Die Entwicklung der Produktivkräfte und der Arbeiterklasse

Posted on 7. April 2011 von

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von Stephan Müller

Thomas Lühr stellt in seinen Bemerkungen zur „sozialen Frage und Arbeiterklasse“ [1] den in der Soziologie im Dunstkreis der Sozialdemokratie modisch gewordenen Prekariatsbegriff dem Begriff der Arbeiterklasse aus dem Marxismus gegenüber.

Er zeigt, dass die den modischen Prekariatsbegriff definierenden Erscheinungsformen sich bereits in der Marxschen Analyse finden und dort auf den Punkt gebracht werden. Marx weist nach, dass die Existenzbedingungen der Arbeiterklasse mit dem notwendig zyklisch, krisenhaften Fortschreiten des Kapitalismus schwanken bis hin zum absoluten Existenzminimum, je nach Spaltung oder Einheit der Klasse; und dass diese wieder abhängig ist vom Prozess der Akkumulation des Kapitals selbst.

Thomas zeigt, dass die Betrachtung der Arbeiterklasse in den Politischen Thesen des vorigen PV-Sekretariats der DKP auf einer „unhistorischen Verabsolutierung“ früherer Erscheinungsformen der Klasse beruht — es wurde ein Popanz aufgebaut, der dann umso leichter zerfleddert werden kann.

Im Klassenbegriff von Marx und Engels steckt dagegen bereits die Dynamik, so Lühr: Ebenso wie die Kapitalistenklasse in ihrem Aufstieg notwendig die Arbeiterklasse erzeugt, muss sie die Arbeiterklasse verändern, wenn sie unter dem Druck der Konkurrenz die Produktivkräfte fortentwickelt.

Diese Entwicklung findet in Klassenkämpfen und vermittelt durch zyklische Krisen statt. Tendenziell richtet sich im Kapitalismus die Entwicklung der Arbeitsproduktivität gegen die Arbeiterklasse, sie erhöht die Konkurrenz unter den Arbeitern. Die Gegentendenz kommt aus dem Zwang der Arbeiterklasse, sich zu wehren; ihr Erfolg hängt vom mehr oder weniger entwickelten Bewusstsein der Arbeiterklasse ab.

Arbeiterklasse im Imperialismus

Zu Zeiten von Marx und Engels hatten sich die bestimmenden Klassen der Geschichtsepoche des Kapitalismus zu Industriekapitalisten und Industrieproletariat entwickelt. Über die ersten Weltwirtschaftkrisen entstehen dann um 1900 die Riesenfabriken der Monopolkapitalisten und die starken Arbeiterbewegungen der Industrieländer. Nach der großen Niederlage der internationalen Arbeiterbewegung 1914 musste Lenin die daraus resultierende Klassendifferenzierung analysieren: Die Arbeiterbewegung war unter den Einfluss der Opportunisten gekommen und hatte den 1. Weltkrieg nicht verhindern können.

Lenin leitete auf Grundlage der von Marx und Engels aufgezeigten Gesetzmäßigkeit der Entwicklung der Produktivkräfte die Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Bewegung der gigantischen Finanzkapitale ab, die sich die Welt aufgeteilt hatten: Verschwindend wenige Finanzkapitalisten müssen ihre Herrschaft nach innen aufrechterhalten gegen eine zahlenmäßig fast die ganze Bevölkerung umfassende Lohnarbeiterschaft, kleiner werdende Zwischenschichten und von ihnen mehr oder weniger abhängige, nichtmonopolistische Kapitalisten.

Gleichzeitig brauchen sie auch zur Eroberung neuer Märkte nach außen einen immer weiter aufgerüsteten Gewaltapparat. Lenin findet die politökonomische Basis für die Bewegung der Klassen, die zum Weltkrieg geführt haben: Das Finanzkapital kann Extraprofite erzielen aus der marktbeherrschenden Konkurrenzsituation im Inneren und gegenüber unterdrückten Ländern. Zur Absicherung ihrer ständig von innen und außen bedrohten Macht investieren die herrschenden Großkapitalisten einen Teil dieser Extraprofite nicht nur in die direkte Aufrüstung des Gewaltapparats ihres Staates, sondern auch in Zuwendungen für Stützen ihrer Herrschaft: sie versuchen Teile der nichtmonopolistischen Klassen, vor allem einen Teil der Arbeiterklasse, durch materielle Vorteile an sich zu binden. Lenin nennt letztere deshalb Arbeiteraristokratie. Auf der Ebene der Ideen spiegelt sich das wider im Zusammengehen der Sozialdemokratie mit den amtierenden Regierungen bzw. dem Finanzkapital, bis hin zu den Kriegskrediten.

