Armut als Massenerscheinung

Posted on 22. Juni 2008 von

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von Siw Mammitzsch

Erwerbslosigkeit gilt als häufigste Ursache für Armut in unserm Land. Vor allem Langzeit­arbeitslose sind betroffen (jene, die unter der Knute der Hartz-IV-Gesetze stehen) und jene Erwerbslose mit so geringem ALGI, dass sie unter die „Armutsrisikogrenze“ fallen. Dazu kommt aber auch die große Gruppe von Arbeitnehmern im Niedriglohnbereich. Besonders schlecht dran sind in beiden Gruppen Alleinerziehende, Kinder, Menschen ohne Schulabschluss und alleinstehende ältere Menschen. Überproportional sind dabei Emigranten und ihre Kinder mit oder ohne deutschen Pass sowie Frauen vertreten.

Statistik verschleiert

Armutsgefährdet ist laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwick­lung), wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens1) des jeweiligen Landes zur Verfügung hat. So liegt die Armutsrisikoschwelle in Deutschland bei 781 Euro pro Person und Monat. Beim 2. Armuts- und Reichtumsbericht von 2003 lag diese Schwelle noch bei 938 Euro pro Person. Hier spiegelt sich der massive Einbruch unterer und mittlerer Einkommen in den letzten Jahren wider. Dadurch sank die Armutsschwelle – und mit ihr die Zahl der Armen, die die Statistik erfasst.

Weniger als 781 Euro haben laut Bericht der Bundesregierung von 2005 knapp 13 Prozent der Bevölkerung. Aber die Bundesregierung stützt sich auf Daten (EU-SILC = Statistik der Europäischen Union über Einkommen und Le­bensbedingungen), die anerkannte Armutsfor­scher heftig kritisieren. Der Bericht verschleiert mehr, als er die tatsächlich vorhandene Armut abbildet. Auf der Grundlage der EU-SILC-Daten wäre in Deutschland fast jeder achte von Armut betroffen, wohingegen es nach einer anderen Erhebung (SOEP = sozio-oekonomisches Panel), die auch der Bundesregierung vorliegt, fast jeder sechste ist. In absoluten Zahlen heißt das: Weit über 10,6 Millionen Menschen (bei EU-SILC), bzw. knapp 15 Millionen Menschen (SOEP) sind von Armut betroffen.

Und auch diese Zahl ist noch geschönt, rechnet der Armutsbericht der Bundesregierung doch die Sozialtransfers, d. h. staatliche Unter­stützungsleistungen wie ergänzendes ALG II oder Wohngeld usw. mit ein. Die Tabellen im Anhang des Armutsberichts weisen aus, dass ohne die Sozialtransfers mindestens 25 Prozent, also jeder vierte Bürger von Armut betroffen ist. Das sind absolut 20,5 Millionen Menschen.

Arm trotz Arbeit

Wie kommt es, dass trotz sinkender Arbeits­losigkeit und sinkender Bevölkerung die Armut im Lande steigt? Der größte Teil erklärt sich durch das massive Anwachsen des Niedrig­lohnbereichs. Arm trotz Arbeit, auch „working poor“ genannt. Dieser Entwicklung hat die aktuelle Sozialgesetzgebung massiv Vorschub geleistet, auch wenn die grundlegende Ursache in der Kapitalakkumulation zu suchen ist. Seit den Hartz-Gesetzen ist der ohnehin vorhandene Druck auf die Löhne nochmals stark gestiegen. Die durchschnittlichen Bruttolöhne sanken vom Jahr 2002 bis 2005 von 24.873 auf 23.684 Euro und damit um 4,7 Prozent. Im Jahr 2005 blieben die Einkommen aus unselbständiger Arbeit bei mehr als einem Drittel der Beschäftigten unterhalb der Niedriglohnschwelle!

Armut hat Folgen …

…für Gesundheit und Lebenserwartung

Das Zusammenleben in armen und arbeitslosen Familien ist von extremem Stress und Druck geprägt, psycho-soziale Krankheiten sind stark gestiegen.

Vor allem Kinder leiden unter Armut

Finanziell benachteiligte Kinder leiden weitaus mehr unter Nervosität, Kopf-, Rücken-und Magenschmerzen. Insbesondere sind Kinder aus Hartz-IV-Familien deutlich häufiger von Karies, Infektionskrankheiten, motorischer Unruhe und Essstörungen geplagt als Kinder mit einem höheren Sozialstatus. 30 Prozent der Kinder von arbeitslosen Eltern haben einen nur unzureichenden Impfschutz und nehmen Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch. Das Immunsystem ist geschwächt. Folge: Diese Kinder leiden überdurchschnittlich häufig unter Lernstörungen und Verhaltensauffällig keiten – keine guten Aussichten im selektiven Bildungssystem.

Hartz-IV-Kinder sind schlechter ernährt, sie sind zwei-bis dreimal so oft übergewichtig wie ihre Altersgenossen aus besser gestellten Familien. Die enormen Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln und Energiekosten ma­chen eine ausgewogene, gesunde Ernährung bei Hartz-IV-Sätzen oder Niedriglöhnen unmöglich. Die Suppenküchen zeigen: Für viele arme Familien gehört die warme Mahlzeit am Tag zum „Luxus“.

