„Neuererlogik“ neu aufelegt

Posted on 2. November 2011 von

0


von Wolf-Dieter Gudopp

Folgende „Notizen“ vom 23. 3. 2010 — der Autor betont ausdrücklich, keinen Artikel geschrieben zu haben — gab er einigen interessierten Genossinnen und Genossen zu lesen. Er nannte sie: „Was mir beim Lesen der ,Thesen‘ auf- und eingefallen ist.“ Wir übernehmen daraus Passagen aus dem 5. Kapitel zur DKP. Der Titel stammt von der Redaktion.

Besonders originell ist die These 8: „Klassenbewusstsein entsteht im Leben selbst“ (Abs. 3), wenn auch nicht von selbst; es „erfordert die selbstständige geistige Arbeit der ganz konkreten Menschen“ (Abs. 2). Das ist eine Menge Arbeit, denn „proletarisches Klassenbewusstsein“ kann alles Mögliche bis hin zur „Klimagerechtigkeit“ „beinhalten“ (Abs. 3); das Bewusstsein der geschichtlichen Bestimmtheit und Bestimmung, der objektiv-realen geschichtlichen Aufgabe scheint bei dieser Art von „Klassenbewusstsein“ überflüssig zu sein.

In ihrer Frühschrift Die heilige Familie schrieben Marx und Engels: „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.“ (MEW 2, S. 38)

Ein „vereinfachtes Bild vom ,Hineintragen des Klassenbewusstseins’“ (Abs. 4) wird hoffentlich kein Kommunist pflegen, die Vorstellung, man könne Klassenbewusstsein irgendwoher (vielleicht aus dem Zentralkomitee) holen und in die Schar der aufnahmebereiten Arbeiter hineinschaufeln. Weshalb nehmen die Verfasser die klassische Formulierung des „Hineintragens“ auf? Offensichtlich, um sie zu diskreditieren. Klassenbewusstsein, erläutert Lenin nachdrücklich, entsteht eben nicht „im Leben selbst“, nicht spontan, sondern ist ein theoretisches Bewusstsein. Daher die Notwendigkeit, Arbeiterbewegung und Marxismus zu verbinden. „Es wird namentlich die Pflicht der Führer sein, (…) stets im Auge zu behalten, dass der Sozialismus, seitdem er eine Wissenschaft geworden, auch wie eine Wissenschaft betrieben, d. h. studiert werden will“, schreibt Engels in einer Vorbemerkung zum Deutschen Bauernkrieg (MEW 18, S. 517).

Lenin zitiert in „Was tun?“ (Kap. II. b) zustimmend Kautsky. „In diesem Zusammenhang [Kautsky kritisiert das neue Programm der österreichischen Partei] erscheint das sozialistische Bewusstsein als das notwendige direkte Ergebnis des proletarischen Klassenkampfes. Das ist aber falsch. […] Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. […] Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes.“ „Die Frage kann“, schreibt Lenin, „nur so stehen: bürgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht. (…) Darum besteht unsere Aufgabe, die Aufgabe der Sozialdemokratie, im Kampf gegen die Spontaneität …“ (Lenin Werke, Band 5, S. 394—396). Daher besteht die Aufgabe der Partei „nicht darin, im Nachtrab der Bewegung einherzutrotten“. Sondern sie hebt die Bewegung nach Kräften auf die Höhe ihrer Konzeption empor (Kap. II. c, S. 408). Der Gerechtigkeit wegen muss festgehalten werden, dass Lenin in den Thesen immerhin einmal — in einer offenen Reihe — erwähnt wird: 5. Kap., 11. These, 2. Abs.

Natürlich, wenn man sich vom wissenschaftlichen Sozialismus verabschiedet und die ideologische Entwaffnung betreibt, dann verändert sich zugleich auch die Theorie und das Organisationskonzept der kommunistischen Partei als der Partei des organisierten und organisierenden Klassenbewusstseins. Sie hat sich in Luft, pardon: in Bewegungen, aufgelöst; man beklagt die Schwäche der Partei und rät zum Selbstmord. F Dann kann eine „radikale Demokratie“ zum Oberbegriff werden, zur Methode, die gleichförmig den Weg und das Ziel umfasst (Abs. 8). Dann wird es zur Aufgabe der Kommunisten, sozialpädagogisch der neoliberalen Lebensweise, der „Kultur des Egoismus, der Individualisierung und Verantwortungslosigkeit“ entgegenzuwirken und „Möglichkeiten von Ansätzen alternativer Praxis zu erringen“ (dazu auch Kap. 5, These 2, Abs. 2/3). Es geht, wie schon die These 6 erklärt hat, „nicht nur um Korrekturen der durch den neoliberalen Kapitalismus hervorgerufenen Zerstörungen, sondern um das ganz Andere: anders arbeiten — anders leben — ein anderes Verhältnis der Menschen zueinander und zur Natur“. AMEN. Die Entwicklung des Sozialismus von der Wissenschaft zum Konfirmandenunterricht.

