Vor zehn Jahren: Putsch gegen Hugo Chávez

Posted on 11. April 2012 von

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Wir dokumentieren nachstehend das Kapitel »Der Putsch« aus dem Anfang 2004 im Neue-Impulse-Verlag, Essen, erschienenen Buch »Kampf um Venezuela« von André Scheer. Das Buch ist hier erhältlich.

Der Putsch

Wenige Tage später wurde deutlich, daß die Opposition auf einen Militärputsch zusteuerte. Am 7. Februar 2002 trat der Leutnant Pedro Luis Soto vor die Presse und verlangte den Sturz des Präsidenten. Mehrere tausend Anhänger der Opposition begannen, durch die Straßen zu ziehen und sich am Wohnsitz des Präsidenten zu versammeln. Tausende von Anhängern der bolivarianischen Regierung versammelten sich daraufhin spontan an der selben Stelle und vor dem Präsidentenpalast Miraflores, um Provokationen der Opposition zu verhindern. Gegen Mitternacht lösten sich die provozierenden Gruppen von Oppositionellen allmählich auf, während zahlreiche Chavistas die Nacht auf den Straßen verbrachten.
In den folgenden Wochen traten immer wieder einzelne Offiziere mit der Forderung nach einem Rücktritt des Präsidenten vor die Medien, während Regierungssprecher darauf hinwiesen, daß diese Offiziere offensichtlich keinerlei Rückhalt bei ihren Mannschaften hätten, da sie sich ansonsten nicht in Nobelhotels in den reichen Vierteln von Caracas, sondern in ihren Kasernen verstecken würden. Der sich mit dubiosen Mitteln an der Spitze der CTV haltende Gewerkschaftschef Carlos Ortega versuchte, den Ausnahmezustand herbeizureden. Gleichzeitig deutete auch er seine Hoffnung auf die Streitkräfte an, “die zu 50 Prozent unzufrieden” seien.

Unterdessen packte die Regierung die Umstrukturierung des staatlichen Erdölkonzerns PdVSA an, der bis dahin als ein “Staat im Staate” agiert hatte. Eine Reihe hoher Manager wurde entlassen und ein langjähriger Kritiker der Praktiken der PdVSA wurde zum Präsidenten des Konzerns bestimmt. Damit sollte PdVSA endlich der Kontrolle des Staates unterstellt werden, damit die Gewinne aus den Erdölgeschäften direkter in die sozialen Leistungen für die arme Bevölkerung fließen konnten.

In dieser äußerst angespannten Situation, in der sich die Auftritte von meuternden Offizieren und Beteuerungen der Regierung, daß in den Kasernen und Militärstützpunkten des Landes alles ruhig und unter Kontrolle sei, abwechselten, trat der Parteitag der Kommunistischen Partei Venezuelas (PCV) zusammen.

Seit dem Wahlkampf 1998 gehören die Kommunisten fest zum Lager des heutigen Präsidenten Hugo Chávez, dessen Auftreten beim Parteitag der PCV im März 2002 deshalb keine Überraschung war. “Das einzige, was wir Revolutionäre unverrückbar, stark und fest brauchen ist das

»Kampf um Venezuela« von André Scheer»Kampf um Venezuela« von André Scheer

Bewußtsein, daß dies ein in 100 Jahren nicht wiederholbarer historischer Prozeß ist und wir ihn, koste es was es wolle, nicht verlieren dürfen. Wir dürfen diesen historischen Augenblick nicht verpassen,” rief der venezolanische Präsident den Delegierten und internationalen Gästen des Parteitages zu.

