Volksfront für Freiheit, Arbeit und Frieden

Posted on 10. August 2011 von

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von Daniel Bratanovic

Als am 14. Juli 1935 — 146 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille — 500.000 Pariser am Orte des Beginns der Französischen Revolution vorbeizogen, war damit ein weithin sichtbares und Hoffnung weckendes Signal der Einmütigkeit und Entschlossenheit gegen die damals auch in Frankreich reale Gefahr des Faschismus gesetzt. Die Manifestation der Massen unterstrich den feierlichen Schwur, den die Vertreter der auf dem Kongress des Friedens und der Freiheit zum Front Populaire (Volksfront) vereinten demokratischen Organisationen am selben Tag zuvor leisteten: „Wir schwören einig zu bleiben, um die Demokratie zu verteidigen, um die aufwieglerischen Ligen zu entwaffnen und aufzulösen, unsere Freiheiten dem Anschlag des Faschismus zu entziehen.“ Unter denjenigen, die den Eid schworen, befanden sich die Führer der drei großen Linksparteien: Edouard Daladier für die kleinbürgerliche Radikale Partei, Léon Blum für die Sozialistische (SFIO) und Maurice Thorez für die Kommunistische Partei (PCF). Damit entstand ein antifaschistisches Kampfbündnis, dessen Kern die französische Arbeiterklasse bildete, die sich1934 zur Aktionseinheit zusammengeschlossen hatte.

Dem Zusammenschluss ging eineinhalb Jahre zuvor, am 6. Februar 1934, ein faschistischer Putschversuch monarchistischer Ligen und reaktionärer Verbände voraus, die nicht zuletzt im Zuge der faschistischen Machtübernahme in Deutschland Auftrieb erhielten. Das Bestreben, die Verluste der Weltwirtschaftskrise von 1929 auf die Arbeiterklasse abzuwälzen, brachte wachsende Teile der französischen Monopolherren, die sogenannten „200 Familien“, dazu, mit dem Faschismus nach deutschem oder italienischem Vorbild zu liebäugeln. Dies war der eigentlichen Hintergrund des Putschversuchs, der letztlich kläglich scheiterte, aber dennoch ausreichenden Druck entfalten konnte, um die Regierung unter Führung der Radikalen zum Rücktritt zu zwingen.

Bildung der Einheitsfront

Auch nach dem Scheitern des Putsches war die Gefahr eines faschistischen Krisenlösungsszenarios nicht gebannt: Die Ligen führten weiter ihre Aufmärsche durch und verübten Anschläge, während die Regierung Laval arbeiterfeindliche Notverordnungsmaßnahmen erließ. Die beiden Arbeiterparteien erkannten die drohende Gefahr und begriffen, dass es die Spaltung der Arbeiterbewegung gewesen war, die den Faschisten den Sieg in Deutschland ermöglicht hatte.

Die PCF löste sich dabei schrittweise von den Beschlüssen des VI. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale, die sich schlagwortartig auf die Losung „Klasse gegen Klasse“ zusammenfassen lassen. Während die Kommunisten bisher die Isolierung der (rechts-)sozialdemokratischen Führung mit dem Ziel der Einheitsfront von unten angestrebt hatten, orientierten sie nun auf die Herstellung einer Einheitsfront mit der Sozialistischen Partei und weitergehend auf ein Volksfrontbündnis der Arbeiterklasse mit den Mittelschichten. Dieser Strategiewechsel vollzog sich in einem fruchtbaren Austausch mit dem Exekutivkomitee der KI unter Führung Dimitroffs. Unter dem äußeren Druck der Massen und ihres linken (nicht jedoch ihres links-radikalen und ihres trotzkistischen) Flügels im Innern der Partei, sah sich die Spitze der SFIO gezwungen, Ende Juli 1934 mit der Führung des PCF ein Einheitsfrontabkommen abzuschließen. Das war ein Novum.

