Alles Gute, Margot!

Posted on 11. April 2012 von

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von Klaus Huhn

Penetrante Fälscher

Seit zwanzig Jahren versuchen bürgerliche Journalisten, sich ein Interview mit der nach Chile emigrierten Margot Honecker zu erschleichen. Der Rückblick eines Weggefährten zeigt deren kriminelle Methoden

Unter dem Titel »Der Sturz – Honeckers Ende« strahlte die ARD am 2. April einen Beitrag des NDR-Dokumentarfilmers Eric Friedler aus. Darin wurden Filmaufnahmen von Gesprächen mit Margot ­Honecker verwendet, die nach eigenem Bekunden der ARD nie ein Interview gegeben hat. Unter Vorwänden und mit falschen Angaben zu seiner Person erschlich Friedler sich offenbar ihr Vertrauen und erhielt so die Möglichkeit, im Haus der Witwe des DDR-Staatsratsvorsitzenden in Santiago de Chile Gespräche mitzufilmen.

Klaus Huhn, bekannter Journalist, Verleger und jW-Autor, hat auch nach ihrem Weggang aus der BRD ins selbstgewählte chilenische Exil 1992 engen Kontakt zu Margot ­Honecker gehalten. Im folgenden Beitrag gibt er einen Überblick über die gescheiterten Versuche bürgerlicher Journalisten, sich ein Interview mit ihr zu erschleichen. Der Text basiert auf Huhns Buch »Nicht alle Sterne leuchten. Über postume Attacken gegen die DDR« (Berlin 2003), in dem er den Versuch eines Hamburger Nachrichtenmagazins darstellt, ihn gegen Barzahlung als Vermittler für ein Honecker-Interview anzuwerben. (jW)

Nach Erich Honeckers Tod wurde die ehemalige Volksbildungsministerin kurzerhand zur »First Lady« befördert, um ihren Namen so besser mißbrauchen zu können. Motto: Die DDR ist untergegangen, ihre »First Lady« lebt noch!

Die Beschreibung der zahllosen Versuche, Margot Honecker zu interviewen, gäbe mehrere Bände her. Den ersten startete Johnny Norden, Sohn Albert Nordens, der mit Erich Honecker im Politbüro gesessen hatte. Das war Ende 2000. Norden, zu Zeiten der Allende-Regierung Mitarbeiter an der DDR-Botschaft in Santiago de Chile hatte bei Margot Honecker in Santiago geklingelt, sie hatte ihn freundlich empfangen und bewirtet. Sein Begehr: ein Interview. Sie blieb ihrem seit Jahren geltenden Prinzip treu und lehnte ab. Danach lud Luis Corvalán, Generalsekretär der KP Chiles, ihn zum Abendessen ein und Margot Honecker dazu. Man unterhielt sich und nahm Abschied, wie man es unter Genossen zu tun pflegt.

Nach ihm versuchte ein »Namenloser«, zu gut honorierten Medienmeriten zu gelangen: Malte Sieber. Aufgewachsen in Rheinsberg, war er 1992 freiwillig nach Chile übergesiedelt und empfahl sich im Internet: »Chefredakteur der deutsch-chilenischen Wochenzeitung Condor«. In Klammern wurde dezent angedeutet, daß das Blatt im Jahre 2000 das Zeitliche gesegnet hatte.

Mitte Oktober 2000 lieferte er der Märkischen Allgemeinen Zeitung in Potsdam, der Rostocker Ostseezeitung sowie der sächsischen Freien Presse einen Exklusivreport und meldete den Provinzlesern aus dem fernen Santiago: »Lange Zeit war es still um sie. Margot Honecker, die mächtigste Frau der DDR, lebte allein und zurückgezogen (…) Keinem der zahlreichen Journalisten, die sich am Tor der geschlossenen und bewachten Wohnanlage meldeten, gewährte sie Zutritt (…) Nun wird offenkundig, daß sie zumindest mit einem ehemaligen Journalisten geredet hat. (…) Heute stellt Corvalán in Santiago sein Buch ›Das andere Deutschland. Gespräche mit Margot Honecker‹ vor.« Der emsige Sieber schien das Buch vorab schon gelesen zu haben, denn sein nächster Satz lautete: »Der späte Versuch der Ehrenrettung des sozialistischen Traums wird zugleich Margots erster öffentlicher Auftritt seit sechs Jahren.« Tags darauf strömten 200 Interessenten zusammen,

