Bildungsarbeit und „Neues Denken“

Posted on 22. Juni 2008 von

0


von Hans Kölsch

Theoretische Arbeit und Bildung sind für eine kommunistische Partei grundlegende Vorausset­zungen für ihre politische Wirksamkeit. In ihrem Ergebnis entstehen in einem längeren Prozess die Vorstellungen und Orientierungen, die wir als politische Linie bezeichnen. Die Mitglieder erwerben dadurch Fähigkeiten, einheitlich und zielgerichtet zu handeln. Wirkungsvolle Bildungs­arbeit vermittelt die Programmatik der Partei in einer Weise, in der die Verbindung von Theorie und Praxis allgemein erfassbar wird.

Wenn man unter diesem Aspekt die Anleitung zum Thema „Die sozialistische Alternative im Programm der DKP – Geschichte und Perspektiven“ (Bildungsthema 1-2008, UZ vom

11. April 2008) betrachtet, erscheint das dort Konzipierte und Propagierte im Gegensatz zum Fundament des Parteiprogramms zu stehen. Denn in diesem Programm sind als Fundament des politischen Kampfes der DKP die Erkenntnisse genannt, die von Marx, Engels und Lenin begründet worden sind. Hervorgehoben wird auch, dass das konsequente Handeln der Partei mit den Prinzipien des proletarischen Internationalismus verbunden ist.

In der Bildungskonzeption wird jedoch eine andere Linie vorgegeben. Elementare Tatsachen des Klassenkampfes und der Geschichte werden ignoriert oder entstellt. Das entspricht eher dem, was einmal als „Neues Denken“ offeriert worden ist und was mit Gorbatschow und Bertinotti Geschichte gemacht hat. Das sollte hier bei uns verhindert werden.

Die Vorgehensweise des „Neuen Denkens“ be­steht heute darin zu behaupten, dass Ergebnisse des Klassenkampfes, die zu sozialistischen Macht­veränderungen und zum Aufbau des Sozialismus und im gegebenen Fall auch zu einer Niederlage geführt haben, angeblich nur richtig eingeschätzt werden könnten, wenn sie aus ihren internationalen Zusammenhängen herausgelöst und vor allem auf innere Grundlagen reduziert würden. Dem liegt die unbeweisbare Behauptung zu Grunde, dass die internationalen Zusammenhänge des Klassenkampfes ohne Einfluss auf den Sozialis­mus gewesen wären, dem alle nur möglichen Krankheiten und Fehler angedichtet werden, die von Epigonen des „Neuen Denkens“ und anderen „Freunden“ des Sozialismus reichlich publiziert werden. In der Bildungsanleitung heißt es: „Unsere Aufgabe ist es vor allem die inneren objektiven wie subjektiven Gründe der Niederlage aufzuzeigen, …“ (UZ vom 11. 4. 2008, S. 14)

Die propagierte Denkschablone verlangt, alle internationale Feindarbeit zu ignorieren, damit unter anderem auch ökonomische Schwächen des realen Sozialismus auf dessen angebliche Konstruktionsfehler zurückgeführt werden kön­nen. Zuerst ist vergessen zu machen: Der Bürgerkrieg, die militärischen Interventionen (1918–1920) und die faschistische Aggression. Sie haben Zerstörungen verursacht, die erst in Jahrzehnten opferbereiter Arbeit überwunden werden konnten, um zu neuen Anfängen zu gelangen.

Negiert werden auch die Ergebnisse von 40 Jahren Kalten Krieg. Von militärischen Bedro­hungen und Provokationen flankiert, haben im­perialistische Großmächte einen international koordinierten und zentral geleiteten Wirtschafts­krieg gegen die ökonomischen und politischen Existenzbedingungen der sozialistischen Länder geführt. Neben der Feindarbeit blendet das „Neue Denken“ auch die internationale Solidarität aus. Ohne sie hätte sich die junge Sowjetmacht gegen schwere Belastungen nicht behaupten können. (W. I. Lenin, Werke, Bd. 31, S. 405–413)

Diese Konzeption reduziert auch die wissen­schaftlich-technische Revolution auf ein einfaches Schema, das nur vom entsprechenden Denken abhängig und von ihren materiellen Grundlagen und vom Klassenkampf getrennt zu sein scheint. Von solchen Einsichten geleitet, habe diese Revolution im Kapitalismus angeblich neue Produktivkräfte hervorgebracht. In Wirklichkeit hat der kapitalistische Konkurrenzkampf Wissen­schaft und Technik benötigt, damit sich Konkur­renten mit Hilfe von Profiten in Milliardenhöhe behaupten konnten. Die dafür benötigten Mittel wurden durch verschärfte Ausbeutung, neokolo­nialistische Bereicherungen und eine Zentra­lisation des Kapitals beschafft.

