65. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus

Posted on 10. Juli 2010 von

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von Prof. Dr. Heinz Karl

Alle bisher geführten Debatten bekräftigen zwei grundlegende, zentrale Erkenntnisse:

1. Die Umbrüche von 1945 waren ein Akt der Befreiung. Sie waren ein Teil des Sieges über die größte Bedrohung der Weltzivilisation im vergangenen Jahrhundert, die Aggression des faschistischen Deutschen Reiches und seiner Wehrmacht, eines Sieges, zu dem der junge Sozialismus den entscheidenden Beitrag leistete, eines Sieges, der Einfluss und Wirkungsbereich des Sozialismus enorm ausweitete, einen neuen Aufschwung der Arbeiterbewegung und anderer demokratischer Bewegungen in den kapitalistischen Ländern und den Zusammenbruch des imperialistischen Kolonialsystems bewirkte, eines Sieges, der Europa die längste Friedensperiode seit sechs Jahrhunderten schenkte.

2. Der Sieg über den deutschen Faschismus setzte drei grundlegende Aufgaben auf die Tagesordnung: erstens einen radikalen politischen und sozialen Elitenwechsel als Konsequenz der faschistischen deutschen Aggression und ihrer gesellschaftlichen Ursachen und Voraussetzungen; zweitens tiefgreifende Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen, um die bisher herrschenden gesellschaftlichen Kräfte zu entmachten und zu isolieren; drittens eine radikale geistige Erneuerung im Sinne des Antifaschismus und Humanismus. Dabei lag der innere Zusammenhang der drei Aufgaben auf der Hand (…).

Die höchst unzulängliche bis völlig fehlende Lösung dieser Aufgaben im größten — westlichen — Teil Deutschlands hat im Verein mit dem Sieg des Imperialismus über den europäischen Sozialismus im Kalten Krieg wesentlich zur Liquidierung der Ergebnisse des Sieges über den Faschismus im Zweiten Weltkrieg in Europa und zur heutigen Situation und ihren Problemen beigetragen.

Neokoloniale Interventionskriege

Im Ergebnis dieser regressiven Entwicklung sind wir zunehmend mit Kriegen konfrontiert. Der sich seit 1989/90 explosionsartig verschärfende Kampf um endliche materielle Ressourcen hat zunächst zu sich mehrenden neokolonialen Interventionskriegen geführt. Die Hauptgefahr dürfte momentan eine Aggression der USA und Israels gegen den Iran (mit der BRD und anderen EU-Staaten als Komplizen) darstellen. Die skandalöse Instrumentalisierung der Gedenksitzung des Bundestages am 27. Januar durch Einladung und Auftritt von Shimon Peres und die heute gemeldete, bewusst provozierende Rechtfertigung der Irak-Aggression durch Premierminister Gordon Brown zeigen, wie weit die psychologische Vorbereitung dieses Krieges bereits gediehen ist. Aber auch unabhängig davon kann der Kampf um die Ressourcen schon in absehbarer Zukunft zu großen Auseinandersetzungen zwischen Mächtegruppen führen.

Unverkennbar als internationale Tendenz — aber voll und in besonderem Maße auf die BRD durchschlagend — sind nicht nur eine massive Aufrüstung (zum Teil als Umrüstung zwecks erhöhter Aggressionsfähigkeit), sondern auch die Schaffung der inneren Voraussetzungen für eine gesteigerte Aggressivität nach außen.

Krieg braucht ruhiges Hinterland

Auch in diesem Zusammenhang ist die hochgepeitschte Welle antikommunistischer Reaktion in vielen europäischen Ländern zu sehen — verbunden mit sich mehrenden und ausbreitenden neofaschistischen, klerikalfaschistischen, rassenfaschistischen, chauvinistischen und ähnlichen Phänomenen. In der Regel basieren sie auf dem Bedürfnis der herrschenden Klasse, von den Folgen der kapitalistischen Entwicklung — und besonders der kapitalistischen Restauration in den früher real-sozialistischen Ländern — abzulenken bzw. aus daraus erwachsenden politischen Krisensituationen einen systemkonformen, d. h. bürgerlich-reaktionären Ausweg zu finden.

Die BRD befindet sich angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung in der tiefsten Legitimationskrise seit ihrer Gründung. Zugleich braucht sie — in Anbetracht ihrer zunehmenden Expansionsorientierung mit der entsprechenden militärischen Komponente — gerade jetzt (ähnlich dem deutschen Imperialismus 1914) ein regimefrommes, zum Mitmachen bereites Hinterland. Sprach man damals von „Burgfrieden“, so heißt es heute „antitotalitärer Konsens“ und „deutsche Staatsräson“. Im Zusammenhang damit wächst die Bedeutung und die Wirkung von Ideologie und vor allem von Massenmanipulation durch die Medien rapide. Ein Beispiel dafür sind die fortgesetzten — und dank ihrer passiven, regimekonformistischen Aufnahme auch immer wieder wirksamen — Anti-MfS-Kampagnen.

Dieser Zustand der BRD in seiner Einheit von Expansionismus und Aggressivität nach außen, deren informationspolitischer, (geheim-)polizeilicher und militärischer Absicherung im Innern, der rücksichtslosen Krisenbewältigung auf Kosten der Massen, der massiven Manipulation der Bevölkerung durch Verbreitung reaktionärer Ideologien, von der Umkehrung der Täter/Opfer-Problematik im zweiten Weltkrieg und der Anti-DDR-Hetze, bis zum Königin-Luise-Kult, manifestiert die in den Westzonen und der frühen BRD nach 1945 zugelassenen grundlegenden Versäumnisse und deren verhängnisvolle Auswirkungen.

(Vom Verfasser genehmigter Nachdruck der Ausführungen zur Eröffnung der Konferenz „1945: Befreiung vom Faschismus. Chancen und Realitäten“, Veranstalter: Marxistischer Arbeitskreis zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der Partei DIE LINKE. Der Konferenzbericht ist in der „Geschichts-korrespondenz“ Nr. 2, 16. Jhg. enthalten. Interessenten am Bezug der Geschichtskorrespondenz teilen dies bitte an die EMail-Adresse: marxistischerarbeitskreis@die-linke.de mit.)

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