Demokratie und DDR-Genossenschaften

Posted on 24. April 2012 von

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von Wolfram Triller*

Die Genossenschaftsidee erlebt gegenwärtig eine Renaissance. Die Ideologen des Kapitals hoffen die „Selbsthilfeidee“ dafür benutzen zu können, die Verantwortung für die Krise des Systems dem einzelnen „Marktteilnehmer“ überantworten zu können. Und die „moderne Linke“ ist wieder bei Lasalle, der hoffte, das kapitalistische „eherne Lohngesetz“ mit Hilfe von Genossenschaften überwinden zu können. Wenn die Arbeiter mit den Produktionsgenossenschaften die Scheidung zwischen Arbeitslohn und Unternehmergewinn aufheben, würde ihnen der volle Ertrag ihrer Arbeit zufließen, die Ausbeutung wäre überwunden.  Selbst Marx wird als Kronzeuge dieser Idee mit dem Satz zitiert, dass im Kommunismus „alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen“ [1].

Die Erfahrungen mit der Genossenschaftsentwicklung in der Landwirtschaft der DDR ergeben aber ein anderes Bild. Sie ist Ergebnis der Entwicklung der Produktivkräfte und der dafür notwendigen Entwicklung der Produktionsverhältnisse. Das war ein historisch lang andauernder gesetzmäßiger Prozess mit vielen DDR-Besonderheiten. Er beinhaltete natürlich auch viele Konflikte, manche Überspitzungen und Fehler. Aber letztlich haben die Bauern den Übergang zur genossenschaftlichen Landwirtschaft seit 1952 selbst gestaltet und sich zur Klasse der Genossenschaftsbauern entwickelt.

Genossenschaftliche Demokratie

Möglichkeiten, Inhalt und Form der Demokratie werden nachhaltig durch die Stellung der Menschen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess bestimmt. Deshalb war die demokratische Bodenreform in Ostdeutschland eine entscheidende Bedingung dafür, dass die Bauern ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen konnten. So entstanden günstige Ausgangsbedingungen für das Bündnis der Bauern mit der Arbeiterklasse.

Die Genossenschaften. in der DDR konnten am Genossenschaftsgedanken aus der Zeit vor 1945 anknüpfen:  Freiwilligkeit,  Selbstverwaltung,  Wirtschaftlichkeit und  optimaler Vorteil für jedes Mitglied. Zur Verwirklichung dieser Prinzipien beschlossen die Mitgliederversammlungen ein Statut, in dem das Zusammenwirken der Mitglieder geregelt wird.2 Das höchste Organ der Genossenschaft ist die Mitgliederversammlung (MV). Es gilt das  Prinzip: ein Mitglied eine Stimme unabhängig von der Größe des Inventarbeitrages. Die MV wählt den Vorstand, die Revisionskommission und die wichtigsten Leiter. Sie entscheidet über den Plan und die Verwendung des Betriebsergebnisses.

Generell ist jedes Mitglied verpflichtet (LPG-Regelung), für die Tätigkeit der Genossenschaft einen flächenbezogenen Inventarbeitrag in Form landwirtschaftlicher Produktionsmittel oder in Geld bereitzustellen, Arbeitsleistungen in einem Mindestumfang zu erbringen und alles in seinen Kräften stehende für den wirtschaftlichen Erfolg der Genossenschaft zu tun. Daraus leitet sich das Recht ab, an den Entscheidungen der MV teilzunehmen.

Da die Startbedingungen für die LPG-Gründung sehr unterschiedlich waren, entstanden unterschiedliche Typen von LPG mit verschiedenartiger Ausprägung der genossenschaftlichen Demokratie. So wurde z.B. das Genossenschaftsergebnis zu 40 bzw. 20 Prozent nach dem eingebrachten Boden verteilt, der Rest nach Arbeitsleistung. In dem Maße, wie der Anteil des genossenschaftlichen Eigentums wuchs, wuchs auch der Anteil des Betriebsergebnisses, der nach der Arbeitsleistung verteilt wurde.

Mit der Verfügbarkeit immer leistungsfähigerer  Produktionsmittel entwickelten sich die Genossenschaften – nach Überwindung ihrer Anlaufschwierigkeiten – stürmisch weiter, z.B. durch die  Vergrößerung der Wirtschaftseinheit und Erweiterung der unternehmerischen Tätigkeit (z.B. im handwerklichen, sozialen und kulturellen Bereich), Bildung von zwischenbetrieblichen Einrichtungen  bis hin zur territorialen Zusammenführung der Betriebe der Land- und von Teilen der Nahrungsgüterwirtschaft in Agrarindustrievereinigungen.

Die Genossenschaften haben diese Veränderungen ihrer  wirtschaftlichen Tätigkeit immer mit der Weiterentwicklung der  innergenossenschaftlichen Demokratie verbunden. Das zeigte sich z.B. im Übergang von der LPG Typ I zum Typ III; der Aufnahme von Landarbeitern der Volkseigenen Güter (VEG3) und der ehemaligen volkseigenen Maschinen-Traktorenstationen (MTS), die das volle Stimmrecht in der Mitgliederversammlung erhielten, der Übertragung von Entscheidungsbefugnissen an die Kooperationsräte und Kooperationsverbände.

