Heraus aus der Barbarei!

Posted on 22. Mai 2008 von

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von Dogan Göçmen

Marxens Unterscheidung zwischen „Basis“ und „Überbau“ ist viel diskutiert worden. Unter Basis versteht er die Gesamtheit der Produktionsverhältnisse, die die ökonomische Struktur der Gesellschaft bilden. Über diese erhebt sich dann ein ideologischer Überbau, der bestimmten gesellschaftlichen Bewusstseinsformen entspricht. Diese Unterscheidung ist von der bürgerlichen Intelligenz schon immer unter dem Vorwand, Marx gehe hier zu einseitig vor, attackiert worden. Dem Marx also, der als Dialektiker die gesellschaftlichen und politischen Strukturen der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit erfassen will, wurde vorgeworfen, er sei nicht dialektisch genug. Das Merkwürdige dabei ist, dass dieser Vorwurf gerade von der bürgerlichen Intelligenz kommt, die doch die Dialektik mit allen Mitteln bekämpft.

Geschichte und soziale Revolutionen

Kommunisten sind erbarmungslose Kritiker.

Aber noch erbarmungsloser sind sie in der Selbstkritik. Engels selbst hat mehrfach darauf hingewiesen, dass er und Marx den materialistischen Charakter ihrer Philosophie und die Notwendigkeit einer auf objektiven Gesetzen der Gesellschaft gegründeten Politik (im Gegensatz zu der vor allem in Deutschland vorherrschenden idealistischen Philosophie und voluntaristischen Politik) sowie die Wirkung der Basis auf den Überbau besonders betont, aber die Rückwirkung des Überbaus auf die Basis nicht genügend beachtet haben. Er hat aber die Grundaussage Marxens nicht revidiert. Worum geht es bei dieser Unterscheidung?

Marx geht es bei dieser Unterscheidung um nichts Geringeres als um die Beantwortung der Frage, wie und warum in der Geschichte Entwicklung stattfindet. Marx sagt: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine EPOCHE sozialer Revolution ein.“ (MEW 13, 9; Hervorhebung D. G.)

Die Entwicklung der Produktivkräfte stellt die materielle Grundlage für die Entwicklung der Gesellschaft.

Marx sagt nun, dass auf einer bestimmten Entwicklungsstufe die Eigentumsverhältnisse in Widerspruch zur Weiterentwicklung der Produktivkräfte geraten. Er fügt dann hinzu, dass dieser Konflikt sich auch in den „juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen“ ausdrückt.

Die Verhinderung der Weiterentwicklung der Produktivkräfte kommt also einer Verhinderung der Weiterentwicklung der ganzen Gesellschaft gleich.

Deshalb findet zwischen den konservativen und progressiven Kräften auf allen gesellschaftlichen Feldern ein Kampf um Tod und Leben für einen qualitativen Sprung in der Weiterentwicklung der Gesellschaft statt – der eben eine ganze Epoche von Schlachten, Niederlagen und Siegen dauern kann.

Rosa Luxemburgs revolutionäre Deutung

Viele Linke, unter ihnen auch „Modernisten“ in unserer Partei, haben die bürgerliche Kritik an Marx unhinterfragt übernommen. Schon Rosa Luxemburg sah sich veranlasst, die Klärung des Sachverhalts aus marxistischer Sicht vorzunehmen. Was bedeutet hier der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen? Nachdem Luxemburg in ihrer „Einführung in die Nationalökonomie“ dargestellt hat, dass die kapitalistische Produktion nur durch die weltweit fortschreitende Trennung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln möglich ist, klärt sie die Frage, was die kapitalistische Gesellschaft in ihrer Entwicklung hemmt, d. h. ihre revolutionäre Überwindung notwendig macht.

Sie sagt: „Dazu brauchen wir die eigenen inneren Gesetze der Kapitalherrschaft nur in ihrer Weiterwirkung zu verfolgen. Sie sind es selbst, die sich auf einer gewissen Höhe der Entwicklung gegen alle die Grundbedingungen kehren, ohne die die menschliche Gesellschaft nicht bestehen kann.“ (GW 5, 772) Was Marx Produktivkräfte nennt, umschreibt Luxemburg hier mit „Grundbedingungen“ der „menschlichen Gesellschaft“: Die „Entwicklung der Produktivität der menschlichen Arbeit“ ist „die Grundlage des ganzen Kulturfortschritts“ oder „der Existenz jeder menschlichen Gesellschaft“. (Ebenda, 771) Diese Umschreibung Luxemburgs, dass auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Produktivkräfte die Produktionsverhältnisse in Fesseln umschlagen und so die Weiterentwicklung der Gesellschaft verhindern, bringt uns zu aktuellen Problemen.

