Hans Heinz Holz: Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie

Posted on 2. November 2011 von

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von Ursula Vogt

„Befreit die Philosophie aus der Haft der Hörsäle und Lehrbücher der Philosophen und verwandelt sie in eine scharfe Waffe in den Händen der Massen!“

(Mao ze dong)

Gerade ist der zweite Band des auf drei Bände angelegten Werks von Hans Heinz Holz „Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie“ erschienen.

Band 1: Von Hegel zu Marx: Die Algebra der Revolution. [1]

Band 2: Die Klassiker der III. Internationale: Theorie als materielle Gewalt. [2]

Soll ich das kaufen? Kann ich das alles lesen? Kann ich das denn kapieren?

Ja. Jein. Ja.

Ich fange beim Jein an:

Mit dem ersten Band liegen schon 287 Seiten vor einem, mit dem zweiten nochmal so viele.

Also ran an das Vorwort, in dem ein guter Autor sagt, was er will. Es geht um politische Philosophie, „und die ist Politik, nämlich eingreifendes Begreifen der Polis, d. h. der Gesellschaft in ihren staatlichen, bürgerschaftlichen Formen der Organisation menschlichen Gemeinschaftslebens.“ [1, 7] [3]

Also habe ich angefangen mit dem Teil zum Kommunistischen Manifest [1, 220ff]. Das kenne ich. Dann habe ich Lust bekommen, mehr zu erfahren darüber, wie Marx Hegel vom Kopf auf die Füße stellt und war dann schnell bei dem Kapitel, in dem dargelegt wird, wie „Form und Gehalt der Hegelschen Philosophie in Abhängigkeit von den historischen Erfahrungen der Revolution bestimmt werden können“. [1, 68ff] Philosophische Gedankengänge begreife ich dann am besten, wenn ich sie im Zusammenhang der geschichtlichen Ereignisse sehe. Meine Lust am Lesen stieg.

Band 2 kam mir dann gerade recht. Hier wird Hans Heinz Holz noch straffer in seinen Darstellungen: Er zeigt uns, wie und warum sich Lenin mit dem Positivismus auseinandergesetzt hat. Wie sich nach der Niederschlagung des ersten Revolutionsversuchs in Russland 1906 ideologische Unsicherheit breit machte und „parallel zur Aufweichung der revolutionären Parteilinie eine theoretische Revision des Marxismus“[2,21] erfolgte. Es geht „um die Frage, ob die praxisleitende Theorie als ganze ihre innere Stimmigkeit behält oder in Einzelteile aufgebrochen wird und einen dem Klassenkampf schädlichen Einfluss gewährt“. [2, 23]

Begeisternd, wie Hans Heinz Holz uns auf den Spuren Lenins an die Quellen des Marxismus heranführt und wir seine Bestandteile und historische Bedingtheit begreifen. So z. B. „Hegel materialistisch lesen“. [2, 48ff]

Auch Gramscis Bedeutung für den Kampf des Proletariats wird uns gezeigt: „Gramscis Konzeptionen der Hegemonie, der società civile, des senso commune, der drei Formen des Bewegungskriegs, Stellungskriegs und des unterirdischen Kampfes und der Partei sind Bestandteile einer kohärenten Theorie, mit welchen Zielen und wie der proletarische Kampf unter der konsolidierten Herrschaft der Bourgeoisie zu führen sei. Gramsci war der marxistische Denker, der nicht nur taktisch, sondern grundsätzlich und epochengeschichtlich die Determinanten kommunistischer Politik in hochkapitalistischen Gesellschaften herausgearbeitet hat“. [2, 96]

Durchgängig zeigt sich das Prinzip, Philosophie zu begreifen als eingreifendes Begreifen. Konsequenterweise wird Stalins Rolle „als Theoretiker des Leninismus“ [2, 147ff] genauso dargestellt wie die theoretischen Wurzeln der Fraktionskämpfe in der KPdSU [2, 182ff] — wobei die vernichtende Kritik an Bucharin nicht von Stalin, sondern von Gramsci stammt! Der Stalinismus wird als „antikommunistischer Kampfbegriff“ [2, 207ff] der Bourgeoisie zurückgewiesen.

