Protest gegen Geschichtsfälscher bei kommunisten.de

Posted on 2. November 2011 von

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von Sepp Aigner

Im Internet-Portal der DKP „kommunisten.de“ erschien am 24. August 2011 ein Artikel von hth „ … Stalin, der Verräter bist du!“. Seine provokanten Thesen gipfeln in der Behauptung, die Sowjetunion habe damit eine „egoistisch-selbstbezogene“ Politik verfolgt und das Bündnis mit Hitler-Deutschland dem mit Frankreich und Großbritannien vorgezogen. Der Nichtangriffsvertrag habe „vorerst jede Hoffnung auf eine breite staatliche Einheitsfront gegen den Hauptaggressor Deutschland zunichte“ gemacht. Richtig ist lediglich, dass die Bedeutung und Notwendigkeit des Vertrags — diffamierend fälschlich von der Bourgeoisie „Pakt“ genannt — von vielen Kommunisten nicht erkannt wurde und sie mit Empörung reagierten. Der (scheinbare) Widerspruch zwischen nationaler und internationaler Strategie war für die kommunistischen Parteien, vor allem in Europa, damals tatsächlich ein großes Problem. Inzwischen aber liegen die Dokumente längst vor — die ersten schon 1948 in der Schrift „Geschichtsfälscher“ übrigens. [1]

Der Verfasser verschweigt konsequent alle Bestrebungen der Sowjetunion in den Jahren vor 1939 für ein System der kollektiven Sicherheit —noch am 17. 4. 1939 wandte sie sich vergeblich an die Regierungen von Frankreich und Großbritannien mit weitreichenden Vorschlägen. Danach war der Nichtangriffsvertrag für die UdSSR die einzige Möglichkeit, den (erwarteten) faschistischen Angriff hinauszuzögern, was letztlich kriegsentscheidend war. Und damit löst sich der strategische Widerspruch: die Verteidigung des einzigen sozialistischen Staates lag im Interesse der ganzen kommunistischen Weltbewegung.

Das Studium der historischen Tatsachen kann und will dieser kurze Hinweis nicht ersetzen — wer den Artikel wirklich beurteilen will, muss das tun. [2]

Gegen diesen Artikel gab es heftige Proteste beim Parteivorstand bzw. Sekretariat, unter anderem von

Dr. Hans-Peter Brenner, Mitglied des Parteivorstands (25. 8. 2011):

(…)„kommunisten.de“wurdevomParteivorstand als „Nachrichtenportal“ eingerichtet, damit die DKP unabhängig vom Rhythmus ihrer Wochenzeitung schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren kann. Wieso befasst sich „kommunisten.de“ überhaupt mit diesem so „brandaktuellen“ Thema und dann noch ohne Rücksprache mit dem Parteivorstand auf eine derart blamable, historisch unseriöse, alle Klischees des Antikommunismus nachäffende Manier.

Dieses Ereignis ist 72 Jahre alt. In 72 Jahren haben die deutschen Kommunisten, sei es als KPD, SED oder DKP sich mehrfach in Dokumenten und Stellungnahmen der verschiedenen Parteigenerationen zu dieser komplexen Frage geäußert. Nichts davon ist in diesem — von einem noch dazu anonym bleibenden Verfasser (hth — wer ist das?) — wiederzuerkennen.

Der PV der DKP hatte vor nur wenigen Wochen — nach langer, qualifizierter und solidarischer Diskussion — das Sekretariat der DKP beauftragt eine Stellungnahme zum 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion zu erarbeiten. Das ist geschehen und hat den Standpunkt der DKP zu dieser Periode einmütig zum Ausdruck gebracht. Nichts davon findet sich in Wort und Tenor dieser „hth“-Stellungnahme.

(…) Der Text kann nur als provokative Dummheit beurteilt werden. (…) [3]

Patrik Köbele, stellvertretender Parteivorsitzender (24. 8. 2011):

Dieser Artikel auf kommunisten.de entspricht weder unserer Position, ist inhaltlich unhaltbar (…), schreibt unsere Geschichte um und kann eigentlich nur eine der wiederkehrenden Provokationen sein, zu denen sich die Redaktion von kommunisten.de bemüßigt fühlt. (…)

Leider ist kommunisten.de nicht zum ersten Mal kein Medium der gesamten Partei sondern ein Einheizportal einer Richtung. Ich habe kein Vertrauen in die Redaktionsarbeit von Michael (Maercks

— die Red.) mehr. (…) [4]

DKP Gießen (30. 8. 2011):