Kapitalismus frisst die Grundlagen der menschlichen Existenz

In allen Lebensbereichen greift die kapitalistische Produktionsweise die Grundlagen der menschlichen Existenz an. Allein die Tatsache, dass wir jeden Tag mit der Gefahr des Atomtods ins Bett gehen und aufstehen müssen, ist Grund genug zu erkennen, dass eine friedliche menschliche Existenz unter kapitalistischen Verhältnissen nicht möglich ist. Dazu zwei weitere aktuelle Themenkomplexe zur Verdeutlichung.

Erstens: Gerade in ökologischen Fragen wird viel Heuchelei betrieben. Immerhin hat die Diskussion der letzten Jahre über den Klimawandel die Erkenntnis zu Tage gefördert, dass viele der ökologischen Probleme, mit denen die Menschheit gegenwärtig konfrontiert ist, auf menschliche

Ursachen zurückzuführen sind. Die bürgerlichen Wissenschaftler und Politiker führen das Grundübel auf das Konsumverhalten der Menschen zurück, so z. B. auf das Autofahren anstatt auf die Tatsache, dass auf Kosten der öffentlichen Verkehrsmittel Straßen- und Autobahnnetze ausgebaut werden. Aber wie bereits Marx und Engels gezeigt haben, erfordert ein Leben im Einklang mit der Natur, dass das Grundverständnis, mit der die Natur angeeignet wird, grundsätzlich verändert werden muss. Dies bedeutet, dass die Natur nicht mehr als Quelle zur Produktion von Waren und Profit, sondern von Gütern, die zur Befriedigung von Bedürfnissen dienen, behandelt werden muss. Auch die Lebensmittelskandale der letzten Jahre haben gezeigt, dass deren Ursachen letztlich auf das Konkurrenzprinzip zurückzuführen sind, welches die Grundlage der kapitalistischen Produktion ist.

Zweitens: Die Produktivkraftentwicklung hat viele Vorzüge mit sich gebracht, die sich im Kapitalismus in ihr Gegenteil verkehren. So können Menschen dank der Entwicklung auf dem Gebiet der Medizin heute viele länger leben. Doch aus der Sicht der kapitalistischen Produktion wird das als Last empfunden, was sich in der Diskussion über das Rentenalter widerspiegelt. In einer ständig reicher werdenden Gesellschaft müsste sich die Gesundheitsversorgung laufend verbessern. Doch die sog. Gesundheitsreform führt zum Gegenteil.Durch die Steigerung der Produktivität können viele Produkte heute in viel kürzeren Zeiteinheiten produziert werden. Dies müsste in einer vernünftig organisierten Gesellschaft zur Verkürzung der Arbeitszeit führen. Doch unter kapitalistischen Bedingungen wird die Produktivkraftentwicklung zur Last, weil sie zur Vergrößerung des Arbeitslosenheeres führt.

Diesen Sachverhalt hat Marx als Ausdruck des Widerspruchs zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und den herrschenden Produktionsverhältnisse beschrieben. Und Rosa Luxemburg hat dargelegt, dass unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise dieser Widerspruch sich permanent verschärft. Wer sich vom Kapitalismus noch die Lösung der Grundprobleme der Menschheit erhofft, leidet unter einer Illusion.

Die Oktoberrevolution ist bedeutendster Ausdruck der Epoche zur Überwindung des Kapitalismus, die die Pariser Kommune mit der Revolution von 1871 eröffnet hatte. Der Menschheit bleibt für die Rettung ihrer Existenzgrundlagen nicht mehr viel Zeit. Die Gefahr des Untergangs in der kapitalistischen Barbarei ist heute größer denn je. Sie kann ihr Geschick noch umkehren.

Doch dazu müsste sie das Werk vollenden, das von den Pariser Kommunarden angefangen und den Bolschewiki fortgesetzt wurde.

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