Noch einmal: Was ist Revisionismus?

Posted on 22. Oktober 2008 von

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von Hans-Günter Szalkiewicz

Schon in Heft 8 von T&P versuchten wir, den Revisionismusbegriff zu klären, da er von Teilen der kommunistischen Bewegung nicht mehr verwendet, ja sogar diffamiert wird. Ekkehard Lieberam erklärte, der von Hans Heinz Holz eingeführte Revisionismusbegriff sei „nominal inhaltsleer“ und moniert: Den Revisionismusbegriff „wird man so auch in den Schriften von

Karl Marx etwa nach dem Scheitern der Pariser Kommune vergeblich suchen.“ [1] Dazu bestand auch kein Anlass, denn Marx betrachtete „die ruhmreiche Bewegung“ der Pariser Arbeiter „als Morgenröte der großen sozialen Revolution“, hielt sie für die Avantgarde des modernen Proletariats.

Marx und Engels gingen allerdings sehr wohl auf Verfälschungen und Verwässerungen der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus ein, im Zirkularbrief an Bebel, wo sie das Eindringen kleinbürgerlicher Ideologie in die (deutsche) Arbeiterbewegung kritisierten und insbesondere sich von Leuten distanzierten, „die den Klassenkampf aus der Bewegung streichen wollen.“ [2]

Franz Mehring schrieb in seiner Geschichte der deutschen Sozialdemokratie: „Er (der Revisionismus) revidiert die sozialistische Theorie nicht vom Boden der sozialistischen Theorie, sondern aus bürgerlichen Vorstellungen heraus (…)• Es hat nie einen schlechteren Propheten gegeben als der Revisionismus ist. Während der industrielle Aufschwung in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre die ,orthodoxen‘ Marxisten zu eingehenden und mühsamen Untersuchungen veranlasste, inwieweit dadurch die marxistische Krisentheorie berichtigt würde, erklärte der Revisionismus frischweg für eine längere Zeit Geschäftskrisen nach Art der früheren überhaupt als unwahrscheinlich, worauf der alsbald erfolgende Krach die pünktliche Antwort gab.“ [3]

Wilhelm Liebknechts Volksfremdwörterbuch (Berlin 1953 – das sollte Lieberam doch bekannt sein!) definiert Revisionismus folgendermaßen: „Gegen den Marxismus gerichtete Strömung in der Arbeiterbewegung, versucht den Marxismus durch Entstellung und Ablehnung seiner Leitsätze und durch ihre Ersetzung durch unrevolutionäre und unwissenschaftliche Theorien zu verflachen, zu entstellen und zu beseitigen; fordert den Verzicht auf den Klassenkampf, auf die sozialistische Revolution, auf die Diktatur des Proletariats, auf den Sozialismus.“ [4]

Hans Heinz Holz hat in der Junge Welt“ eine differenziertere Begriffserklärung gegeben, die alles andere als „nominal inhaltsleer“ ist (wir zitieren auszugsweise):

„Revisionismus ist die Veränderung der systematischen Zusammenhänge der marxistischen Theorie (von Marx, Engels, Lenin und ihren Nachfolgern) unter Beibehaltung eines Blocks von Theorieelementen des Manschen Werks, aber mit der Konsequenz einer wesentlichen (d. h. das Wesen betreffenden) Veränderung der politischen Praxis; der Revisionismus begründet sich als Anpassung an neu aufgetretene historisch-gesellschaftliche Umstände. „

Daraus ergeben sich in einer vorläufigen Übersicht folgende Bereiche revisionistischer Theorie- (Praxis-) Entwicklung: – Reformismus: Verzicht auf revolutionäre Strategien im Vertrauen auf die additive Wirkung von Reformen.

– Elimination von Kategorien politischen Handelns (Klassenkampf; Diktatur des Proletariats; Historische Mission der Arbeiterklasse; Avantgarde-Rolle der Partei etc.).

– Ökonomismus (…).

– Anthropologische Interpretation der politischen Ökonomie.

– Subjektivismus: Vernachlässigung der objektiven Bedingungen, insbesondere der ökonomischen und der Bedingungen des Entstehens von Klassenbewusstsein.

– Übertragung bürgerlicher Demokratievorstellungen auf den Sozialismus.

– Eindringen von Kategorien der bürgerlichen Weltanschauung in die marxistische Theorie (philosophischer Revisionismus).

– Bevorzugung moralischer Wertungen geschichtlicher und politischer Vorgänge statt historisch-materialistischer Analyse („Standpunkt des Ideals“ in der sozialdemokratischen Theoriegeschichte). [5]

Dabei geht es um eminent praktische Fragen bei der Führung des Klassenkampfs, nicht um „deduktive Ableitungen aus der fundamentalen philosophischen Ebene“, wie Lieberam behauptet.

Während die Beurteilung dieses Prozesses in der ehemals revolutionären Sozialdemokratie, die sich mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 am deutlichsten entlarvte, bei Marxisten und Kommunisten unumstritten ist, war die Übertragung auf den „modernen Revisionismus“, d. h. die Übertragung der Kritik auf kommunistischen Parteien, einschließlich derer an der Macht befindlichen, stets eine Frage heftiger Auseinandersetzungen. Denn, wie Hans Heinz Holz betont, ging dieser Prozess nicht „mit einem Schlag von heute auf morgen von statten, sondern als eine schleichende Erosion kommunistischer Kompetenz.“ [6]

Dass der Rechtsopportunismus in der PDS (heute PdL) seit ihrer Gründung rasant um sich griff, wird Lieberam nicht bestreiten – dagegen wendet sich ja das Marxistische Forum mit seinen Veröffentlichungen. Dass Rechtsopportunismus und Revisionismus aber auch in der kommunistischen Bewegung eine stete Gefahr ist, das muss offen diskutiert werden können.

1] Marxistisches Forum, Heft 56, S. 3

2] Karl Marx/Friedrich Engels, Zirkularbrief an August

Bebel vom 17./18.9.1879, MEW, Bd. 34, S. 407, Berlin 1966

3] Franz Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, 2. Teil, Gesammelte Schriften, Band l, Berlin 1980, S. 700, nach Junge Welt, 27./28.9.2008

4] Wilhelm Liebknecht, Volksfremdwörterbuch, Berlin 1953, S. 234

5] Hans Heinz Holz, Die revisionistische Wende, in Junge Welt, 13.12.2007, S. 10

6] ebenda

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