Fordismus

Die von Lenin analysierte Arbeiteraristokratie der Zeit vor dem 1. Weltkrieg hatte ihre Basis bei den besser bezahlten Fachspezialisten unter den Arbeitern. Aber schon in der Zeit, als die neuen leninschen Arbeiterparteien sich organisierten, die kommunistischen Parteien der III. Internationale, begann sich die innere Zusammensetzung der Arbeiterklasse weiter zu verändern. In der Wiederaufbauphase nach dem 1. Weltkrieg schlug sich eine weitere schubweise Entwicklung der Produktivkräfte in der Entwicklung neuartiger Produktionsanlagen nieder. Die weitgehend automatisierte Produktion, bei der die Arbeiter nur noch Rädchen im Produktionsgetriebe sind, kennen wir entsprechen karikiert von Chaplins Film „Modern Times“. Typisch für diese nach der Arbeitsorganisation des Taylorismus konstruierten Werke waren Fords Fließbandfabriken, die auf messbare einfache Einzelbewegungen des Arbeiters und individuelle Akkordlohnsysteme aufbauten. InDeutschland setzte sich die amerikanische Produktion in Wellen durch, beginnend mit der Rationalisierungsoffensive ab Mitte der 20erJahre.Fürden2.Weltkriegwurden dann in Deutschland etwa ebenso viele neue Produktionsanlagen gebaut wie zerstört. In der Nachkriegszeit der 50er und 60er Jahre schließlich brachte der Wiederaufbau in Westdeutschland eine weitere Modernisierungswelle. Die Erscheinungsformen dieses Abschnitts der Entwicklung der Produktivkräfte werden in der entsprechenden Literatur, auf die Thomas hinweist, in anscheinender Anlehnung an Gramsci, tatsächlich aber im Rückgriff auf Ideen von Gramscis Gegenspieler Bordiga, als Fordismus gekennzeichnet.

Interessant ist nun, dass die den Fordismus analysierende Literatur die Unterschiede der Arbeitsorganisation von heute gegen die von damals in den Vordergrund stellt, mit der Beobachtung, heute sei die Arbeit entsolidarisierend und dequalifizierend, und erzeuge demnach arbeitende Individuen, die keine Arbeiterbewegung mehr zustande brächten.

Seinerzeit wurde von Sozialdemokraten wie Kapitalisten analysiert, dass die damals neue fordistische Arbeitsorganisation zu Entsolidarisierung und Dequalifizierung führen würde, kurz, sie würde dem Sozialismus die Basis nehmen. Beide haben sich getäuscht. So wie der Kampf gegen die Webstühle letztlich zum Kampf gegen seine Eigentümer, die Industriekapitalisten wurde, wurde der Kampf gegen die Zeitnehmer in der Fabrik zum Kampf gegen das Finanzkapital. In der Kommunistischen Internationale wurde das Thema der Ausdifferenzierung der Klassen und die Folgen für die revolutionären Bündnisse der Arbeiterklasse zum bestimmenden Thema. Auch gegen Ende der fordistischen Epoche wurde diese Debatte weitergeführt auf Basis ökonomischer Forschungen, z. B. von Eugen Varga und bei uns z. B. von Jürgen Kuczynski. Die Veteranen der kommunistischen Programmdebatte der 60er und 70er Jahre erinnern sich an die grundlegenden Werke „Imperialismus heute“ und „Imperialismus in der BRD“. Den Thesenschreibern ist es nicht gelungen, kritisch daran anzuknüpfen.

IT-basierte Produktion — Wege zum Kommunismus

Was wir heute zu untersuchen haben, ist also, welche Änderungen der Arbeitsorganisation die Entwicklung der Produktivkräfte der letzten Generation mit sich gebracht hat und was das für die Arbeiterklasse und ihre Organisationen bedeutet.