Ein Bestandteil der Hetzkampagne gegen die Bolivarianische Revolution waren die ständigen Unterstellungen, die venezolanische Regierung würde die kolumbianische Guerrilla unterstützen. Tatsächlich hatte Venezuela eine wichtige Rolle bei den letztlich gescheiterten Verhandlungen zwischen den FARC-EP und der kolumbianischen Regierung gespielt und auch direkte Kontakte mit Comandantes der Guerrilla gepflegt, um entführte venezolanische Staatsbürger freizubekommen. Eine weitergehende Unterstützung der Aufständischen wurde aber sowohl von der venezolanischen Regierung als auch von den FARC-EP entschieden dementiert. In einem vom der Guerrilla nahestehenden Informationsdienst “Red Resistencia” am 18. März 2002 verbreiteten Interview der Tageszeitung “El Universal” unterstrich der Comandante Raúl Reyes: “Es gibt keinen Pakt dieser Art. Die FARC haben auf ihrer achten Nationalen Guerrillera-Konferenz ein Grenzdokument verabschiedet, das Bezug auf Venezuela und andere Nachbarländer nimmt. Dort entschieden wir, in kein angrenzendes Land einzudringen. Wir haben sehr mächtige Feinde im Landesinneren: die Armee und die von der nordamerikanischen Unterstützung ermutigte kolumbianische Oligarchie. Die FARC brauchen kein Erdöl, wir haben keine Schiffe und Flugzeuge. Wir haben Einrichtungen, um unsere Kranken zu betreuen. Wir haben Krankenhäuser im Urwald gebaut.” Trotzdem betonte Reyes die Sympathie der Guerrilla für die venezolanische Revolution, wenn man selbst bei einem Sieg auch viele Dinge grundsätzlicher und entschlossener angehen werde. Die Zeitschrift “Resúmen Latinoamericano” analysierte in einem umfangreichen Essay diese Kampagne um die kolumbianische Guerilla als einen Versuch der USA, eine direkte militärische Intervention gegen die venezolanische Regierung zu rechtfertigen. Dazu seien in den Wochen zuvor mehr als 1000 Agenten der CIA in das Land eingesickert.

Während die Regierung begann, Siegesmeldungen zu verbreiten (“Wir haben die Destabilisierung zerschlagen”), rüstete die Opposition zum entscheidenden Schlag. Für den 9. April 2002 riefen Fedecámaras, CTV und die bürgerlichen Oppositionsparteien zu einem erneuten Generalstreik von 24 Stunden auf. Doch der 9. April wurde zu einer Niederlage der Opposition. Die PCV feierte bereits den Sieg: “Genossen aus Venezuela und der ganzen Welt! Wir haben die große Freude, euch mitteilen zu können, daß der Putschversuch der faschistischen Rechten eine umfassende Niederlage durch die überwältigende Mehrheit unseres Volkes, das sein Recht verteidigt, frei und souverän zu sein, erlitten hat!” Sogar die von der Opposition kontrollierte Presse mußte einräumen, daß der Generalstreik lediglich in den reichen Vierteln im Osten von Caracas eine größere Beteiligung hatte, während in den anderen Teilen des Landes das Leben weitgehend normal verlief.

Unternehmer und CTV-Spitze aber wollten die Niederlage nicht eingestehen. Sie verlängerten den Streik um noch einmal 24 Stunden und riefen noch einmal einen Tag später den “unbefristeten Generalstreik bis zum Rücktritt des Präsidenten” aus. Das war die Eskalation. Doch die Beteiligung am Ausstand bröckelte weiter ab. Das venezolanische Wirtschaftsministerium schätzte, daß sich etwa 70 Prozent der Unternehmen nicht am Streik beteiligten. Schon vor Streikbeginn hatten sich Umfragen zufolge mehr als 80 Prozent der Menschen Venezuelas gegen den Streik ausgesprochen.

In dieser Situation suchten die Regierungsgegner ihr Glück in der Gewalt. Am 10. April kam es zu Überfällen und Brandanschlägen auf Autobusse, die trotz des Streiks Passagiere beförderten, und auf geöffnete Geschäfte. Die vom Oberbürgermeister von Caracas, dem zur Opposition übergelaufenen Alfredo Peña, kontrollierte Policía Metropolitana schützte die Opfer dieser Gewalt nicht, die eingesetzte Nationalgarde zeigte sich überfordert. Später sollte sich zeigen, daß auch hohe Offiziere der Nationalgarde sowie der stellvertretende Minister für öffentliche Sicherheit heimlich mit den Putschisten paktiert hatten.