Im 4. Hauptstück geht es um Mao ze dong: „Die Welt ist im Umsturz“ [2, 219ff]. Hans Heinz Holz würdigt ihn auch dadurch, dass er uns aus dessen Gedichten zitiert und zeigt uns so, wie sich kulturelle Tradition in der politischen Sprache im Klassenkampf wiederfindet. Anhand der chinesischen Schriftzeichen lernen wir, dass es dem Chinesen nicht schwerfällt „auch die Begriffe in Bewegung zu versetzen“ und wie das Yi jing „es genau mit dem Prozess von Übergang und Umschlag zu tun (hat), den wir als Inhalt einer materialen Dialektik in der Hegelschen ,Phänomenologie des Geistes‘ erkannten“ [2, 237] und wie Mao es versteht, Grundlagen der Dialektik vor dem Hintergrund der chinesischen Philosophiegeschichte zu formulieren. Wir gehen mit auf den „Langen Marsch“ und verstehen, dass „Maos politischer Lebensweg, der Weg der chinesischen Kommunisten von 1920 bis zur Gründung der Volksrepublik China ein Weg (war), der zum Sieg durch Niederlagen führte“ [2, 225].

Wieder zeigt uns Hans Heinz Holz anhand der Diskussionen und Auseinandersetzungen in der KPCh, wie die Theorie an der Praxis überprüft werden muss und nicht als Dogma begriffen werden darf: „Wir können den Marxismus nur dann in die Praxis umsetzen, wenn wir ihn mit den Besonderheiten unseres Landes integrieren …“ [4]. Anhand Maos „Lehre vom Widerspruch“ [2, 234ff] wird uns das anschaulich dargestellt.

Das Buch ist zusammengestellt aus verschiedenen Arbeiten über einen langen Zeitraum hinweg. Hans Heinz Holz bedauert im Nachwort die Einschränkungen, die ihm seine schlechte Gesundheit aufzwingen. Aber er hat nicht vergessen, uns im Anhang auch noch Fidel Castro ans Herz zu legen: „Der Sieg der Unbeugsamkeit“. [2, 264ff]

Kann ich das kapieren?

Gerade in der jetzigen Zeit, wo es nur so wimmelt von Theorien, die von sich behaupten, sie wären eine zeitgemäße Auslegung und Anwendung des Marxismus [5] ist es unerlässlich, sich theoretisch zu wappnen. Hans Heinz Holz erklärt uns die „Geschichtlichkeit des Marxismus“ [2, 36ff], das Kontinuum der Entwicklung der kommunistischen Theorie und Praxis im konkreten Kampf, auf dem konkreten Boden der konkreten, objektiv gegebenen Bedingungen, in der Auseinandersetzung um die richtige Praxis, mit den richtigen und falschen Antworten. Der Text ist trotz seiner wissenschaftlichen Sprache gut zu verstehen, weil alle philosophischen Fragen in ihrem Bezug — warum haben sie sich gestellt? Wie wurden sie beantwortet? Wohin hat das geführt? — dargestellt sind.

Es gibt einige Arbeiten von Hans Heinz Holz, die sehr schwer zu lesen sind, weil sie sich auf einer Stufe der Abstraktion bewegen, die wir als philosophische „Laien“ (noch) nicht erklimmen können. Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie jedoch ist für UNS geschrieben. Für uns Kommunisten in einer wahrlich üblen Zeit, in der es so aussieht, als kämen wir gar nicht mehr raus aus dem Tal der Niederlagen, wo wir jeden Tag mühsam um unsere Fassung ringen. Dazu brauchen wir unsere Wissenschaft. Hans Heinz Holz gibt sie uns hier meisterlich in klarer Sprache und ohne jede Verflachung. „Lenin wie Gramsci haben ganz deutlich gemacht, dass die Verwirklichung der Philosophie dem philosophischen Denken und seiner systematischen Ausarbeitung kein Ende setzt, sondern ein die Geschichte des Handelns immerwährend begleitender Prozess ist.“ [6]

Quellen und Anmerkungen:

[1] Aurora Verlag, Berlin, 2010, ISBN 978-3-359-02510-8

[2] Aurora Verlag, Berlin, 2011 ISBN 978-3-359-02511-5

[3] Vorwort Band 1, Seite 7 — wo nicht anders angegeben beziehen sich die Zitate auf die beiden Bände in der Form <Band>, <Seite>

[4] Mao in seiner Rede auf dem 6. Plenum vom Oktober 1938. Zitiert nach Band 2, S. 230

[5] Ich möchte hier ausdrücklich auf die „Politischen Thesen des Sekretariats des Parteivorstands der DKP“ verweisen, die uns im Februar 2010 als der große Wurf präsentiert wurden. Sie sind ein Musterbeispiel dafür, wie theoretische Konfusion die Partei in der Praxis in den Abgrund führen werden.

[6] Nachwort, Band 2, Seite 272. Hier erfahren wir auch: „Welche philosophischen Konstanten dabei zu bedenken sind, wird Gegenstand des 3. Bandes von Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie sein.“

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