Die Lust am Widerspruch

Posted on 24. April 2012 von

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von Arnold Schölzel

Eine Veranstaltung in Berlin für den Philosophen Hans Heinz Holz

Mehr als 200 Interessierte – zum Teil von weit her angereist – fanden sich am 25. Februar im Münzenbergsaal des Neuen Deutschland-Gebäudes am Berliner Franz-Mehring-Platz ein. Die Landesleitung der DKP Berlin, die Bezirksorganisation Ruhr-Westfalen der DKP, die Tageszeitung junge Welt und die Zeitschrift RotFuchs hatten unter dem Titel „Die Einheit von Politik und Philosophie im Kampf für den Kommunismus“ zu einer Veranstaltung für Hans Heinz Holz eingeladen. Geplant war die Tagung – in Abstimmung mit dem bereits schwer erkrankten Universalgelehrten und Philosophen – zu dessen 85. Geburtstag am 26. Februar. Doch am 11. Dezember 2011 verstarb Holz an seinem Wohnort im schweizerischen Sant‘ Abbondio, so fand nun ein Gedenkkolloquium statt.

Es wurde ein ebenso langer wie bemerkenswerter Tag. Es ging um Politik von Kommunisten heute, um philosophische Forschung und um persönliche Erlebnisse mit dem Denker, über die zum Abschluss RotFuchs-Chefredakteur Klaus Steiniger sprach, aber auch um die Wirkung der Arbeiten von Holz auf Kuba und in der Türkei. Er selbst war in Filmaufnahmen zu sehen, zentrale Begriffe seiner philosophischen Arbeit erläuternd. Großen Beifall erntete der Pianist und Sänger Klaus Linder, der Lieder von Hanns Eisler, Kurt Weill und Georg Kreisler vortrug.

Parteidisziplin – kein Kadavergehorsam

Der erste Teil der Tagung war der politischen Tätigkeit von Holz gewidmet. Der Vorsitzende des Berliner DKP-Landesverbandes, Rainer Perschewski, und Patrik Köbele, stellvertretender Bundesvorsitzender, erinnerten an Holz’ Mitarbeit in der Partei. Im Schaffen des Philosophen, so Perschewski, sei „alles nach vorn gerichtet“. Daran wolle die Veranstaltung anknüpfen. Köbele nannte analog im Anschluss an Holz den Marxismus-Leninismus eine „Weltanschauung der Zukunft“. Er schilderte Begegnungen in einer Essener Grundorganisation, an die „Lust am Widerspruch“ des Verstorbenen und seine zugleich strikte Beachtung der Parteidisziplin, die Holz nicht als Unterordnung, sondern als entstanden aus der Aufhebung von sozialem Kadavergehorsam begriffen habe. Eine Maxime, die von ihm zu übernehmen sei, laute: „Sich das Erkennen schwer machen.“ Denn Dialektik denke stets gegen den Augenschein.

Über „das Parteimitglied, den Parteigenossen und Parteipolitiker“ sprach auch Hans-Peter Brenner, Mitglied des Parteivorstandes der DKP, im ersten Hauptreferat der Veranstaltung: „Für ihn galten die Leninschen Prinzipien der Parteitheorie und des demokratischen Zentralismus; er lehnte aus Prinzip eine in Fraktionen gegeneinander arbeitende Partei als Typ eines angeblichen ‚modernen und pluraleren Marxismus-Verständnisses‘ ab.“ Leninismus sei für Holz, der seit Studententagen Mitglied der KPD gewesen sei, die Einheit von Theorie und revolutionärer Praxis in der Epoche des Imperialismus gewesen, „wobei die Theorie nicht etwa ein für die Praxis zurechtgestutzter Marxismus im Kleinformat ist“. Brenner würdigte insbesondere die Mitarbeit von Holz an den programmatischen Dokumenten der DKP seit 1990 und seine Auseinandersetzung mit den „Thesen des Sekretariats“, die er in wesentlichen Teilen als unvereinbar mit dem Parteiprogramm bezeichnete. Das Werk von Hans Heinz Holz sei „Teil des Erbes der DKP“, die – so der Redner – „in der ungebrochenen Tradition der KPD“ stehe.

Vermittler zwischen ost- und west deutschen Kommunisten

Wolfram Triller ergänzte dies mit Berichten über das Engagement Holz’ für das Zusammenführen von ost- und westdeutschen Kommunisten, für die Zeitschriften Theorie&Praxis und RotFuchs. Holz habe angesichts der großen Kulturunterschiede zwischen Ost und West vermitteln können. Während die Linkspartei keine Wiedergewinnung der Arbeiterklasse anstrebe, Ostdeutschland von der Niederlage des Sozialismus geprägt sei, habe die DKP die kommunistischen Positionen verteidigt. Triller verwies auf einen zentralen philosophischen Ansatz in Holz‘ Denken, das „Prinzip des Gesamtzusammenhangs und die dialektische Methode“. Der Widerspruch fungiere aus dieser Sicht als „Aufdeckung des Wesens gesellschaftlicher Entwicklung“. Dem habe sich tieferes Suchen gerade auch bei der Erforschung der Geschichte des realen Sozialismus zu stellen. Es habe Verbrechen gegeben, entscheidend aber seien bei der Analyse nicht nur die subjektiven Verhältnisse, sondern vor allem die objektiven Bedingungen.

