Hans Heinz Holz ist tot.

Posted on 12. Dezember 2011 von

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Der Philosoph Hans Heinz Holz ist tot. Nach Angaben seiner Witwe Silvia Markun verstarb er am Sonntag in seinem Haus in Sant’Abbondio in der Schweiz. Das berichtet die in Berlin erscheinende Tageszeitung “junge Welt” (Dienstagausgabe).

Holz wurde am 26. Februar 1927 in Frankfurt am Main geboren, kam als 17jähriger wegen Widerstandes gegen das Naziregime in Gestapohaft und begann 1945 ein Philosophiestudium. Bereits in dieser Zeit arbeitete er als Autor für Zeitungen und Zeitschriften. Nach seiner Promotion bei Ernst Bloch war er Redakteur bei der Zeitung “Deutsche Woche”, seit 1960 freier Journalist in der Schweiz. 1971 erhielt er in Marburg eine Professur für Philosophie, von 1978 bis zu seiner Emeritierung in Groningen/Niederlande.

Holz galt als ein enzyklopädischer Gelehrter, der zur Geschichte und Systematik der Dialektik, zur Theorie der Kunst und zu Künstlern der Gegenwart, zu Problemen der Gesellschaftswissenschaften und der Politik eine Vielzahl von Büchern und Aufsätzen vorgelegt hat. Zuletzt erschienen von ihm die drei Sammelbände “Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie” im Berliner Aurora-Verlag.

Holz war Ehrenpräsident der Internationalen Gesellschaft für dialektische Philosophie, gewähltes Mitglied der Leibniz-Sozietät und der World Academy of Letters. Seit 1994 war er Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei, an deren Parteiprogramm er maßgeblich mitarbeitete.

Quelle: Junge Welt via pressemeldungen.com

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von Andreas Hüllinghorst

Denker des Ganzen

Zum Tod von Hans Heinz Holz: Er entwickelte die philosophischen und politisch-­theoretischen Grundlagen für eine erneute Umwälzung der Verhältnisse

Der Heerführer, so schreibt Lenin, »der die Reste einer geschlagenen (…) Armee in das Innere des Landes zurückführt, (…) erfüllt sein Pflicht (…), um Kräfte zu sammeln, um die Armee, die an Zersetzung und Demoralisierung leidet, Atem schöpfen und gesunden zu lassen« (LW 27, S. 149). Diese Aufgabe übernahm nach 1989 auf dem Feld der philosophisch-politischen Praxis im besonderen Maße der am 11. Dezember verstorbene Hans Heinz Holz. 1991 versammelte er mit Domenico Losurdo marxistische Philosophen, um sich über die »Zukunft des Marxismus« zu verständigen; 1 im selben Jahr erschien von ihm »Niederlage und Zukunft des Sozialismus«, 1995 folgte »Kommunisten heute«. Bis zu einem Sturz im Jahr 2006, der ihn seitdem ans Haus band, sprach er auf unzähligen Veranstaltungen und arbeitete am Programm der DKP mit. 2010 und 2011 erschienen im Aurora-Verlag seine konzeptionellen Überlegungen zur »Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie«. Bis zum Schluß orientierte er die von ihm mitherausgegebene philosophische Halbjahresschrift Topos auf anstehende philosophische Probleme im Klassenkampf und verfaßte wichtige Arbeiten zur Geschichte der Dialektik und zu deren logischer Struktur, nicht zu zählen die vielen Artikel, die er u.a. auch für die junge Weltschrieb. Kurz: Sein ganzes Bestreben lag nach 1989 darin, das revolutionäre Bewußtsein der kommunistischen Partei durch Einsichten in den Gesamtzusammenhang der (kapitalistischen) Welt zu wahren und zu entwickeln sowie die Partei auf ihre Hauptaufgabe zu orientieren: Revolutionieren der kapitalistischen in sozialistische Verhältnisse.Holz hatte sich bis zur Katastrophe im Jahr 1989 längst einen Namen als marxistischer Theoretiker gemacht. Seine philosophisch-systematischen Überlegungen waren ausgereift. Doch erst nach dem Sieg des Klassengegners zeigte sich ihre Stärke durch systematisches Durchdringen der gesellschaftlichen Wirklichkeit und durch daraus sich ergebende theoretisch-praktische Schlußfolgerungen für die kommunistische Bewegung, insbesondere für die DKP und deren Mitglieder. Darum ist er wesentlich ein Denker des zweiten Anlaufs.

