Jammern09

Posted on 9. Dezember 2009 von

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von Johannes Magel

Jammern09 ist ein Virus. Wer von Jam-mern09 befallen wird, erkrankt blitzartig an Jammern09, einer Modekrankheit des Jahres. Jammern09 grassiert ähnlich wie die „Schweinegrippe“: Meistens verläuft die Krankheit gemäßigt, aber bei geschwächten Personen sind auch ernste Komplikationen nicht auszuschließen. Jammern09 ist aggressiv, es befällt Frauen wie Männer. Allerdings ist es im Gegensatz zum Erreger der „Schweinegrippe“ sehr selektiv: Es befällt nur Kommunistinnen und Kommunisten und andere ausgewiesene Linke.

Wen Jammern09 erwischt hat, beginnt zwanghaft vor sich hin zu murmeln. Gebetsmühlenartig muss der Betroffene zwei Sentenzen immer und immer wieder von sich geben: „Die DKP ist klein und zudem überaltert. Wie soll man da politische Wirksamkeit entwickeln?“ (Lamento A) und „Die DKP hat kaum noch Einfluss in der Arbeiterklasse, in den Betrieben, in den Gewerkschaften. Was wollen wir da ausrichten?“ (Lamento B)

Da ist guter Rat teuer? Nun ja, wer eine gesunde marxistisch-leninistische Grundkonstitution hat, der wird auch mit Jammern09 fertig. Dennoch sollte man die so Gebeutelten nicht alleine lassen und ihnen Mittel an die Hand geben, die den Prozess der Heilung beschleunigen können. Als Anstoß zur mentalen Selbstheilung können manchem Betroffenen die ihm wohlbekannten Zeilen dienen: „Es rettet uns kein höh‘res Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“

Lamento A ist durchaus mit einfacher Logik beizukommen: Dass die DKP klein ist, lässt sich kaum bestreiten. Auch dass sie keine U18-Mannschaft ist, ist nicht neu. Wem die einfachste politische Logik nicht abhanden gekommen ist, wird allerdings nicht umhinkommen, zu merken: Durch wundersame Heilkräfte, womöglich die der Gurus Gregor und Oskar, wird die Partei nicht an Wirksamkeit gewinnen, sondern nur dadurch, dass sie ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten

energisch nutzt. Ebenso gebietet die einfache Logik angesichts des hohen Durchschnittsalters, die Zeit nicht mit Lamentieren zu vertun, sondern mit den vorhandenen Kräften an der Verjüngung der Organisation zu arbeiten. Wer also noch nicht zur politischen Selbstentleibung entschlossen ist und womöglich schon von einem sanften Tod in den Armen der Linkspartei träumt, dem sollte das Irrationale an Lamento A auffallen. Peinlich, wem es nicht auffällt.

Auch genaues Hinsehen hilft: Die Hälfte der Mitgliedschaft hat nach dem desaströsen Jahr 1989 angeheuert. Das spricht für die Vitalität der Partei. Die Jungen, die ja durchaus eintreten, verbinden vielfach illusionslosen Realismus bzgl. der gesellschaftlichen Verhältnisse mit verblüffendem Elan. Der von Jammern09 Gepackte sollte hier wenig Verständnis erwarten. Der Gedanke, Teil einer ruhmreichen revolutionären Bewegung zu sein, vor der alle Bourgeoisien dieser Erde gezittert haben und die definitiv das Ende der Epoche der Kapitalherrschaft eingeläutet hatte, sollte dem von Jammern09 Befallenen eine Stütze in seinem mentalen Genesungsprozess sein.

Lamento B, eigentlich nur ein Mutant des Lamento A, ist eine Kuriosität in sich. Dass die DKP keine revolutionäre Massenpartei ist, ist in der Tat ein Defizit. Das war sie während ihrer gesamten Existenz nach 1968 zu keinem Zeitpunkt, wofür es begreifbare Gründe gibt. Aber sie war eine Organisation mit Wirkung. Wer den Laden kennt, weiß, dass die DKP nach wie vor ein erhebliches Maß an gewerkschaftlicher und betrieblicher Verankerung besitzt.

In dem Diskussionspapier „Den Gegenangriff organisieren“ 1) findet sich der karge Satz: „Die Arbeiterklasse befindet sich in der Defensive, das Kräfteverhältnis ist schlecht.“ Weil das so ist, wird hier niemand in kurzer Zeit Bäume ausreißen, wie man so sagt. Das bezeichnet die Rahmenbedingungen. Die mangelhafte Wirksamkeit der Organisation in diesem Bereich erklärt das nicht. Klären der Widerstands- und

Abwehrmöglichkeiten und einheitliches, organisiertes Handeln: Das sind die Mittel, die gegen Lamento B ihre Wirkung nicht verfehlen werden.

Allerdings muss auch vor untauglichen Mitteln gegen Jammern09 gewarnt werden, deren Einnahme nur einen umso schlimmeren Katzenjammer nach sich ziehen, nämlich vor scheinradikalen Parolen, die angesichts der derzeitigen Kräftekonstellation in der Arbeiterklasse nur ein müdes Lächeln hervorrufen. Kostproben: „Profitsystem zerschlagen“, so die Schlagzeile zu einem Leitartikel von Wolfgang Teuber in der UZ vom 6. Februar 2009 oder „Als Sofortmaßnahme ist die Überführung aller Großbanken in gesellschaftliches Eigentum unabdingbar“…, Erklärung des Sekretariats des Parteivorstands der DKP vom 14. Oktober 2008.

Gegen Jammern09 hat sich jedoch dieses Kombinationspräparat bewährt: Völlige Nüchternheit in der Beurteilung der Kräftekonstellation und der eigenen Möglichkeiten. Auf dieser Basis: Selbstbewusstsein, Vertrauen auf die eigene Kraft, Konzentration auf die zentralen Kampfabschnitte der Klassenkämpfe, Disziplin und organisiertes Handeln.

1) w ww.de b atte.ko mmuni ste n . d e http://www.kommunisten.eu/index. php?option=com_content&view=article &id=610:den-gegenangriff-organisieren-die-klasse-gegen-den-kapitalismus-und-fuer-den-sozialismus-mobilisieren&catid= 83:thema-1&Itemid=182

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Posted in: Heft 19 - 2009