Die These 9 unterstreicht variantenreich die Parole einer „radikal“ genannten, aber nicht ansatzweise an die Wurzeln gehenden, sondern diese verbergenden, abstrakt-allgemeinen Demokratie im unwirklichen Wolkenkuckucksheim (Sie geht hinter Konzeptionen der bürgerlich-revolutionären Theorie zurück). Wenn sie (in Abs. 6) bei den Aufzählungen dessen, was „demokratisch“ (Anführungszeichen im Text) sei, u. a. sagt, „dass der revolutionäre Prozess durch das aktive Handeln der Mehrheit vorangetrieben wird, mit der vollständigen Achtung des Willens der Mehrheit …“, erweckt sie unzweifelhaft den Eindruck, dass sie die numerische und nicht eine qualifizierte Mehrheit meint. So wird auch die sozialistische Macht demokratisch sein müssen; „in ihrem partizipativen demokratischen Charakter […] liegt für die revolutionäre Macht die Garantie(!), auch angesichts einer sich restaurierenden Konterrevolution zu überleben“ (Abs. 8). „In ihrem demokratischen und partizipativen Charakter (…) liegt für die revolutionäre Macht auch die Garantie(!) für ökonomische Leistungsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit und Emanzipation“ (Abs. 9). Die revolutionäre Regierung wird als so etwas wie ein sich selbst organisierender, großer runder Tisch aller vorgestellt (Abs. 6). Sancta Simplicitas.

Auch die DKP soll dem Demokratie-Ideal gerecht werden (These 10), mit Plattformen aller Art, solange daraus keine „strukturierten Strömungen“ werden, die die Disziplin des einheitlichen Handelns verletzen (Abs. 2/7) — auf den Begriff des demokratischen Zentralismus wird schamhaft verzichtet. Dass dabei Anleihen vom Modell PdL gemacht werden, ist evident.

Die Freiheit der Theorie (Abs. 2/8) unterliegt nicht diesem Reglement. Jetzt wird’s interessant: Die Thesen haben ein gehöriges Maß an Gläubigkeit und zukunftssicherem Garantieversprechen bekundet; da wundert es zu lesen, was nicht zum Grundkonsens gehört und aus dem theoretischen Meinungsstreit verbannt ist: „Glauben und vorausbestimmtes Geschichtsverständnis. „Was meinen die Verfasser? An wen oder was denken sie und welche Philosophie oder „Philosophie“ haben sie im Gepäck? Mir ist unter Kommunisten noch niemand begegnet, der sich dieses Schmuddelhemd anzuziehen hätte; wohl aber konnte ich die Vermutung, wonach der Marxismus ein Glaube sei (s. auch These 11, Abs. 2), zur Genüge hören und lesen: aus dem Mund oder den Schriften ahnungsloser oder antikommunistischer Zeitgenossen. Was ein „vorausbestimmtes Geschichtsverständnis“ sein soll, darüber muss man nachdenken. Der Konsens wäre der deutschen Gebrauchsanweisung eines japanischen Geräts würdig.

Unterstellen wir, dass den Schreibern auf der Zunge lag, was sie benennen wollten, sie es aber nicht herausbekamen: die wissenschaftliche, die materialistisch-dialektische Geschichtsauffassung, die es erlaubt, Gesetzmäßigkeiten der geschichtlichen Entwicklung zu entdecken, zu untersuchen, daraus dann auch Prognosen zu treffen und im Resultat zum Beispiel zu sagen: Der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ist notwendig, und dem Gesetz wird gehorcht.

Zum Nachdenken ein Hinweis auf das Manifest: „Ihr (der Bourgeoisie) Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich“ (Schlusssatz des Kapitels I). „Sie (die Kommunisten) haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ (Kap. II, Abs. 6). Mit dem Wort „vorausbestimmt“ wird wieder ein absurder Popanz eingeführt, der aus der alltäglichen ahnungslos oder gezielt diffamierenden, antimarxistischen Propaganda hinlänglich bekannt ist. Was den Thesen-Schreibern tatsächlich unter der Tastatur oder sonst wo brennt, haben sie im 1. Absatz der 1. These des 5. Kapitels gesagt, und von daher will die verunglückte Formulierung gelesen werden: „Der Sozialismus tritt nicht mit historischer Notwendigkeit ein, sondern ist eine Möglichkeit …“ Dazu ist oben das Nötige gesagt worden*). In der Wissenschaftsdemokratie der Thesen ist alles erlaubt außer dem Marxismus, wie im richtigen Leben (das KPD-Verbotsurteil hatte den Marxismus-Leninismus, soweit er ein Theorie-Feld ist, noch geschützt). Ich grüße als ein Exkommunizierter. (…)

*) Dies bezieht sich auf den Passus bei Gudopp: These 1: Der erste Absatz deklariert die direkte Entgegensetzung — oder um im Jargon zu bleiben: die Alternative — zum Marxismus, zum wissenschaftlichen Sozialismus, als Programm: „Der Sozialismus tritt nicht mit historischer Notwendigkeit ein, sondern ist eine Möglichkeit, die vom Handeln der Menschen

— vor allem der organisierten Arbeiterklasse […] — abhängt.“ Richtig wäre zu sagen: Der Sozialismus tritt nicht auf dem Wege eines historischen „Automatismus“ ein. „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen Umständen“ (Marx, Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, S. 115). Gesetze der gesellschaftlichen Bewegung wirken durch das Bewusstsein und das Handeln der gesellschaftlichen Menschen und können daher verletzt oder versäumt werden; die Notwendigkeit aber holt, und sei‘s über Katastrophen, Versäumnisse und Verletzungen wieder ein: Gesetz bleibt Gesetz, und nur in der Einbildung kann man es überspielen. Was ist ein Gesetz? „Gesetze […], diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen“ (Marx im Vorwort von Das Kapital 1, MEW 23, S. 12).

 

Advertisements