Sie erläuterte ihr Anliegen: »Ich habe versucht, aus meiner Sicht auf einige Fragen Antwort zu geben. Es sind und bleiben noch viele Fragen offen, und es gibt nicht wenige Fragen, auf die es wohl heute noch keine gültigen Antworten gibt oder geben kann. Wir äußern also Gedanken, Überlegungen, die der Leser weiter bedenken oder in Frage stellen, sich eine eigene Meinung bilden wird. Es ist sicher eine berechtigte Frage, ob heute ein Interesse daran besteht, sich mit zurückliegenden Ereignissen, wie wir sie in diesem Büchlein aufgreifen, zu befassen (…) Es vollzieht sich nun, da die sozialistischen Länder Europas in den Kapitalismus zurückkatapultiert wurden, ungehemmt eine Entwicklung, die zu immer größeren Belastungen der Armen in dieser Welt führt, zu ungehemmter Einmischung der großen und mächtigen Staaten in die inneren Angelegenheiten der schwächeren – und dies wieder mit Gewalt und Krieg. Margot Honecker wurde von Malte Sieber abgerügt: »Im hölzernen Politbüro-Kauderwelsch betet sie die Errungenschaften des Sozialismus herunter.«
»In Chile ertappt«
Damit hatte er für den Kammerton A gesorgt, der fortan erklang, wann immer von ihr die Rede war. Zwei Berliner Verlage übersetzten das Corvalán-Buch ins Deutsche.

Die Ankündigung erregte Aufsehen, und also erschien Johnny Norden auf der Bildfläche. Er war ausgerechnet von Neues Deutschland angeheuert worden, am 6. Februar 2001, also faktisch am Vorabend der Vorstellung der deutschen Fassung, die spanische zu verdammen: »Margot Honeckers Antworten auf die Fragen von Luis Corvalán ähneln über weite Strecken hinsichtlich Argumentation und Terminologie einem Studienmaterial für das SED-Parteilehrjahr aus den späten 80er Jahren.«

Die Buchpräsentation hatte dennoch großen Zuspruch gefunden, vielleicht auch, weil angekündigt worden war, Margot Honecker wäre telefonisch aus Santiago zugeschaltet. Sensationsreporter hatten gehofft, endlich der Exministerin einige rüde Fragen stellen zu können. Aber die Themen der Telefonkonversation bestimmte ich. Es ging vor allem um die Gesundheit Margot Honeckers, nachdem die Super-Illu gemeldet hatte, sie läge mit Knochenkrebs in einer Klinik in Havanna und habe schon ihren letzten Wunsch geäußert. Sie dementierte dies mit überzeugender Stimme, und die Randaleure verzichteten auf weitere Fragen.

Als sich herumsprach, daß ich sie in Chile besuchen würde, um mit ihr eine Erich-Honecker-Biographie zu bereden, offerierte Super-Illu mir ein Fabelangebot, wenn ich ein Interview mitbrächte. Ich lehnte ab, sie auch. Man sattelte um, hetzte einen Fotografen nach Santiago, der sie und mich auf dem Weg zum Lebensmittelladen ablichtete. Text: Die »einst mächtigste Frau der DDR« in verfänglichen Situationen mit dem einst renommierten Sportjournalisten. Aufmacher auf der Titelseite: »In Chile ertappt«.

Am 22. November gegen 16 Uhr Berliner Zeit – also nach meiner Rückkehr – rief mich ein Mann aus der Super-Illu-Redaktion an, und eröffnete mir, daß er ein Bild in Händen halte. Mit bebender Stimme fragte er: »Wissen Sie, wer da drauf ist? Margot Honecker und Sie!« Die Stimme fiel ins Flüstern ab: »tête-à-tête!« Er atmete laut und schien wohl darauf zu warten, daß ich ihn anflehen würde, das Bild zu zerfetzen und meiner Frau nichts davon zu sagen.

Sein Pech: Ich bin lange genug Journalist, um zu wissen, daß solche Bilder heutzutage als unbezahlte und auch unbezahlbare Werbung wirken.
Ein korrupter Zeitzeuge
Die erste Idee, einen Honecker-Film zu drehen, stammte von einem Hugo Velarde Kremser, der sich irgendwann mit einem gewissen Thomas G. zusammengetan hatte, dessen Firma damals in der Schwedter Straße in Berlin, unweit der Uraltbrauerei »Pfefferberg«, auf einem Hinterhof tätig war. Der hatte in Erfahrung gebracht, daß Carlos Puccio, Sohn des Allende-Sekretärs Oswaldo Puccio, die Exiljahre in der DDR verbracht hatte und dort als Fernsehkameramann ausgebildet worden war. In Chile entstand später eine solide Freundschaft der Honeckers mit der Familie Puccio.

Unter dem Vorwand, gemeinsam mit Carlos Puccio Filme über Land und Leute in Chile drehen zu wollen, startete G. die auf den ersten Blick seriöse Kooperation. Dann schrieb er Margot Honecker einen langen Brief, bat um ein Interview, bekam aber wie alle anderen eine Absage. G. bedrängte die Puccios unaufhörlich, ihm wenigstens die Tür zum Margot-Honecker-Haus zu öffnen.

