um ihre Aufgabe zu erfüllen, die Ruhe im Gewohnten zu stören.

 

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