Ist Stalin „der Verräter?“

Posted on 27. Oktober 2011 von

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von Fritz Dittmar

In „Kommunisten.eu“, dem Internet-Portal der DKP, erschienen zwei Artikel von hth zur Auseinandersetzung mit Stalin, „Stalin, der Verräter bist du!“ und „Der 22. Juni 1941 begann schon im Jahre 1924!“ Beide übersteigen beträchtlich das Maß an „Antistalinismus“, das bisher innerhalb der DKP üblich war, und sollen nicht ohne Antwort bleiben.

Zum ersten Artikel zunächst zwei Vorbemerkungen:

  • Wer ist „hth“? Ich sehe keinen Grund, warum unter solchen Artikeln nicht der Name des Autors stehen sollte. Zu Sorge vor staatlicher Repression wie die Berufsverbote seinerzeit oder gar juristische Verfolgung gibt der Inhalt jedenfalls nichts her.
  • „Verrat“ ist im allgemeinen Verständnis der geheime oder offene Übergang auf die Seite des bisherigen Feindes. Dass Stalin dem Feind, den Imperialisten oder den Faschisten, dienen und dem Sozialismus schaden wollte, ist bisher innerhalb der kommunistischen Diskussion auch von den schärfsten Stalintötern nicht behauptet worden, auch nicht von Chruschtschow. Schaun wir mal, wie hth diese Bezeichnung begründet.

Zu dem ersten Artikel eine weitere Anmerkung vorab: Die Ablösung des Außenministers Litwinow durch Molotow wertet hth als Entgegenkommen gegenüber Hitler. „Es wurde gleichzeitig erreicht, dass bei evtl. höchstrangigen politischen Verhandlungen mit dem Deutschen Reich die Faschisten nicht mit einem Juden verhandeln mussten.“

Beleg: Litwinow war Jude, Molotow nicht. Sonst nichts. Auf einer solchen Ebene möchte ich keine Debatte führen!

hth erhebt den Anspruch, „einen Beitrag…(zu)..einer umfassenden und tief gehenden dialektisch-materialistischen Aufarbeitung, Analyse und Bewertung (des sog. Hitler-Stalin-Pakts) zu leisten.“

Aus seiner ausführlichen Darstellung der diplomatischen Abläufe vor Beginn des 2. Weltkriegs kommt hth zum Grundsätzlichen: „1939 konnte der erwähnte Grundsatz des Kommunistischen Manifests (dass der Kampf der Kommunisten der Form nach national, dem Wesen nach aber international sein muss) nur alternativlos bedeuten: alle Kräfte, auch auf bürgerlich staatlicher Seite, gegen den Hauptaggressor in Europa – den Hitler-Faschismus – zusammen zu schließen“

Das ist als Ergebnis einer „tief gehenden dialektisch-materialistischen Analyse“ von bestrickender Schlichtheit: Der sozialistische Staat muss sich gegen den reaktionärsten imperialistischen Staat mit den weniger reaktionären verbünden, ob das nun möglich ist oder nicht. (Das ist nebenbei die gleiche Idee des „kleineren Übels“ wie bei den sozialdemokratischen Führungen im ersten Weltkrieg: Die britische und französische Partei mobilisierten damals ihre Arbeiter für die Verteidigung der Demokratie gegen den autoritären deutschen Staat, die Deutsche Partei mobilisierte ihre Arbeiter gegen die russische Despotie, beide zum Nutzen ihrer jeweiligen kapitalistischen Herren und zum Schaden der von ihnen geführten Arbeiter.)

