Arbeiterklasse und kommunistische Partei

Posted on 14. Juni 2012 von

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Der hier gespiegelte Text von Willi Gerns ist vor zwei Jahren geschrieben. Aber er ist höchst aktuell.

Lenins „Was tun?“ und Klassenbewusstsein heute. Die „brennenden Fragen“ sind heute noch aktuell.

von Willi Gerns

In: unsere zeit vom 14.05.10

„Damit aber wirklich die ganze Klasse, damit wirklich die breiten Massen der Werktätigen und vom Kapital Unterdrückten zu dieser Position gelangen, dazu ist Propaganda allein, Agitation allein zu wenig. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung dieser Massen …“

Werke, Bd. 31, S. 60

Seit der Erstveröffentlichung von Lenins Werk „Was tun?“ 1902 sind mehr als hundert Jahre vergangen. In dieser Zeit haben sich grundlegende Veränderungen in der Welt vollzogen. Das wirft die Frage auf: kann uns diese Schrift für die heutigen Bedingungen noch Wichtiges sagen?

Ich möchte sie mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. Selbstverständlich enthält „Was tun?“ zeitbedingte und auf die damalige Situation in Russland zugeschnittene Aussagen, die heute nicht mehr relevant sind. Einige der „brennenden Fragen unserer Bewegung“ – so der Untertitel der Schrift – und die dazu formulierten Kernthesen Lenins sind meiner Überzeugung nach jedoch heute nicht weniger brennend als damals. Ich denke dabei besonders an die Aussagen zum Kassenbewusstsein der Arbeiterklasse.

Dabei müssen diese natürlich heute auf eine Arbeiterklasse bezogen werden, die sich – vor allem in den entwickelten kapitalistischen Ländern – in Struktur, Arbeitsbedingungen, Lebensweise und Lebensstandard, technischer und Allgemeinbildung sowie in ihrem Bewusstsein wesentlich von der russischen Arbeiterklasse am Anfang des vorigen Jahrhunderts unterscheidet. Die grundlegenden Klassenmerkmale sind jedoch geblieben.

Wie Marx und Engels sieht Lenin die entscheidende Kraft im Kampf um die Überwindung des Kapitalismus durch den Sozialismus in der Arbeiterklasse als derjenigen Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft, die, frei von Produktionsmitteln, gezwungen ist, ihre Arbeitskraft an die kapitalistischen Eigentümer der Produktionsmittel zu verkaufen und von diesen ausgebeutet wird. Aus dieser Lage kann sie sich nur befreien, wenn sie gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, deren Interessen mit denen des Kapitals kollidieren, die politische Macht erobert und die wichtigsten Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum überführt werden. Die Rolle der Arbeiterklasse erwächst zugleich daraus, dass sie mit den Lebensnerven der kapitalistischen Gesellschaft verbunden und am besten organisiert ist.

Diese Rolle kann sie aber nur erfüllen, wenn sie sich ihrer materiellen Existenzbedingungen, ihrer grundlegenden Interessen, ihrer Beziehungen zu den anderen Klassen und Schichten und zum kapitalistischen Staat sowie ihrer Rolle in der geschichtlichen Entwicklung mehr oder weniger deutlich bewusst wird und entsprechend handelt. Fragen der Entwicklung des Klassenbewusstseins der Arbeiterklasse stellte Lenin darum ins Zentrum von „Was tun?“.

Entwicklungsstufen des Klassenbewusstseins

Nach Lenin gibt es elementare und höhere, mehr Einsicht und Wissen erfordernde Klassenerkenntnisse. Wenn ein Arbeiter oder Angestellter heute nur einfach Wut auf die Konzernbosse hat, die den Betrieb schließen und ihn wie Abfall auf die Straße werfen, er sich aber unter der Devise „Man kann ja doch nichts machen“ mutlos in sein Schicksal ergibt, ist das noch kein Klassenbewusstsein, das ja, wie schon das Wort ausdrückt, mit Wissen, mit Einsichten zusammenhängt. Was sich bei ihm regt, ist eher ein dumpfes Klassengefühl.

Wenn dagegen um die Arbeitsplätze gekämpft wird, können sich aus den Erfahrungen des Kampfes – wie in anderen Klassenkämpfen auch – durchaus spontan Einsichten darüber herausbilden, dass Arbeit und Kapital gegensätzliche Interessen haben und dass Forderungen der Arbeiter und Angestellten nur im solidarischen und organisierten Handeln gegen die Kapitalisten durchgesetzt werden können. Lenin nennt solche elementaren Klassenerkenntnisse „tradeunionistisches“, nur gewerkschaftliches Bewusstsein und bezeichnet das spontane Element als Keimform der Bewusstheit. Zwischen diesen elementaren Klassenerkenntnissen und dem sozialistischen Bewusstsein, der höchsten Form des Klassenbewusstseins der Arbeiterklasse, das sich auf Erkenntnisse des wissenschaftlichen Sozialismus gründet, liegen eine Reihe immer höherer Stufen des Klassenbewusstseins.