Spiegelverhältnisse

Das Innere des Landes »Marxismus«, in das der Heerführer Holz uns leitet, ist die marxistische Philosophie – und zwar versteht er wie Friedrich Engels darunter die »Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs« und nicht etwa einen kantianisch-reformistischen Pseudomaterialismus, der das Denken des Ganzen negiert. Die ersten Jahren nach 1945 widmete sich Holz besonders dem Werk von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) – dessen kleinere philosophische Schriften er später erstmals in deutscher Übersetzung herausgab. »Leibniz leitete (…) eine philosophische Entwicklung ein, die von Hegel weitergeführt wurde und von ihm her in den dialektischen Materialismus einmündete.«2 Die »Monadologie« des Barockphilosophen ermöglichte Holz Einblicke in die Dialektik des Weltganzen – angestoßen von den marxistischen Klassikern, in deren Werken immer wieder von »abbilden« oder »widerspiegeln« die Rede ist, ja – wie eben bei Lenin – sogar das Universum als ein gigantisches Spiegelverhältnis begriffenwird: »Es ist aber logisch anzunehmen, daß die ganze Materie eine Eigenschaft besitzt, die dem Wesen nach der Empfindung verwandt ist, die Eigenschaft der Widerspiegelung.« (LW 14, S. 85) Wie so oft warfen unsere Altvorderen einen Gedanken hin, der lediglich ein Keim für die konsequente logische Ausarbeitung des dialektisch-materialistischen Begriffs ist. Holz folgte Lenins Denkaufforderung und entwickelte – mit Engels im Hintergrund – die logische Grundlage für eine Dialektik des Weltganzen, sprich: einer Dialektik der Natur.

Was Lenin als Eigenschaft der Materie benennt, ist als Verhältnis zu begreifen. Das Verhältnis, das jedes Seiende, um Seiendes zu sein, eingeht, ist, daß es – wie auch immer – wirkt. Wirken als solches ist modellhaft als Widerspiegeln zu denken. Würde etwas nicht wirken, nicht widerspiegeln, wäre es kein Seiendes. Jedes einzelne – sei es ein Bestandteil eines Atoms oder eine Galaxie, sei es ein einfaches Sandkorn oder etwas Komplexeres wie menschliches Selbstbewußtsein – kann man sich daher abstrakt als kugelrunden Spiegel vorstellen, der, wie alle anderen, das Universum spiegelt. Jeder Spiegel spiegelt daher nicht nur die Spiegel um sich herum, sondern, weil die umliegenden Spiegel andere umliegende spiegeln usw., reflektiert jeder mehr oder weniger vermittelt alle, also die ganze Welt. Insofern hat kein Spiegel, d.h. kein Seiendes, etwas anderes zum Inhalt als das in Raum und Zeit unendliche Universum (aller Spiegel). Jedes Seiende ist nichts anderes als das unendliche Universum in seiner gespiegelten Form. Darum ist nicht das Einzelne das Wesen der Materie, sondern der universelle Gesamtzusammenhang alles Seienden. Da alles Seiende nichts als das Universum zum eigenen Inhalt hat, ist alles Seiende miteinander identisch. Da aber jedes Seiende das Universum von einem anderen Ort aus spiegelt, erscheint das Weltganze in diesem Spiegelbild als ein anderes als in anderen Spiegelbildern. So sehr alles Seiende inhaltlich identisch ist, so sehr unterscheidet es sich auch im Spiegeln des Weltganzen, so daß jedes Seiende ein anderes Aussehen hat und von jedem anderen Seienden verschieden ist. Insofern ist im Universum nichts miteinander identisch. Das Universum, die Natur, erweist sich als Gesamtzusammenhang, der permanent mit sich identisch und nichtidentisch zugleich ist – und damit in Bewegung.

Den Widerspruch denken

Das Innere der Landes »Philosophie« hat selbst noch ein Inneres. Dies ist das dialektisch-materialistische Denken des Widerspruchs, sein Ursprung. Holz konzentrierte sich darauf erstmals in einer Publikation in dem Hegel-Jahrbuch von 1961. 1983 – nach einem Jahrzehnt als Feuilletonjournalist und einer Dekade als Universitätsprofessor in Marburg – vertiefte er im Amt eines »Kroondozenten« im niederländischen Groningen seine Überlegungen zur Grundform marxistischen Denkens in seiner wohl wichtigsten systematischen Arbeit »Dialektik und Widerspiegelung«; 2005 – angetrieben vom mißglückten ersten Sozialismusversuch – führte er sie in »Weltentwurf und Reflexion« weiter aus.

Holz folgte im Erfassen der dialektisch-materialistischen Widerspruchsform Karl Marx’ Einsicht, wonach der dialektische Materialismus logisch in der Hegelschen Philosophie gründet (MEW 23, S. 27), und ebenso Lenins Vertiefung des Marxschen Hinweises, daß u.a. Hegels Philosophie »Quelle und Bestandteil« des Marxismus sei. Auch den zweiten Schritt der marxistischen Klassiker ging er mit: Die das Hegelsche System entwickelnde Methode des Widerspruchsdenkens war »mystisch«, »auf dem Kopf gestellt«, wie Marx sich ausdrückte; sie mußte »umgestülpt« werden (MEW 23, S. 27); und zwar – so auch Lenin – dort, wo Hegel am idealistischsten ist, in seinem Methodenkapitel, dort ist er nämlich zugleich am materialistischsten.