Ob 1939 ein Bündnis der Sowjetunion mit den Westmächten überhaupt möglich war, stellt hth in diesem Text nicht in Frage. Er wirft der sowjetischen Diplomatie vor: „…noch bevor die Verhandlungen der SU mit GB und Frankreich definitiv gescheitert waren, waren im Kern die Würfel (zugunsten des „Hitler-Stalin Pakts“) bereits gefallen.“ Meines Wissens hatten die westlichen Verhandlungsdelegationen in Moskau nicht einmal ein Mandat zum Abschluss eines Vertrags. Das bedeutet aber, dass die „Verhandlungen“ real überhaupt nicht stattgefunden hatten, sondern lediglich ein Hinhaltemanöver der Westmächte waren. Ähnliches gilt innerhalb der Scheinverhandlung für die Weigerung der Westmächte, ein „zuvor festzulegende(s) militärisches Umsetzungsabkommen“ (zu unterzeichnen) und einem „Durchmarschrecht …in Rumänien, Polen und Litauen“ zuzustimmen. Danach hätte sich die SU zu einem Bündnis verpflichten sollen, das sie mangels gemeinsamer Grenze mit Deutschland überhaupt nicht hätte erfüllen können.

Um hier die Interessenlagen und Handlungsoptionen nachzuvollziehen, ist ein Blick auf die Interessenlage und die Strategie der drei Hauptakteure nötig, der „umfassend(er) und tief(er) gehend“ ist als in hths Text:

Die Achsenmächte: Die deutschen Imperialisten hatten sich mit ihrer Niederlage im I. Weltkrieg nicht abgefunden. Mit den Faschisten hatten sie genau diejenige Regierung an die Macht gebracht, die ihre Revancheziele konsequent und rücksichtslos umsetzen würden. Das bedeutete: Aufrüstung und Krieg, den Griff nach der Weltherrschaft. Dazu gehörte ein Anspruch auf Kolonien der imperialistischen Konkurrenten. Zentraler Punkt ihrer Politik war aber die tödliche Feindschaft und der unbedingte Vernichtungs- und Eroberungswille gegenüber dem sozialistischen Staat. Das war bereits in „Mein Kampf“ unmissverständlich dargelegt. Die günstigste strategische Option für sie war ein Krieg, der nicht als Zwei-Fronten-Krieg ausgetragen würde. Dafür gab es zwei Möglichkeiten: Erst die Westmächte besiegen und sich dann der SU zuwenden, oder mit Duldung der Westmächte als erstes die SU angreifen.

Die Westmächte: Sie teilten die Feindschaft der deutschen Imperialisten gegen die SU, die sie mit ihrer Intervention im Bürgerkrieg nicht hatten vernichten können. An einem Krieg mit Deutschland waren sie nicht interessiert. Ihre Option war, die Aggression der Deutschen direkt auf die SU zu richten, in der Hoffnung, dass Deutschland durch einen Sieg befriedigt und für einen anschließenden Krieg gegen die Westmächte militärisch zu sehr geschwächt sein würde. Gleichzeitig würden dann die Faschisten auch den Todfeind der Westmächte, den sozialistischen Staat, vernichtet haben. Dementsprechend betrieben sie eine Politik des „Appeasements“, der Zugeständnisse an Hitler. Auf die Bestrebung der SU, ein Verteidigungsbündnis gegen den Faschismus zu schließen, reagierten sie mit Hinhalte-Taktik. Noch nach Beginn des Kriegs unternahmen sie nichts, um ihren Verbündeten Polen zu unterstützen. Danach folgte der „merkwürdige Krieg (drôle de guerre), wo die Westmächte ein halbes Jahr lang trotz anfänglich überlegener Kräfte militärisch nichts unternahmen. Dahinter stand die Hoffnung, Hitler könnte sich angesichts der Untätigkeit der Westmächte doch noch vor einer Entscheidung im Westen gegen die SU wenden. Erst nachdem Frankreich besiegt war, setzten sich in GB mit Churchill die realistischen Kräfte durch, die begriffen, dass ein Sieg über die SU Deutschland eine Übermacht auch über die Westmächte verschaffen würde. Erst damit wurde die Anti-Hitler-Koalition möglich.

