Macht und Ohnmacht der Lohnarbeiter

Posted on 9. Januar 2012 von

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Literaturtipp

von Herbert Münchow 

Robert Steigerwald weist im Vorwort von „Arbeitende Klasse in Deutschland. Macht und Ohnmacht der Lohnarbeiter“ (Band 5 des Projekts Klassenanalyse@BRD der Marx-Engels-Stiftung) darauf hin, dass sich die marxistische Klassenanalyse weder mit „theoretischen Offenbarungseiden“ noch mit „Realitätsverweigerung“ und schon gar nicht mit „Glaubensbekenntnissen“ verträgt (S. 8). Revolutionstheoretischer Kern unserer Klassenanalyse ist die Verneinung der Notwendigkeit der Existenz der Klassen; die Lösung des Widerspruchs, an dem der utopische Sozialismus zerbrechen musste ‒ des Widerspruchs zwischen Klassenkampf und klassenloser Gesellschaft durch die Klarstellung der weltgeschichtlichen Rolle der Arbeiterklasse.

Helmut Steiner, für den dies ein zentrales Anliegen seiner soziologischen Forschung war, erscheint in der Aufsatzsammlung posthum mit zwölf Thesen zu Problemen der wissenschaftlichen Analyse gesellschaftlicher Klassen. Er hebt hervor, dass jede Sozialstruktur- und Klassentheorie „praktisch-politisch steril“ bleibt, solange sie sich in der „Struktur-Dimension der Klassen“ (Klasse als rein ökonomischer Begriff) erschöpft und „nicht ihr konkretes gesellschaftliches Bewusstsein/Handeln als kollektive Subjekte und Akteure einbezieht (Klassenbewusstsein).“ (S. 23). Diesem Leitgedanken, bei dem es nicht darum geht, ob, sondern wie der Klassenbegriff verwendet wird, folgen alle Beiträge im Buch. Obgleich die einzelnen Autoren in ihren Auffassungen keineswegs völlig übereinstimmen, sind sie sich in der Behandlung der ökonomischen Klassen als Politikum einig: „Die reale Klasse ist die ‚mobilisierte Klasse’.“ (Lieberam, S. 65)

Erste gründliche Klassenanalyse seit den achtziger Jahren

Grundbestand des Buches sind die Aufsätze von Ekkehard Lieberam („Strukturwandel und Klassenbildung der Lohnarbeiter in Deutschland – Skizze nach 162 Jahren Manifest“) und Jörg Miehe („Zur Struktur der Erwerbstätigkeit und der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in der BRD von 1957/1970 bis 2005“). Durch diese beiden Beiträge ist das Buch die erste gründliche, auf sozialstatistische Daten aufbauende Klassenanalyse seit den 1980er Jahren geworden. Lieberam und Miehe weisen nicht nur durch Zahlen den Strukturwandel und die Differenziertheit der Arbeiterklasse überzeugend nach ‒ auch im Hinblick auf das Hinzukommen größerer Teile der technischen Intelligenz ‒ sondern sie machen deutlich, dass sich innerhalb der Teilung der Arbeit die persönlichen Verhältnisse unvermeidlich zu Klassenverhältnissen fortbilden: Proletariat, Bourgeoisie, Kleinbürgertum.

Beruflich unterschiedene Kategorien von Lohnarbeitern gehören zu einer Klasse, da sie „Eigentümer von bloßer Arbeitskraft“ (Marx) sind, deren Platz im Gesamtsystem der Produktion gleichartig ist. Die Autoren verwenden dennoch keinen „weiten“ Klassenbegriff, der die tatsächlichen Veränderungen in der Arbeiterklasse ignoriert. Den Begriff „Arbeiter“ haben sie so festgelegt, dass darunter nur diejenigen fallen, die aufgrund der allgemeinen ökonomischen und sozialen Lebensverhältnisse, d. h. ihrer eigenen Lebenslage, zu einer proletarischen Denkweise gekommen sind.

