Was kann uns Marx’ „Der Achtehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ heute an Lehren und Erfahrungen vermitteln?

Posted on 12. September 2009 von

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von Gerhard Feldbauer

Als ich kürzlich einen Beitrag über die Römische Republik (Januar bis Juni 1849) schrieb, stieß ich auf die verhängnisvollen Auswirkungen des Sieges Luis Bonapartes bei der Präsidentenwahl im Dezember 1848 auf deren Niederlage. Es veranlasste mich, nochmals Näheres über Bonapartes im Dezember 1851 folgenden Staatsstreich und Marx´ berühmten „Achtzehnten Brumaire …“ dazu nachzulesen. Die Arbeiten, die Marx und Engels nach 1848/49 schrieben, sind noch heute, schöpferisches Herangehen und die Beachtung historischer Unterschiede vorausgesetzt, eine Fundgrube an theoretischem Rüstzeug, um die Ursachen unserer 1989/90 erlittenen Niederlage zu analysieren, Lehren und Erfahrungen herauszuarbeiten und die erreichten Errungenschaften einzuschätzen.

Nach den europäischen Revolutionen von 1848/49 und den folgenden Konterrevolutionen begannen Marx und Engels unverzüglich, die Klassenkräfte, die sozialen Wurzeln und Triebkräfte dieser Prozesse zu analysieren und die gesammelten Erfahrungen darzulegen, um die Kräfte für einen neuen revolutionären Anlauf zu rüsten. Herausragend waren die Kämpfe in Paris gewesen. Im Februar-Aufstand 1848, in dem die Zweite Republik ausgerufen wurde, hatte die proletarische und demokratische Bewegung eine Reihe politischer und sozialer Zugeständnisse, darunter die Teilnahme der kleinbürgerlichen Sozialisten an der provisorischen Regierung, durchgesetzt. In der folgenden Junischlacht erlitt das isolierte und unorganisierte Proletariat eine Niederlage. Es ging darum zu analysieren, was dazu führte, dass Louis Bonaparte am 2. Dezember 1851 die Nationalversammlung auseinander jagen und sich ein Jahr später zum Kaiser Napoleon III. ausrufen konnte.

Im Dezember 1851 begann Marx den „Achtzehnten Brumaire …“, den er bereits am 25. März 1852 beendete. Er schöpfte aus seinen Studien vor Ort. Nach den Verhandlungen, die er mit Engels im Mai 1849 mit den Demokraten der Frankfurter Nationalversammlung geführt hatte, war er nach Paris weitergereist, um die Lage zu studieren. Engels hatte sich zur badisch-pfälzischen Revolutionsarmee begeben und als Adjutant im Freikorps Willich gekämpft. Die Schrift, mit der Marx „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850″ fortsetzte, zählt zu seinen brillantesten Werken.

Wilhelm Liebknecht nannte Marx’ Worte einen Speer, „der von sicherer Hand geschleudert, dem Feind mitten ins Herz dringt.“ (1) Im Vorwort zum Bd. 8 der MEW wird der „Achtzehnte Brumaire …“ „ zu den hervorragendsten Schriften des wissenschaftlichen Kommunismus“ gezählt. „Genial sowohl in der Analyse der historischen Ereignisse als auch der theoretischen Verallgemeinerung, ist er gleichzeitig ein wahres Meisterwerk revolutionärer Publizistik.“ (2)

Mit dem Staatsstreich Louis Bonapartes kamen die konterrevolutionärsten Kreise der Bourgeoisie an die Macht. Er war die Folge des Schwankens der bürgerlichen Parteien, die aus Furcht vor dem „roten Gespenst“ die bonapartistischen Verschwörer gewähren ließen. Angesichts der wachsenden proletarischen Bewegung sah die Bourgeoisie sich nicht mehr in der Lage, mit den gewöhnlichen parlamentarischen Methoden zu herrschen. Das Proletariat war noch nicht stark genug, den konterrevolutionären Machenschaften entgegenzutreten. Im Gegensatz zu Deutschland, wo erst Frühformen politischer Parteien existierten, war in Frankreich deren Rolle als Vertreter von Grundinteressen der Klassen bzw. Klassenschichten deutlich geworden.

Ausgehend vom Klassenkampf als Triebkraft der Geschichte, arbeitete Marx ihre Rolle in den revolutionären Kämpfen heraus, deckte ihren Klassencharakter und die durchweg verborgenen Triebkräfte ihres Handelns auf. Er verdeutlichte, dass man zwischen den Phrasen und Illusionen der Vertreter dieser oder jener Partei und ihrem wirklichen Wesen unterscheiden muss. Er enthüllte den widersprüchlichen und begrenzten Charakter der bürgerlichen Demokratie als einer Scheindemokratie, und dass die Bourgeoisie als volksfeindliche, konterrevolutionäre Kraft auftrat, die zur Aufrechterhaltung ihrer Ausbeuterordnung den Putschisten und ihren blutigen Orgien freie Hand gab, die Verbrecherwelt gewähren ließ, der Erpressung und der Bestechung zuschaute.

