Portugal im April – Chronist der Nelkenrevolution*

Posted on 7. April 2011 von

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von Klaus Steininger

Unser Redaktionsmitglied Hans Günter Szalkiewicz führte mit dem ehemaligen Auslandkorrespondenten des Zentralorgans der SED „Neues Deutschland“ und heutigen Chefredakteur der Monatszeitschrift „Rotfuchs“, Dr. Klaus Steiniger, folgendes Interview über sein neues Buch.

Die Reportagen Egon Erwin Kischs und John Reeds lassen historische Ereignisse miterleben. Dir gelingt das mit „Portugal im April“. Was war das für eine Revolution, deren Chronik Du erneut vorlegst?

Die Portugiesische Revolution (1974 bis Frühjahr 1976) war der bisher weitreichendste antikapitalistische Vorstoß in Westeuropa. Weder die nur auf eine Stadt beschränkte Pariser Commune noch das Spanien der Volksfront-Periode (1936—1939) oder der heldenhafte Kampf der griechischen ELAS/Volksarmee führten zu einer so tiefgehenden Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse wie Portugals Nelkenrevolution. Ab März 1975 wurden 245 inländische Konzerne, Banken und Versicherungen nationalisiert, die Arbeiterkontrolle in zahlreichen weiteren Betrieben eingeführt und die Güter der Latifundisten in Portugals Südprovinz Alentejo sowie Teilen des Ribatejo schlagartig durch das Landproletariat besetzt. Auf 1,2 Millionen Hektar entstanden dort 550 Kollektive Produktionseinheiten (UCP).

Es handelte sich um eine bürgerlichdemokratische Revolution, die auf einen antifaschistischen Befreiungsaufstand von Teilen der Armee und des Volkes folgte und sich bis an die Grenzen des Hinüberwachsens in eine sozialistische Revolution entfaltete. Obwohl die von der Portugiesischen Kommunistischen Partei (PCP) geführten Massen auch in Entscheidungszentren verlässliche Bundesgenossen wie den marxistischen Ministerpräsidenten General Vasco Gonçalves besaßen, vermochten sie die Machtfrage nicht zu ihren Gunsten zu entscheiden. Im Rücken des NATO-Mitbegründerstaats Portugal lag Franco-Spanien, vor der Küste kreuzte die 6. Flotte des Pentagon, der Norden und das Zentrum des Landes blieben überwiegend weiß, die Hilfsmöglichkeiten der geographisch entfernten sozialistischen Staaten waren eingeschränkt und nur zum Teil erschließbar.

Als Berichterstatter des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ warst Du gegenüber den portugiesischen Akteuren der Revolution mehr als ein Reporter. Du hast Genossen und Freunde gefunden …

Ich war in der Tat nicht nur Chronist, sondern auch Beteiligter an der Nelkenrevolution. Fünf Jahre habe ich an der Seite der portugiesischen Genossen am Kampf unmittelbar teilgenommen. General Gonçalves, von dem ich rund 120 handschriftliche Briefe besitze, in dessen Haus ich 1988 vier Wochen lebte und den ich auf mehreren Reisen durch die DDR begleitete, war ebenso mein enger persönlicher Freund wie der Direktor des Parteiorgans „Avante!“, António Dias Lourenço, der sich 17 Jahre in faschistischer Haft befand. Mein Zugang zum legendären PCP-Generalsekretär Álvaro Cunhal, mit dem ich bereits Mitte Mai 1974 in einer noch geheim gehaltenen Wohnung das erste Mal zusammentraf, war ebenfalls durchaus direkt.

Zu dem, was bei der Nelkenrevolution besonders beeindruckt, gehört die Tatsache, dass sie unter Bedingungen begann, die keine revolutionäre Situation vermuten ließen. Wie erklärst Du das?