Tatsächlich kam der Tag, an dem Carlos Puccio mit G. vor der Tür stand. Margot Honecker erinnert sich noch gut, wie es dazu kam: »Ich erklärte mich bereit, ihm offizielle Dokumente – die übrigens bereits verschiedentlich publiziert worden waren – für Filmaufnahmen herauszusuchen, auch weil es sich um Dokumente handelte, die jene Fakten auswiesen, die bei fast allen Darstellungen unterschlagen werden.« Und sie weiß genau: »Die Aufnahmen dieser Dokumente machte Carlos.« Sie wähnte sich also sicher.

G. nahm dabei einen neuen Anlauf, Margot Honecker zu einem Gespräch für seine »Zeitzeugen«-Serie zu gewinnen. Sie lehnte wieder ab.

Da bat G. sie inständig, doch wenigstens einige »private« Fotos von ihr und sich machen zu dürfen und schlug vor, daß Carlos dabei behilflich sein sollte. Es waren haargenau jene Fotos, die später in der Super-Illu mit dem Hinweis präsentiert wurden, daß Thomas G. der »erste deutsche Journalist« gewesen sei, dem Margot Honecker ein Interview gegeben habe. Auf der n-tv-Internetseite vom 18. September 2002 las sich das so: »Nach Jahren des Schweigens: Margot Honecker redet – Acht Jahre nach dem Tod des ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker hat seine Witwe Margot Honecker ihr Schweigen gebrochen …« Noch am 2. Oktober 2001 hatte Margot Honecker einen weiteren Brief an G. geschrieben: »Was unser letztes Gespräch angeht, so erinnere ich mich, daß Sie spontan die Idee äußerten, daß es gut wäre, sich mit Unwahrheiten und Verfälschungen auseinanderzusetzen. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen meinerseits keine Zustimmung gab. Sollten Sie im November nach Chile kommen, begraben Sie bitte vorher Ihre Hoffnungen.«

Bei der ARD lief der von G. »heimlich« gedrehte Film. Ankündigung: »Bisher unveröffentlichte Filmbilder zeigen Margot Honecker an ihrem 66. Geburtstag mit chilenischen Freunden.«

Bald darauf rief G. erneut bei Margot Honecker an und teilte ihr mit, daß er sich »außerstande sehe«, auf ein Interview mit der Zeitschrift zu verzichten. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen, alle Fotos in ihrem Haus nur privat zu verwenden. Er gab darauf keine Antwort, die angeblichen Interviews erschienen – illustriert.
Das jüngste Attentat
Dann ging der stern ins Rennen. Einmal mehr begann alles mit einem höchst harmlosen und ungemein höflichen Anruf bei Margot Honecker. »Es geht um ein Interview …«

Einmal mehr erinnerte die an ihre zahlreichen Erklärungen zu diesem Thema und verwies die Anrufer an mich. Ich traf den stern-Unterhändler am Mittag des 1. November 2002 im Restaurant »Der alte Fritz« am Berliner Alexanderplatz.

Der Abgesandte stellte sich als Dr. Dieter Krause vor. Er versicherte, daß ich von zwei Redakteure des Blattes nach Chile begleitet werden sollte. Dann nannte er die fünfstellige Euro-Summe, die man zu zahlen bereit wäre. Ich forderte die Fragen an, die man zu stellen gedachte.

Am 14. November 2002 ging der Fragenkatalog ein. Zum Beispiel:

»Wie Erich Honecker kennengelernt? (…)

Wie weit in die von Erich Honecker geleiteten organisatorischen Vorbereitungen zur Abriegelung der Staatsgrenze der DDR eingeweiht? (…)

Die Ablösung Walter Ulbrichts – Wie sehr drückten die Auseinandersetzungen in das Familienleben? (…)«

Margot Honecker verzichtete auf Antworten, ich auf die Reise.

Daß irgendwann ein neues »Attentat« stattfinden würde, war allen klar. Als sich ein rühriger Berliner Verleger, der an einem Buch zum 100. Geburtstag Honeckers arbeitet, auf den Weg machte, bei ihr einige wichtige Dokumente zu studieren, gesellte sich jemand dazu, der sich besser tarnte als alle, die vor ihm einem Margot-Honecker-Interview nachjagten. Er log, dem Verleger behilflich sein zu wollen, nutzte dessen die Grenzen der Naivität tangierendes Verhalten hemmungslos aus, schnitt raffiniert zusammen, was er heimlich während des Aufenthalts in ihrem Haus an der Seite des Besuchers gedreht hatte und präsentierte sein Bubenstück als »Dokumentation«.

Margot Honecker sagte die Wahrheit: »Ich habe nie dieses Interview gegeben.«

Aber sie ist sicher, daß die Versuche auch nach ihrem – demnächst fälligen – 85. Geburtstag nicht enden werden. Im Augenblick sonnt sie sich an einem kubanischen Strand und verzichtete mit gebührender Entschuldigung darauf, an den Staatsfeierlichkeiten in Bangladesch, zu denen sie eingeladen wurde, teilzunehmen.

Quelle: Junge Welt

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