Alfred Noll, der für den erkrankten Friedrich-Martin Balzer einsprang, skizzierte die Publizistik von Hans Heinz Holz in den letzten Jahren. Die Bedeutung seines Werkes gehe zurück auf einen „Plan“, den dieser bereits in den 40er Jahren verfolgt habe. Charakteristisch für Holz sei ein „spezifisches Verhältnis von Haltung und Philosophie“ gewesen, genauer: Jede Form der Niederlage sei nur Ansporn gewesen. Noll hob hervor, welche bedeutende Rolle Kunst, Literatur und Theater im Schaffen von Holz spielten. Ihm sei in langen Phasen der Verweigerung beruflichen Erfolgs eine „eiserne Haltung“ aufgezwungen worden. Zugleich demonstriere sein Werk, dass die begriffliche Arbeit des Philosophen nur gelinge, wenn das sinnliche, das ästhetische Vermögen geschult worden sei.

Aydin Cubukcu, Mitglied des Parteivorstandes der türkischen marxistischen Arbeiterpartei EMEP, würdigte Hans Heinz Holz als einen Denker, der sich 1991 jenen entgegengestellt habe, die im Zerfall der Sowjetunion auch einen Zerfall der kommunistischen Idee gesehen hätten. Das habe mit seinem Ethos zu tun, vor allem aber mit seinem Ausgehen von der Totalität, der Einheit von Denken und Arbeit, von Theorie und Praxis. Sein Lebenswerk habe deswegen auch besonderen politischen Wert.

Mit Losurdo die Bedeutung Hegels verstehen

Höhepunkt des zweiten Teils der Konferenz war das Referat des italienischen Philosophen und Historikers Domenico Losurdo über die „Einheit von Philosophie und Politik“. Sein Ausgangspunkt war die Frage: Warum ist Hegels Philosophie so wichtig für die revolutionäre Theorie und Praxis? Am Beispiel der Hegelschen Wendung „Das Wahre ist das Ganze“, in dem einige „Totalitarismus“ witterten, betonte er: „Wir können das Demokratieproblem nicht verstehen, ohne die kolonialisierten Völker einzubeziehen.“ Totalitarismus liege dort vor, wo deren Lage verschwiegen werde. Er illustrierte dies an Hand der Analyse, die Alexis de Tocqueville im 19. Jahrhundert an der US-Demokratie vornahm. Der französische Intellektuelle habe die Lage der Sklaven und der Ureinwohner Nordamerikas nicht verschwiegen. Das habe sich im 20. Jahrhundert bei der Untersuchung der westlichen Demokratien verändert, wo z. B. über medizinische Experimente an Indigenas nichts verlaute, die Politik der Rassentrennung unberücksichtigt bleibe. Dies und vieles andere besage allerdings: „Die sogenannte freie Welt ist die der schlimmsten Unterdrückung.“

Analog gelte für die Oktoberrevolution: Ihre Komplexität sei ohne die Umstände, unter denen sie stattfand, nicht zu verstehen, z. B. der Angriff von 19 Interventionsmächten unter Führung der USA und Großbritanniens.

Wie könne aber Wirklichkeit begriffen werden. Ein „landläufiger Empirismus“ führe heutige Kriege auf strategische Interessen oder die nötige Ölversorgung des Westens zurück. Verheerender als das sei der von Hegel so genannte „absolute Empirismus“, den z. B. Jürgen Habermas an der Seite jener vertrete, die meinten, Kriege für „universelle Werte“ seien gerechtfertigt. Dabei handele es sich um „schlimmsten Positivismus“. Denn es gebe Begriffe, die nicht universalisiert werden könnten, ohne negiert zu werden. Hegel habe daher die „bestimmte Negation“ eingefordert, die heute durch Denker wie Michel Foucault und seine Schule eliminiert werde. Wenn Foucault von einer „Mikrophysik der Macht“ spreche, sei jede gesellschaftliche Beziehung zur „Macht“ erklärt, etwa die Gleichwertigkeit von Sklaverei und zwischenmenschlicher Beziehung erklärt.

Die Frage sei, wie die herrschenden Verhältnisse verändert werden könnten. Sowohl Hegel wie auch z. B. Adam Smith hätten die formelle Freiheit hoch geschätzt. Angesichts der Tatsache aber, dass in den USA eine Herrschaft freier weißer Sklavenbesitzer existierte, sei auch Smith für die Beschneidung von deren Freiheit gewesen. Analog habe Hegel für die Beschneidung der Eigentumsrechte in bestimmten Situationen plädiert. Hegel habe deswegen den Rückzug aus dem Kampf um die Veränderung der Verhältnisse als „niederträchtig“ bezeichnet, als moralisch und logisch falsch. Taten und schöne Absichten seien zweierlei. Wer eine „Bilanz des Kommunismus“ ziehen wolle, müsse danach fragen, wann die Diskriminierung von Armen, Frauen und kolonialen Völkern aufgehoben worden sei. Die Antwort laute: Nach der russischen Revolution von 1917.

Arnold Schölzel legte in seinem Referat Kernpunkte der Dialektikgeschichte dar, die Hans Heinz Holz im vergangenen Jahr in fünf Bänden vorlegte. Abschließend erinnerte der Chefredakteur des RotFuchs, Klaus Steiniger, an persönliche Begegnungen mit Hans Heinz Holz in Sant’Abbondio.

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