Symposium für Hans Heinz Holz: … die Stärksten kämpfen ihr Leben lang.

Posted on 28. Februar 2012 von

0


von Patrik Köbele, stellvertretender Vorsitzender der DKP

Berlin  25. Februar 2012

„Die Schwachen kämpfen nicht.
Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang.
Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre.
Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang.
Diese sind unentbehrlich.“

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde,

Leider kann Sylvia, die so gerne bei uns wäre, nicht bei uns sein, aber die Gesundheit hat diese Pläne zunichte gemacht.

Unser Freund und Genosse Hans Heinz Holz hätte keine Trauerrede gewünscht. Auch eine Feier zu seinem 85. Geburtstag hätte er abgelehnt; was er wollte, ist die Auseinandersetzung mit seinem wissenschaftlichen und politischen Werk. Das ist der Anlass für unser Symposium, das den Titel trägt „Die Einheit von Politik und Philosophie im Kampf für den Kommunismus“. Ich bin froh, als Freund von Hans Heinz, aber auch als stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei, hier einen Beitrag zu leisten.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Die elfte Feuerbachthese von Karl Marx, sie wurde von Hans Heinz gelebt, er war tatsächlich ein Philosoph der Veränderung und darum war er zugleich auch kommunistischer Parteiarbeiter, er war Veränderer der Philosophie und darum war er Marxist-Leninist. In seiner Wissenschaftlichkeit war er weit mehr, er war Kunstkritiker, Religionshistoriker, selbst bürgerliche Kräfte kommen nicht umhin, ihn als einen Universalgelehrten zu werten, und viele sogar, ihn zu respektieren.

Ich denke, die Gesamtheit seiner Wissenschaftlichkeit werden andere besser würdigen können als ich. Ich möchte einige Gedanken zur Parteilichkeit seiner Philosophie beitragen, die für ihn „die Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie“ war, wie er auch sein letztes großes dreibändiges Werk nannte.

Einmal erkannt, dass die Philosophie aus dem Elfenbeinturm zu reißen ist, konnte es für Hans Heinz nur eine geben, den dialektischen und historischen Materialismus, die Philosophie des Kommunismus. Einmal erkannt, dass es für eine Philosophie der Veränderung der Trägerschaft einer Organisation bedarf, konnte es für Hans Heinz nur eine geben, die kommunistische Partei.

Dabei war sich Hans Heinz bewusst, dass das Verhältnis der Philosophie und des Philosophen zur und in der Partei kein widerspruchsfreies ist, aber auch da war er der Dialektiker, der wusste, dass der Widerspruch nicht immer schön und gleichzeitig das Gesetz der Bewegung, des Fortschritts ist. Zu seinem 80. Geburtstag, den die Essener Kreisorganisation und der Bezirk Ruhr-Westfalen der DKP, die Gliederungen, in denen sich Hans Heinz organisiert hatte, stellten wir die Veranstaltung deshalb auch unter das Motto „Lust am Widerspruch“.

Ein antagonistischer Widerspruch war für Hans Heinz zeitlebens die Parteilosigkeit eines Kommunisten. Trotzdem war er nach der Zeit in der KPD, nach deren Verbot, nach der Konstituierung der DKP lange Jahre nicht deren Mitglied. Ja er war nicht deren Mitglied, als er 1992/93 am Vorläuferdokument des jetzigen Parteiprogramms, den Thesen zur programmatischen Orientierung, mitarbeitete. Er war es nicht, auf Empfehlung seiner Partei. Er war es nicht, aus Disziplin. Die war ihm wichtig. Nicht, oder zumindest nicht nur, weil er, wie er selbst immer wieder sagte, Preuße aus einer preußischen Familie war, sondern vielmehr, weil sie im organisierten Handeln Voraussetzung für Erfolg und in der Entwicklung der Menschheit, in der Aufhebung des Kadavergehorsams eine Tugend des Proletariats sein kann. Disziplin ja, blinder Gehorsam niemals, der Unterschied lag für ihn darin, dass Disziplin als bewusstes Moment auf Basis des wissenschaftlich Richtigen die Kraft zur Durchsetzung des Richtigen potenzieren kann, blinder Gehorsam Nein, weil blinder Gehorsam die Gefahr des Anerkennens des Falschen beinhaltet. Unter dieser Disziplin hat er auch gelitten, vor allem in den Jahren seiner Krankheit führte sie oft zu einer Unzufriedenheit mit sich selbst. Unzufrieden damit, nicht mehr in die Gliederungen seiner Partei reisen zu können, um dort die Debatte zu führen. Unzufriedenheit, dass sein Körper nicht mehr die Geschwindigkeit seines Denkens zu Papier kommen ließ. Hier wurde er dann auch unleidlich, vielleicht die einzigen Momente, in denen ihn ein Widerspruch, der zwischen seiner Fähigkeit des geistigen Schaffens und den Grenzen, die ihm sein Körper setzte, doch manchmal zur Verzweiflung trieb.

