4. Arbeiterklasse – Weg zum Klassenbewusstsein versperrt?

Posted on 11. Mai 2010 von

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Wolfgang und Ula Richter

Wir sehen in den Thesen „die Arbeiterklasse“ zwar nicht „verschwunden“, aber doch fast und diesen Rest sehen wir derartig defensiv gezeichnet, dass den Klassenkämpfenden angst und bange werden muss – geht da überhaupt noch was? Der Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit als treibendes Moment scheint zerbröselt und einem Widerspruch der noch zu sammelnden Bewegungen (als deren eine immerhin noch die kommunistische skizziert ist) mit einem Gegner (dem Staat?) gewichen. Es ist wahr, die Arbeiterklasse muss in historischer Entwicklung und aktuellem Zustand, die nun von Niederlagen gezeichnet ist, herz-und mitleidlos analysiert werden – aber nicht undialektisch. Die hier gefundene Abbildung der Gegenwart würde – wäre sie so einfach „richtig“ – analytisch die marxistische Theorie und empirisch die marxistische Praxis ad absurdum führen. Als Orientierung und als Grundlegung für eine heute zu aktualisierende Strategie der Partei kann das nicht nur nicht ausreichen, sondern es droht an, sie in eine andere Richtung als die marxistisch entwickelte zu führen. Die kommunistische Programmatik ist eine andere als eine linke – wir fürchten, dass sie verloren gehen kann. [4]

Patrik Köbele

(Es) wird dann im letzten Teil die Katze aus dem Sack gelassen: „Der Sozialismus wird nicht nur das Werk der Arbeiterklasse sein, sondern das gemeinsame Projekt von gleichberechtigten, unterschiedlichen sozialen und weltanschaulichen — im weitesten Sinn emanzipatorischen — Kräften.“ Die Arbeiterklasse (im Bündnis mit anderen, bei Avantgarderolle der Arbeiterklasse) wird als revolutionäres Subjekt über Bord geworfen.

Renate Münder

Die deutsche Arbeiterklasse wird im Kapitel 4 der Thesen weitgehend realistisch beschrieben — man findet viele treffende Einzelbeobachtungen — wenn auch in Sprache und Inhalt der bürgerlich-empirischen Soziologie und vor allem ohne marxistischen Analyse. Große Teile der Arbeiterklasse wie die Immigranten, die in der zentralen Fertigung der Großbetriebe eine bedeutende Rolle spielen, werden jedoch nicht einmal erwähnt. Rassismus ist kein Thema für die Thesen. Geschweige denn die ideologische Spaltung, die die Sozialdemokratie verschiedener Couleur zu verantworten hat. Schließlich fällt die eurozentristische Sicht auf (…)

Doch der theoretische Tiefpunkt dieses Kapitels, wo selbst Marx revidiert wird, folgt noch: „Der moderne Kapitalismus hat die soziale Basis der Arbeiterbewegung zersetzt und aufgelöst. Mit der Folge, dass ,die’ Arbeiterbewegung als klassenautonome politische, gewerkschaftliche und kulturelle Bewegung nicht mehr existiert.“ Diese Behauptung greift die zahlreichen bürgerlichen Debatten über den „Abschied vom Proletariat“ auf.

Zwar sinken die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften, zwar sind die kommunistischen Organisationen klein und zersplittert, zwar ist die Arbeiterklasse in der Defensive — aber die „soziale Basis“ ist weder „zersetzt“ noch „aufgelöst“, denn sie beruht auf dem antagonistischen Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital und ist deshalb einfach nicht totzukriegen. Der Arbeiterklasse fehlt zwar im Moment ein Bewusstsein ihrer eigenen möglichen Stärke, sie traut sich selbst wenig zu — aber sie ist immer wieder fähig zu grandiosen Aufschwüngen, zu spontanen Streiks und kreativen Aktionen, zu Solidarität und opferreichen Kämpfen. Was fehlt, ist Klassenbewusstsein.

Statt der Ursache des desolaten Zustands der Arbeiterklasse nachzugehen und zu fragen, woran es liegt, dass sie relativ wenig kämpft, wird die Arbeiterklasse nicht mehr als revolutionäres Subjekt betrachtet, die Arbeiterbewegung totgesagt und die Partei der Arbeiterklasse gleich mit.

