Mit Harald Neubert gegen Karl Marx ??

Posted on 22. Januar 2008 von

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von Hans Kölsch

H. Neubert konzentriert in einem neuen Buch (1) seine Kritik an marxistisch-leninistischer Theorie und Praxis auf angebliche Fehler von Karl Marx. Marx habe irrigerweise der Arbeiterklasse die soziale Fähigkeit „zugedacht“, Hauptakteur der sozialistischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus zu sein (S.296). Kommunistische Parteien hätten diesen „Irrtum“ zum Leitmotiv ihrer Politik gemacht (S.19). Doch die Arbeiterklasse sei der ihr „zugedachten“ geschichtlichen Rolle nicht gewachsen. Da die „Irrtümer“ von Marx über den Klassenkampf nicht korrigiert worden sind, sei der „sowjetische Sozialismus“ daran „zugrunde gegangen“ und kommunistische Politik gescheitert. Anfangserfolge wie in der Oktoberrevolution hätten über deren verhängnisvolle, negative Seiten hinweggetäuscht und eine Korrektur erschwert. Diese „Korrektur“ ist jetzt das Hauptanliegen von H. Neubert. Ausgangspunkt für den „Irrtum“ von Marx sei die Annahme gewesen, dass das Proletariat im Zuge der kapitalistischen Entwicklung zur Mehrheit der Bevölkerung würde was nicht eingetreten sei. Deshalb sei auch die Auffassung von Marx nicht mehr haltbar, dass die Diktatur des Proletariats die demokratische Herrschaft der Mehrheit über eine Minderheit sei (S. 278).

H. Neuberts klassenloses und allein auf Zahlen beruhendes Kriterium für „Demokratie“ dient ihm als Grundlage für seine Einschätzungen von Ereignissen des Klassenkampfes, vom Marxismus und seiner leninistischen Weiterentwicklung, von der Oktoberrevolution und dem Sozialismus in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dem dienen 300 Seiten seines neuen Buches.

Oktoberrevolution nur lokales Ereignis?

Die Oktoberrevolution habe mit ihren Erfahrungen für die Gegenwart und Zukunft sozialistischer Bestrebungen keine Bedeutung. Das versucht H. Neubert wie folgt plausibel zu machen. Kommunistische Leser ansprechend, schreibt er zunächst: „Die Oktoberrevolution war ein bahnbrechendes welthistorisches Ereignis, das eine epochale Entwicklung eröffnete…“ (S.10). Was danach zu lesen ist, besteht darin, dass „Welthistorisches“ nicht wirklich so gemeint ist, sondern dass es nur auf einzelne Ereignisse im Zeitraum von 1917 bis zum „Untergang des sowjetischen Sozialismus“ zuträfe. Soweit Erfahrungen der Oktoberrevolution überhaupt eine positive Rolle spielten, reduziere sich das auf vereinzelte Tatsachen in dieser Zeit. Vorherrschend sei jedoch gewesen, dass die in dieser Zeit dominierenden und nicht korrigierten Auffassungen von der historischen Rolle der Arbeiterklasse zur Hauptursache für das Scheitern der Sowjetunion und der mit ihr verbündeten Länder gewesen sein soll. Das sei bereits darin sichtbar geworden, dass die Oktoberrevolution die seit langem schwelende Spaltung der Arbeiterbewegung durch die Trennung von der II. Internationale und deren Vaterlandsverteidigern „vertieft und organisatorisch verfestigt“ habe (S.13).

Doch gerade diese Trennung war ja eine Grundlage für den Erfolg der Bolschewiki, die in der Revolution eine richtige strategische Orientierung auf die Entmachtung der Klassenfeinde und für den Sieg der mit den Bauern verbündeten Arbeiterklasse hatten, was ja auch organisatorisch gesichert war. In unmittelbar folgenden Revolutionen ist es nicht gelungen, rechtzeitig die revolutionäre Einheit der Arbeiterklasse organisatorisch und strategisch zu erkämpfen und die Revolution zum Sieg zu führen.