Der wesentliche Fortschritt der Produktivkräfte ist sicher die Integration der Elektronik in die Wirtschaft. Durchgesetzt hat sich die ITbasierte Produktion und Verteilung etwa gleichzeitig mit dem Auslauf der Rekonstruktionsperiode nach dem 2. Weltkrieg. Nach den Zerstörungen bisher nicht dagewesenen Ausmaßes konnte die Produktion so ausgeweitet werden, dass Krisen der Vergangenheit anzugehören schienen — diese Zeit endete Mitte der 70er Jahre.

Gleichzeitig änderte sich ebenso grundlegend die Aufteilung der Welt: die USA hatten den alten Kolonialmächten den Einfluss in ihren Ex-Kolonien im Wesentlichen abgenommen. Durch ihre Machtstellung konnten die USA in der kapitalistischen Welt die Fortschrittsindustrien Luft- und Raumfahrt und die eng damit verbundene Elektronik weitgehend monopolisieren.

Zunächst war in den 70er Jahren Japan als stärkster imperialistischer Konkurrent in den Fokus der US-Imperialisten gekommen, den es galt niederzukonkurrieren. Dabei wurden auch die Methoden der japanischen Arbeitsproduktivität untersucht. Outsourcing und Just in Time, japanische Systeme der Ausgliederung von Subunternehmern, wurden in die eigene Produktionskette übernommen. Das westdeutsche Kapital lernte von der US-Industrie bzw. musste gegen sie bestehen. Das Ausquetschen von Zulieferern ergänzte sich mit den damals neuen flexiblen Arbeitsmodellen des Propheten der Sozialpartnerschaft, Peter Hartz.

Die IT-Anwendungen wurden nicht nur in der Konstruktion, der Planung, im Finanzwesen und in der Arbeitsorganisation in die Werke integriert, sondern auch unmittelbar in die Produktion und Verteilung. In den USA wurden bei GM Roboter zuerst in den frühen 60er Jahren an den Fließbändern eingesetzt, in Westdeutschland ab den 70er Jahren.

Die geographische Organisation der Arbeit wurde durch die Verbreitung des Internets von Grund auf verändert. Die erleichterte Kommunikation in großen Einheiten erlaubte einen nationalen und internationalen Monopolisierungsschub unter dem Stichwort nationale Champions, der nicht nur Zentralisierung und Konzentration von Kapital, sondern immer auch eine weitere Vergesellschaftung mit sich brachte. Wenn man Wege zum Kommunismus sucht: Was die Produktivkräfte angeht, hat Deutschland große Schritte auf dem Weg zur gesellschaftlich planbaren Wirtschaft gemacht.

Durchgesetzt hat sich der Prozess in den Zyklen, die nach der Rekonstruktionsperiode wieder schärfer geworden sind. Jede zyklische Krise brachte ein höheres Maß an imperialistischer Konkurrenz und Arbeitslosigkeit mit sich. Wie seit Beginn der kapitalistischen Krisen zeigt sich jedes Mal wieder, dass die Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums sich im Kapitalismus gegen seine Produzenten, die Arbeiter richtet.

Die Folge des Prozesses ist zunächst das weitere und schnellere Zerriebenwerden der anderen Klassen zwischen Kapital und Arbeiterklasse. Die genaue Bestimmung der Ausdifferenzierung der Hauptklassen des Kapitalismus ist heute ebenso wichtig, wie die Bestimmung der Lage der Bauern und der Kleinbürger. Das wird in den Politischen Thesen nicht geleistet. Noch weniger wird dort eine Grundlage gelegt, auf der sich behaupten ließe, „die soziale Basis der Arbeiterbewegung“ sei „zersetzt und aufgelöst“.

Quellen und Anmerkungen:

[1] Thomas Lühr, MBl. 4/10

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Achim Bigus

ARBEITERKLASSE — SEIN UND BEWUSSTSEIN

„Wie lernt die Klasse (wieder) zu kämpfen?“ [1] — diese „wichtigste unter all unseren wichtigen Fragen“ [2] ist auch die nach der Überwindung des Rückstands gewerkschaftlicher Gegenwehr in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Damit verbunden, aber nicht identisch, ist die Frage nach der Wiederbelebung sozialistischen Klassenbewusstseins. Robert Steigerwald und Willi Gerns unterstreichen zu Recht diesen wichtigen Unterschied und auch, dass dafür die „bewusstseinsbildende Arbeit einer marxistischen Partei unverzichtbar“ ist [3].