Die Sowjetunion: Aus allen Erklärungen des Sowjetführung geht eindeutig hervor, dass sie einen imperialistischen Angriff als unvermeidlich ansahen, und dass sie diesen in erster Linie von Deutschland erwarteten. Darauf bereitete die SU sich unter Anspannung aller Kräfte vor, ökonomisch und militärisch. Bekannt ist die Orientierung vom Ende der Zwanziger Jahre: „Entweder wir holen den Rückstand von hundert Jahren in zehn Jahren auf, oder wir werden zermalmt.“ In dieser Lage war jedes Jahr Frieden und Zeit für den Aufbau ein unschätzbarer Gewinn (ebenso wie jeder Kilometer Verschiebung der Grenze nach Westen).

Selbstverständlich wäre es für die SU am günstigsten gewesen, sich bei Beginn des Kriegs in einem (realen!) Bündnis mit den Westmächten zu befinden. Dazu aber fehlte die Bereitschaft der herrschenden Kreise der Westmächte. Das zeigte sich an deren „Appeasement“ – Politik gegenüber Hitler und und ihrer Hinhalte –Taktik gegenüber der SU.

Die sowjetische Führung war verpflichtet, sich darauf nicht einzulassen: „Die Friedenspolitik fortzuführen, …vorsichtig zu sein und nicht zuzulassen, dass unser Land in Konflikte durch Kriegstreiber verwickelt wird, die gewohnt sind, andere für sich die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen.“ . Aber genau das hält hth Stalin als positives Signal an Hitler vor!

Weiter erhebt hth gegen die SU den Vorwurf eines egoistisch-selbstbezogenen Prinzips und versucht das mit einem Zitat des Außenministers Molotow zu belegen: „Es ist unsere Pflicht, an die Interessen des Sowjetvolkes zu denken…Ist es wirklich schwer zu verstehen, dass die UdSSR …ihre eigene unabhängige Politik verfolgt, die sich auf den Interessen der Völker der UdSSR und nur auf ihren Interessen gründet.“

Das mag für Zeitgenossen wie den von hth zitierten Münzenberg tatsächlich schwer zu verstehen gewesen sein. Deutlicher wäre es vielleicht gewesen, wenn Molotow betont hätte, dass in der damals entstandenen Weltlage die Interessen der Arbeiter und Friedenskräfte weltweit identisch waren mit den Interessen „der Völker der Sowjetunion“. Wo wäre die Welt, die Hoffnung der Kommunisten geblieben, wenn die SU infolge einer anderen Strategie nicht so stark wie möglich gemacht, wenn sie vom Faschismus vernichtet worden wäre? hth fordert, dass „dem Wirken des Imperialismus als Weltsystem auch eine entsprechende, das Ganze berücksichtigende Strategie der Kommunisten gegenüber stehen muss.“ Und in der Tat bestand eine solche Strategie, und zwar genau darin, die SU so stark zu machen, dass sie (mit einiger Hilfe der Westmächte) den Faschismus besiegen konnte. Es besteht schon eine gehörige Portion Dogmatismus dazu, diesen Zusammenhang 72 Jahre danach nicht zu verstehen.

Zu dem zweiten Artikel auch eine Vorbemerkung: hth schreibt „Leningrad wurde z.B. bewusst nicht von der Wehrmacht eingenommen, man wollte die Bevölkerung lieber durch Aushungern vertreiben und töten.“ Das ist historisch nicht haltbar. Natürlich wollte die Wehrmacht Leningrad einnehmen und hatte bereits an die höheren Offiziere Eintrittskarten für die Siegesfeier im Leningrader Hotel Astoria verteilt. Der direkte Einmarsch hätte entscheidende Kräfte der Nordgruppe der Wehrmacht freigesetzt, um den stockenden Vormarsch der Gruppe „Mitte“ auf Moskau voranzubringen. Leningrad blieb unbesetzt, nicht weil „man wollte“, sondern weil man den Widerstand der Leningrader Verteidiger nicht brechen konnte. Als Hitler dann einen großen Teil der Nordarmee umorientierte, war es für die Eroberung Moskaus bereits zu spät. Die vor Leningrad verbleibenden Kräfte reichten nicht mehr zum Sturm, sondern „nur noch“ für die Belagerung und Aushungerung Leningrads.