Arbeitende Klasse und Industriearbeiterklasse

Miehe beziffert den Umfang der Arbeiterklasse der BRD im „orthodoxen und modernen Sinn“ auf 6,6 Millionen, die sich aus 1,4 Millionen technischen Angestellten und 5,2 Millionen Arbeitern zusammensetzt (S. 156). Er stellt fest, dass sich die Ausstattung der Industrie „mit Arbeitskräften vom Typus Arbeiterklasse“ nach und nach verringert (S.157). Lieberam unterscheidet scharf zwischen der Arbeiterklasse als „Industriearbeiterklasse“, die nicht nur die „Blaumänner“ umfasst ‒ aber die Klasse als revolutionäres Subjekt konstituiert ‒ und der „arbeitenden Klasse“, die alle Ausgebeuteten, alle Lohnarbeiter, alle Eigentümer von bloßer Arbeitskraft abzüglich der „Dirigenten“ in Wirtschaft und Staat umfasst. Er wendet sich gegen die Gleichsetzung der Arbeiterklasse mit der Gesamtheit der „ausgebeuteten Lohnarbeiter“ (S.63f). Seine Untersuchung ergab: „Die hierarchische Struktur der Bourgeoisie entwickelte sich weiter. Die Industriearbeiterklasse als mehrwertproduzierende Klasse veränderte sich quantitativ und qualitativ. Die Zahl der Lohnarbeiter in nichtproduktiven Bereichen (der kommerziellen oder merkantilen Arbeit, der privaten und öffentlichen Dienstleistungen) erhöhte sich beträchtlich. Der Anteil der gewerblichen Mittelschichten an den Erwerbstätigen ging zurück; der der lohnabhängigen Mittelschichten nahm an Bedeutung zu. Die Klasse der werktätigen Bauern verschwand als soziale Struktur fast völlig von der Bildfläche“ (S.45f).

Sehr wichtig ist Lieberams Analyse der Entwicklung der gewerblichen und der neu entstandenen lohnabhängigen Mittelschicht. (S. 48 ff) Letztere hat seit der IMSF-Studie „Klassen und Sozialstruktur der BRD 1950-1970“, in der sie ebenfalls auftaucht, an Umfang und Bedeutung erheblich gewonnen. Zu ihr gehören, so der Autor, diejenigen, die einen Doppelstatus haben; Eigentümer von bloßer Arbeitskraft sind und zugleich Aufgaben im Interesse des Kapitals übernehmen, also nach Marx Verwaltungslohn erhalten. Lieberam unterstreicht, dass die Formierung von Gegenmacht auf ein Bündnis aller antikapitalistischen Kräfte unter Einschluss der marxistisch-leninistischen Partei hinarbeiten muss (S.80).

Klassenkonflikt und Bewusstsein der Lohnarbeiter

Wir wissen, dass nicht jeder, der objektiv zur Arbeiterklasse gehört, sich von der Kapitalistenklasse abgrenzen will. Die „Klassentheorie von Marx und Engels steht vor der Aufgabe, die Frage zu beantworten, wie das ‚ausgebeutete Volk’ auf der Grundlage gemeinsamer Gegenwarts- und Zukunftsinteressen sich zu einer politisch handlungsfähigen Gegenmacht entwickeln kann und welche weiteren potenziellen sozialen und politischen ‚Subjekte’ einer progressiven Gesellschaftsveränderung (…) ihr dabei zur Seite stehen.“ (Lieberam, S.65). Achim Bigus, Thomas Lühr und auch ich steuerten deshalb für den Klassenband Untersuchungen bei, die sich mit der Verarbeitung des Klasssenkonflikts im Denken und Handeln der Lohnarbeiter befassen.

Bigus erläutert in einem sehr interessanten Beitrag, weshalb nicht damit zu rechnen ist, dass „das bloße Erleben der kapitalistischen Krise (…) die Menschen zur Gegenwehr und vielleicht auch politisch nach links“ treibe (S. 179). Er untersucht Hemmnisse, die der Entwicklung von Kampfbereitschaft und Klassenbewusstsein der Lohnarbeiter entgegenwirken, um Wege zu ihrer Überwindung aufzuzeigen. Wer auch nur ein wenig gewerkschaftlich tätig ist, wird diese Überlegungen in ihrer Ausgewogenheit und Gegenständlichkeit sehr zu schätzen wissen.

Ebenso verhält es sich mit dem Beitrag von Lühr „Wie die Angst überwinden? Prekarisierung und Handlungsfähigkeit“. Wer wie Lühr Arbeitslosigkeit und Prekarisierung der Lohnarbeit als Resultat von kapitalistischem Klassenhandeln betrachtet, wird wie er nicht die Angst als das eigentliche Problem ansehen, sondern eine sozialpartnerschaftlich orientierte Interessenvertretung, die den Lohnabhängigen die Möglichkeit nimmt, sich zur Wehr zu setzen, um die eigene Handlungsfähigkeit zu verteidigen (S. 210). Mein Beitrag befasst sich mit dem Streik der GDL von 2007. Da wir es im Kapitalismus mit ständelosen Klassen zu tun haben, wirft das starke Aufbegehren einer Berufsgewerkschaft, die früher fast nur aus Beamten bestand, unweigerlich die Frage auf, ob es sich hier um gewerkschaftlichen Klassenkampf oder ständische Spaltung handelt. Wobei die GDL, je „zünftlerischer“ sie vorging, immer näher an die Klassenfrage heran kam.

Anmerkung der Redaktion:

Das besprochene Buch ist jedem politisch Interessierten unbedingt zu empfehlen.

E. Lieberam/J. Miehe (Hg), Arbeitende Klasse in Deutschland. Macht und Ohnmacht der Lohnarbeiter, Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2011, 210 Seiten, ISBN 978-3-89144-439-9, 19,90 Euro.

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