Als den alles entscheidenden Tag hatte die Opposition jedoch den 11. April auserkoren. Für den Morgen dieses Tages hatten CTV und Fedecámaras zu einer Großdemonstration aufgerufen, für die alle privaten Fernsehsender mit ständig wiederholten Werbespots trommelten. Angekündigtes Ziel des Marsches war der Sitz des Erdölkonzerns PdVSA. Doch während die Demonstration mit etwa 50.000 Menschen bereits unterwegs war, wurde sie von den Organisatoren in Richtung auf den Präsidentenpalast umgelenkt: “Jetzt holen wir Chávez aus Miraflores raus! Keinen Schritt zurück!”

Doch vor dem Präsidentenpalast hatten sich Zehntausende Mitglieder der Bolivarianischen Zirkel, Angehörige der linken Parteien und nicht gebundene Unterstützer der Regierung versammelt, um unter der Losung “¡No Pasarán!” – “Sie werden nicht durchkommen!” – die Regierung gegen den von ihnen bereits zu diesem Zeitpunkt als “Putschversuch” eingeschätzten Streik zu verteidigen. Beide Menschenmengen wurden von Ketten der Nationalgarde und der Policía Metropolitana getrennt. Doch plötzlich fielen Schüsse. 13 Menschen wurden getötet, über 100 verletzt.

Die von der Opposition kontrollierten Medien schrien sofort auf, die Regierung und ihre Anhänger habe auf die “unbewaffnete Demonstration” der Opposition geschossen, Chávez sei ein Mörder. Der Präsident wandte sich in diesem Moment an die Nation, doch die privaten Kanäle schalteten die Rede ab, womit sie offen gegen geltende Gesetze verstießen. Nur der staatliche Kanal VTV sendete weiter die Worte von Chávez. Die Privatsender hingegen sendeten ein Videoband, das Stunden zuvor mit tatkräftiger Hilfe des US-Nachrichtensenders CNN produziert worden war und in dem hohe Offiziere der venezolanischen Streitkräfte dem Präsidenten und der Regierung den Gehorsam aufkündigten.

Was war wirklich auf der Straße geschehen? Schon unmittelbar nach den blutigen Ereignissen hatten sich Augenzeugen gemeldet, die den Behauptungen der Rechten widersprachen. Tage später konnte das staatliche Fernsehen Aufnahmen von Angehörigen der “Policía Metropolitana” zeigen, die gezielt auf die Verteidiger der Regierung feuerten. Außerdem war aus umliegenden Gebäuden auf beide Demonstrationen geschossen worden, unter den Heckenschützen wurden Mitglieder der ultralinken Oppositionspartei “Bandera Roja” sowie Angehörige kolumbianischer paramilitärischer Gruppen identifiziert. Mindestens drei dieser Mordschützen waren unmittelbar nach den Ereignissen festgenommen und im Präsidentenpalast Miraflores inhaftiert worden. Sie wurden während der kurzen Herrschaft von Pedro Carmona freigelassen und konnten von der Bildfläche verschwinden. Trotzdem gelang es einer Vereinigung von Opfern des 11. April Wochen später, einige von ihnen zu identifizieren und ihre Fotos über Internet und auf Plakaten verbreiten.

Etwa ein halbes Jahr nach den Ereignissen berichtete der CNN-Korrespondent Otto Neustadt, daß er am Morgen des 11. April von den meuternden Offizieren angerufen worden war, um die Aufzeichnung anzufertigen, in der diese “angesichts der Toten” dem Präsidenten den Gehorsam aufkündigten. Die Privatsender strahlten diese Erklärung am Abend des 11. April fast pausenlos aus, doch als die Aufnahme angefertigt worden war, hatten die gewaltsamen Zusammenstöße noch gar nicht begonnen, war noch niemand ums Leben gekommen.

