Über den Kampf gegen eine Legende

Posted on 22. Oktober 2008 von

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von Wolfram Triller

Auf der Internetseite von T&P [1] haben wir eine Debatte zum Thema „Modernisierung des Marxismus“ durch Revisionismus begonnen. Anlass dafür war das Erscheinen des Heftes 56 des „Marxistischen Forums“, in dem die Autoren im Kampf gegen den „Stalinismus“ Positionen vertreten, die selbst über die der Schleppenträger der Bourgeoisie noch hinausgehen. Die positive Rezension in „unsere zeit“ weckt die Sorge, dass Anhänger für die in Heft 56 vertretenen Positionen gewonnen werden sollen.

In einer Zeit, in der die Ge- und Verbrechen des Kapitalismus für immer mehr Menschen nicht mehr zu verschleiern sind, wo die Frage nach einer Alternative immer lauter gestellt wird, stellen sich die Autoren die Aufgabe, mit einer „kritische (n) Sicht auf das Revisionismusverständnis von Hans Heinz Holz“, Kurt Gossweiler u. a.

• einen Beitrag für eine „zukunftsfähige sozialistisch-kommunistische Politik und Programmatik“ zu leisten und

• einen „Konsens hinsichtlich gemeinsamer Grundposition von Sozialisten und Kommunisten zu erreichen“.

Denn Ihrer Meinung nach „kann der Revisionismusbegriff wenig leisten“ zum Thema „Niederlage und Zukunft des Sozialismus“. Damit haben sie in einem ersten Schritt ihrer Argumentation erst einmal alle Erkenntnisse und historische Erfahrungen mit dem „Revisionismus“ vom Tisch gewischt und einem möglichen Revisionismusvorwurf gegen sich selbst den Boden entzogen.

„Falsche politische Weichenstellungen hatten unterschiedliche Ursachen, die sich überwiegend dem Revisionismusbegriff entziehen.“ Die Autoren behaupten, mit der „Revisionismuslegende“ soll „die Wiedergeburt sozialistisch-kommunistischer Identität … offensichtlich auf einer Grundlage erfolgen, die politisch falsch, theoretisch absurd und strategisch verheerend wäre“.

Ihr Ausgangspunkt ist die These: „Der Marxismus ist zu keinem Zeitpunkt ein geschlossenes System.“ Doch mit ihrer Polemik gegen das „geschlossene“ System, wird das „System“ im Sinne von wissenschaftlicher Geschichtsinterpre-tation ersetzt durch einen „Marxismus“, der „immer nur Antwort, besser ein Feld von Antworten auf die Welt“ gibt. An die Stelle von „Marxismus“ treten „Marxismen“. Kein Wunder ist dann die Feststellung: „Marxistische Theorie vermischte und vermischt sich immer wieder mit Utopie.“

Auf eine Darstellung über das Wechselverhältnis von Wissenschaft und Utopie wird verzichtet, was Wissenschaft und was Utopie ist, verschwindet im Nebel.

Um dem eigenen Vorgehen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben, wird die „deduktive Methode“ als dogmatisch denunziert: „…taugliche Aussagen zu den Ursachen des Scheiterns des Sozialismus als Weltsystem (können) niemals ,das Ergebnis deduktiver Ableitungen aus der fundamentalen philosophischen Ebene‘ sein.“ Dass die induktive und die deduktive Methode zwei Seiten der Methoden wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung sind und zum Wesen der dialektischen Methode gehören, wird damit bestritten. Die Besonderheit der deduktiven Methode besteht darin, dass sie von bewiesenen Axiomen ausgeht – z. B. vom Gesamtsystem des dialektischen und historischen Materialismus – und damit dazu befähigt, konkrete Einzelerscheinungen in den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang einzuordnen.

Als eine Konsequenz dieses theoretischen Herangehens der Heft-Autoren ergibt sich die Behauptung: „Die Niederlage hat uns auch gelehrt, dass die … vorgenommene Ersetzung des Manschen Prinzips der Selbstregierung (Hervorhebung W.T.) des werktätigen Volkes durch die Herrschaft der marxistisch-leninistischen Partei… politisch-strategisch zur Katastrophe führen musste“ (S. 3). Damitwird eine Fülle von marxistischen Axiomen der Gesellschaftstheorie außer Kraft gesetzt (Geschichte als Klassenkampf, Notwendigkeit einer Revolution zum Sturz der Bourgeoisie, Diktatur des Proletariats u. a.).

Wie wird der Kampf gegen die Revisionismuslegende geführt?

Wagner macht es dem Leser schwer, sich ernsthaft mit seinem Beitrag zu beschäftigen. Stellt er doch selbstkritisch fest: „Ich bin kein Historiker.“ In seinen weiteren Darlegungen „vertritt (er) den Standpunkt der „Logik des wissenschaftliche Forschens“ (Hervorhebung W.T), nicht den dialektischen und historischen Materialismus.

Die Konsequenz: „Ich bin oft über die ,Argumentationslogik‘ Gossweilers gestolpert“, die Ausdruck seiner „individuellen Denkmethode“ ist. „Dessen ,Argumentationslogik‘ hat weder etwas mit seriöser Geschichtsforschung noch mit der Logik des wissenschaftlichen Forschens und der Dialektik zu tun. Es lohnt sich eigentlich nicht, dieses Elaborat von Gossweiler überhaupt zu erwähnen“. Umso schlimmer ist für Wagner, das Holz für Gossweiler Partei ergreift und „alle marxistischen Denker (wie z. B. Wagner – W.T.) außerhalb dieses Schemas mit der Bannbulle des Revisionismus belegt“. Das „ist einfach perfid und eines Denkers, der die marxistische Philosophie mit Geniestreichen bereicherte, nicht würdig“.

