Alles Gute, Genosse Lenin!

Posted on 23. April 2012 von

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Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) wäre am 22.4. 142 Jahre alt geworden. Aus diesem Grund dokumentieren wir den nachfolgenden UZ Artikel.

von Hans Heinz Holz (1927-2011)

Die Grundlegung des wissenschaftlichen Sozialismus erfolgte in zwei Schritten. Marx und Engels entwickelten die Theorie der gesetzlich wirksamen Triebkräfte der Geschichte – die Dialektik von Produktivkräften, Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen und deren politischen Ausdruck in Klassengegensätzen und Klassenkämpfen. Sie entwarfen das Programm einer universellen materialistischen Dialektik. Sie zogen schließlich die politische Konsequenz aus diesen Erkenntnissen, indem sie die Perspektive der klassenlosen Gesellschaft als Inhalt des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse bestimmten.

Der Beginn der allgemeinen Krise des Kapitalismus, der mit der Herausbildung imperialistischer Großmächte und deren Konkurrenz zusammenfällt und zum Ersten Weltkrieg führte, bezeichnet den Übergang zur zweiten Phase in der Entwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus. Sie hat ihre maßgebliche Formulierung in den theoretischen Arbeiten und den politischen Strategiepapieren Lenins gefunden. Charakteristisch ist für sie, dass allgemeine theoretische Einsichten als direkte Projektionen der politischen Praxis auf die Lehren von Marx und Engels und der Lehren von Marx und Engels auf die politische Praxis gewonnen werden. Die bei Marx und Engels über die komplexe Kritik der politischen Ökonomie vermittelte Einheit von Theorie und Praxis artikuliert sich nun als theoriegeleitete Praxis direkt in der politischen Tätigkeit.

Diesen Übergang hat Lenin vollzogen (und von ihm ausgehend auch Antonio Gramsci, sodass Togliatti mit Recht vom „Leninismus Gramscis“ sprechen konnte). Und mit Recht spricht man eben deshalb auch vom Leninismus als einem entwicklungsgeschichtlich eigenständigen Bestandteil wissenschaftlichen Sozialismus. Mit dem Kampf der Bolschewiki um die politische Macht wurde die von Marx und Engels programmierte „Aufhebung der Philosophie“ (das heißt der allgemeinen Theorie) durch „Verwirklichung der Philosophie“ zum historischen Prozess, der sich in der Oktoberrevolution zum ersten Mal erfolgreich manifestierte.

Das Versagen der Sozialdemokratie

Genau an diesem entscheidenden Punkt der Machtfrage hatte die politische Organisation der Arbeiterklasse, die Sozialdemokratie, versagt. „Der heutige Opportunismus, verkörpert in der Person seines Hauptvertreters, des früheren Marxisten K. Kautsky, (…) beschränkt das Gebiet der Anerkennung des Klassenkampfs auf das Gebiet bürgerlicher Verhältnisse.“ (LW 25, 425)

Es bleibt bei der Verfassungsform der bürgerlichen Demokratie, und das bedeutet: Es bleibt bei der Herrschaft der Bourgeoisie. Die Sozialdemokraten weichen vor der Frage des Machtwechsels zurück und werden damit zum Vollzugsgehilfen des imperialistischen Politik. Von der Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 bis zur Zerschlagung Jugoslawiens und zum Truppeneinsatz in Afghanistan heute reicht diese Kette sozialdemokratischer Anpassungen an die Ziele der Kapitalisten. Das Verhältnis zur Staatsmacht und zur Staatsform wird darum von Lenin als Bewährungsprobe sozialistischer Theorie-Praxis-Einheit herausgestellt:

„Die Formen bürgerlicher Staaten sind außerordentlich mannigfaltig, ihr Wesen aber ist ein und dasselbe: Alle diese Staaten sind so oder so, aber in letzter Konsequenz unbedingt eine Diktatur der Bourgeoisie. Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus muss natürlich eine ungeheure Fülle und Mannigfaltigkeit der politischen Formen hervorbringen, aber das Wesentliche wird dabei unbedingt das eine sein: die Diktatur des Proletariats.“ (LW 25, 425)

In „Staat und Revolution“, geschrieben in den Wochen vor dem Roten Oktober, hat Lenin nicht nur die wesentlichen Merkmale des revolutionären Übergangs zum Sozialismus benannt, sondern auch die Rahmenbedingungen skizziert für die ersten Schritte zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. „Staat und Revolution“ ist ein Schlüsseltext zum Verständnis, wie sozialistische Theorie praktisch wird.