Andere Journalisten berichteten, wie im Privatfernsehen gesendete Aufnahmen manipuliert worden waren. So zeigten zahlreiche Sender, wie auf der Brücke Puente Llaguno Anhänger der Regierungspartei MVR Schüsse abgaben. Der Kommentar bezichtigte diese dann, auf die oppositionelle Demonstration geschossen zu haben. Doch in anderen, nicht ausgestrahlten, Kameraeinstellungen war deutlich zu sehen, daß auf der Straße unter der Brücke keine Menschen waren, die oppositionelle Demonstration war auf ihrem Weg zum Präsidentenpalast gar nicht bis zu dieser Brücke gekommen. Die Mitglieder der MVR versuchten ganz offensichtlich, sich und die hinter Hauswänden Schutz suchenden Menschen gegen Heckenschützen zu verteidigen, die aus den umliegenden Gebäuden auf die Menschen feuerten.

Doch in diesem Moment hatte die Opposition ihren Vorwand. Militäreinheiten umstellten den Regierungspalast, forderten von Präsident Chávez den Rücktritt und drohten, den Palast zu bombardieren. Der jedoch antwortete ihnen: “Ich werde nicht zurücktreten. Nehme Sie mich gefangen und tragen Sie die Verantwortung dafür.”

Kurz nach Mitternacht, als der 11. April gerade in den 12. April übergegangen war, gelang es Fidel Castro, telefonisch im Präsidentenpalast anzurufen, obwohl dieser weitgehend von der Außenwelt abgeschottet war. Noch ein Jahr später zeigte sich Chávez überrascht darüber, daß dem kubanischen Präsidenten dieses Kunststück gelungen war und berichtete, was er mit seinem Freund in diesen dramatischen Minuten besprach: “Ich befand mich in dem größten Dilemma, das ich in meinem Leben je erlebt habe, ich mußte mit einer Gruppe von Compañeros mitten in der Nacht entscheiden, was wir tun sollten, ob wir im Palast Widerstand leisten sollten mit den geringen Kräften, die wir in diesem Augenblick zur Verfügung hatten, ohne Verbindung zur Außenwelt. Sie hatten uns die Kommunikationseinrichtungen sabotiert, es gab kein Telefon, wir hatten keine Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Die Militäreinheiten waren loyal, aber isoliert, das Volk war verwirrt, ein schwieriger Morgen. Und in dieser Situation mußten wir entscheiden. Da klingelte das Telefon. Ich weiß nicht, wie dieser Anruf durchkommen konnte. Wer ist dran, fragte ich. Fidel Castro. Ich nahm das Gespräch an und wir sprachen einige wenige Minuten. Ich erklärte Fidel die Lage und er fragte mich: ‚Wie ist die Situation, Chávez?‘ Und ich sagte, Fidel, sie ist verdammt verzweifelt. ‚Wie verhalten sich die Streitkräfte?‘ Wir hatten bereits Monate zuvor in Margarita, während des Karibik-Gipfels, miteinander gesprochen und ich sagte ihm, ich habe den Kontakt zu meinen loyalen Leuten verloren und ich erklärte ihm die Situation mit den Verrätern und Verschwörern. Und etwas später mehr oder weniger eine Einschätzung der Kampfstärke, mit der wir in diesem Moment rechnen konnten. Fidel schwieg einige Sekunden und sagte mir dann: ‚Chávez, ich werde dir etwas sagen.‘ Er sprach von Allende und sagte mir dann: ‚Opfere dich nicht, Chávez, rette deine Leute, das ist die erste Pflicht eines Anführers, und danach mußt du dich retten. Sieh zu, wie du das schaffst, aber du rettest dich, Chávez.‘ Später antwortete ich ihm einige Dinge und es kam der Moment, uns zu verabschieden und ich werde nie den Klang dieser Stimme vergessen, als er mir zum Abschied sagte: ‚Chávez, eine letzte Sache noch: Hier erwartet dich dein Volk.‘”

Um ein Blutbad zu verhindern, begab sich Chávez in die Hände der Putschisten. Die Offiziere verschleppten den Präsidenten in den zentralen Militärstützpunkt Fuerte Tiuna in Caracas. Vor der Öffentlichkeit erklärte der Oberst Julio Cesar Anzola, Chávez habe seinen Rücktritt erklärt und befinde sich nun in Gewahrsam der Streitkräfte. Zum Übergangspräsidenten ernannten die Putschisten der Chef des Unternehmerverbandes Fedecámaras, Pedro Carmona.