H. Neubert zufolge verlange auch die Auffassung vom sozialistischen Charakter der Oktoberrevolution eine relativierende Einschätzung. Der Kapitalismus in Russland sei, angeblich Marx‘ Erkenntnissen folgend, nicht reif für eine sozialistische Revolution gewesen. Nun haben jedoch Marx und Engels gerade begründet, warum ausgehend vom Kräfteverhältnis die Revolution in hoch entwickelten kapitalistischen Ländern schwieriger als in anderen Ländern sein könnte (2). H. Neubert meint, nur die in Russland zur Lösung treibenden Widersprüche hätten in der Oktoberrevolution dahin gedrängt, die Grenzen bürgerlich demokratischer Veränderungen zu überschreiten. Dazu hätten sich die sozialistischen Auffassungen der russischen Revolutionäre in diesem Falle noch geeignet (S.13). ¼

„Fehleinschätzung“ der Arbeiterklasse?

Die notwendige Vergesellschaftung der Produktionsmittel findet allein in der Arbeiterklasse die Kraft zu assoziiertem Handeln. Keine andere Klasse existiert und kämpft in einer vergleichbaren Lage. Das ist auch die Grundlage, dass das Proletariat im Bündnis mit anderen Opfern des Kapitalismus Hegemon, opferbereiter Kämpfer und solidarischer Helfer sein kann. Hegemonie und Diktatur des Proletariats sind zwei Seiten, die das demokratischste Herrschaftsverhältnis charakterisieren, so lange es Klassen gibt.

H. Neubert ebnet mit seinen Auffassungen Klassenunterschiede und -Charakteristika ein. Er verwandelt alle „Opfer des Kapitalismus“ in unterschiedsloser Weise zum „Widerpart des Kapitalismus“ und zum „pluralistischen Subjekt“ sozialistischer Umgestaltung (S.300301). Bei seiner Charakteristik der Arbeiterklasse kommt ihm außerdem der gegenwärtige Zustand der Arbeiterbewegung gelegen, wie er sich nach konterrevolutionären Schlägen darstellt. Zunächst stellt er fest, die Arbeiterklasse sei und bleibe „das kämpferischste Element in der kapitalistischen Gesellschaft“, dann folgt, wie an vielen Stellen seines Buches, nach realistischen Einschätzungen sein ABER, mit dem dann der klassenbedingte Sachverhalt in sein Gegenteil verkehrt wird. So auch hier: Die Arbeiterklasse ziele in ihren Kämpfen nicht auf die historische Aufgabe, den Kapitalismus zu überwinden, sie kämpfe dafür, „die bestmöglichen Verwertungsbedingungen der Ware Arbeitskraft“ zu erreichen (S.298).

Die im kleinbürgerlichen Milieu geborene Karikatur von einem krämerhaften und eigennützigen Charakter der Arbeiterklasse soll Tatsachen vergessen machen, dass und wie die Arbeiterklasse beim sozialistischen Aufbau mit revolutionärer Politik, mit produktiver, solidarischer Arbeit die ersten Eckpfeiler einer sozialistischen Lebensweise geschaffen hat, die in ausbeutungsfreier Arbeit, einem neuen Gesundheits- und Bildungssystem bestehen. Sie hat die Folgen kapitalistischer Aggressionen überwunden und der Friedensbewegung einen internationalen Machtfaktor geschaffen. Sie hat der von den Kulaken organisierten Getreidesabotage und Hungersnot die Grundlagen entzogen. Sie hat Millionen einfacher Warenproduzenten geholfen, sozialistische Genossenschafter zu werden und das alles gegen die schlimmen Auswirkungen des Wirtschaftskrieges imperialistischer Großmächte gegen sozialistische Länder. Sie hat den Hauptbeitrag im Kampf gegen die faschistischen Okkupanten und für die Befreiung der Völker Europas vom Faschismus geleistet. Mit ihrer Hilfe sind über eine Milliarde Menschen aus kolonialer Knechtschaft befreit und bis zu sozialistischen Umgestaltungen vorgedrungen.

Es gehört mehr dazu als Ignoranz, diese Tatsachen zu leugnen. Komplizierte, umstrittene Probleme in diesen Kämpfen verlangen eine Aktivierung und keine Diffamierung wissenschaftlicher Grundlagen¼

Export der Revolution?