Allerdings erscheint elementares gewerkschaftliches Bewusstsein auf Massenebene als eine Voraussetzung für den weiteren Schritt zu sozialistischem Bewusstsein. Darum konzentriere ich mich hier auf diese Frage.

Konkurrenz und Differenzierung

Schon Marx und Engels schilderten die beiden widerstreitenden Tendenzen, die das „Sein“ der abhängig Arbeitenden bestimmen: „Die Großindustrie bringt eine Menge einander unbekannter Leute an einem Ort zusammen. Die Konkurrenz spaltet sie in ihren Interessen; aber die Aufrechterhaltung des Lohns, dieses gemeinsame Interesse gegenüber ihrem Meister, vereinigt sie in einem gemeinsamen Gedanken des Widerstands — Koalition“ [4]. „Die Arbeiter beginnen damit, Koalitionen gegen die Bourgeoisie zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung ihres Arbeitslohns. (…) Es bedarf aber bloß der Verbindung, um die vielen Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu einem nationalen, zu einem Klassenkampf zu zentralisieren.“ Doch: „Diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wird

jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst“ [5].

Neben der Konkurrenz behindern auch die Unterschiede in ihren Lebenslagen die Vereinigung der Arbeitenden zu kollektiven Aktionen. Willi Gerns konnte 1978 noch feststellen: „Elementare ökonomische Klassenerkenntnisse, die der Sozialpartnerschaftsideologie widersprechen, sind(…) im gewerkschaftlich organisierten Kern der Arbeiterklasse verhältnismäßig weit verbreitet“ [6]. Dieser „gewerkschaftlich organisierte Kern“ ist seither erheblich geschrumpft: einerseits durch Massenarbeitslosigkeit sowie Leiharbeit, Befristungen und andere Formen „prekärer“ Beschäftigung [7], andererseits durch die Zunahme der lohnabhängig Beschäftigten im wissenschaftlichtechnischen Bereich (Ingenieure, Techniker etc.) sowie im Handel und Finanz- und Dienstleistungssektor.

Die differenzierte Situation, auch in der Krise, erschwert gemeinsame Kämpfe. Allerdings haben z. B. die Kämpfe in den Kitas oder bei der Gebäudereinigung einerseits, bei Siemens München andererseits exemplarisch gezeigt, dass auch neue Abteilungen der Arbeiter(im prekären Dienstleistungssektor vor allem Arbeiterinnen) Klasse Zugänge zur organisierten Arbeiterbewegung finden, wenn die Gewerkschaften ihnen einen Rahmen für die Formulierung ihrer spezifischen Interessen, für ihre eigene Organisierung und Mobilisierung bieten.

„Preußische Tugenden“

„Konkurrenz unter den Arbeitenden, Strukturveränderungen in der Klasse sowie „Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes (…) gibt es in anderen Ländern auch und trotzdem kommt es zu Massenaktionen von großen Teilen oder der ganzen Arbeiterklasse. Dass dies in diesem Lande (…) den Arbeitern wesentlich schwerer fällt, dafür gibt es Gründe, die in der nicht gerade „ruhmreichen“ Entwicklungsgeschichte der Deutschen, des deutschen Volkes liegen“[8]. Dazu gehören vor allem:

  • Staats und Obrigkeitshörigkeit

  • Legalismus, Gesetzesgläubigkeit

  • Versicherungsdenken.

Vor diesem Hintergrund trägt auch die deutsche Sozialdemokratie besondere Züge, die sie nicht nur von revolutionären Kräften, sondern auch von der Sozialdemokratie anderer Länder unterscheiden. Seit der Massenstreikdebatte Anfang des 20. Jahrhunderts gehört dazu „die Ablehnung, ja die Bekämpfung des politischen Massenoder auch Generalstreiks“, welcher „in Ländern wie Belgien, Frankreich, Italien, Griechenland und vielen anderen als selbstverständliches Kampfmittel der Arbeiterklasse gegen Übergriffe von Kapital und Regierung eingesetzt wird“ [9].