Holz’ Überlegungen, den Widerspruch dialektisch-materialistisch zu denken, kommen in seinem Widerspiegelungstheorem zusammen. Es ist für die Entwicklung des dialektischen Materialismus nicht hoch genug einzuschätzen. Holz’ Herleitung dessen, was ein Widerspruch ist, ergibt sich für den dialektischen Materialismus aus Hegels Philosophie, die den Widerspruch wohl als Bewegungsform, aber des Weltgeistes und nicht der Materie begreift. Der dialektische Materialismus entspringt nicht irgendwo im Hegelschen System, sondern im Kapitel »Die absolute Idee«, also dort, wo Hegel seine eigene Denkmethode offenlegt. Das Widerspiegelungstheorem ist daher als Umkehrung der Denkmethode Hegels die Denkmethode der dialektischen Materialisten. Hegels Denkmethode fällt zudem mit der idealistischen Bestimmung des Verhältnisses von Denken und Sein zusammen, so daß Holz’ Widerspiegelungstheorem zugleich auch die dialektisch-materialistische Beantwortung der von Engels gestellten Grundfrage ist. Widerspruchsform, Denkmethode und Grundfrage, alle drei Momente fallen im Widerspiegelungstheorem notwendig zusammen.

Holz’ Antwort ist gegen Hegels Widerspruchsdenken ein Versinnlichen, ein Sichtbarmachen des sinnlich nicht erfahrbaren widersprüchlichen Seinsverhältnisses von Sein und Bewußtsein. Diese Relation kann man nämlich materialistisch wie einen Spiegelungsvorgang denken: Ein Spiegel (das Bewußtsein) ist ein besonderes Ding (Seiendes), denn er hat – im Gegensatz zu allen anderen Dingen – kein eigenes Aussehen, wenn man von seiner hier nicht wesentlichen Umrahmung absieht. Er sieht aus wie das Ding, das sich im Spiegel spiegelt. Im Spiegel spiegelt sich also ein Ding. Der Spiegel tut gar nichts; es liegt nicht in ihm, ob er dieses oder jenes spiegelt, sondern an den Dingen, die sich vor ihn stellen. Das Spiegelbild ist ein Bild des Dings; das Ding ist im Spiegel. Insofern »übergreift« das Ding den Spiegel (materialistischer Standpunkt in der Grundfrage der Philosophie); das Dingsein (die Materialität) ist die Einheit von Ding, Spiegel und Spiegelbild.

Letzteres ist aber zugleich auch ein Bild des Spiegels. Nur weil der Spiegel spiegelt, ist das Ding als Bild im Spiegel. Im Spiegel entsteht dieses Bild vom Ding. Selbiges ist nicht wirklich in dem Spiegel, sondern nur virtuell wirklich, ist nicht in all seinen Aspekten, sondern nur aus der Perspektive des Spiegels, existent. Umgekehrt, also vom Spiegel aus gesehen, ist das Spiegelbild das Resultat einer Aktivität des Spiegels und das Ding eine Äußerung des Spiegelbilds. Damit »übergreift« der Spiegel das Ding (idealistischer Standpunkt in der Grundfrage); die Virtualität des Spiegelbildes begründet die Einheit von Spiegel, Spiegelbild und dessen Abbild in der Wirklichkeit, dem Ding.

Aber weil der Spiegel selbst in erster Linie ein Ding ist, »übergreift« das Dingsein den Spiegel, und nur darum »übergreift« zugleich auch der Spiegel das Ding. Dies ist der vollständige Spiegelvorgang und deshalb ist dies auch der dialektisch-materialistische Standpunkt in der Grundfrage. Die marxistische Philosophie steht nach Holz also nicht einfach im Gegensatz zum Idealismus, dann wäre er nur vormarxistischer, undialektischer Materialismus. Auch Lenins These, daß Hegels System Bestandteil des Marxismus ist, wäre nicht einlösbar. So aber wird der idealistische Standpunkt in den Marxismus hineingeholt und ist notwendiges Element unserer revolutionären Theorie.

Mit der Darstellung des Verhältnisses von Denken und Sein als Spiegelung ist auch die Form des Widerspruchs gedacht. Dabei vollzieht das dialektisch-materialistische Denken die Seinsbewegung nach; es ist ein Denken in Bewegung. Der Widerspruch ist nicht einfach ein Gegensatz wie ihn sich kantianische Marxisten zusammenreimen, sondern er ist die Bewegungsform, in der die unmittelbare Einheit, um selbst zu sein, ihr eigenes Wesen als ihr Gegenteil in sich setzt. Dieses Gegenteil ist sowohl Teil der ursprünglichen Einheit und damit mit ihm identisch, als auch eben nicht Teil der ursprünglichen Einheit und damit mit dieser nichtidentisch. Dieses Gegenteil hebt die ursprüngliche Einheit und deren Gegensatz in sich auf und ist daher eine neue, vermittelte Einheit. Der Widerspruch ist demnach die in sich mit ihrem Gegenteil vermittelte Einheit. Das Kapital z.B. schafft sich die Arbeiterklasse, setzt also sein Wesen in sein Gegenteil und kann auch nur so existieren. Ohne diesen Setzungsakt kann Kapital nicht akkumulieren. Dieses Gegenteil aber ist dadurch in der Lage, das Kapital als die ursprüngliche Einheit dieser Gesellschaftsform aufzulösen, sich aus dem Verhältnis des Gegensatzes zu befreien und eine neue Gesellschaft zu gründen.