Doch die PCF ging weiter. Ende Oktober desselben Jahres unterbreitete Thorez der Radikalen Partei den bis dahin unerhörten Vorschlag, eine „Volksfront für Freiheit, Arbeit und Frieden“ zu bilden, der zwar zunächst abschlägig beschieden, aber im Oktober 1935 angenommen wurde. Mitte Januar 1936 konnte dann nach zähem Ringen das Programm der Volksfront veröffentlicht werden, das die Grundlage für den gemeinsamen Wahlantritt im Juli bildete. Der Wahlkampf wurde von den drei Parteien der Volksfront vereint und offensiv geführt. Der Wahlausgang brachte dem Bündnis zwar keinen Erdrutschsieg, aber doch eine erkleckliche Mehrheit, innerhalb derer die SFIO die meisten Stimmen errang.

Eintritt in die Regierung?

Die PCF sah sich nun mit der schwierigen Frage der Regierungsbeteiligung konfrontiert. In enger Beratung mit dem EKKI entschied sich ihre Führung gegen einen Eintritt in eine Regierung mit den Sozialisten und den Radikalen. Auf dem VII. Weltkongress der KI hatte Dimitroff die wesentlichen Voraussetzungen für die Bildung einer Regierung der proletarischen Einheitsfront bzw. der antifaschistischen Volksfront formuliert. Der Staatsapparat der Bourgeoisie müsse erstens bereits ausreichend desorganisiert und paralysiert sein, zweitens müsse sich eine starke und gegen Faschismus und Reaktion entschlossene Massenbewegung im Auftrieb befinden. Das aber hätte unzweifelhaft einer vorrevolutionären Situation entsprochen, die in Frankreich zum Zeitpunkt der Absage an eine Regierungsbeteiligung durch die Kommunisten nicht vorlag. Dimitroff betonte allerdings, dass im Ergebnis der Mobilisierung der Massen eine Situation entstehen könne, in der eine Beteiligung sinnvoll erscheine, unter den gegenwärtigen Bedingungen aber gäbe sie den Gegnern der Volksfront das Signal für einen Frontalangriff.

Im unmittelbaren Anschluss an den Wahlsieg erhob sich eine wuchtige Streikbewegung, die die enorme Erwartungshaltung der Arbeiterklasse an die Volksfront zum Ausdruck brachte. Der Streik, der das gesamte Land erfasste, konnte der französischen Bourgeoisie bedeutende Zugeständnisse abringen. Im so genannten Matignon-Abkommen wurden erhebliche Lohnerhöhungen und das Recht der Belegschaften zur Wahl von Betriebsräten festgehalten. Die neu zusammengetretene Regierung Blum setzte in einem Zeitraum von zehn Wochen ununterbrochener Tätigkeit große Teile des Volksfrontprogramms um, darunter die Einführung der 40-Stunden-Woche sowie bezahlten Urlaub. Insgesamt markiert dieser Zeitraum die Phase der größten Erfolge der Volksfront, vor allem auch deshalb, weil sich die Massenbewegung auf ihrem Höhepunkt befand.

Revolutionäre Situation?

Ob nun im Moment der machtvollen Erhebung der Arbeiterklasse zugleich auch eine revolutionäre Lage entstanden war, wurde zum Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Linksradikale und trotzkistische Gruppen glaubten an die Möglichkeit des Aufstands. Der PCF hingegen war zwar der Auffassung, dass durch den Streik der Bewusstheitsgrad der Arbeiterklasse auf ein höheres Niveau gehoben wurde, bestritt aber die Behauptung, dass eine revolutionäre Situation herangereift sei. Die Parteiführung ging von der Überlegung aus, dass zwar die materiellen Bedingungen für die erfolgreiche Durchführung einer sozialistischen Revolution in Frankreich bestünden, aber noch längst nicht alle erforderlichen sozialen, politischen und ideologischen. Beträchtliche Teile der Arbeiterklasse hingen weiterhin dem Sozialreformismus an. Berücksichtigt werden musste auch, dass es sich bei der Volksfront um ein Bündnis defensiven Charakters zur Abwehr des Faschismus handelte. Jeder über die im gemeinsamen Programm fixierten Ziele hinausgehende Schritt zu diesem Zeitpunkt hätte die gerade erst als Partner gewonnenen Mittelschichten erschreckt und damit der Reaktion Gelegenheit zum Gegenschlag gegeben. Das bestehende Kräfteverhältnis sprach gegen den Aufstand und ein damit verbundenes unwägbares Bürgerkriegsszenario. Dies umso mehr, als es unter außenpolitischen Gesichtspunkten auch darum gehen musste, Hitlerdeutschland um jeden Preis zu isolieren.