Meine / seine Partei hat ihm viel zu verdanken. Seine Schrift „Niederlage und Zukunft des Sozialismus“ half vielen, half der Partei die Depression der Niederlage zu überwinden oder besser aufzuheben in der Analyse der Ursachen der Niederlage bei gleichzeitiger Rückgewinnung des notwendigen und berechtigten Selbstbewusstseins. Das Selbstbewusstsein durch die Gewissheit, dass der Marxismus-Leninismus trotz Fehlern, Deformationen, Niederlagen und Verbrechen die Weltanschauung der Zukunft der Menschheit ist. Seine Mitarbeit an Dokumenten, nicht zuletzt am Parteiprogramm trug zur ideologischen Konsolidierung der DKP bei, auch indem er manche Verbeugung gegenüber dem Mainstream ideologischer Beliebigkeit verhinderte. Das ist übrigens auch ein Grund dafür, dass es sein Wunsch war, unser heutiges Symposium in Berlin durchzuführen. Denn Berlin war für ihn die Hauptstadt der DDR, und die war für ihn die größte Errungenschaft der Arbeiterklasse Deutschlands, die durch eine Konterrevolution zerstört wurde. Auch das musste sich aus seiner Sicht die kommunistische Partei, seine Partei, die DKP, ins Stammbuch schreiben. Wir haben ihm aber vor allem auch zu danken für die Unermüdlichkeit, mit der er bei Hunderten von Veranstaltungen die wissenschaftliche Weltanschauung so vermittelte, dass sie für Hunderte, wahrscheinlich sogar Tausende Menschen nachvollziehbar, verständlich und oftmals sie erfassend wurde. Denn auch das lebte Hans Heinz: Die Theorie wird dann zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen erfasst.

Er litt darunter, dass ihm dieses Eingreifen an der Basis der Partei nicht mehr möglich war, als im Vorfeld des vergangenen Parteitages mit den Politischen Thesen des alten Sekretariats ein Dokument erschienen war, dass für ihn, für mich, für viele Mitglieder der DKP eine unzulässige Verbeugung vor eben diesem Mainstream ideologischer Beliebigkeit darstellte. Durch seine Krankheit ans Haus gefesselt, wo er doch an der Basis der Partei eingreifen wollte, nur noch beraten, nicht aber dabei sein zu können, das war nicht seine Welt. Aber dann war er stolz darauf, dass seine Partei dies auf dem vergangenen Parteitag deutlich zurückwies. Daran hatte er, nicht zuletzt als Mitherausgeber der Zeitschrift T&P einen großen Beitrag. Auch dafür sind wir ihm zu Dank verpflichtet.

Die Hinwendung der Partei zu den Menschen war ein Kernanliegen. So war Hans Heinz, was viele von Euch nicht wissen, ein Freund des Karnevals. Er war begeistert, als seine DKP-Gruppe in Essen-Altenessen vor Jahren mal eine Karnevalsfeier ausprobierte. Dass sich das im eher karnevalsdrögen Ruhrgebiet nicht so recht durchsetzte, fand er immer schade, denn eigentlich wollte er auch eine Büttenrede beitragen. Seit er von seinen Essener Genossinnen und Genossen zu seinem 75. Geburtstag einen Fan Schal von Rot Weiß Essen erhalten hatte studierte er auch immer die Tabelle, was im Schweizer Ausland für die 5. und 4. Liga gar nicht so einfach ist.