Marx verfolgte die in den „Klassenkämpfen in Frankreich 1848 bis 1850″ entwickelten Gedanken vom Bündnis der Arbeiter mit den Bauern, der größten Klasse der französischen Gesellschaft, unter Führung der Arbeiterklasse weiter und enthüllte die soziale Doppelnatur der Bauern, eine revolutionäre und eine konservative. Die voneinander isolierten Parzellenbauern folgten Bonaparte, weil sie, politisch rückständig und eingeschüchtert, von den bürgerlichen Regierungen und ihrem rigorosen Steuersystem enttäuscht, von ihm eine Besserung ihrer Lage erwarteten.

Marx legt den Unterschied zwischen bürgerlichen und proletarischen Revolutionen dar. Die bürgerliche charakterisierte er als kurzlebig, die bald „ihren Höhepunkt erreicht“, dem ein „langer Katzenjammer“ der Gesellschaft folgt; die proletarische dagegen als radikale Umwälzung der Gesellschaft in langen Zeiträumen mit Unterbrechungen. Er bereicherte seine Lehre von der Diktatur des Proletariats durch die Schlussfolgerung, dass das siegreiche Proletariat den alten Staatsapparat zerschlagen muss. Wie Lenin einschätzte, stellte das im Vergleich zum „Kommunistischen Manifest“, einen „gewaltigen Schritt vorwärts“ dar. (3)

Während der Arbeit am „Achtzehnte Brumaire …“ vertiefte Marx seine Lehre vom Klassenkampf und den Ansichten bürgerlicher Theoretiker, welche die Existenz von Klassengegensätzen einräumten, aber dabei stehen blieben. Er wies nach, dass die Existenz der Klassen an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; und diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet. (4)

Die Erfahrungen für unsere Gegenwart sind augenscheinlich und vielfältig. Sie betreffen, um einige Gedanken herauszugreifen, die Zerschlagung der sozialistischen Staaten Europas als Konterrevolution zu erkennen, eingeschlossen die Rolle des Renegaten Gorbatschow, dessen Wirken — einem schleichenden Staatsstreich vergleichbar — der Konterrevolution den Weg bereitete. Zu sehen, dass wir es auf deutschem Boden in der Nachkriegsentwicklung mit einer permanenten Revolution und Konterrevolution zu tun hatten. Klar die abgrundtiefe Heuchelei und Demagogie der deutschen Bourgeoisie zu benennen, ihrer Parteien, ihrer Vertreter und Helfershelfer, zu denen Winkeladvokaten wie ein de Maizière, der kriminelle Partner Schäubles beim Verkauf der DDR, Günter Krause, gehörten. Schließlich die Verantwortlichen zu benennen, welche die schon angeschlagene SED als Kampfkraft liquidierten und begannen, sie in eine sozialdemokratische Partei umzuwandeln. Warnend den deutschen Imperialismus einzuschätzen, der zu seinen offen militaristischen Tendenzen, der Teilnahme an weltweiten Aggressionskriegen zurückkehrt. Zu beachten, dass dieser in zwei Weltkriegen um die Weltherrschaft kämpfte und sich auf Dauer nicht dem postulierten Anspruch des USA-Konkurrenten unterordnen wird. Mit den Brosamen, die dieser ihm überlässt, wird er sich nicht begnügen, sondern — an der Spitze der EU — wird er selbst versuchen, seine eigenen Ziele durchzusetzen.

Der „Achtzehnte Brumaire“ vermittelt, dass der Weg der revolutionären Arbeiterbewegung, von Schwächen und Defiziten begleitet, über Niederlagen, und seien sie auch noch so schwer, zum Sieg über das kapitalistische System führen wird, was ein Bekenntnis zur DDR als der bisher größten Errungenschaft in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und des deutschen Volkes einschließt. Setzt man die Maßstäbe an, die Marx und Engels mit ihren Arbeiten über die Revolutionen von 1848/49 legten, dann bleibt noch viel zu tun, die Analysen über die Ursachen unserer Niederlage 1989/90 fortzusetzen und zu vervollständigen.

(1) W. Liebknecht: Marx zum Gedächtnis: In: Mohr und General. Berlin (DDR) 1964, S. 67

(2) MEW, Bd. 8, S. XI ff.

(3) Werke, Bd. 25, S. 418

(4) Brief an Josef Weydemeyer; 5. März 1852, MEW, Bd. 28, S. 507 f. Die Einschätzung ging in den „18. Brumaire“ nicht ein.

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Posted in: Heft 18