Marx formulierte 1868 in der Auseinandersetzung mit den Lassalleanern: „… in Deutschland, (…) wo der Arbeiter von Kindesbeinen an bürokratisch gemaßregelt wird und an die Autorität, an die vorgesetzte Behörde glaubt, gilt es vor allem, ihn selbständig gehen zu lehren“ [10]. Beispiele für dieses „selbständige Gehen“ finden wir u. a. in den revolutionären Bewegungen der Jahre 1918 bis 1923 oder im antifaschistischen Widerstand. Doch Faschismus und Nachkriegsentwicklung restaurierten die preußischen Tugenden in neuer Form.

„Wirtschaftswunder“ und Streikverbote

Im Kalten Krieg war die BRD Frontstaat. Ihr Ausbau zum Bollwerk gegen den Kommunismus erfolgte mit den gleichen Mitteln wie schon Bismarcks Kampf gegen die revolutionäre Sozialdemokratie: mit Zuckerbrot und Peitsche (bei Bismarck: Sozialversicherungen und Sozialistengesetze).

Das Zuckerbrot: soziale Zugeständnisse an die Arbeiterschaft. Auch wenn gerade in den 50er Jahren große Streikkämpfe dafür nötig waren: immer war die Funktion der BRD als Schaufenster gegenüber der DDR und den anderen sozialistischen Ländern ein Faktor neben anderen im Kräfteverhältnis der Klassen, im Unterschied zu anderen westlichen Ländern.

So konnten die Arbeiter in Westdeutschland vergleichsweise viele soziale Errungenschaften erreichen, mussten dafür aber deutlich weniger Kampfkraft aufwenden als in anderen kapitalistischen Staaten, sammelten also auch weniger Kampferfahrungen. Bis heute ist die BRD eins der streikärmsten Länder in Europa.

Dazu trägt auch die Peitsche bei, die besonders reaktionäre Form der bürgerlichen Demokratie in der BRD. Dazu gehört, neben Altnazis im Staatsapparat, Antikommunismus und KPD-Verbot, ein besonders eingeschränktes Streikrecht. Arbeitsrichter wie Nipperdey (vor 1945 Nazi-Arbeitsrichter) erklärten politische Streiks für „verboten“

— bis heute herrschende Rechtsauffassung deutscher Arbeitsgerichte. Und herrschende Streikauffassung deutscher Gewerkschaftsführer: „Von politischen Streiks mit dem Ziel, Teile des Wirtschaftslebens zeitweise lahmzulegen, nahm Huber deutlich Abstand. (…) Betriebsversammlungen während der Arbeitszeit (…) seien (…) nicht mit den flächendeckenden Ausständen in Frankreich oder Spanien zu vergleichen. Dieser Umgang mit Problemen passe nicht zu Deutschland und liege auch nicht in der Absicht der IG Metall“ [11].

Dem entspricht die Regelung betrieblicher Konflikte im Betriebsverfassungsgesetz: Auf der einen Seite die Beteiligungsrechte des Betriebrats, auf der anderen das Streikverbot und Gebot des „Betriebsfriedens“: die „Einigungsstelle“ als „schärfste Waffe“. Natürlich hat es starke Auswirkungen auf das Bewusstsein der Beschäftigten, ob in den betrieblichen Konflikten „ums Teewasser“ (Lenin) die Erfahrung gemacht wird, alle Ergebnisse sind„ Machtfragen“, Ausdruck der jeweiligen Kräfteverhältnisse, oder ob der Konflikt von den Betroffenen wegdelegiert wird an „Stellvertreter“ [12].

Zwar gibt es findige Belegschaften, Betriebsräte und Vertrauensleute, die diese Fesseln umgehen: die kollektive Nutzung der individuellen Informations- und Beschwerderechte durch eine komplette Abteilung oder gar Belegschaft kann auch mal einen „streikähnlichen Zustand“ herbeiführen[13].Das ist aber (noch?) eher Ausnahme als Regel.

Interessenvertretung als Dienstleistung?