In den Genossenschaften waren teilweise mehrere 100 Genossenschaftsbauern beschäftig. Das erforderte ein hoch entwickeltes System der Leitung. Wichtige Leiter wurden zwar durch die Mitgliederversammlung gewählt, im operativen Arbeitsprozess galt aber das Prinzip der Einzelleitung, das in bestimmten Abständen durch kollektive Beratungen in den Arbeitskollektiven unterstützt wurde. Demokratie und Leitung wurden deshalb wissenschaftlich erforscht und am einzigen Lehrstuhl für „Leitung landwirtschaftlicher Betriebe“ in Deutschland gelehrt.

Genossenschaft und Plan

Die Genossenschaften verwirklichten ihre innergenossenschaftliche Demokratie und  produzierten als ein Teil der gesamten Volkswirtschaft. Die Arbeiter-  und Bauernmacht in der DDR hat dabei die Entwicklung der Landwirtschaft nachhaltig gefördert und auf den sozialistischen Entwicklungsweg geleitet 4. Ein wesentlicher Aspekt war dabei die Einbindung der Agrarproduktion in die gesamtgesellschaftliche Planung. Sie entwickelte sich von der Pflichtablieferung für alle Bauern, über Selbstvermarktung der „freien Spitzen“, zu den Planvorgaben für die LPG und später zu den Planvorschlägen durch die LPG, die der Bestätigung durch die staatlichen Leitungen bedurften bis hin zu den Vertragsabschlüssen mit den vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen entsprechend dem Plan der Genossenschaft. Die Planwirtschaft umfasste auch die Finanzierung der genossenschaftlichen Arbeit, die Investitionsplanung und die Einflussnahme auf die Verteilung des wirtschaftlichen Ergebnisses an die Genossenschaftsmitgliede und für die Akkumulation. Das Ergebnis war die schrittweise Überwindung der sozialen Unterschiede zwischen Stadt und Land – eine von den Genossenschaftsbauern selbst bestimmte Zukunft.

Eine wesentliche Unterstützung erfuhren die LPG durch die MTS. Sie führten Arbeitsleistungen zu günstigen Preisen durch. Später wurde die MTS-Technik den LPG übergeben. Durch die MTS erfolgte eine umfangreiche wissenschaftliche Beratung der Bauern durch Agronomen und Zootechniker. Mit Ihren Kulturhäusern und ihren Dorfakademien leisteten sie einen großen Beitrag für das kulturelle Leben auf den Dörfern. Genossenschaftliche Demokratie und produktive Landwirtschaft lebt von der Bildung der Bauern. Durch die LPG wurden viele Bauernkinder an die Bildungseinrichtungen der DDR delegiert. 1989 besaßen 94,1 Prozent der in der Landwirtschaft Beschäftigten einen Berufsabschluss.

Eine Vielzahl wissenschaftlicher Forschungseinrichtungen auf allen Gebieten der Agrarproduktion schuf die wissenschaftlichen Grundlagen für die moderne sozialistische Landwirtschaft. Die VEG bildeten dabei die Überleitungseinrichtungen für die neuesten Erkenntnisse, Züchtungen und Techniken.

Kapitalistische Restauration

Nach 1989 waren die LPG politisch nicht gewollt und mussten sich umstrukturieren. Dieser Prozess war mit schwerwiegenden ökonomischen Schäden und Massenarbeitslosigkeit verbunden. 90 Prozent der Beschäftigten schieden aus den landwirtschaftlichen Betrieben aus. Es entstanden u.a. eingetragenen Genossenschaften (e. G). GmbH, oder Gesellschaften bürgerlichen Rechts (GbR) und etwa 27.000 Haupt- bzw. Nebenerwerbsbetriebe.[4] In den e.G. wird das Prinzip „ein Mann eine Stimme“ zunehmend durch ein Stimmrecht nach Kapitalanteilen ersetzt. Die Rolle des Geschäftsführers wird aufgewertet. Die Entwicklung der Betriebe unterliegt der kapitalistischen Konkurrenz.

Um die e.G. wieder zu einem Element für eine sozialistische Entwicklung zu machen, muss deren kapitalistischer Charakter überwunden werden.

*Der Autor wurde 1936, als erstes von 8 Kindern eines Kleinbauern geboren, studierte Landwirtschaftswissenschaften und  Agrarpädagogik, arbeitete 7 Jahre als Mitglied in einer LPG,  nach der Habilitation 1985 Berufung zum Professor für das Fachgebiet Rechnungswesen und Statistik in der Landwirtschaft, 1991 Abberufung wegen „Wegfall des Berufungsgebietes“, 6 Jahre Agrarreferent der Bundestagsfraktion der PDS bis zum Renteneintritt

Quellen und Anmerkungen:

[1]  Siehe dazu Karl Marx. Kritik des Gothaer Programms, MEW19

2 Die Rahmenbedingungen wurden durch das LPG-Gesetz fixiert, das entsprechend der Entwicklung der LPG vervollkommnet wurde. Siehe dazu auch Otto Rosenkranz: Handbuch des Genossenschaftsbauern, Auszüge unter www.triller-online.de/g0487.htm

3 Ein Volkseigenes Gut (VEG) war keine Genossenschaft, sondern hatte die Rechtsform eines volkseigenen Betriebes

4  Siehe dazu: Wolfram Triller: Der Wandel der Klassenverhältnisse in der Landwirtschaft (in Ostdeutschland), www.triller-online.de/k0054.htm

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