Wer als Kind in Armut aufwächst, ist auch als Erwachsener öfter krank. Arme Menschen treiben weniger Sport und sind zu einem höheren Anteil übergewichtig. Männer und Frauen mit niedrigem Bildungsniveau rauchen häufiger und geben seltener das Rauchen wieder auf (Gesundheitssurvey 2007). Wissenschaftler der Universität Leipzig stellen zudem fest: Hartz-IV-Empfänger haben ein viermal höheres Risiko, früher zu sterben als Erwerbstätige. Um sich die 10 Euro Praxisgebühr zu sparen, suchen Arme seltener einen Arzt auf.

… auf die Bildung

Bildung fängt für die meisten Menschen mit der Schule an. Dabei ist vor allem die frühkindliche Bildung entscheidend für die intellektuelle und psychische Entwicklung, d. h. vor allem die Ent­wicklung der Sprache, der Motorik und sozialen Kompetenzen. Alles, was in diesen Bereichen bis zum Lebensalter von drei Jahren verpasst wird, hinterlässt deutliche Lücken in der gesamten Entwicklung.

Eltern können ihren Kindern nur das weiter geben, was sie selber wissen und können und dafür die nötige Entspannung und Ruhe mit­bringen. Armutslagen sind aber von Stress geprägt, da allein die Bewältigung des Alltags deutlich mehr Anstrengungen erfordert, wenn die finanziellen Mittel fehlen. Folge: Die Kinder werden oft nicht einbezogen, sondern häufig nur ruhig gestellt. Eine ganz erhebliche Anzahl von Kindern ist bei der ersten „Sprachstandsfest­stellung“ (DELFIN 4 = Diagnostik, Elternarbeit, Förderung der Sprachkompetenz in Nordrhein-Westfalen bei Vierjährigen. Der verbindliche Sprachtest wurde im Februar 2007 vorgestellt und ist ab März 2007 in Nordrhein-Westfalen vorgeschrieben) mit vier Jahren noch nicht in der Lage, einfache Sätze zu formulieren. Was das für die weitere Bildungslaufbahn bedeutet, kann sich jeder selber ausmalen. Eine schnelle und massive Ausweitung der Betreuungsplätze für unter Drei­jährige würde hierbei einen wichtigen Beitrag leisten.

Als nächste Stufe im Bildungssystem treffen wir auf ein hochselektives Schulsystem, das schwächere Schüler ausgrenzt. Insbesondere die Gymnasien sortieren aus, wer nicht mithält wird abgestuft. In Nordrhein-Westfalen ist die Empfehlung für die weiterführende Schule sogar bindend. Einmal Hauptschule, immer Hauptschule – das wissen schon die Kinder. Nicht erst die PISA-Studie hat die hohe Abhängigkeit des Bildungserfolges der Kinder in Deutschland vom sozialen Status ihrer Eltern nachgewiesen. Auch der aktuelle Bildungsbericht von Bund und Ländern „Bildung in Deutschland 2008″ bestätigt das. Noch nicht einmal die Hälfte der Hauptschüler findet in den ersten sechs Monaten eine weitere qualifizierende Ausbildung. Der Rest dreht War­teschleifen. Geringes Einkommen und/oder Ar­mut sind vorprogrammiert, ein Teufelskreis.

… und auf die politische und kulturelle Teilhabe

Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, „dass Personen aus einkommensschwachen Haushalten tendenziell in geringerem Maße politisch mit gestalten als Personen mit höherem Einkommen“. Bezogen auf die Bildung ergibt sich ein ähnliches Bild: Je höher der Bildungsabschluss, desto höher die politische Partizipation. „Lediglich die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft ist bei Nicht-Akademikern (13 %) weiter verbreitet als bei Personen mit (Fach-)Hochschulabschluss (10 %).“ Generell gilt aber: Je geringer das Einkommen, umso geringer das politische Engagement. Aktivitäten gleich welcher Art sind fast immer mit finanziellen Aufwendungen verbunden, die sich arme Menschen kaum leisten können. Sei es das Bus-Ticket oder das Getränk in der Kneipe, wo man sich zum Debattieren trifft.

Die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft sind meist ganz und gar mit dem Überleben beschäftigt, sie haben zum großen Teil resigniert und geben sich häufig selbst die Schuld an ihrer Lage. Das aber macht es für uns schwierig, Erwerbslose und arbeitende Arme für den Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse zu mobilisieren. Wir müssen daran arbeiten, neue Methoden und Agitationsmittel entwickeln.

1) Mittleres Nettoeinkommen ist nicht der korrekte Ausdruck: Zugrunde gelegt wird der sog. Bevölkerungsmeridian, bei dem die Bevölkerung in zwei Teile geteilt wird. Das Medianeinkommen liegt in der Mitte. Es berücksichtigt aber nicht – im Gegensatz zum Durchschnittseinkommen – dass das aufsummierte Einkommen der Mehrverdiener zusammen deutlich mehr ausmacht als das aufsummierte Einkommen der Geringverdiener. Dadurch werden die Armutszahlen geschönt.

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