Die Entwicklung der Produktivkräfte wird de­formiert. Statt möglicher Verkürzung der Arbeits­zeiten wurde und wird die wichtigste Produktiv­kraft, die menschliche Arbeitskraft, millionenfach brach gelegt oder in den Tretmühlen der Profitmacherei degeneriert. Armut, Hunger und Kriege vernichten Menschenleben. Moderne Kriegstechnik bedroht die Existenz der Menschheit. Auch die natürlichen Existenz­bedingungen der Menschheit werden durch die Unterordnung von Wissenschaft und Technik unter die Profitproduktion zerstört und Naturkatastrophen werden gefördert.

Die oberflächliche Vorstellung von der Wissen­schaft, die einfach zur Produktivkraft wird, spielt auch im „Neuen Denken“ eine Rolle und fördert die Frage, wieso so etwas scheinbar Einfaches und Vernünftiges von den Kommunisten nicht gesehen oder „ignoriert“ worden sein soll. In der Bildungsanleitung wird dazu gesagt: „Die bis heute entscheidenden Entwicklungen in der Computer- und Informationstechnologie fanden nicht in den sozialistischen Ländern statt oder konnten durch die Industrie nicht umgesetzt werden. Revolution und Gesellschaft des Sozialismus brachten im Unterschied zur bürgerlichen Revolution und Gesellschaft keine neuen Produktivkräfte hervor.“ (UZ a. a. O.)

Bevor Wissenschaft zu technisch nutzbaren Ergebnissen kommt und bevor Technik in der Produktion Anwendung findet und massenhaft produktiv werden kann, muss dieser Prozess auf lange Sicht vorfinanziert werden, bevor er Früchte tragen kann. Der Samsung-Konzern hat zum Beispiel geplant, in sechs Jahren 60 Milliarden Dollar zu investieren, nur damit eine Spitzenposition in der Chip-Produktion behauptet werden kann. Karl Marx hat in seiner Kapitalanalyse unter anderem aufgedeckt, dass Akkumulation allein nur langsam zu wichtigen Modernisierungen der Produktionsmittel und zu einer höheren Arbeitsproduktivität führt, dass aber Zentralisation von finanziellen Mitteln rasche Veränderungen ermöglicht (MEW, Bd. 23, S. 656). Das gilt für den Kapitalismus und auch für den Sozialismus bis heute.

Kein einzelnes der sozialistischen Länder, auch nicht die Sowjetunion, konnte solche Summen investieren, die für eine wissen­schaftlich-technische Revolution in der ganzen Breite erforderlich waren. Einmal weil der Wirtschaftskrieg der internationalen Bourgeoisie den Haushalt aller sozialistischen Länder bis zum Letzten angespannt und bereits zu Erscheinungen der Stagnation geführt hatte, was Opportunismus und opportunistischem Handeln Spielraum verschaffte. Schon damals spukte die Vorstellung herum, dass eine hohe Zentralisation die individuelle Motivation für produktives Handeln entfremde und dass eine solche Motivation nur nach kleinbürgerlichen Vorstellungen gedacht werden könne. Gestützt auf eine neue Reifestufe des Internationalismus der Arbeiterklasse stand demgegenüber die neue revolutionäre Herausforderung, z.B. im RGW einen zentralen Fonds für die wissenschaftlich­technische Revolution in der sozialistischen Staatengemeinschaft zu schaffen. Dazu wäre es erforderlich gewesen, die Lösung dieser Aufgabe zur individuellen Motivation der ganzen Arbeiterklasse aller sozialistischen Länder zu machen. Warum das nicht gelungen ist, könnte Gegenstand ernsthafter Analysen werden, ohne spekulatives „Neues Denken“.

Auf revolutionäre Erfahrungen gestützt, hat Lenin die Erkenntnis vermittelt: „Der gesamten vereinigten und zentralisierten Macht der Bour­geoisie muss die vereinigte und zentralisierte Macht des Proletariats entgegengestellt werden.“

(W. I. Lenin Werke, Bd. 30, S. 413). Gegen militante und vergleichbare konterrevolutionäre Provokationen wurde dem über Jahrzehnte erfolg­reich entsprochen. Gegen den Wirtschaftskrieg und die ideologische Zersetzung ist das nicht gelungen. Das „Neue Denken“ warnt auch heute vor „Staatssozialismus“ und „Überzentralisation“. Kommunistische Bildungsarbeit sollte helfen, sich gegen oberflächliches Denken und gegen klassenfremde Denkeinflüsse zu wehren.

Advertisements