Mit dem Denken der Spiegelung ist der Begriff des Widerspruchs, die Rede unserer Klassiker vom »Umkehren« des Hegelschen Systems, ist die Beantwortung der Grundfrage der Philosophie und die marxistische Denkmethode erstmals logisch nachvollziehbar gemacht worden.

Gegenständliche Tätigkeit

Dialektischer Materialismus als Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs und des Widerspruchs entwickelt auch einen anderen Begriff von der Gesellschaft. Diese entsteht durch Arbeit. Arbeit als »Prozeß zwischen Mensch und Natur« (MEW 23, S. 192) muß im Gesamtzusammenhang und als (widersprüchliche) Bewegungsform begriffen werden. Holz entwickelte anhand des Marxschen Terminus »gegenständliche Tätigkeit« (MEW 3, S. 5) die logische und damit die Seinsstruktur der Gattung Mensch.

Folgende Situation: Menschen arbeiten mit Werkzeugen an Naturgegenständen. Die bürgerliche, von Descartes und Kant her kommende Interpretation besagt, daß Arbeiten ein zweckgerichteter Akt und darum wesentlich intellektueller Natur ist.

Einige undialektische Marxisten stellen das Werkzeug als das Wesen des menschlichen Tuns dar. Sie mißachten dabei – wie Holz kritisiert3 – Marx’ Kritik am undialektischen Materialismus, wonach man das menschliche Tun philosophisch als Einheit von Objekt und Subjekt denken muß, sonst verfalle man darein, Arbeit »nur unter der Form des Objekts der Anschauung, nicht aber als sinnlich-menschliche Tätigkeit, als Praxis« zu fassen (MEW 3, S. 5). Diese »Marxisten« sind also bloß analytisch unterwegs und haben nicht mehr den Gesamtzusammenhang im Blick.

Holz stellt mit Marx beiden Erklärungen einen Begriff des Menschseins entgegen, der vom Ganzen des menschlichen Tuns ausgeht. Der arbeitende Mensch wird sich seiner Arbeit bewußt.Er kann sich Zwecke setzen, weil ihm ein anderer Mensch sein Tun kommuniziert, vergegenständlicht (spiegelt). Wir reden daher von Gesellschaft, »wenn mindestens zwei Subjekte Bezug aufeinander nehmen und dann das Subjekt (der arbeitende Mensch – A.H.) nicht nur in den Spiegel der Natur (die zu bearbeitenden Naturgegenstände – A.H.) schaut, sondern zugleich in den zweiten Spiegel (den kommunizierenden anderen Menschen – A.H.), der dieses Spiegelverhältnis noch einmal spiegelt«.4 Der arbeitende Mensch ist dann in einer zweiseitigen Situation: Als Naturwesen erfährt er in seinem Tun das Werkzeug und den Naturgegenstand (insofern ist sein Wissen empirisch); als Gattungswesen macht er in der gleichzeitigen Kommunikation mit seinem Gegenüber die Erfahrung über sein Tun (insofern ist sein Wissen theoretisch). Der arbeitende Mensch ist also – und das macht ihn erst zum Menschen – in einer Situation, die er als Naturwesen tätig erlebt und als Gesellschaftswesen zugleich ideell verlassen, also von ihr gedanklich abstrahieren kann. Während alle anderen Naturwesen aus ihrer Natürlichkeit nicht herauskommen, kann der Mensch dieses in Gedanken tun. Er reflektiert die universale Wechselwirkung der Natur von dieser (historischen) Position, d.h. er denkt (historisch) das Ganze. Er begreift im Arbeiten seine eigene Stellung in der Natur und in der von ihm geschaffenen und veränderten Welt.

Eingreifendes Denken

Marxistische Philosophie als bewußte Reflexion der gegenständlichen Tätigkeit (auf Grundlage einer Dialektik der Natur) ist daher selbst praktisch. Ihr theoretischer Standort, von dem aus sie sich entwickelt, ist statt eines über allem stehenden, scheinbar göttlichen der des im Produktionsprozeß stehenden und den menschlichen Fortschritt repräsentierenden Proletariats.

Für Hegel wie für alle vorhergehende Philosophie war Philosophie die Wahrheit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Sie hatte, so Marx’ Kritik, die Welt bloß interpretiert (vgl. MEW 3, S. 7). Der dialektische Materialismus begreift sich hingegen als Teil der Praxis und ist darum ein die Praxis veränderndes Denken, das sich in die Tat auflöst und sich darin bewahrheitet. Dementsprechend ist die Verwirklichung der Philosophie kein bürgerliches Bildungsstudium, sondern dieses In-die-Tat-Auflösen ist bewußt geführter Klassenkampf. Die Verwirklichung des dialektischen Materialismus ist die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse durch das Proletariat, das sich durch Befreiung vom Kapital selbst verwirklicht und zugleich damit seine eigene Aufhebung auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft beginnt (vgl. MEW 1, S. 391).