„Und wenn Holz dann Stalin auch noch bescheinigt, dass er ,selbst in seiner letzten Lebensphase den Abbau der Bürokratie und die damit verbundene Wiederherstellung des ursprünglichen Sowjetprinzips vorsichtig einzuleiten begann‘. Das ist natürlich Nonsens“. (Zitat Lieberam)

Nach Wagner gehört ein „primitiver Dogmatismus zum negativen Stalinschen Erbe“. Und er gibt Metscher Recht: „Der Dogmatismus erst hat den Revisionismus hervorgebracht – und wird es immer tun.“ Wer also den Revisionismus überwinden will, muss gegen den Dogmatismus kämpfen, was Wagner nach besten Kräften versucht. Der Gedanke, dass beide Erscheinungen vor allem aus den gesellschaftlichen Bedingungen des Klassenkampfes erwachsen, kommt ihm nicht. Wagners Position ist, dass der XX. Parteitag in seinem konkreten Ablauf notwendig war, denn „das Land war nach diesen riesigen Anstrengungen erschöpft. Enthusiasmus und Terror wurden zunehmend ineffektiv…. Nicht der XX. Parteitag hat diese Tragödie ausgelöst, sondern sein historisches Scheitern“.

An H.H. Holz kritisiert er, dass er „natürlich noch nicht zum eigentlichen tiefen Wesenskern des Ursachengefüges für dieses Scheitern“ („der ersten sozialistischen Gesellschaften“) vorgedrungen ist. Diesen Kern klärt Wagner, indem er schreibt:

„Der tiefere innere Dreh- und Angelpunkt der Niederlage des europäischen Sozialismus war in meinen Augen der Zerfall der kommunistischen Parteien, die Aufgabe ihres Leninschen Charakters. „

Was Wagner unter dem „Leninschen Charakter“ der kommunistischen Partei versteht, erklärt er nicht näher, grenzt sich aber scharf von der „Stalinschen Fassung der Theorie der Leninschen Partei neuen Typus“ ab. Er wirft ihm stattdessen vor, mit der „Negierung der Leninschen Normen des Parteilebens … (zugleich den) … „Terror als Leitungsmethode“ eingesetzt und ein „Politik des Staatsterrors“ praktiziert zu haben. Die konsequente und durchgehende Verwendung der Formulierung „Terror als Leitungsmethode“ durch Stalin ist der eigentliche Beitrag Wagners zur Neuinterpretation der Geschichte der UdSSR.

Im Übrigen sind seine Auslassungen durcl entstellende Interpretationen der Texte dei von ihm Kritisierten – durch den Aufbau vor „Pappkameraden“ – charakterisiert. Und es is nicht zu übersehen, dass er diese mit große] Leidenschaft demontiert.

Warum diese erneute Kampfansage gegen den „Stalinismus“?

Dafür gibt es sicher mehrere Gründe, u. a.: Mit der Gründung der Partei Die Linke (PdL) mussten sich auch ihre Gliederungen neu for mieren. Die Debatten im Marxistischen Forurr führten zum Verbleib bei der PdL. Das schloss die Akzeptanz des „antistalinistischen Grundkonsens‘ der PdL ein. Die Mitglieder des MF bleiben be: ihrer Gründungsposition: „Sie bekennen sich zurr Pluralismusprinzip, wie es im Statut der PDS festgelegt ist und von den Grundsätzen des Programms her inhaltlich bestimmt wird.“ [2]

In der Kommunistischen Plattform (KPF) dei PdL gibt es den Standpunkt, dass man so wie Sahrt Wagenknecht reagieren muss, die sich für einer „konstruktiven Parteitagsverlauf“ [3] eingesetzl hat, um die auf dem Parteitag „notwendigerweise verschobenen Auseinandersetzungen“ zukünftig besser bestehen zu können. Die KPF „könnte gut und gerne ohne sie leben“. (…) „Summe summarum: Es wird nicht leicht werden. Dennoch – der Parteitag war einer, der neue Chancen füi eine konsequente linke Politik signalisiert.“ [4] Die Autoren des Hefts 56 des Marxistischen Forums wollten offensichtlich ihren Beitrag zu einer konkreteren Bestimmung „linker Politik‘ leisten.

Offensichtlich bestätigt sich aber auch, dass in einer Zeit sich verschärfender Widersprüche, des Klassenkampfes und nach der Niederlage des europäischen Sozialismus, nachhaltige ideologische Auswirkungen bei den Ideologen und Wissenschaftlern des Marxismus unvermeidlich sind. Die historischen Beispiele für Positionsänderungen von Bernstein über Kautsky, Plecha-now, Trotzki u. a. setzen sich natürlich fort. Übet diesen Zusammenhang von Sein und Bewusstsein wäre eine weiterführende Debatte sinnvoll. Die Leser des Heftes 56 des Marxistischen Forums können sich selbst davon überzeugen, wie Rechl Lenin mit der Feststellung hat: Die Dialektik der Geschichte ist derart, dass der theoretische Sieg des Marxismus seine Feinde zwingt, sich als Marxisten zu verkleiden.

1] Weitere Zitatnachweise finden sich im Beitrag des Autors auf der Internetseite von T&P http//:www.tundp.info

2] http://www.tundp.info: W. Triller, Zum Marxistischen Forum

3] Ellen Brombacher: Nachbetrachtungen zum Cottbusser Parteitag, in MB1, 4-08, S. 6

4] ebenda

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