In Übereinstimmung mit Marx und Engels hat Lenin keinen Zweifel daran gelassen, dass die Staatsform, die zur kommunistischen Gesellschaft hinführt, die Diktatur des Proletariats ist – eben als die Demokratie des Sozialismus im Aufbau, die das Absterben des Staates herbeiführen soll. Jeder Staat ist nach dieser Auffassung die Herrschaftsordnung einer Klasse. Die bürgerliche Demokratie ist die Diktatur der Bourgeoisie, die sozialistische Demokratie ist die Diktatur des Proletariats. Mit Diktaturen à la Hitler, Franco und Pinochet hat dieser Begriff nichts gemein. Wer dies vermischt, treibt intellektuelles Falschspiel.

Genau das hat Lenin den Sozialdemokraten und insbesondere Kautsky vorgeworfen, ihre Anpassung an die kapitalistische bürgerliche Gesellschaft durch Verdrehung des marxistischen Vokabulars zu verschleiern. Wir kennen diese Methode! Alle die großen Worte, die aus der Französischen Revolution in den Sprache des Marxismus übergegangen sind, werden auf den Kopf gestellt. Freiheit, Selbstbestimmung, Menschenrecht werden ins Feld geführt, wenn Klassenherrschaft, Ausbeutung und Profit gemeint sind. Wer die Begriffe manipuliert, okkupiert die Gedanken der Menschen.

Klarheit der Theorie

Lenin hat sein ganzes Leben lang für die Klarheit und Reinhaltung der Theorie gekämpft. Von „Was tun“ (1901) über „Materialismus und Empiriokritizismus“ (1908) bis zu „Staat und Revolution“ (1917) führt er immer wieder die Auseinandersetzung um die politische Linie und die organisatorischen Aufgaben mit Hilfe der Präzisierung der Begriffe, deren sich Kommunisten als Leitfaden ihres Handelns bedienen. Differenzen in Einzelfragen lassen sich in der Praxis auflösen. Um die Grundsätze muss gestritten werden.

Lenin geht darauf im Vorwort zu „Was tun“ ein: „Es wurde klar, dass die Lösung der Fragen in weitaus höherem Maße aus dem grundlegenden Gegensatz zwischen den beiden Richtungen in der russischen Sozialdemokratie zu erklären sind als aus Meinungsverschiedenheiten in Einzelfragen. (…) So verwandelte sich die Darlegung der Auffassungen vom Charakter und Inhalt der politischen Agitation in eine Erläuterung des Unterschieds zwischen trade-unionistischer und sozialdemokratischer Politik und die Darlegung von den organisatorischen Aufgaben in eine Erläuterung des Unterschieds zwischen der die Ökonomisten befriedigenden Handwerkelei und der, unseres Erachtens, notwendigen Organisation der Revolutionäre.“ (LW 5, 358 f.)

Das unmittelbare Herauswachsen der theoretischen Wegweiser für die praktische Orientierung aus dem politischen Handeln zu fällenden Entscheidungen wird hier ganz deutlich erkennbar. Theorie wird nicht von außen an die Praxis herangetragen und als „Politikberatung“ sozusagen aus dem Kopf entwickelt, sondern geht aus der politischen Praxis hervor, wenn der einzelne Fall im Horizont des Allgemeinen gesehen wird. Wolfgang Abendroth, der Vater der „Politologie“ in Westdeutschland, hat darum gut leninistisch sein Fach nicht „Wissenschaft von der Politik“, sondern „politische Wissenschaft“ genannt.

Ungenauigkeit der Begriffe und Verschwommenheit der Konzepte sind Schwachstellen, an denen die politische Kampffront der Kommunisten aufgebrochen werden kann. Marx und Engels haben deshalb ihre Programm-Kritiken (Kritik des Gothaer Programms, Kritik des Erfurter Programms) geschrieben, Engels hat den „Anti-Dühring“ dieser Aufgabe gewidmet.

In der Vorbereitung auf die revolutionäre Situation spitzte sich das Problem für Lenin zu. In vielen Marxisten vollzieht sich ja die Wendung zum Opportunismus nicht einfach aus Feigheit oder Korruption. So fragt Lenin, wie Kautsky, der „durch seine Polemik gegen die Opportunisten, an ihrer Spitze Bernstein“ bekannt geworden war, „zu einer unglaublich schmachvollen Verwirrung und zur Verteidigung des Sozialchauvinismus in der Zeit der schwersten Krise 1914/15“ kam (LW 25, 491 f.). Und er führt diesen Absturz darauf zurück, dass es auch schon vorher bei Kautsky Schwankungen und begriffliche Unklarheiten gab, Bruchstellen, an denen die bürgerliche Ideologie in sein Denken einsickern konnte. Lenins Polemik gegen Kautsky ist nicht nur moralische Verurteilung eines Verräters, sondern auch der Versuch, die Ursache des Verrats nicht in persönlichen Unzulänglichkeiten zu sehen, sondern aus gedanklichen Mängeln zu begreifen. Charaktereigenschaften sind nicht diskutierbar, Denkfehler aber wohl.