H. Neubert behauptet weiterhin in seinem Buch, dass Lenin die Irrtümer von Marx noch vertieft hätte. Er habe den Marxismus für russische Verhältnisse zurechtgemacht, adaptiert (S.43), wo doch dort die Arbeiterklasse zahlenmäßig noch geringer als in anderen Ländern war. D e s h a l b habe den hier erfolgten Veränderungen der „demokratische“ Charakter und die Überlebensfähigkeit gefehlt. Das sei die Ursache, dass in der kommunistischen Politik Faktoren staatlicher Macht in den Vordergrund getreten seien. Der „pervertierte Marxismus-Leninismus“ sei zur „Staatsideologie“ geworden, die ganze Gesellschaft sei praktisch verstaatlicht gewesen. (S.24, S.278). Die sowjetische Hegemonie im Warschauer Pakt und im RGW habe sich „vorwiegend auf macht- und militärpolitische Dominanz“ gegründet (S.287).

Auch die volksdemokratischen und sozialistischen Staaten seien nach 1945 nur durch veränderte „Machtverhältnisse im Gefolge des siegreichen Vormarsches der Sowjetarmee“ möglich geworden (S.284).

Diese mehrdeutige Formulierung verschleiert hier zum Beispiel die Tatsache, dass sich das Kräfteverhältnis insgesamt, in vielen Ländern, zugunsten antifaschistisch demokratischer Veränderungen gewandelt hatte. H. Neuberts Formulierung lässt die Deutung vom Export der Revolution zu und auch die Variante, dass Besatzungsmächte imperialistischer Staaten solche „Importe“ lediglich nicht zugelassen hätten. In Wirklichkeit wurden durch imperialistische Besatzer antifaschistische, demokratische Veränderungen und Fortschritte durch Befehlsgewalt und andere Druckmittel gestoppt und in Griechenland mit militärischer Gewalt zerstört. Revolutionäre Veränderungen konnten damals auch in Ländern erkämpft werden, wo ausländische Streitkräfte weder fördernd noch hemmend im Lande gewesen sind¼

Unversöhnlichkeit gegenüber dem „untergegangenen Sozialismus“

Mit den skizzierten Widersprüchen zwischen den Einschätzungen von H. Neubert und der Wirklichkeit konnte hier nur auf einen Bruchteil der im Buch publizierten Aussagen Bezug genommen werden. Alles dient im Buch der Behauptung, dass der „sowjetische Sozialismus“ selbstmörderisch „gescheitert“, „zusammengebrochen“, „zerfallen“, „erodiert“ sei. Es hat nach H. Neubert auch keinen international koordinierten Wirtschaftskrieg gegen die sozialistischen Länder gegeben, der ihre Wirtschaftskraft entscheidend geschwächt hat. Die Schwächung hätten die Kommunisten selbst vollzogen, einmal mit der „Fehleinschätzung“ der Kräfte der Arbeiterklasse, im Weiteren aus fehlendem Wissen über die politische Ökonomie und dem falschen Umgang mit dem Wertgesetz (S.282). Deshalb hätten ein künftiger Sozialismus und seine möglichen Akteure nur dann eine Erfolgschance, wenn sich ein neues Sozialismusprojekt in jeder Beziehung vom „untergegangenen Sozialismus“ unterscheide und unversöhnlich abhebe.

Den in der Gegenwart aufkommenden Protest- und Widerstandskräften wird durch solche faktisch massenhaft publizierten Behauptungen erschwert, Zugang zu den revolutionären Erfahrungen vergangener Klassenkämpfe zu gewinnen. Sie müssen sich selbst ein Urteil darüber bilden können, welche Erfahrungen des Klassenkampfes für die gegenwärtigen Auseinandersetzungen nützlich sein könnten.

Die vergangenen Klassenkämpfe zeigen jedoch auch, dass im Kampf gegen den Wirtschaftskrieg imperialistischer Großmächte zur Untergrabung der ökonomischen Existenzbedingungen sozialistischer Länder wir Kommunisten in Theorie und Praxis keine so wirksame Abwehr wie in anderen Klassenkämpfen gefunden haben. Hier steht die Frage, was wäre notwendig und möglich gewesen? Aber die stellt sich nur dann und für jene, die den „Niederlagenspezialisten“ nicht auf den Leim gegangen sind.

(Der Text wurde leicht gekürzt und ist in voller Länge unter HYPERLINK „http://www.tundp.info“ http://www.tundp.info nachzulesen.)

1) Harald Neubert. Was wurde aus der Oktoberrevolution. Verlag am Park, Berlin 2007. Alle Seitenangaben im Text aus diesem Buch.

2) MEW. Bd. 7. S.97, 440.

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