Diskussion zu „Die Entwicklung der Produktivkräfte und der Arbeiterklasse“

Posted on 10. August 2011 von

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von Herbert Münchow

Stephan Müller erwähnt in seinem Beitrag „Die Entwicklung der Produktivkräfte und der Arbeiterklasse“ (T&P Nr. 24), dass die Debatte zur Ausdifferenzierung der Klassen und die Folgen für die revolutionären Bündnisse der Arbeiterklasse auch gegen Ende der „fordistischen Epoche“ auf Basis ökonomischer Forschungen z. B. von E. Varga und J. Kuczynski weitergeführt wurden. In diesem Zusammenhang kommt der Autor auf die beiden Bücher „Imperialismus heute“ und „Imperialismus in der BRD“ zu sprechen. Stephan Müller beklagt, dass es den „Thesenschreibern“ in der DKP nicht gelungen ist, kritisch daran anzuknüpfen. Dem ist zuzustimmen. Allerdings nicht ohne eine notwendige Anmerkung, die auch Teile des Programms der DKP selbst betrifft. Kuczynski hat nämlich u. a. gegen die Darstellung der Klassendifferenzierung im Buch „Imperialismus der BRD“ polemisiert. Dort gibt es eine Tabelle, die die überwältigende Mehrheit der Staatsbürokratie, „die unter anderem einen fest gesicherten Arbeitsplatz hat, also keine Reservearmee bilden kann, zur Arbeiterklasse rechnet.“ Dies wurde abgeleitet aus dem Proletarisierungsprozess, den der staatsmonopolistische Kapitalismus verstärkt, wobei der imperialistische Staat als Hebel wirkt. Aber Proletarisierung im Sinne von materieller Verschlechterung der Lebenshaltung, was im konkreten Fall überhaupt strikt zu bezweifeln war, bedeutet noch lange nicht Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse. Kuczynski warf die Frage auf, was es überhaupt für einen Sinn hätte, von Bündnispolitik zu sprechen, wenn man sowieso nach diesen Berechnungen über 80 Prozent der nicht zur herrschenden Klasse gehörenden Kräfte verfügt. Auch gegenwärtig befinden sich die Marxisten m. E. in einer Situation, wo sie — um mit J. K zu sprechen — immer noch recht am Anfang der Strukturanalyse und somit der der Analyse der Differenzierung der Arbeiterklasse in Deutschland stehen. Neben allgemeinen Überlegungen mit Blick auf die Frage nach der Stellung sozialer Großgruppen im Produktionsprozess und ihrem Verhältnis zu den Produktionsmitteln, geht es daher vor allem um ausgedehnte empirische Untersuchungen. Das neu erschienene Buch von Ekkehard Lieberam/Jörg Miehe (Hg.) „Arbeitende Klasse in Deutschland“ (Pahl-Rugenstein-Verlag 2011) ist ein Anfang, der zur Diskussion herausfordert und den sich kein Marxist entgehen lassen sollte. Im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen von Werner Seppmann (Kulturmaschinen-Verlag und Papy-Rossa-Verlag) betrachtet, bekommt man einen guten Überblick über die theoretischen Streitpunkte unter Marxisten hinsichtlich der Klassenanalyse.

Literatur: J. Kuczynski, Geschichte des Alltags des deutschen Volkes, Band 4, Köln 1996, S. 89.

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