Mit dem Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges sah sich die Volksfront frühzeitig einer denkbar schwerwiegenden Belastung ausgesetzt. Blums Orientieren auf eine Nichteinmischung, seine Nachgiebigkeit gegenüber der Appeasementpolitik der konservativen britischen Regierung und sein illusionärer Glaube, er könne dadurch einen Ausgleich mit Nazideutschland erlangen, zog die scharfe Kritik der Kommunisten nach sich, die indessen von außen nicht direkt auf den Regierungskurs einwirken konnten, aber ebenso wenig die Volksfront insgesamt gefährden wollten. Das wirft die Frage auf, ob die PCF bzw. die KI mit der ursprünglichen Haltung, sich an der Regierung nicht zu beteiligen, nicht einen Fehler beging. Sie vergab so die Möglichkeit, auf die sozialistischen und radikalen Bündnispartner in stärkerem Maße Einfluss ausüben zu können. Berechtigung hat diese Frage auch hinsichtlich des bald zutage tretenden Zurückweichens der Regierung Blum gegenüber der Großbourgeoisie, das in einer „Pause“ der Programmverwirklichung zum Ausdruck kam. Als besonders nachteilig erwies sich der Umstand, dass es nicht, wie von den Kommunisten gefordert, zu einem Aufbau von an der Basis verankerten und durch die Basis vertretenen Volksfrontkomitees kam, die das Regierungshandeln gründlich hätten verfolgen und kontrollieren können. Eine solche Einbindung der Massen war den Radikalen und den sozialistischen Führern suspekt. Deren Verständnis von Volksfront beschränkte sich auf eine parlamentarische Koalition.

Zu einem reichlich frühen Zeitpunkt also befand sich die Bewegung der Volksfront bereits wieder in einer rückläufigen Richtung. Zwischen Massenbasis und Regierung setzte rasch eine Entfremdung ein. Die Großbourgeoisie behielt weiter realen Einfluss im Lande und kontrollierte die hohe militärische und zivile Verwaltung. Von einer ernsthaften Säuberung des Staatsapparates, wie im Programm noch festgehalten, wurde abgesehen. Die schrittweise Abweichung vom Volksfrontkurs erreichte ihren Tiefpunkt 1938 im Verrat von München und dem offenen Bruch der Radikalen.

Bedeutung der Volksfront

Der Front Populaire stellte die angemessene und richtige Antwort auf die drohende faschistische Gefahr dar — sein Charakter war dementsprechend zunächst rein defensiv. Das Ziel der Kommunisten, aus dieser Defensivposition heraus in die Offensive zu gelangen, die zur sozialistische Revolution hätte führen können und die angesichts der Massenaktivität, vor allem der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse, kurzzeitig gegeben zu sein schien, wurde nicht erreicht. Dafür war die Stellung der Bourgeoisie noch zu gefestigt, das revolutionäre Massenbewusstsein zu wenig entwickelt und die außenpolitischen Bedingungen zu ungünstig.

Nichts desto trotz kommt der Geschichte der Front Populaire für die Kommunisten bei der Entwicklung ihrer Strategie und Taktik eine hervorragende Bedeutung zu. Der Aufbau der Volksdemokratien nach 1945 knüpfte an die dort gemachten Erfahrungen ebenso wie die der Frente Popular in Chile an. Und auch die Orientierung auf eine antimonopolistische Demokratie im Programm der DKP stützt sich auf die kollektive und kollektiv verarbeitete Erfahrung der Volksfront. In allgemeiner Hinsicht stellt ihr Zustandekommen die mühsam erarbeitete Fähigkeit der Kommunisten heraus, auf veränderte Umstände flexibel und geschmeidig zu reagieren. Eines aber dürfte über jeden Zweifel erhaben sein: Eine starke Kommunistische Partei ist die conditio sine qua non eines jeden Volksfrontbündnisses oder allgemeiner einer jeden ernsthaften Linksentwicklung. Die Stärkung der kommunistischen Kraft muss daher vorrangige Aufgabe sein.

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