Insofern führt der Heerführer Holz die Marxisten aus dem Inneren des Landes »Marxismus« wieder heraus – zum zweiten Anlauf. »Die Aufhebung der Philosophie«, so Holz im Nachdenken von Marx’ »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung«, »in ihrer politischen Verwirklichung ist nicht die Liquidierung der Philosophie, sondern ihre bewußte Einsetzung in ihren Status als höchste (…) Reflexionsgestalt (…); es ist der Status der Philosophie als der für jede Orientierung in der Praxis notwendigen Widerspiegelung des Ganzen.«5 Ohne eine das Ganze bedenkende Wissenschaft gibt es keine Orientierung im Klassenkampf und ist die Arbeiterklasse kein Subjekt (sondern lediglich Objekt des Kapitals; sie ist nicht für sich, sondern bloß an sich). Darum trat Holz so entschieden gegen jede Form von Kantianismus im Denken des Proletariats ein. Denn diese Philosophie des Klassengegners lehnt das Denken des Ganzen als bloßen, in sich widersprüchlichen Schein der Wirklichkeit ab, verhindert damit die ­Orientierung der Arbeiterklasse und reduziert ihr politisches Handeln auf zielloses Reformieren des Kapitalismus. Es entwickelt sich kein Klassenbewußtsein.

Dieses entsteht nicht spontan. Die marxistische Philosophie wird zwar auch in die Wirklichkeit übersetzt, aber dieses Übersetzen ist zugleich eine praktische Kritik, die – bleiben die Marxisten wach – auf die Theorie zurückwirkt. Zugleich ist Klassenbewußtsein nicht nur die systematische marxistische Philosophie, nicht nur eine Ansammlung individueller Kampferfahrungen der Klasse an sich, sondern wesentlich die beide Seiten zu einer klassenkämpferischen Handlung verbindende kommunistische Partei.6 Sie allein ist das Selbstbewußtsein der Arbeiterklasse (so miserabel ihr theoretischer Zustand auch sein mag).

Theoretische Kampfgemeinschaft

So sehr für Holz kommunistisches Handeln organisiert und parteilich war, er hat – leider – keine Schule gebildet. Er kümmerte sich nicht darum. Er war zu sehr mit dem Ganzen beschäftigt, war einer, der Gedanken von allen, mit denen er philosophisch zusammenkam, sammelte, prüfte und im Positiven wie im Negativen in sein Denken integrierte. Er führte mit den meisten Philosophen der letzten 2700 Jahre europäischer Kultur – mit Ausflügen in die Schriften asiatischer und arabischer klassischer Denker – ein Selbstgespräch.

Dieses Selbstgespräch wird in seinem Gesamtwerk durch die unzähligen Beispiele und Denkanregungen aus der Philosophiegeschichte sichtbar. Damit wird aber auch etwas verdeckt, was deshalb in diesem Nachruf herausgestellt worden ist: Holz’ Antrieb waren immer die marxistischen Klassiker. Wie oft machen Marx, Engels und Lenin nur Andeutungen, wie etwa »umkehren«, »direktes Gegenteil der Hegelschen Philosophie«, »abbilden« »Wissenschaft des« und »Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang« etc. All diese Wörter sind wohl bedacht und keine unverbindlichen Formulierungen für Sachverhalte, die man marxistisch auch anders hätte ausdrücken können. Man muß die Klassiker beim Wort nehmen, dann sind diese Begriffe Aufforderungen an die Nachkommenden, den dialektischen Materialismus weiterzudenken und ihn zu dem zu machen, was er ist: eine dynamische Orientierung auf den Umsturz des Kapitalismus.

Heute sollte in kommunistischen Kreisen über die Gründung einer theoretischen Kampfgemeinschaft geredet werden. Die Existenzberechtigung für einen solchen Zusammenschluß liegt in der Verbreitung und Weiterentwicklung des dialektischen Materialismus auf Holzscher Grundlage sowie deren kritische Aneignung, aber auch in der Tatsache, daß die Grundlagen kommunistischen politischen Handelns – das dialektische Denken als Dialektik des Widerspruchs, des Gesamtzusammenhangs und der Geschichte – in vielen kommunistischen Parteien erneut als überlebt angegriffen und eliminiert werden bzw. fest in den Händen kantianischer »Marxisten« sind. Diesem Angriff muß argumentativ entgegengewirkt werden, womit zugleich die Kräfte für den zweiten Anlauf neu geordnet werden.

Anmerkungen

1 Domenico Losurdo (Hg.): Zukunft des Marxismus, dialectica minora, Band 10, Köln 1995
2 Hans Heinz Holz: Leibniz, Stuttgart 1958, S. 68
3 Hans Heinz Holz: Dialektik und Widerspiegelung, Köln 1983, S. 39
4 Hans Heinz Holz: Weltentwurf und Reflexion, Stuttgart 2005, S. 385
5 Hans Heinz Holz: Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie, in: Dialektik 18, Köln 1989, S. 253
6 Dazu Hans Heinz Holz: Thesen über die Zukunft des Marxismus, in: Domencio Losurdo (Hg.), Zukunft des Marxismus, Köln 1995, These 5

Quelle: Junge Welt 13.12.2011

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von Robert Steigerwald

Hans Heinz Holz ist gestorben

Der über die Grenzen unseres Landes hinaus als Politiker und Philosoph berühmte Professor Dr. Hans Heinz Holz, Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), ist nach schwerer Krankheit wenige Wochen vor seinem 85. Geburtstag gestorben. Zum Tode von Hans Heinz Holz, der Autor und Mitherausgeber der Marxistischen Blätter war, hat Robert Steigerwald, auch im Namen von Verlag, Redaktion und Herausgeberkreis der MB, nachfolgenden Nachruf verfasst.