Stellvertreterpolitik und Mangel an Streikerfahrung haben Folgen: viele KollegenInnen sehen sich nicht als aktive Mitstreiter einer Kampforganisation, sondern als passive Kunden einer Dienstleistung Interessenvertretung, einer Versicherung. So aber führt Enttäuschung über deren relative Ohnmacht in der Krise nicht zur Selbstermächtigung, Selbstvertretung und Selbstorganisation, also in den (gewerkschaftlichen) Kampf. Stattdessen liegt es näher, den Vertrag zu kündigen (durch Austritt) oder andere politische Angebote zu suchen, die (scheinbar) die ersehnte Sicherheit bieten — ein Anknüpfungspunkt für soziale Demagogie von Neonazis.

In diesem Zusammenhang ist auch die verbreitete Kritik gegenüber Gewerkschaften und Betriebsräten zu hinterfragen: Kritisieren die Beschäftigten den Verzicht auf die Organisierung konsequenter Kämpfe oder kritisieren sie als Kunden die Ergebnisse, ohne aber selbst kampfbereit zu sein? Auch unsere marxistische Kritik an sozialpartnerschaftlicher Gewerkschaftspolitik muss immer mit bedenken, welche dieser beiden Haltungen sie stärkt [14].

Die Auseinandersetzung mit dieser Kunden-Haltung, die zumindest partielle Überwindung der Stellvertreterpolitik, die Förderung der Selbstaktivität und -verantwortung der Beschäftigten und Gewerkschafter und die Einforderung ihres Bestimmungsrechts in den Gewerkschaften — also sie „selbständig gehen lehren“ — erscheint mir heute als der erste Schritt auf dem langen Weg der Lohnabhängigen von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich selbst“.

Quellen und Anmerkungen:

[1] Thomas Hagenhofer/NinaHager,UZ,10.12. 2010

[2] Robert Steigerwald, UZ, 24. 12. 2010, S. 19

[3] UZ, 24. 12. 2010, S. 19

[4] Das Elend der Philosophie, MEW Bd. 4, S. 180; MEAW (6), Bd. I, S. 309

[5] Manifest der Kommunistischen Partei, MEW, Bd. 4, S. 470/471; MEAW (6), Bd. I, S. 424— 426, Hervorhebungen jeweils von mir

[6] Willi Gerns, Klassenbewusstsein und Partei der Arbeiterklasse, Frankfurt/M. 1978, S. 13

[7] Vgl. hierzu z.B. Nicole Mayer Ahuja, Prekäre Arbeit—und die Gewerkschaften?, in: Projekt Klassenanalyse@BRD (Hrsg.): Umbau der Klassengesellschaft. Beiträge zur Klassenanalyse Bd. 2, Essen 2006

[8] Kommunistische Arbeiterzeitung (KAZ), Nr. 313, Oktober 2005, S. 24; vgl. ebenda „Warum sind die deutschen Arbeiter so wenig kampfbereit?“ und weitere Artikel zu diesem Thema (S. 24—39) sowie die Ausführungen von Robert Steigerwald über „Nationalgeschichtlich wirkende Faktoren“,

a. a. O., S. 63

[9] KAZ Nr.315, März 2006, S. 28 ff.; vgl. ebenda„Die besondere Rolle der deutschen Sozialdemokratie, gezeigt am Beispiel des Massenstreiks“ und weitere Artikel zu diesem Thema (S. 28—42)

[10] K.MarxanSchweitzer,MEWBd.32,S.570, Marx/Engels, „Über die Gewerkschaften“, Berlin (DDR) 1971, S. 570

[11] Berthold Huber auf der Pressekonferenz am 1. 11. 2010, FAZ, 2. 11. 2010

[12] Vgl. hierzu: Robert Steigerwald, a. a. O., S. 57/58

[13] Ein Beispiel dafür waren die „Informationstage“ bei Opel Bochum 2004, weitere Beispiele ähnlicher Belegschaftsaktionen gegen Abgruppierungen und Lohnsenkungen im Rahmen der Umsetzung des „Entgeltrahmenabkommens (ERA)“ in der Metallindustrie (MAN München, Karmann Osnabrück) siehe u. a.: KAZ Nr. 320, S. 7 + 9

[14] Diese Frage wäre m. E. ein wichtiger Aspekt in der Diskussion um „Alternative Listen“ bei BR-Wahlen — aber das wäre ein anderer Artikel …

 

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