Deformation des Menschen

Posted on 11. März 2010 von

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von Ursula Vogt

Buchbesprechung

Thomas Metscher: „Imperialismus und Moderne — Zu den Bedingungen gegenwärtiger Kunstproduktion“

Es gibt bei mir ein Sonntagsritual: Ich setze mich mit meinem Kaffee an den Tisch und stöbere in den Büchern, die ich mir im Laufe der Woche zusammengekauft habe. Bei Thomas Metschers Buch saß ich um 12 Uhr noch immer im Nachthemd da.

Auf knapp 180 Seiten wird eine scharfe Analyse gegeben, in welch verheerenden Zustand der Imperialismus unser Leben geschlagen hat. „Kunstproduktion“ ist im allerweitesten Sinne zu verstehen: In diesem Buch geht es um das großartige Thema der Bedingungen der materiellen und geistigen Produktion.

Zerfall des Bewusstseins

Stehen wir nicht oft alle kopfschüttelnd da und denken, die ganze Welt steht Kopf? Dass „wir hemmungslos verblöden“ (so der Untertitel eines Bestsellers von Michael Jürgs: Seichtgebiete), fällt mittlerweile vielen auf und wird gerne auch beklagt. Aber zu einer nachhaltigen Beantwortung der Frage, warum das so ist, muss man sich schon von der Erscheinungsebene der medialen Verblödungsmaschinerie wegbegeben. Als Ergebnis seiner Analysen prägt Thomas Metscher den Begriff der „pathischen Gesellschaft“, also der fundamental kranken Gesellschaft und spricht von einem „konstitutionellen Irrationalismus als Gesamtsystem“. Dieses faulende imperialistische System kann sich nur am Leben halten, weil es alle Erscheinungsformen des menschlichen Lebens seiner pervertierten Deutung unterwirft.

Wie wird dieser „Vorgang der Deformation, der Zurichtung der Menschen (…) an dessen Ende der Mensch mit zerstörter Leiblichkeit, der Mensch ohne Erinnerung, Seele und Vernunft steht“ (S. 40) bewerkstelligt? Die Mechanismen des „Zerfalls des Bewusstseins in der imperialistischen Gesellschaft“ werden

herausgearbeitet: Lüge, Trug und ideologischer Schein. Auf die Spitze getrieben heißt das für uns: „Eine rationale Welterklärung heute schwimmt nicht nur gegen den Strom der Zeit, sie hat mit dem Geist der Zeiten auch den Schein der Tatsachen gegen sich“ (S. 62). Die Widervernunft ergibt sich wie im Selbstlauf, das Vernünftige erscheint als Unvernunft, der Irrsinn als Normalität. Nicht der Einzelne versagt, sondern der Wahnsinn hat Methode. Das herrschende System des Imperialismus ist von seiner ganzen Grundkonstitution her nicht in der Lage, auch nur ein einziges der die Menschheit bedrohenden Probleme — Hunger, Krankheit, Verelendung, Krieg, Gewalt, Ungleichheit, Ausbeutung, Zerstörung der Natur — zu lösen. Konsequenterweise wird jede Vernunft, jegliche Rationalität, jeglicher Wahrheitsbegriff pervertiert und zerstört.

Kunst — zwischen Apokalypse und Utopie

Die Entwicklung der bürgerlichen Kultur und ihre Krise stehen im 3. Kapitel im Mittelpunkt: „Wir sind geprägt durch unsere Zeit in allem, was wir sind, von ihr formiert und deformiert als Leidende und Handelnde. Diesem Gesetz kann sich keiner entziehen, am wenigsten die Künstler. Denn zur Kunst gehört das entwickeltste Sensorium, die höchste Sensibilität von den Erfahrungen der Epoche“ (S. 84). Die Chancen moderner Kunst liegen im „Ausloten der Möglichkeiten zwischen Apokalypse und Utopie“ (S. 90). Thomas Metscher gibt uns die Kriterien an die Hand — Inhalt, Form und Weltanschauung — und demonstriert uns ihre Anwendung in einem sprachlich wunderschönen, schon fast lyrischem Vergleich zweier epochaler Werke, nämlich von Thomas Manns „Doktor Faustus“ und Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ (S. 112 ff.).

„Brecht und die hohe Kunst des Einfachen“ (S. 144 ff.) schließen den Kreis. Die „Ästhetik des Einfachen“ wird an sorgfältig und klug ausgewählten Beispielen dargelegt; es ist eine glühende Hommage an die Kraft der

Sprache, bei der „um jedes Teilelement, jeden Laut, jedes Satzzeichen“ (S. 148) gerungen wird. Ausführungen zum Brechtschen Theater — „dialektisch als Abbildung und Kritik der Wirklichkeit“

(S. 157) — runden dieses Kapitel ab und leiten über zur Wertung Brechts als Philosoph: „Wirklich ist nicht nur das, ,was der Fall ist‘ (Ludwig Wittgenstein), sondern auch das, was möglich ist und sein könnte“ (S. 163).

Das Schlusskapitel resümiert die Erkenntnis: „Von der tellurischen Katastrophe zur Utopie einer bewohnbaren Welt“ (S. 170 ff.), von der Krisenerfahrung, wie sie sich im frühen Werk von Bertolt Brecht findet (Zukunft erscheint als Katastrophe) hin zur Parteinahme, zum Kommunismus: „Der Kommunismus ist eine Möglichkeit des Wirklichen selbst. Er ist kein bloßes Traumbild noch ist er ein abstraktes Ideal. Er ist in der Wirklichkeit latent vorhanden, in ihr angelegtes Potential. Zugleich ist er die reale Bewegung, die dieser Möglichkeit Wirklichkeit zu verschaffen versucht. Er ist in diesem Sinn real und irreal zugleich“ (S. 176).

Summa summarum: Ein wichtiges Buch, das knapp und in seiner — in Brechtschem Sinne — klaren Sprache nicht nur wichtige Erkenntnisse festhält (die in finstren Zeiten allemal Gefahr laufen, im Sumpf des Opportunismus abzusaufen), sondern die Marxistische Theorie in ihrer konkreten Anwendung auf die Entlarvung des herrschenden Irrsinns weiterentwickelt.

Thomas Metscher: Imperialismus und Moderne — Zu den Bedingungen gegenwärtiger Kunstproduktion. Neue Impulse Verlag, Essen, 2009. Preis: 14,80 Euro, ISBN 978-3-910080-69-0

 

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