Wir sind uns dessen sicher, sein Werk wird weiter wirken. Und allen Genossinnen und Genossen, aber auch manchem, der uns gar nicht so nahe stand, werden sein Temperament, seine Bücher und Vorträge – die alles andere als professorenhaft waren – im Gedächtnis bleiben. Sie werden sich dankbar oder – die uns ferner standen und stehen – wenigstens achtungsvoll seiner erinnern. Wir aber, seine Genossinnen und Genossen, haben von ihm gelernt und sind in der Pflicht, das Gelernte weiter zu vermitteln.

Der 26. Februar 2012 sollte ein Grund sein, Hans Heinz’ 85. Geburtstag zu feiern. Wir waren uns nicht sicher, ob es zur Feier werde kommen können, denn wir wussten um seinen prekären Gesundheitszustand, doch hofften wir und bereiteten uns auf die Feier vor – die nun seine Totenfeier werden muss.

Liebe Silvia, wir stehen in der sehr langen Reihe derer, die Dir das Beileid aussprechen und Hans Heinz das letzte Geleit geben wollen. Du hast lange am Krankenbett von Hans Heinz mitgelitten. Es waren dies wohl die schwersten Jahre Deines Lebens. Worte der Trauer wirst Du empfangen, aber wir wissen auch, sie können nicht wirklich trösten und die übliche Rede, die Zeit heile alles, ist nur ein billiger Trost. Wir können und müssen mehr über Hans Heinz sagen.

Ich bin in dieser Reihe der Trauernden wohl derjenige, der Hans Heinz am längsten kannte. Wir kommen aus derselben Stadt, haben am selben Tag an derselben Universität zu studieren begonnen, haben manchen Strauß mit anderen, aber auch miteinander ausgefochten. So denke ich über die Jahre nach, in denen auch ich auf verschiedenste Art politisch und philosophisch von ihm „profitieren“ konnte – und wofür ich dankbar bin.

Marxist, Kommunist zu werden war Hans Heinz nicht in die Wiege gelegt, ihm, dem Sohn eines Diplom-Ingenieurs. Er ging aufs Gymnasium, machte Abitur. Und da war sie dann auch zur Stelle, die Politik und das war vor der Philosophie. Antifaschistisch hat er gearbeitet und geriet – siebzehnjährig – in die Fänge der Gestapo. Da hatte er zwei Mal Glück: sein erstes Glück bedeutete Unglück für die Druckerei und den Drucker, dessen Material er unter die Leute gebracht hatte, denn Drucker und Druckerei starben im Bombenhagel, der die materiellen Beweise vernichtete, die man gegen Hans Heinz suchte. Und das zweite Glück? Sie schleppten ihn nicht ins KZ, wie das damals üblich war, sondern ließen den jungen Burschen nach monatelanger Haft laufen, es war ihm nichts nachzuweisen.

Dann hat er in Mainz Philosophie studiert, doch auch da war gleich wieder die Politik zur Stelle in Gestalt des Professors Bollnow, der ein ebenso eingefleischter Heideggerianer wie politischer Konservativer – um es nicht schärfer zu formulierten – war. Die Konflikte waren also vorprogrammiert und sie kamen auch. Was blieb ihm übrig, der zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Bücher – das eine über Sartre, der damals im Westen hoch im Schwange war – veröffentlicht hatte, als den Ort zu wechseln: er ging nach Leipzig, wo Ernst Bloch wirkte. Dort wurde er Mitherausgeber der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“, deren geistiger Kopf Wolfgang Harich war, der aber, wenn nicht gar die Welt, so wenigstens die DDR retten wollte und darüber sich ernste politische Probleme einheimste. Die sich dann auch auf Hans Heinz auswirkten: seine bereits eingereichte Dissertation wurde von der Universität Leipzig nicht mehr bearbeitet.

Wie man sieht, da ging es nicht nur um die Philosophie, die Politik hatte auch immer die Hände mit im Spiel. Als dann Ernst Bloch sich 1961 in den Westen absetzte (ohne zum Renegaten zu werden, genau so verhielt es sich ja dann bei unserem gemeinsamen Freund Hans Mayer) – folgte er Bloch. Dann konnte er später, auch indem sich unser Genosse Alfred Kosing, der damals in Leipzig Dekan war, einschaltete, doch noch seine Promotion in Leipzig abschließen.

Die folgenden Jahre füllte er durch journalistische Tätigkeit aus: Für die „Deutsche Woche“, die „Frankfurter Rundschau“, die Basler „Nationalzeitung“, die „Frankfurter Allgemeine“, das Nachtstudio des Hessischen Rundfunks. Aber es ging nicht nur um Politisches, sondern Hans Heinz hat gründlich das Feld der Kunst- und Kulturkritik beackert – daraus wurden Werke!

Einschneidend in seine Biografie, aber nicht nur für diese, war dann der Kampf um seine Berufung als Professor in Marburg. Ein Marxist, Professor, auch noch für Philosophie und in Marburg. Unvorstellbar. Das erschien den Konservativen und Reaktionären schon als Vorbote des Weltuntergangs.