Deshalb wird bei der „Neuformierung einer Arbeiterbewegung“, wie die Thesenschreiber den Prozess der Herausbildung zur „Klasse für sich“ nennen, den sozialen Bewegungen eine bedeutende Rolle zugeschrieben. Sie seien ein wichtiger Faktor für „die Herausbildung eines gesellschaftlichen und politischen Blocks der Veränderung“. Die globalisierungskritische Bewegung sei ein wichtiger Akteur im Widerstand gegen die Abwälzung der Krisenlasten. Nun mag man ja feststellen, dass manche „Bewegungen“ nützliche Analysen über die Angriffe des Kapitals erstellen, die die Gewerkschaften bei der Agitation unterstützen können, oder durch phantasievolle Aktionen Protest öffentlich machen. Aber eins werden und können sie der Arbeiterklasse nie abnehmen: den massenhaften Widerstand im Betrieb zu führen. Die Klassenfrage bleibt übrigens beim „Block der Veränderung“ wie bei der Losung „Eine andere Welt ist möglich“ ausgeklammert.

Bisher gelingt es der Bourgeoisie dank der Unterstützung durch die Gewerkschaftsführungen, die Krisenlasten voll auf die Arbeiterklasse abzuwälzen, und bisher ist auch sonst keine Kraft in Sicht, die der Bourgeoisie das Fürchten beibrächte. Noch so viele Demonstrationen außerhalb der Arbeitszeit werden Regierung und Kapital nicht aufhalten. Und wenn man den politischen Streik wie in den Thesen nur als „äußerstes Mittel“ begreift, dann wird man ihn auch nicht durchzusetzen versuchen (…)

Nur die Arbeiterklasse hat mit dem Mittel des Streiks die Fähigkeit, der Bourgeoisie empfindliche Schläge zu versetzen. Ihre wirtschaftlichen Existenzbedingungen geben ihr darüber hinaus „die Möglichkeit und die Kraft“ (W. I. Lenin, Staat und Revolution, in Werke, Band 25, Seite 416, Dietz Verlag Berlin, 1972), die Bourgeoisie zu stürzen. Deshalb ist das Proletariat in der Epoche des Imperialismus die einzige revolutionäre Klasse und ihre Gewinnung ist entscheidend für die Strategie der Kommunisten. Statt ihr die Fähigkeit zur Klasseneinheit und zur Hegemonie abzusprechen, sollten wir besser darüber streiten, warum sie so wenig Klassenbewusstsein hat und wie das zu ändern ist. Dabei spielen die deutschen Besonderheiten wie Legalismus, Staats- und Obrigkeitshörigkeit, sowie Stellvertretermentalität und Versicherungsdenken innerhalb der Gewerkschaften eine wichtige Rolle. Denn in anderen europäischen Ländern – auch den imperialistischen, wie Frankreich und Italien – ist der Klassenkampf weiter entwickelt. Z. B. wurden dort mit politischen Streiks die Angriffe auf die Erhöhung des Rentenalters oder Rentenkürzungen zum Teil abgewehrt.

Der Begriff „Block der Veränderung“ negiert diese zentrale Rolle der Arbeiterklasse, die aus ihrer Rolle in der Produktion herrührt und keine Blaumann-Idealisierung ist. Denn am Ort der unmittelbaren Konfrontation zwischen Kapital und Arbeit wird die Arbeiterklasse immer wieder auf die tägliche Ausbeutung und damit auf die Eigentumsfrage gestoßen. Allerdings kann spontan auf diese Art und Weise nur gewerkschaftliches Klassenbewusstsein entstehen, kein revolutionäres Bewusstsein. Dazu bedarf es der Vermittlung des wissenschaftlichen Sozialismus durch die Kommunisten — lernend im Vorwärtsgehen, im Kampf.

Wenn Lenin die „Fähigkeit“ oder „Möglichkeit“ des Proletariats zum Sturz der Bourgeoisie konstatiert (s. o.), dann bedeutet dies übrigens keinen Automatismus. Wenn es nicht gelingt, den Widerstand zu organisieren, droht die Alternative „Barbarei“.

Nur durch sichtbaren und kraftvollen Widerstand kann die Arbeiterklasse dann auch die Hegemonie in der Gesellschaft erreichen und damit ein Bündnis mit anderen Schichten in die Wege leiten. „Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt.“ (Manifest der Kommunistischen Partei). Lenin formuliert dies in „Staat und Revolution“ noch genauer: „Nur das Proletariat ist — kraft seiner ökonomischen Rolle in der Großproduktion – fähig, der Führer aller werktätigen und ausgebeuteten Massen zu sein, die von der Bourgeoisie vielfach nicht weniger, sondern noch mehr ausgebeutet, geknechtet und unterdrückt werden als die Proletarier, aber zu einem selbstständigen Kampf um ihre Befreiung nicht fähig sind.“ (Lenin Werke, Band 25, Seite 417, Dietz Verlag Berlin, 1972) [5]

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