Sofort begann die Verfolgung der Anhängerinnen und Anhänger der gewählten Regierung. Mehrere Minister wurden verhaftet, Häuser von Mitgliedern linker Parteien durchsucht, als Linke bekannte Menschen mißhandelt. Doch trotz der Abschaltung des staatlichen Fernsehsenders und der alternativen Rundfunkstationen durch die Putschisten gelangte die Wahrheit an die Öffentlichkeit. Der Tochter des Präsidenten, María Gabriela Chávez, gelang es, telefonisch Kontakt mit dem kubanischen Fernsehen aufzunehmen, das mit Sondersendungen über die Lage in Venezuela informierte: “Vor zwei Stunden ist es uns gelungen, mit meinem Papa zu sprechen, er rief uns über Telefon an und sagte uns, daß wir bitte der ganzen Welt mitteilen sollten, daß er zu keinem Zeitpunkt zurückgetreten ist, daß er zu keinem Zeitpunkt ein Präsidentendekret unterzeichnet hat, das den Vizepräsidenten Diosdado Cabello entläßt, und noch viel weniger ist er zurückgetreten. Es waren ganz einfach einige Militärs die ihn verhafteten und nach Fuerte Tiuna brachten, zum Oberkommando der Armee, und im Moment wird er im Regiment der Militärpolizei in Fuerte Tiuna gefangen gehalten. Sie haben ihn vollkommen isoliert, sie haben ihm nur erlaubt, mit uns, seinen Kindern, zu sprechen.” Schon diese Gelegenheit, mit seinen Kindern zu sprechen, war einer mutigen Aktion einzelner Soldaten geschuldet, wie Chávez später berichtete.

Mutig traten Generalstaatsanwalt Isaías Rodriguez und der Präsident der Nationalversammlung, William Lara, gegen die Lügen der Putschisten auf. Isaías gelang es unter dem Vorwand, er wolle zurücktreten, direkt über mehrere Privatstationen auf Sendung gehen zu können. Dort konnte er die Lüge vom Rücktritt des Präsidenten zurückweisen und auf die Regelungen der Verfassung verweisen, wonach im Falle eines Rücktritts der Vizepräsident oder der Parlamentspräsident die Amtsnachfolge antreten müßten, bevor die Direktübertragung überstürzt abgebrochen wurde. Doch die Putschisten verkündeten offen, sie würden die Bolivarianische Verfassung nicht anerkennen. Mit einem einfachen Dekret benannte “Übergangspräsident” Carmona das Land um und strich das “Bolivarianisch” aus dem Namen. Das Parlament wurde für aufgelöst erklärt, die obersten Richter und der Generalstaatsanwalt entlassen. Als der Gouverneur des Staates Tachira, Rolando Blanco La Cruz, die Anerkennung Carmonas als Präsident verweigerte und sagte, er habe keinen Rücktritt von Chávez gesehen, deshalb sei dieser noch immer Präsident, wurde auch er ohne jede Rechtsgrundlage von den Putschisten verhaftet.

Die USA stellten sich bereits zu diesem Zeitpunkt hinter die Putschisten. Der US-Botschafter in Caracas feierte den Staatsstreich als einen “großartigen Tag in der Geschichte Venezuelas”. Die US-Regierung erklärte, Chávez allein sei für die entstandene Situation verantwortlich, die Putschisten hätten gar keine andere Wahl gehabt, als die Macht zu übernehmen. Auch die spanische Regierung in ihrer Eigenschaft als EU-Präsidentschaft vermied in einer offiziellen Stellungnahme eine Verurteilung des Putsches. Das konnte nicht überraschen, denn wenig später wurde auch die Verwicklung der post-franquistischen Regierung in den Putsch bekannt. So hatte Carmona zu seiner Ernennung als “Übergangspräsident” selbst die Präsidentenschärpe mitgebracht. Das nach dem Sieg des Volkes in Miraflores gefundene Stoffstück trug den Vermerk “Made in Spain”. Das Land, das international sofort und am entschiedensten eine Isolation der Putschisten und eine Verurteilung des Umsturzes forderte, war Kuba. Fidel Castro und andere Repräsentanten der Insel erklärten, Kuba werde die an die Macht geputschte “de facto Regierung” niemals anerkennen. Als die Putschisten in Kuba anfragten, ob die dortige Regierung bereit sei, Chávez aufzunehmen, lehnte Fidel ab: “Ich bin nicht bereit, ihn zu empfangen, und wenn man ihn herschickt, dann werden wir ihn, sobald das Flugzeug gelandet ist, in das schnellste Flugzeug setzen, das Kuba besitzt, um ihn zurückzuschicken, denn Chávez bleibt Präsident von Venezuela!”