Also wieder war die Politik zur Stelle! Die Auseinandersetzung fiel mitten hinein in die 68er-Entwicklungen und wurde, gerade auch durch breiten Protest gegen konservative Kräfte, durchgesetzt.

Und die Politik blieb zur Stelle! Schrieb er zur Sprachtheorie und ging dabei auch auf Arbeiten Stalins ein, läuteten die Glocken des Antikommunismus heftig, genauso, als er, zum Anarchismus schreibend, sich auch auf Lenin bezog. Aber ganz schlimm wurde es, als er sich in der tiefen Krise des Sozialismus 1989/90 öffentlich, insbesondere publizistisch, an die Seite der DKP stellte.

Von da an haben sich viele, die ihm vorher noch wenigstens halbwegs beistanden, etwa Rezensionen zu Arbeiten von ihm schrieben, abgewandt. Das waren jedoch „Rechte“. Im Vorfeld seines 85. Geburtstags meldeten sich auch Ultralinke gegen ihn zu Wort, eine seltsame „Einheitsfront“! Ihre Wortführer – beachtet man Ton und Inhalt der Wortmeldungen – sind Leute, die unserer Partei den Teufel an den Hals wünschen und darum ihm, dem Mitgestalter des DKP-Parteiprogramms, zutiefst feindlich gesonnen sind. Sie debattieren auf zwei Feldern, dem politischen und dem philosophischen – genau genommen ist es nur das politische Feld, denn philosophisch haben sie nichts zu sagen. Zum Thema Philosophie war in einer ihrer Wortmeldungen wenigstens zu lesen, er sei der bedeutendste Philosoph unter den Heutigen. Das wird nicht allen gefallen. Dass es auch unter marxistischen Philosophen nicht nur Übereinstimmung gibt, ist bekannt und es wäre verwunderlich, sähe dies anders aus. Debattenstoff, Arbeit gibt es also genug. Und einmal zusammen zu kommen, um die gegenseitigen Positionen zu diskutieren – auch wenn man nicht voraussetzen kann, dass da alle Unterschiede aus dem Weg geräumt werden könnten, hätte dennoch der gemeinsamen Sache gut getan. Das muss nun, sollte es zu dieser Debatte kommen, ohne ihn geschehen. Da wird er fehlen!

Was sein politisches Wirken betrifft, so finde ich, dass bei allen Problemen, die es auch gab und gibt, manches an seiner Kritik nicht unbegründet war, dass er sich im Kampf um die Erhaltung der Partei als einer kommunistischen bedeutende Verdienste erworben hat. Ich denke dabei an das erste programmatische Dokument nach der Niederlage des Sozialismus und der damit verbundenen Krise der Partei, an die Thesen zur programmatischen Orientierung der DKP, die wesentlich sein Werk waren, und natürlich an das Parteiprogramm. Sein Mitwirken in der Autorengruppe und sein Ringen um die Suche nach vertretbaren Kompromissen hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir 2006 unser jetziges Parteiprogramm beschließen konnten. Sehr wichtig waren auch seine beiden Bücher, „Niederlage und Zukunft des Sozialismus“ und „Kommunisten heute“. In den letzten Jahren hat Hans Heinz die Ernte seines (philosophischen) Lebens in die Scheuer eingefahren, will sagen: Einige grundlegende Bücher zur Philosophie ge schrieben, die sich wohl so auf den Zusammenhang bringen lassen: Es gibt zwei große Themen, die sich durch die gesamte Geschichte der Philosophie hindurch ziehen. Da ist einmal die Frage nach der Existenz und dem Charakter des Seins – um für Philosophen verständlich zu reden: die Frage der Ontologie. Und dann das Problem der Bewegung und Entwicklung. Um die beiden wichtigsten Namen zu nennen. Es ging und geht um Heraklit und Zenon von Elea. Aber, da sind wir über zwei Jahrtausende hinweg direkt bei der marxistischen Philosophie angekommen, die diese beiden Entwicklungsstränge zu einer einheitlichen Philosophie auf materialistischer Grundlage vereinigte.

Obgleich wir seine Mitarbeit in den „Marxistischen Blättern“ schon seit einigen Jahren vermissen, sei dennoch an seine früheren Beiträge und die jahrelange Zugehörigkeit zum Herausgeberkreis der Zeitschrift erinnert. Und daran, dass er im Neue Impulse-Verlag nicht nur die beiden oben erwähnten Bücher herausgebracht hat, sondern noch drei weitere: „Sozialismus statt Barbarei“, und zwei Bände „Gesammelte Aufsätze aus 50 Jahren“: „Der Kampf um Frieden und Demokratie“, „Deutsche Ideologie nach 1945“.