Ansonsten versucht hth in diesem Artikel zu untermauern, dass ein Bündnis der SU mit England vor Beginn des Zweiten Weltkriegs möglich gewesen wäre. Als wichtigsten Beleg zitiert er Churchills Erinnerungen an ein Gespräch mit Ribbentrop aus 1937, (als Churchill Oppositionspolitiker war!)

Bemerkenswert daran ist erst einmal Churchills Aussage: „Wir hassten den Kommunismus so sehr wie Hitler“ (So klingt das zweideutig, aber im Zusammenhang des Zitats ist klar, dass mit „wie Hitler“ nicht gemeint war: „wie wir Hitler hassten“, sondern „wie Hitler den Kommunismus hasste“) Hier spricht also ein Todfeind der Sowjetunion Klartext, und hth wirft Stalin vor, dass er sich nicht „alternativlos“ mit diesem zusammengeschlossen hat! Immerhin fährt Churchill dann fort, niemals werde Groß-Britannien zulassen, dass Deutschland „die Vorherrschaft in Ost- und Zentraleuropa“ erringen würde. Allein in diesem Vorbehalt innerimperialistischer Konkurrenz lag die Basis für die spätere Anti-Hitler-Koalition. Aber selbst dieser Vorbehalt reichte vor dem Weltkrieg nicht als Grundlage, dass England und Frankreich zu einem Bündnis mit der SU gegen Hitler bereit gewesen wären. Erst musste Hitler durch seinen militärischen Sieg über Frankreich und die Errichtung seiner Vorherrschaft über ganz Kontinentaleuropa mit Ausnahme der Sowjetunion so stark werden, dass England nicht nur einen erstarkten Konkurrenten befürchten musste, sondern vor dessen militärischem Sieg Angst bekam.

hth behauptet zwar, Churchills Haltung sei auch diejenige „der Kräfte um und unter Chamberlain“ gewesen, bis auf die Bereitschaft, „den deutschen Plänen mit gewissen kleinen Zugeständnissen (!) entgegen zu kommen“, statt „kompromisslos dem ´Drang nach Osten´ entgegen“ zu treten. Diese „gewissen kleinen Zugeständnisse“ hatten darin bestanden,

  • die Vergrößerung des Reichsgebiets zu tolerieren (Rheinland, Saarland, Österreich, das Sudetengebiet, die Resttschechei und die Umwandlung der Slowakei in einen willigen faschistischen Vasallen)
  • die deutschen Verletzung der Rüstungsbegrenzungen durch den Versailler Vertrag zu tolerieren, einschließlich der Heeresgröße, der Produktion einer modernen Luftwaffe und der deutschen Marine-Aufrüstung
  • zu dulden, dass Hitler mit Franco einem potenziellen Verbündeten zum Sieg verhalf über den potenziellen Bündnispartner gegen Hitler, das republikanische Spanien.

Beachtliche „kleine Zugeständnisse“ in der Tat! Damit war das Kräfteverhältnis bereits vor dem Krieg deutlich zugunsten der Faschisten verschoben. Und das alles fand statt, während Hitler die Deutschen offen auf einen Angriffskrieg vorbereitete. Wenn die Westmächte ihm keine Grenzen setzten, solange er noch schwach war, so zeigt dies eben, jenseits der Interpretation einzelner diplomatischer Züge und Gegenzüge, eine Strategie. Diese Strategie war ausschließlich in der Spekulation begründet, das Aggressionspotenzial der Faschisten direkt gegen den gemeinsamen Todfeind, die Sowjetunion zu lenken.

Diese Strategie zu durchkreuzen, war die historische Aufgabe Stalins, und er hat sie erfolgreich gelöst. Wer da siebzig Jahre später „Verrat“ schreit, hat (im besten Fall) nicht genug nachgedacht.

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