So kommt Lenin zu dem Schluss: „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, wo die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart.“ (LW 5, 379)

Klassenkampf

Der Kern der revolutionären Theorie ist die Lehre vom Klassenkampf. Im „Manifest“ war der Klassengegensatz im Kapitalismus durch das Eigentum an den Produktionsmitteln definiert worden; Lohnarbeit und Kapital sind die beiden klassenbestimmenden Elemente des Produktionsverhältnisses. Zwischen ihnen gibt es logisch kein Drittes. Die kleinen Privateigentümer geraten mehr und mehr in die Abhängigkeit von den großen Kapitaleignern und bilden keine eigene Strukturebene mehr im Produktionsverhältnis. „Der Kleinbürger befindet sich in einer solchen Lage, seine Lebensbedingungen sind derart, dass er nicht umhin kann, sich selbst zu täuschen, es zieht ihn unwillkürlich und unvermeidlich bald zur Bourgeoisie und bald zum Proletariat. Eine selbständige Linie kann er ökonomisch gesehen nicht haben.“ (LW 25, 200)

Obwohl Lenin dieser Logik Rechnung trägt und folglich im Kleinbürgertum keine eigene politische Kraft, sondern nur eine Manipulationsmasse für die Bourgeoisie sieht, erkennt er aber die Bedeutung dieser Gesellschaftsgruppe für die Machtfrage; er betont, „dass jedes kapitalistische Land drei grundlegende, drei Hauptkräfte aufweist: Bourgeoisie, Kleinbürgertum und Proletariat. Von der ersten und dritten Kraft sprechen alle, alle erkennen sie an. Die zweite – das heißt zahlenmäßig gerade die Mehrheit! – will man weder vom ökonomischen noch vom politischen noch vom militärischen Standpunkt aus nüchtern einschätzen.“ (LW 25, 201)

Diese Bemerkung ist bedeutungsvoll, denn sie verweist auf einen Widerspruch zwischen Wesen und Erscheinung der kapitalistischen Gesellschaft. Dem Wesen nach reduzieren sich im Kapitalismus die Klassen auf zwei; und darum ist die Beseitigung des Kapitalverhältnisses zugleich das Ende der Klassenspaltung. Stürzt die Arbeiterklasse die Herrschaft der Kapitalisten, so ist die Menschheit von der Klassenherrschaft befreit. Das ist die „historische Mission der Arbeiterklasse“, nicht aus philanthropischem Idealismus, sondern als Konsequenz der zweigliedrigen Struktur der bürgerlichen Gesellschaft.

Im Erscheinungsbild aber gibt es zwischen Kapitalisten und Arbeitern ein breites Feld verschiedener Funktionen im gesellschaftlichen Produktionsprozess. Und dieses Erscheinungsbild ist keine Illusion, sondern eine Realität, wenn auch nur dem Schein nach eine selbstständige. Die Angehörigen dieser Zwischenschicht machen die Erfahrung ihrer Lebensbedingungen und Interessen, aber sie begreifen sie nicht als hervorgebracht und abhängig vom Kapitalverhältnis. Ihre Vernunft müsste sie an die Seite der Arbeiterklasse führen, ihre Traditionen und Vorurteile drängen sie zur Anpassung und Unterwerfung unter die Bourgeoisie.

Mit Rücksicht auf diesen „realen Schein“ einer pluralistischen Struktur der Gesellschaft müssen die revolutionären Organisationen im Kampf um die Macht Aktionsformen finden, in die sie die Masse des Zwischenfeldes einbinden können; und beim Aufbau des Sozialismus braucht es Organisationsformen, die die Kleinbürger in diesen Aufbau einbeziehen und einen Bewusstseinswandel bewirken. Klassenkampf wird so nicht nur zum Kampf gegen die herrschende Klasse, sondern auch zum Kampf um die Gewinnung der Schwankenden. In seiner Broschüre von 1917 „über Verfassungsillusionen“ (LW 25, 193 ff.) hat Lenin dieses strategische Konzept aufgezeigt.

Die Zustimmung der Mehrheit zu einer fortschrittlich-revolutionären Politik muss immer wieder von neuem errungen werden. Avantgarde zu sein, ist keine institutionelle Eigenschaft, sondern einer ständigen Bewährungsprobe ausgesetzt. Sich einzulassen auf die Motive der vielen, die nicht von der Klarheit des wissenschaftlichen Sozialismus durchdrungen sind, ist unerlässlich; aber es liegt zugleich darin die Gefahr, in pragmatischen Opportunismus abzugleiten, wie Lenin am Beispiel Kautskys zeigte.

Darum bestand Lenin auf der strengen Präzision der Theorie auch da, wo sie praktisch wird. Nur kritisch geschärft ist sie die Waffe, die „zur materiellen Gewalt wird, sobald sie die Massen ergreift“. (Marx, MEW 1, 385)

Dieser Beitrag aus DKP-Zeitung UZ erschien anlässlich des 135. Geburtstages Lenins.

Quelle: kominform.at

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