Politisches Klassenbewusstsein und insbesondere das sozialistische Bewusstsein, können sich – so Lenin – nicht spontan herausbilden. Spontan drängt sich die bürgerliche Ideologie den Arbeitern und Angestellten auf, „weil sie ihrer Herkunft nach viel älter ist als die sozialistische, weil sie vielseitiger entwickelt ist, weil sie über unvergleichlich mehr Mittel der Verbreitung verfügt“. Bürgerliche Ideologie wirkt im Kapitalismus von der Wiege bis zum Grabe auf die Menschen ein mittels Kirche, Schule Hochschule, Armee und Betrieb, der bürgerlichen Medien.

Lenin betont, politisches Bewusstsein – und vor allem die Erkenntnisse des wissenschaftlichen Sozialismus – müssen in die Arbeiterklasse hingetragen werden. Was versteht er darunter?

Hinsichtlich des politischen Bewusstseins stellt er fest, dass dieses den Arbeitern nur „von außen“ gebracht werden kann, „das heißt aus einem Bereich außerhalb des ökonomischen Kampfes“. Dazu gehört das Verhältnis zu allen Klassen und Schichten und besonders zum kapitalistischen Staat. Und zur Vermittlung des sozialistischen Bewusstseins heißt es, dass die „Lehre des Sozialismus … aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen (ist), die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden“ und folglich zunächst „den Arbeitern nur von außen“ gebracht werden konnte.

Mit der Entwicklung der marxistischen Arbeiterpartei als Bindeglied zwischen wissenschaftlichem Sozialismus und Arbeiterbewegung ist es nach Lenin dann vor allem die Aufgabe dieser Partei und ihrer Mitglieder, sich den wissenschaftlichen Sozialismus anzueignen und seine Erkenntnisse als Teil der Klasse in die Klasse hineinzutragen. Und dies selbstverständlich nicht abstrakt, sondern in Anknüpfung an den Bewusstseinsstand und die eigenen Erfahrungen der Arbeiter und Angestellten.

Angesichts dieser klaren Aussagen zum „Hineintragen“ von Klassenbewusstsein ist es verwunderlich, zu welchen Fehldeutungen es auch unter Linken und neuerdings selbst unter Kommunisten kommt. Dabei denke ich an Aussagen im Entwurf der „Politischen Thesen des Sekretariat des Parteivorstands der DKP“, die auf der Internetseite http://www.debatte.kommunisten.de zur Diskussion stehen und viel Widerspruch in der Partei gefunden haben.

In dem Papier heißt es: „Die Erfahrungen zeigen, dass Klassenbewusstsein nicht durch eine Praxis entsteht, die mit dem vereinfachten Bild vom ´Hineintragen des Klassenbewusstseins´ umschrieben werden kann. Dahinter steht eine viel komplexere und kompliziertere Aufgabe marxistischer Theorie und der Partei. Diese besteht nicht in erster Linie in einer platten ´ideologischen Aufklärung´, deren Inhalte von vornherein feststehend sind und die man also annehmen kann oder nicht, sondern in der Kommunikation und Systematisierung von unterschiedlichen Erfahrungen und Wissen. Es muss vom bestehenden tatsächlichen Bewusstseinsstand der Menschen … ausgegangen werden.“ Da stellt sich nicht nur mir die Frage, gegen wen oder was sich diese Polemik richten soll? Geht es um die Aussagen Lenins, so könnte man nur zu dem Schluss kommen, dass sie von den Autoren der „Thesen“ nicht verstanden wurden. Ist die bisherige Politik der DKP der Adressat, so muss auch das verwundern. War es doch in der DKP immer eine Selbstverständlichkeit, dass Klassenbewusstsein und sozialistisches Gedankengut in der Arbeiterklasse nur in Anknüpfung und Verarbeitung der eigenen Erfahrungen der Arbeiter und Angestellten vermittelt werden kann.

 

Genauso selbstverständlich war und ist für Kommunisten, dass „Kommunikation und Systematisierung von unterschiedlichen Erfahrungen und Wissen“ der Arbeiter und Angestellten durch Kommunisten mit Hilfe der dialektisch-historischen Methode und auf dem Boden der Grundaussagen des Marxismus erfolgen muss. Da es sich dabei um eine Wissenschaft handelt, gehören dazu – wie bei jeder Wissenschaft – auch Inhalte, die „feststehend sind“, die das Wesen dieser Wissenschaft ausmachen und ohne deren „Annahme“ man sich eben nicht die Erkenntnisse dieser Wissenschaft aneignen kann. Die Grundaussagen des Marxismus müssen von den Kommunisten studiert und möglichst vielen Arbeitern und Angestellten im Zusammenhang mit deren eigenen Erfahrungen überzeugend vermittelt, d. h. in die Arbeiterklasse „hineingetragen“ werden. Wobei es auch nicht einfach um die Kommunikation und Systematisierung des von der bürgerlichen Ideologie geprägten Massenbewusstseins gehen kann, sondern durchaus um „ideologische Aufklärung“ gehen muss, um die Vermittlung sozialistischen Gedankenguts in Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Ideologie.