Doch die Ereignisse entwickelten sich weiter. Schon am Abend des 12. April war es vor allem in den armen Vierteln von Caracas zu lautstarken Protesten gegen den Putsch gekommen. In den Morgenstunden des  13. April brannten Barrikaden, wurden Straßen und große Kreuzungen blockiert. Tausende Bauern, die in den Genuß der Bodenreform gekommen waren, deren Annullierung die Putschisten gerade angekündigt hatten, machten sich auf den Weg nach Caracas. Vor der Kaserne Fuerte Tiuna, in der Präsident Chávez gefangengehalten wurde, versammelten sich zuerst einige, dann immer mehr Menschen, bald waren es Tausende. Chávez wurde schnell aus der Kaserne zu einem anderen Stützpunkt und etwas später in eine Luftwaffenbasis auf einer Insel vor der Küste Venezuelas gebracht. Tausende von Menschen versammelten sich vor den Einrichtungen der privaten Fernsehsender und der rechten Zeitungen. Und Zehntausende demonstrierten auf den Präsidentenpalast zu, manche von ihnen durchquerten dabei die gesamte Stadt. Die den Putschisten ergebenen Polizeieinheiten eröffneten das Feuer auf die Demonstranten. Schätzungen zufolge wurden mindestens 40 Menschen von den Putschisten umgebracht.

Plötzlich tauchte eine handschriftliche Erklärung Chávez‘ auf, die auf den Demonstrationen und Kundgebungen verlesen und Tausendfach fotokopiert und verteilt wurde:

“Turiamo, 13. April 2002. An das venezolanische Volk (und alle, die es interessieren könnte). Ich, Hugo Chávez Frías, Präsident der Bolivarianischen Republik Venezuela, erkläre: Ich bin von der mir vom Volk gegebenen Macht nicht zurückgetreten.”

Wie war dieser Zettel in die Hände des Volkes gelangt?

Während seiner Gefangenschaft hatte Hugo Chávez zahlreiche Solidaritätsbeweise der einfachen Soldaten erhalten. Ein junger Soldat schenkte ihm gemäß seines religiösen Glaubens einen Stein und sagte: “Reibe ihn und es wird dir nichts Schlechtes passieren.” Später war es ein junger Offizier, der ihn im Flüsterton über die Entwicklungen in der Hauptstadt informierte: “Mein Comandante, für uns sind Sie der Präsident. Die Fallschirmjäger haben sich erhoben. Und das Volk ist auf der Straße.”

Und schließlich gab es den jungen Soldaten, der einen Augenblick nutzte, als er mit Chávez allein war, um diesen zu fragen, ob er zurückgetreten sei. Als Chávez verneinte nahm der junge Soldat Haltung an und stellte sich dem legitimen Präsidenten zur Verfügung. Er forderte Chávez auf, ihm einen Zettel zu schreiben, “denn die erzählen überall, Sie seien zurückgetreten und hätten das Land verlassen”.

Während Chávez noch schrieb, kam die befehlshabende Gruppe von Offizieren zurück in den Raum und kündigte an, ihn auf die Insel La Orchila zu bringen. Es gelang Chávez, den Zettel auf dem Boden des Papierkorbs zu verstecken, wo ihn der junge Soldat fand. Chávez selbst zweifelte, ob es dem “unbekannten Helden” gelingen würde, die Botschaft zu verbreiten, doch diesem gelang es, die Kaserne zu verlassen, in einem Auto zur nächsten Ortschaft zu fahren und dort Fax um Fax zu versenden. Er holte seine Frau, damit sie ihm half: “Mein Comandante ist nicht zurückgetreten, er ist der Präsident!”