Auf der Internetseite der DKP „kommunisten.de“ ist wieder einmal ein Artikel („Stalin, …“) erschienen, der von seinem Inhalt her nichts mehr mit kommunistischen Positionen zu tun hat, sondern in unsäglicher Weise die Geschichte verfälscht. Der Verfasser versteckt sich zudem hinter einem Kürzel, anstatt sich zu dieser Geschichtsklitterung namentlich zu bekennen. Gerade in einer Zeit, wo es in der DKP in einigen Fragen unterschiedliche Positionen gibt, sollte alles vermieden werden, was geeignet ist, die Auseinandersetzung derart provokativ zu vertiefen und dem Klassengegner zuarbeitet. Es sollten solidarische und sachliche Diskussionen geführt werden.Wir forderndaher den Parteivorstand auf, die Seite „kommunisten.de“ von einem anderen Genossen, einer anderen Genossin gestalten zu lassen. [5]

Wir dokumentieren auszugsweise noch zwei ältere Stellungnahmen über die Notwendigkeit des Vertrags:

Kurt Bachmann, der erste Vorsitzende der DKP, schrieb 1988 in einem Artikel zum Nichtangriffsvertrag:

„Der Nichtangriffsvertrag war, so habe ich es 1939 gesagt und davon bin ich auch heute zutiefst überzeugt, weder unter den damaligen Bedingungen noch aus heutiger Sicht ein Fehler, sondern kluge Einsicht in das damalige Notwendige.“ [6]

Willi Gerns verteidigte am 11. September 2009 in der UZ den Nichtangriffsvertrag. Er nahm Stellung gegen den russischen Ministerpräsidenten Putin, der — anlässlich des 70. Jahrestages des Überfalles der Hitler-Wehrmacht auf Polen — den Nichtangriffsvertrag als „unmoralisch“ bezeichnet hatte. Gerns zitierte S. P. Obuchow, ZK-Mitglied der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, der sich gegen Putin mit der Erklärung gewandt hatte: „Die strategische Entscheidung, die der UdSSR eine fast zweijährige friedliche Atempause und die Vorbereitung auf die Verteidigung ermöglichte, die einen Zweifrontenkrieg verhinderte und damit das Fundament für unseren Sieg 1945 legte, soll unmoralisch gewesen sein?“

Weiter Gerns: „Der Hervorhebung dieser strategischen Seiten des Vertrages muss man meiner Überzeugung nach zustimmen. (…) Wie hätte sich der Krieg entwickelt, wenn der Überfall der Naziwehrmacht auf die Sowjetunion 1941 seinen Ausgang hunderte Kilometer weiter östlich vor den Toren von Minsk und Leningrad genommen hätte? Und übersehen werden sollte auch nicht, dass die Gebiete, die die Sowjetunion 1939 in Ostpolen besetzte, zuvor während des Bürger-und Interventionskrieges von den polnischen Nationalisten annektiert worden waren. [7]

Der Nichtangriffsvertrag war Anlass für zahllose Angriffe der Reaktion auf die Sowjetunion. Der Artikel von hth verschweigt konsequent die Vorgeschichte und die historische Situation, in der sich die Sowjetunion 1939 befand — er bedient dabei ungeniert antikommunistische Vorurteile. Der Charakter von kommunisten.de als Strömungsorgan wird wieder einmal deutlich. Ohne die Zustimmung von Michael Maercks, dem verantwortlichen Redakteur, hätte der Artikel nicht erscheinen können. Warum gibt die Redaktion von kommunisten.eu immer wieder grünes Licht für Artikel, in denen die sozialistischen Staaten verleumdet und verunglimpft werden? Was ist die Absicht, die dabei verfolgt wird?

Quellen und Anmerkungen:

[1] Geschichtsfälscher. Aus Geheimdokumenten über die Vorgeschichte des 2. Weltkrieges. Dietz Verlag, Berlin 1952 (russisch 1948)

[2] Zu den konkreten historischen Fakten siehe verschiedene Veröffentlichungen von Kurt Gossweiler, die auf seiner Homepage http://www.KurtGossweiler.de zu finden sind; siehe vor allem „Betrachtungen zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag von 1939″, in: „Wider den Revisionismus“, München 1997, S. 167—172. Und: Kurt Gossweiler, Quo vadis, DKP? auf der Website von T&P. In diesen Artikeln finden sich weitere Literaturhinweise.

[3] http://kritische-massen.over-blog.de/arti cle-dkp-ein-brief-an-die-parteiführung-824 66250.html; Stand: 29. 9. 2011

[4] Stellungnahme per E-Mail; liegt der Redaktion vor.

[5] Stellungnahme per Brief; E-Mail liegt der Redaktion vor.

[6] aus Kurt Bachmann, „Streit um den deutschsowjetischen Nichtangriffsvertrag“,in:„Wir müssen Vorkämpfer der Menschenrechte sein“, Pahl Rugenstein Verlag, Bonn 1999. Zuerst erschienen in: „Unsere Zeit“, 26. August 1988. Der ungekürzte Text ist auf der Website von T&P zu finden.

[7] aus UZ 26. 8. 1988. Auch dieser Artikel ist auf der Website von T&P zu finden.

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