Mit seinem bereits erwähnten, letztem großem Werk, der Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie, hat er den Marxisten, den Kommunisten eine wahre Fundgrube hinterlassen. Besser ein Instrumentarium. Anzuwenden, ganz praktisch auch schon heute. Ich zitiere: „Sich das Erkennen schwerer zu machen ist die Anweisung, die wir aus Hegels Philosophie entnehmen müssen. Das Einfache, leicht Verständliche ist nie das Wesentliche. Die schrecklichen Vereinfachungen sind es, in denen uns die konkrete Wirklichkeit verlorengeht. (…) Dialektik denkt stets gegen den Augenschein. Sie hält Ausschau nach dem, worin die augenscheinliche Vielfalt als Eines zu begreifen ist.“ Oh wie wünscht man sich diese Erkenntnisse doch bei den Teilen der Arbeiterklasse, die sich angesichts der kapitalistischen Krise, selbst zur Finanzierung derselben andienen, indem sie sich mit dem Blödsinn „wir zahlen für die Griechen“ von ihren Klassengenossen abspalten lassen, statt das Wesen der Krise, die Überproduktion und Überakkumulation als Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus zu erkennen. Oh wie wünscht man sich diese Erkenntnis doch bei Linken, Sozialisten und manchem Kommunisten, die ihr Heil in der Entmachtung der Finanzmärkte statt in der Bekämpfung des Kapitalismus sehen. Keineswegs redet Hans Heinz mit dieser Klarheit aber dem romantischen Revoluzzertum, der Absage an die Kleinarbeit, der Vernachlässigung des Kampfes um Reformen das Wort. Er dachte sich hinein in den „Stellungskrieg“ der Kleinarbeit, oft diskutierten wir z.B. über die Notwendigkeit kommunistischer Kommunalpolitik, als Kampf um das Teewasser. Das ergab sich für Hans Heinz auch daraus, dass er wie kaum ein anderer die Werke von Antonio Gramsci rezipiert hat, so dass Gramsci eben nicht von Positionen des Opportunismus vereinnahmt werden kann, sondern, wie Hans Heinz schreibt, der ist, der als Leninist „die differenzierensten Antworten auf diese Fragen gegeben hat“, womit er vor allem dessen Überlegungen zum revolutionären Kampf unter nicht-revolutionären Bedingungen meinte.

Wenn ein Lebensmotto von Hans Heinz „die Lust am Widerspruch“ war, dann nahm er sich selbst da keineswegs aus. Er wollte, dass seine Positionen, seine Schriften und Werke diskutiert, hinterfragt, kritisiert werden. Er wollte Widerspruch erzeugen. Widerspruch, nicht im Sinne von Nörgelei, sondern im dialektischen Sinne als Notwendigkeit auf dem Weg der Annäherung zur Wahrheit. Verwirrung und auch Unverständnis kam immer dann auf, wenn Hans Heinz Ereignisse, Entwicklungen, Geschichte einer dialektisch-materialistischen Betrachtung unterziehen wollte, nach Ursachen, Bedingungen und Folgen fragte, während andere über moralische Beurteilungen redeten. Logisch, oft ging es dabei um Stalin. Hans Heinz als Stalinisten zu bezeichnen, wie es immer wieder getan wird, ist aber dummes Zeug. Wofür er allerdings stand ist dafür, eine notwendige Anwendung der Moral auf historische Entwicklungen nicht aus der dialektisch-materialistischen Herangehensweise herauszulösen. Und wieder suchte er nach den Widersprüchen, deren Hintergründen und Wirkungen. Und darum widmete er im Band „Die Klassiker der III. Internationale“ je ein Kapitel Lenin, Gramsci, Stalin und Mao sowie im Anhang einen Text Fidel Castro. Hätte es seine Gesundheit zugelassen, wären noch Kapitel zu Dimitroff und Togliatti entstanden.

Das trug ihm auch in unserer Partei so manchen Widerspruch ein. Tja, wie ein richtiger Satz sagt: „Die Beulen am Helm eines Kommunisten, sind nicht alle vom Klassengegner.“

Und diese Partei, die hat er immer wieder verteidigt. Durchaus legendär seine Erwiderung auf eine satirische Anmerkung seines Freundes, des großen Schriftstellers Peter Hacks, der meinte, Holz sei nicht in der richtigen Partei. Die Antwort, satirisch-ernst: „In der Klasse der Linken gehöre ich zur Unterklasse der Kommunisten und bei dieser wieder zur Art derer, die den Namen DKP trägt. Ist das, wie Hacks-Linné meint eine falsche Zuordnung. Bin ich eine Scheinkonifere.“ Um dann am Schluss eines längeren Textes zur Diskussion in der DKP zu sagen: „Nicht in den Seminarräumen, in denen besorgte Linke sich um die Reinheit der Theorie mühen, wird diese Theorie zur politischen Macht, sondern in der theoriebegleiteten Praxis, die sich in den Widersprüchen der Wirklichkeit bewährt und dort auch aus ihren Niederlagen zu lernen vermag. So meine ich, am richtigen Ort klassifiziert, den richtigen Namen zu tragen.“

Hans Heinz war streitbar und das führte uns zusammen. Unsere Freundschaft begann in der Programmdebatte unserer Partei. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit. Ich habe einen Wissenschaftler, einen Kommunisten, einen Menschen kennengelernt, wie es wenige gibt. Und er wäre nicht dargestellt, gewürdigt, was er nicht wollte, aber verdient hat, nicht vollständig, wenn nicht auch der Mensch Hans Heinz gezeichnet würde.