Auf der ersten Pressekonferenz Cunhals, der zu dieser Zeit Minister in einer Koalitionsregierung unter Einschluss der Kommunisten war, sagte er: „Wenn man Euch noch vor vier Wochengefragt hätte, wo in nächster Zeit eine Revolution beginnt, hättet Ihr mit Gewissheit nicht auf Portugal getippt, das seit 48 Jahren eine faschistische Diktatur war. Aber die Geschichte verläuft irregulär und hält immer Überraschungen bereit.“

Ein auslösender Faktor der Portugiesischen Revolution war ohne Zweifel die Erosion des Regimes aufgrund der sieg- und sinnlosen, die Kräfte des kleinen iberischen Landes verzehrenden Kolonialkriege in Angola, Moçambique und Guinea-Bissau.

Wie war es möglich, dass sich die PCP zu einer so einflussreichen politischen Kraft entwickeln konnte?

Die PCP war die einzige Partei Portugals, die den Faschismus — im Unterschied zur schon sehr früh aufgebenden Sozialdemokratie — intakt überstand. Sie besaß in Cunhal einen überragenden Strategen und Taktiker, verfügte über eine gestählte kollektive Führung (hinter den 36 ZK-Mitgliedern lagen 308 Haftjahre!) und ließ sich stets von einem verlässlichen Kompass — dem Marxismus-Leninismus — leiten. Im April und Mai 1974 hatte sie nur etwa 3000 Mitglieder, die aus der Illegalität, den Zuchthäusern und der Emigration kamen. Sie wuchs bei damals zehn Millionen Landesbürgern binnen zweier Jahre auf 200.000 Genossinnen und Genossen an. Die PCP, die in der führenden Gewerkschaftszentrale CGTP-Intersindical nach wie vor über großen Einfluss verfügt, kann sich heute auf 70.000 Parteimitglieder stützen.

Als Chronist der Revolution sahst Du Dich auch der sie stets begleitenden und schließlich zu Fall bringenden Konterrevolution gegenüber …

Die mit Milliardenaufwand geschaffene Fronde aus Parteien der Sozialistischen Internationale mit der SPD an der Spitze, dem gesamten politischen Spektrum der europäischen Reaktion, sämtlichen imperialistischen Geheimdiensten und ultralinken Provokateuren, die sich gegen die Revolution wandten, wurde vom USA-Botschafter in Lissabon namens Frank Carlucci angeführt. Nach Erfüllung seiner Mission in Portugal machte ihn Washington ohne jeden Übergang zum stellvertretenden Direktor der CIA.

Ich habe die Konterrevolution jahrelang hautnah erlebt. Im „heißen Sommer“ 1975 war ich wiederholt in vom weißen Mob umzingelten PCP-Parteihäusern im Norden des Landes und drang später bis in die Zentren faschistoider Bombenwerfer auf den Azoren sowie in die Kabinettsräume des extrem rechtsgerichteten Regierungschefs von Madeira vor, der gerade feierlich gelobt hatte, niemals einen Reporter aus dem „Sowjetblock“ zu empfangen.

Die PCP gehört heute zu jenen wenigen kommunistischen Parteien Europas, welche in der Arbeiterklasse verankert sind und gesellschaftlichen Einfluss besitzen. Wo siehst Du die Ursachen dafür?

Die PCP hat ihre Prinzipien stets hochgehalten und ist auch unter den schwierigsten Bedingungen nicht schwankend geworden. Obwohl in der Versammlung der Republik und im Europaparlament durch etliche Abgeordnete vertreten, hat sie weder nach Regierungsbeteiligungen auf der Basis fauler Kompromisse geschielt noch des eigenen Vorteils wegen würdelose Zugeständnisse an andere gemacht. Das drückt sich auch in ihrer äußerst kritischen Haltung gegenüber der von Opportunisten dominierten Europäischen Linkspartei und ihrem konsequenten Nein zur EU — dem Europa der Monopole — aus. Die PCP ist keine jener Schönwetterparteien, die den Marxismus-Leninismus aus taktischen Gründen über Bord zu werfen bereit waren und sind. Dabei werden die portugiesischen Kommunisten von großen Teilen der Arbeiterklasse als deren Avantgarde betrachtet.

* Klaus Steininger, „Portugal im April — Chronist der Nelkenrevolution“, Verlag Wiljo Heinen, Franz-Mehring-Platz 1, 10242 Berlin, 14 Euro

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