Rezension: Gerhard Feldbauers Kriminalgeschichte über den Mord an Aldo Moro

Posted on 22. Juni 2008 von

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von Heinz-W. Hammer

Im Juni 2008 beschloss die EU die Aufhebung ihrer seit 2003 gültigen politischen Sanktionen ge­genüber Cuba und beschloss zugleich in üblicher neokolonialistischer Manier, eine »jährliche Prü­fung der Menschenrechtslage in Cuba« vorzuneh­men. Tschechiens Außenminister Karel Schwar­zenberg posaunte, das Ziel sei es, »auf dieser Grundlage zu entscheiden, ob wir unsere Politik gegenüber Cuba fortsetzen oder nicht«.2) Das strategische Ziel der der EU bleibt, wie deren Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner un­missverständlich ausdrückte, bestehen: »Wir wollen den politischen Wandel in Cuba befördern.«3) DerschwedischeAußenministerCarlBildtergänzt:

»Wir lassen nicht locker. Das ist ein repressives Regime und wir sagen sehr klar, was wir erwarten. Wir wollen demokratische Veränderungen.«4)

Es bietet sich an, einmal einen Blick auf die innere Verfasstheit und Strukturen der EU, diesem angeblichen Hort der Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zu werfen.

Bei den österreichischen Nationalratswahlen im Oktober 1999 kam es zur Bildung einer Regierungskoalition der bürgerlichen-reaktionä­ren ÖVP mit der rechtsextremen FPÖ, was zu einem großen Geschrei in den übrigen damals 14 EU-Staaten und im Februar 2000 zum vorübergehenden symbolischen Einfrieren der diplomatischen Beziehungen führte. Begründung: Damit sollten »Zeichen gegen den Rechtspopulismus in Europa« gesetzt werden.

Im April 2008 kam es bei den Parlamentswah­len in Italien zur erneuten Bildung einer pro­faschistischen Regierungsallianz von Forza Italia des »Mediendiktators« Berlusconi, im Bündnis mit der faschistischen AN (Alleanza Nazionale) und der rassistischen Lega Nord. Erstmals seit 1945 waren keine kommunistischen Parteien mehr in Senat und Abgeordnetenkammer gewählt worden.

Als Reaktion auf diese tatsächlich katastro­phalen Wahlergebnisse kam seitens der EU-Regierungen jedoch nur ein ohrenbetäubendes Schweigen. Die schockierende Tatsache, dass der zeit von einer ganzen Bevölkerungsgruppe, den Sinti und Roma inkl. Kindern und Jugendlichen, Fingerabdrücke genommen werden, dass mit einer Flut von anstehenden Gesetzesänderungen die Justiz zum Ausführungsorgan von Berlusconi degradiert werden soll, dass die Stadt Rom mit Gianni Alemanno von einem militanten AN-Faschisten regiert wird, all dies ist für die EU offensichtlich kein Grund, »Zeichen gegen den Rechtspopulismus in Europa« zu setzen …

Faktenreicher politischer Krimi

Nahezu zeitgleich zu diesen Wahlen erschien nun die jüngste Arbeit5) des habilitierten Historikers und Italien-Spezialisten Gerhard Feldbauer, die sehr zum Verständnis der aktuellen Situation in Italien beiträgt. Denen, die die Artikel dieses überaus produktiven Publizisten in den letzten Jahren einigermaßen verfolgen konnten, war schon eine Reihe von Analysen zum Mord­komplott gegen den christdemokratischen Spitzenpolitiker Moro bekannt. Hier jedoch liefert er eine umfassende, verständliche und in sich geschlossene Darstellung, die im Kern den Zeitraum der Entführung und Ermordung Moros (16. März bis 9. Mai 1978), insgesamt jedoch eine Spanne von 1945 bis 2007 umfasst. Der langjährige Italien-Korrespondent bedient sich zur Darstellung der schier unendlichen Fülle von Fakten eines Tricks, indem er sie einbettet in eine romanhafte Handlung, durch die wir von den drei Protagonisten, einem Commissario, seiner Gefährtin und einem Freund und Kollegen, geführt werden. Feldbauer legt aber in der Vorbemerkung Wert auf die Feststellung: »Palotta, Antonella und Maurizio sind fiktive, jedoch ebenfalls der Realität entnommene Personen. Bei ihrer Gestaltung hat der Autor von üblichen publizistischen Freiheiten Gebrauch gemacht. Alles, was sie ausführen, darlegen, analysieren, ist jedoch in den Quellen nachzulesen.«

Alsdann nimmt uns der Autor mit auf einen Parforceritt durch die jüngste Geschichte Italiens mit dem Kristallisationspunkt Aldo Moro, dem damaligen Vorsitzenden der DC (Democrazia Cristiana), der im Ergebnis eines großangelegten Komplotts durch die BRR (Brigate Rosse) ermordet wurde. Feldbauer weist anhand einer kaum widerlegbaren Indizienkette jedoch nach, dass die BR nur die Rolle von Marionetten spielten. Das große Spiel wurde von ganz anderen Kräften gespielt, um vor allem eines zu verhindern, nämlich den von Moro angestrebten Compromesso storico. Dieser „historische Kompromiss“ in Form einer Regierungskoalition von DC und PCI hätte die europäische Südflanke der NATO destabilisiert, fürchteten deren Befehlshaber.