Hans Heinz war ein großer Freund der SDAJ. Es ging ihm dabei kein bisschen darum, der eigenen vergangenen Jugend hinterherzurennen, sondern es ging ihm um die Bedeutung der revolutionären Jugendorganisation, denn „die Enkel fechten ‘s besser aus“. Ich weiß noch, wie wir gemeinsam in eine Abendveranstaltung eines SDAJ-Kongresses geraten waren. Anfangs glaubte er mir nicht, dass auch heute Jugendliche noch Arbeiterlieder singen können und dass es sogar welche in neuer Form gibt. Später war er so begeistert, dass wir uns und ich ihn ein bisschen zwingen musste, doch mal langsam die Nachtruhe anzutreten. Zu wissen, dass sich heute SDAJ-Gruppen mit seinen 10 Thesen zur marxistisch-leninistischen Theorie auseinandersetzen, wäre ihm eine Riesenfreude.

Friedrich Engels antwortet in einem Fragespiel den Marxtöchtern auf die Frage, was Glückseligkeit darstelle mit: „Chateau Margaux, Jahrgang 1848“. Auch diese Seite der Klassiker hat Hans Heinz aufgegriffen, er konnte genießen, am liebsten mit Freunden und Sylvia und noch besser, bei schönem Wetter draußen. Dabei fehlte selten die Diskussion, gerne aber auch unterbrochen oder aufgehoben in der Diskussion von kulinarischen Gesichtspunkten.

Vor kurzem erlebte ich, wie man Menschen charakterisieren kann, indem man andere befragt, was sie mögen und nicht mögen. Bei mir brachte das z.B. zu Tage, dass ich Lenin und Knoblauch mag im Gegensatz zu Merkel und Rosenkohl. Bei Hans Heinz würde ich sagen, er mochte Lenin und Sylvia im Gegensatz zu Ratzinger und grünem Salat. Und hier sind wir bei einem Wunsch, der leider nicht mehr in Erfüllung ging. Gerne hätte Hans Heinz ein öffentliches Streitgespräch mit Ratzinger gehabt. Das hätte ich gerne erlebt, ich bin sicher, der ehemalige Chef des Nachfolgers der Inquisition hätte sich warm anziehen müssen.

Und dann ist hier zu nennen seine Liebe zu Sylvia und seine Beziehung mit Sylvia. Das war eine Symbiose im besten Sinne. Diese Symbiose hat großen Anteil an dem Werk von Hans Heinz, und Sylvia gebührt unser Dank, unsere Anteilnahme. Diese Liebe, diese Beziehung war ganz offensichtlich von ihrer Tiefe und vom Ergebnis der sich aus ihr ergebenden Schaffenskraft eine ganz besondere. Leider können wir heute Sylvia, die so gerne bei uns gewesen wäre und nun durch Krankheit daran gehindert ist, nicht tatsächlich umarmen. Aber unsere Gedanken sind bei Ihr, unsere  Wünsche für Kraft und Mut, um Ihr zu helfen diesen Verlust zu verschmerzen.

Und jetzt sind wir hier, ein Unentbehrlicher, ein Genosse, ein Freund, ein Kämpfer fehlt uns. Oft sagen wir dahin: Jeder ist ersetzbar – er ist es eben nicht.

Trotzdem: Hans Heinz selbst hätte uns gesagt, hört auf damit, nehmt mich Ernst, nicht indem Ihr mich betrauert, sondern indem ihr den Marxismus-Leninismus studiert. Nehmt mich Ernst, indem ihr um die Stärkung der DKP als marxistisch-leninistische Partei kämpft. Nehmt mich Ernst, indem ihr gegen Opportunismus, Revisionismus und Sektierertum kämpft. Nehmt unsere Theorie Ernst, das heißt tragt sie auf die Straße.

Lehrer, Freund, Genosse, wir werden in Deinem Sinne weiter kämpfen !

Advertisements