Die Faxe kamen an, wurden weitergesendet, kopiert, verteilt, wieder kopiert und wieder verteilt. Die brüchige demokratische Fassade des Putsches brach zusammen.

In dieser Situation begann das in Maracay stationierte Fallschirmjägerbataillon unter General Baduel gegen die Putschisten zu rebellieren, der hohe Offizier sprach zu den Demonstranten und forderte sie auf, die Straßen nicht zu verlassen. Und er gehörte zu den ersten, die der begeisterten Menge die Mitteilung des Präsidenten Chávez vorlasen: “Ich habe diese Nachricht hier in meiner Hand, sie ist handgeschrieben und sie trägt die Unterschrift des Präsidenten Chávez!” Im Präsidentenpalast Miraflores besetzte die aus loyalen jungen Soldaten bestehende Ehrengarde des Präsidenten den Palast und nahm eine Reihe von Putschisten fest. Die Minister der gestürzten Regierung kehrten nach und nach an den Regierungssitz zurück und begannen, die Rückeroberung der demokratischen Macht zu koordinieren. Während das staatliche Fernsehen wieder in Betrieb genommen wurde und sofort begann, den Volksaufstand gegen die Putschisten direkt zu übertragen, wurde das Redaktionsgebäude des Oppositionsblattes “El Universal” evakuiert, nachdem sich Tausende vor den Redaktionsräumen versammelt hatten. Auch die Angestellten des privaten Fernsehsenders RCTV mußten zittern. Kurz darauf wurden die privaten Fernsehsender abgeschaltet oder mußten die Bilder des Staatskanals mit den Berichten über den Sieg des Volkes übernehmen.

Unter dem Schutz der Menschenmassen und der verfassungstreuen Soldaten kehrte Vizepräsident Diosdado Cabello nach Miraflores zurück und wurde als “zeitweiliger Präsident während der Abwesenheit des Präsidenten Chávez” vereidigt. Etwa zur gleichen Zeit gab Putschisten-Präsident Carmona auf und wurde verhaftet. Angehörige des Fallschirmjägerbataillons befreiten Chávez aus der Gefangenschaft und brachten ihn zurück nach Caracas.

Im Triumph landete Chávez am 14. April, kurz vor 3 Uhr morgens Ortszeit auf dem Landeplatz des Präsidentenpalastes. Mit geballter Faust grüßte er die Massen und wandte sich kurz darauf über alle Fernsehsender an die Nation. Dort rief er zur Ruhe und Versöhnung auf und kündigte eine weitere Vertiefung der Bolivarianischen Revolution an. Es werde keine Hexenjagd geben, aber die Putschisten müßten sich für ihre Taten verantworten.

Mehr als eine Million Menschen feierten in den Straßen von Caracas den Sieg über die Putschisten. Die kubanische Tageszeitung “Granma” kommentierte: “Die Venezolaner haben eine neue Etappe in der Geschichte Lateinamerika begonnen, in der das Volk sein Eigentum verteidigt und die Staatsstreiche besiegt. Diese Lektion kann auch anderen dienen. Es ist eine neue Demokratie, die das Volk durchsetzt und verteidigt.”

Es hatte nur 48 Stunden gedauert, bis die Kraft des Volkes die Putschisten hinweggefegt hatte. Chávez selbst erzählte eine dafür typische Begebenheit: “Wißt ihr, ich habe einen kleinen Kühlschrank in meinem Zimmer in Miraflores, und als ich ging, hatte ich dort ein bißchen Pudding, den mir meine Mutter manchmal schickt, und fünf Dosen Getränke, drei Dosen Gatorade und acht Wasserfläschchen. Als ich dann wiederkam, öffnete ich den Kühlschrank und der Tyrann hatte nicht einmal die Zeit gehabt, ein Schluck Limonade oder ein Glas Wasser zu trinken, der Kühlschrank war komplett.”

Quelle: Redglobe

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