Protagonisten dieses »Spiels« sind die US-Regierung inkl. ihrer CIA; die NATO-Zentrale inkl. ihrer Terrortruppen von »stay behind« (GLADIO); die Mafia nebst alt-und neo­faschistischen politischen Kräften; der päpstliche, klerikalfaschistische Orden Opus Dei (Werk Gottes); die verschiedenen Abteilungen des militärischen Geheimdienstes; und nicht zuletzt die Putschistenloge P 2 (Propaganda Due), deren Führung aus Vertretern der Hochfinanz, Monarchisten, höchstrangigen Militärs und Polizeistellen über leitende Repräsentanten der DC bis hin zum heutigen Staatschef Berlusconi bestand (besteht?).

Geschildert und politisch eingeordnet wird die von diesen Kräften (nicht nur in Italien) betriebene Strategie der Spannung. Die unzähligen geheimen Querverbindungen werden offen gelegt und die brennende Aktualität all dieser Machenschaften nachgewiesen. Der hierzulande 1984 durch den Film »Die 100 Tage von Palermo« bekannt gewordene sizilianische Anti-Mafia-Präfekt Carlo Alberto Dalla Chiesa begegnet uns ebenso wie der 1982 in London von der Mafia hingerichtete »Bankier Gottes«, Roberto Calvi. Und ganz nebenbei erweist sich der Autor als versierter Kenner der italienischen Weinkultur.

Diese Kriminalgeschichte liest sich tatsächlich extrem spannend und gehört auf den Tisch von all denen, die sich mit italienischer und internationaler Politik beschäftigen.

Bei uns nicht möglich?

Abschließend zwei kurze Schlussfolgerungen:

1. Sage niemand zu einem solchen Abgrund von politischer Kriminalität »Das ist bei uns nicht möglich.«6) Im Gegenteil gibt es sogar durchausstrukturelle Parallelen, wenn man an den bis heute nicht abschließend aufgeklärten Tod des damaligen schleswig-holsteinischen CDU-Minis­terpräsidenten Uwe Barschel am 10./11.10.1987 in einer Badewanne im Genfer Luxushotel Beau-Rivage oder an die (bisher) letzte Schwarzgeldaffä­re der CDU von 1999/2000 denkt, an den aktuellen gigantischen Schmiergeldskandal bei Siemens, die laufende Abhöraffäre der Telekom usw. Und auch im Falle der RAF und der Ermordung des früheren Generalstaatsanwaltes Buback scheint das letzte Wort noch nicht gesprochen, wenn man bedenkt, dass dessen Sohn seit geraumer Zeit öffentlich davon ausgeht, dass staatliche Stellen involviert waren und erst im Januar entsprechende Akten unter Verweis auf »das Wohl des Bundes« vom Bundesinnenminister Schäuble – übrigens einer zentralen Figur des CDU-Schwarzgeldvorgangs – »für immer« (!) gesperrt wurden.7)

2. Das imperialistische Projekt EU steht auf keinen Fall über solchen Strukturen. Vielmehr erfüllt diese EU exakt ihre Funktion als Plattform, Ressourcen-Lieferant und juristischem Schutzschirm für die dem Imperialismus innewohnende Barbarei. Es ist genau dies der Grund, weshalb es bis heute keinen Aufschrei der Empörung in den restlichen 26 Mitgliedsstaaten gegen das verheerende italienische Wahlergebnis und die aktuelle profaschistische Politik in Italien gab – ganz im Unterschied übrigens zum EU-kritischen Ergebnis der irischen Volksabstimmung. Der deutsche Volksmund hat dazu das passende Wort von den »gleichen Brüdern – gleichen Kappen«. Eine solche EU hat nicht die geringste Legitimation, dem souveränen Cuba oder irgendeinem anderen Staat dieser Welt Lehrstunden in Sachen Demokratie und Menschenrechte zu erteilen. Für die linken, revolutionären Kräfte innerhalb der EU besteht nicht der geringste Grund zur Zusammenarbeit mit diesem Gebilde noch für dessen Akzeptanz.

1) Erschienen im Juni 2008 als Sonderheft »offen-siv, Zeitschrift für Sozialismus und Frieden«, 91 Seiten; zu bestellen gegen 3 Euro (Spendenempfehlung) bei: Red. Offen-siv, Frank Flegel, Egerweg 8, 30559 Hannover, redaktion@offen-siv.com

2) EU will Kuba durch Annäherung wandeln, ND 21./22.06.08

3) »Den politischen Wandel in Kuba befördern«, jW, 21./22.06.08

4) jW, 21./22.06.08

5) Kurz danach erschien bei PapyRossa das »Opus Magnum« des Autors, eine 200jährige »Geschichte Italiens – vom Risorgimento bis heute«

6) »Das ist bei uns nicht möglich«, im Original: »It can’t Happen Here«. Titel des 1935 von dem US-amerikanischen Nobelpreisträger Sinclair Lewis verfassten, »aufsehenerregenden Roman, in dem der Autor als Warnung die beklemmende Utopie von der Machtergreifung des Faschismus in den USA entwirft, den er als scharfsichtiger Beobachter der Entwicklung im Europa der dreißiger Jahre erlebt hatte« – so der Umschlagtext des Gustav Kiepenheuer Verlags, Leipzig, in dem das Buch 1984 erschien. 7) Tom Strohschneider: »Verschlusssache RAF«, ND, 27.06.08

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