Ich bin hier nicht eingegangen auf Hans Heinz Holz’ jahrlange Arbeit in der Internationalen Hegel-Gesellschaft oder jetzt in der Leibnitz-Sozietät, das wären eigens zu behandelnde Aktivitäten gerade auch internationalen Charakters. Hans Heinz wusste, dass es im Lager der marxistischen Philosophie zu manchen der von ihm behandelten Fragen nicht nur Übereinstimmung gibt. Aber wir sind doch Hegelianer, will sagen: Marxisten und wissen um die Kraft der Dialektik, weshalb wir auch „wissen“, dass der Streit – wie Heraklit einst schon sagte: der Vater aller Dinge, will sagen, auch beim Herausfinden dessen ist, was wir am Ende der Debatte über unsere Philosophie – so sie ein Ende finden sollte –  als gemeinsame Position vertreten werden können.

Wir werden noch lange an Hans Heinz Holz denken, auch an so manchen „Streit“, den wir miteinander hatten, der uns aber nicht auseinander brachte, denn wir waren uns stets dessen bewusst: Wir sind Kommunisten, Genossen und arbeiten auf den gleichen ideologisch-politischen Grundlagen.

Ein kommunistischer Gruß dem toten Genossen und Freund, dem sehr verdienstvollen Politiker und Philosophen Hans Heinz Holz auch im Namen von Verlag, Redaktion und Herausgeberkreis der Marxistischen Blätter von seinem etwas älteren Weggenossen.

Quelle: Verlag Marxistische Blätter

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von Diethmar Dath

Lebhafter Begriffslehrer

Ein Lehrer von höchster geistiger Präsenz mit einer hartnäckigen Liebe zum Nichtgegenständlichen: zum Tod des Philosophen Hans Heinz Holz.

Sommer 2011, eine Abendgesellschaft bei Ente und Wein unter schöngeistig interessierten Kapitalismusverächterinnen und Staatsfeinden im deutschen Süden. Das Gastmahl ist beendet, im Wohnzimmer wird geraucht, im Nebenraum schaut jemand ein Video, auf dem der Ernst-Bloch-Schüler und ehemalige Professor in Marburg und dem niederländischen Groningen Hans Heinz Holz das Leibnizische System, die konstruktivistische Kunst und die Schönheiten des Tessin lobt. Der Mann auf dem Schirm zieht die ganze Party zu sich, entfacht Gespräche, dominiert in leiblicher Abwesenheit und höchster geistiger Präsenz bald den Rest der Nacht. Niemand hier ist älter als fünfundvierzig, der Lehrer, dem sie lauschen, wurde 1927 in Frankfurt geboren, saß als siebzehnjähriger Antifaschist in Haft, war Journalist bei Zeitung und Radio.

Seine Bücher werden aus dem Regal geholt: „Einheit und Widerspruch“ von 1997, eine feurig gründliche „Problemgeschichte der Dialektik in der Neuzeit“, die gegen allen Augenschein des zwanzigsten Jahrhunderts auf dem Kontinuum kritischer Philosophie vom Frühbürgertum bis zum Imperialismus beharrt; das seit 2010 beim Berliner Aurora-Verlag publizierte Vermächtnis „Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie“; schließlich die ab 1996 erschienene mehrbändige „Philosophische Theorie der bildenden Künste“, die sich zwischen die beiden Stühle der Repräsentationsästhetik und der Wirkungslehre setzt, indem sie behauptet, die These von der Widerspiegelung der Welt durch die Künste sei zwar wahr, aber was da gespiegelt werde, seien nicht Sachen, sondern (vor allem soziale) Relationen.

Parteitreue und leises Lob für Kleist

Sein Freund Peter Hacks, Klassikverehrer wie Holz, hat ihn dafür gescholten, dass der Denker sich die Liebe zum Nichtgegenständlichen von Hacks nicht austreiben ließ. Holz revanchierte sich mit der Erfindung eines frech hyperkomplexen Spitznamens für Hacks: Der Dichter sei, wie große Künstler oft, im Sinne Hegels eben „das realallgemeine Individuum“ und übersehe daher manchmal das Besondere. Holz, der Leninist, hat zu seiner Partei, der DKP, gehalten, als die unterm Einfluss Gorbatschows Mühe hatte, zu Lenin zu halten. Obwohl sein Drang zu System und Übersicht ihn immer wieder zu gigantischen Textmassen zwang, erlegte er sich auch die Disziplin auf, bündige Essays zu verfassen, deren Themen von der mittelalterlichen Scholastik („Die große Räuberhöhle“, 1999) bis zur politischen Programmatik („Kommunisten heute“, 1995) reichten. Als geschworener Hegelianer gab er mit Domenico Losurdo die linksdialektische Zeitschrift „Topos“ heraus, in deren vierunddreißigstem Heft er letztes Jahr einen erstaunlichen Kleist-Aufsatz veröffentlichte, der dem „Verursacher von Unsicherheit“ das hohe Lob subtiler Verteidigung gegen abermals Hacks zollte.

Der Briefwechsel zwischen dem Gelehrten und dem Dramatiker gehört zum Lebhaftesten, was beide hinterlassen haben. Man sieht darin auch, dass Holz sich eine Weile als Nachlassverwalter einer besiegten marxistischen Gelehrsamkeit sah, am Ende aber ahnte, er könnte Mitbegründer einer neuen werden. Am 11. Dezember ist Hans Heinz Holz in Sant’ Abbondio in der Schweiz gestorben.

Quelle: FAZ 12.11.2011

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