Zur Frage der kommunistischen Identität

Posted on 10. Juli 2010 von

0


von Herbert Münchow

Man könnte meinen, dass diese Frage für Kommunisten gar keine Frage sei. Weit gefehlt: Der fraktionelle Vorstoß eines Teils der DKP, den Programmkompromiss nach rechts aufzukündigen, belehrt uns hier eines Besseren. Jegliches Vertrauen in die Arbeiterklasse verlierend, damit die sozialökonomische Struktur des Kapitalismus verfälschend, wendet man sich dem „wirtschaftsdemokratischen Programm“ von Fritz Naphtali und des früheren ADGB zu, das damals nichts bewirkte, das heute nichts bewirkt und, weil es den Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus verwischt, bei der Analyse des Kapitalismus jeden Schein für Sein nimmt, auf jede Klassenfragestellung verzichtet, in der Konsequenz — insbesondere in einer revolutionären Situation — zur Losung gegen den Sozialismus wird. Deshalb darf offenbar auch nicht erwähnt werden, wie der isw-Report Nr. 79 „Wirtschaftsdemokratie und Vergesell-schaftung“ zeigt, dass nach Marx und Engels der Kommunismus die Aktion der Arbeiterklasse ist. Oder wie es Lenin in „Staat und Revolution“ ausdrückt: „… das Resultat der Wirkungen einer gesellschaftlichen Kraft …, die der Kapitalismus erzeugt hat.“

Das Avantgarde- oder Vorhutprinzip der kommunistischen Partei als Partei der Arbeiterklasse wird dem Untertauchen in „Bewegungen“ geopfert — geopfert wird damit der Parteibegriff. Wer den „Linken Radikalismus“ von Lenin kennt, der weiß, dass dies eine Beschönigung des Kapitalismus ist. Der Widerspruch zwischen Sozialismus und Klassenkampf, den der utopische Sozialismus nicht lösen konnte, der vom Marxismus aber gelöst wurde, wird damit erneut aufgerissen. Und wie wurde dieser Widerspruch von Marx und Engels gelöst? Durch die Klarstellung der weltgeschichtlichen Rolle der Arbeiterklasse, des Proletariats.

Die Massen teilen sich in Klassen — grundlegend ist ihre Gliederung nach der Stellung in der sozialen Ordnung der Produktion. Im Imperialismus, den einige offenbar für eine Art „Früh-sozialismus“ halten, den man nicht bekämpfen darf, stellen sich die Dinge so dar, dass die eigentliche Arbeiterbewegung nicht schlechthin die offizielle Bewegung ist, sondern sich vielmehr unter ihrer Oberfläche entwickelt. Die Prekarität ist die unvermeidliche Konsequenz der Lohnarbeit. So ist völlig klar, dass mit der Gewinnung der Vorhut der Arbeiterklasse noch nicht die Klasse gewonnen ist, die am Beispiel der eigenen Erfahrung lernt. Aber momentan ist noch nicht einmal die

Vorhut gewonnen, wirken bewusstseinsbildende Kerne nicht zusammen, insofern sie überhaupt existieren. Und sie wird auch nicht gewonnen werden, wenn einige führende Vertreter der DKP so tun, als löse sich die Arbeiterklasse mangels politischer Aktivität einfach in Masse — d. h. in die überwiegende Mehrheit oder Minderheit — schlechthin auf. In der heutigen DKP, in der die führende Schicht vom „Hineintragen des Bewusstseins“, also der Berücksichtigung der tatsächlichen Bedingungen der Befreiung des Proletariats, nichts mehr wissen will und so tut, als hätte Marx aus den Widersprüchen des Kapitalismus die „Wirtschaftsdemokratie“ geschlussfolgert, heißt es gerade zu erkennen, dass der Opportunismus und — insofern er aus dem Kreise ehemaliger Marxisten selbst kommt — der Revisionismus zwangsläufig zur Isolierung von den Massen führt. Und die „Massen“, das sind hier im Leninschen Sinn die breiten Schichten der Werktätigen, deren Mehrheit, die am schlechtesten entlohnten Arbeiter.

Das grundlegende Werk des Marxismus, in dem dargelegt ist, was den Inhalt der proletarischen Bewegung und somit der kommunistischen Identität ausmacht, ist das „Kommunistische Manifest“. Was immer man aus diesem Parteiprogramm zur Erörterung der Frage anführen mag, entscheidend bleibt: „Derjenige Teil der Arbeiterklasse, der sich von der Unzulänglichkeit bloßer politischer Umwälzungen überzeugt hatte und die Notwendigkeit einer totalen Umgestaltung der Gesellschaft forderte, dieser Teil nannte sich … kommunistisch“ (Friedrich Engels). Hierin haben alle Merkmale der kommunistischen Identität ihren

gemeinsamen Nenner. Und wer es unternimmt, das Aktionsprogramm zur Wiedererlangung der Kampfkraft der DKP zu formulieren, der wird nicht umhin kommen, wie es auch Lenin im „Linken Radikalismus“ fordert, den dialektischen Standort des Kommunisten, des praktischen Materialisten, in Stellungen zu entwickeln, die vorerst nicht zu halten sind und dennoch Horizonte für die Zukunft aufschließen. Nur unter dieser

Voraussetzung kann sich die DKP als fähig erweisen, als sichtbarer Integrationspunkt eines Klassenbündnisses mit allen Unterdrückten zu fungieren, weil all ihr Tun und Trachten auf die Entwicklung von Klassenbewusstsein gerichtet ist. Durch revolutionäre Taktik zur Mehrheit! Das ist die Devise.

 

Advertisements