Das, was Lenin über die bürgerliche Ideologie und ihren Einfluss auf die Arbeiterklasse feststellt, gilt heute noch weit mehr als zu seiner Zeit. Die bürgerliche Ideologie dringt bis in die feinsten Poren aller Lebensbereiche ein und dies keineswegs nur spontan. Der Apparat zu ihrer Verbreitung ist perfekt organisiert. Die bürgerlichen Massenmedien haben eine Macht, von der Lenin nicht einmal träumen konnte. Die bürgerlichen Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen sitzen heute in den Wohnungen der Arbeiter und Angestellten bereits mit am Frühstückstisch und das Ausschalten der Glotze ist häufig die letzte Handlung vor dem Schlafengehen. Bei diesem massiven Trommelfeuer ist es nicht verwunderlich, wenn heute trotz weit höherer Allgemeinbildung der Arbeiter und Angestellten im Vergleich zu Lenins Zeiten das Klassenbewusstsein in den entwickelten kapitalistischen Ländern und besonders in unserem Land nicht höher, sondern eher weniger entwickelt ist.

Hemmnisse für die Entwicklung des Klassenbewusstseins

Dafür sehe ich neben dem bereits Gesagten weiterer Faktoren. Einige möchte ich nennen:

Mit den wissenschaftlich-technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben sich gravierende Veränderungen in der Arbeitswelt vollzogen. Dazu gehört die weitere Aufsplitterung der Arbeiterklasse, die die Konkurrenz in der Klasse befördert und ein Bewusstwerden gemeinsamer Klasseninteressen und solidarisches Handeln erschwert.

  • Die Zahl der Industriearbeiter, die traditionell den Kern der Arbeiterklasse bilden, die am besten gewerkschaftlich organisiert sind und die größten Kampferfahrungen in Lohn- und anderen Auseinandersetzungen haben, ist dramatisch zurückgegangen, der Dienstleistungsbereich enorm gewachsen. Damit haben sich die Gewichte im Verhältnis Arbeiter/Angestellte bei den Lohnabhängigen auf Kosten der Arbeiter stark verschoben. Mit diesen Entwicklungen verbunden ist auch ein Absinken des gewerkschaftlichen Organisationsgrades.
  • Die weitere Differenzierung der Arbeiterklasse wird auch durch die neoliberale Politik der Herrschenden bewusst vorangetrieben. Die Belegschaften werden durch Leiharbeit und Niedriglöhne in Stamm- und Randbelegschaften gespalten. Beschäftigte und Arbeitslose, Arbeiter unterschiedlicher nationaler Herkunft, Männer und Frauen werden gegeneinander ausgespielt.

Negativ auf die Entwicklung des Klassenbewusstseins hat sich die Auflösung der Arbeitermilieus nach dem zweiten Weltkrieg ausgewirkt. Arbeiterwohngebiete, Arbeitersport-, Arbeiterbildungs- und Arbeiterkulturvereine, die Arbeiterbewusstsein, Zusammengehörigkeit, Solidarität beförderten, sind fast völlig verschwunden.

Der aus dem Faschismus nahtlos in die Bundesrepublik überführte Antikommunismus und Antisowjetismus hatte und hat nach wie vor verhängnisvolle Auswirkungen auf das Bewusstsein der Arbeiterklasse.

Das gilt auch für die von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften verfolgte Politik der Sozialpartnerschaft. Diese fiel in der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders und der relativ lang andauernden Konjunktur in der alten BRD auf einen günstigen Boden. Auf dem Hintergrund der einsetzenden wissenschaftlich-technischen Revolution und der damit einhergehenden raschen Steigerung der Arbeitsproduktivität ist es innerhalb weniger Jahrzehnte in der damaligen Altbundesrepublik zu einer bedeutenden Erhöhung des materiellen Lebensstandards der Arbeiterklasse gekommen. Nach den erbärmlichen Lebensverhältnissen der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre hat dies natürlich Spuren im Bewusstsein der Arbeiter und Angestellten hinterlassen.

Diese Entwicklungen wurden wesentlich beeinflusst durch die auf deutschem Boden besonders zugespitzte Systemauseinandersetzung. Sie zwang die Bourgeoisie zu weitgehenden sozialen Zugeständnissen, sodass am Verhandlungstisch häufig mehr erreicht wurde als in anderen kapitalistischen Ländern im Ergebnis harter Klassenkämpfe.

Äußerst negativ hat sich dann die Niederlage der sozialistischen Länder in Europa ausgewirkt, und dies wiederum angesichts mit der Einverleibung der DDR in die Bundesrepublik bei uns in besonderem Maße. Der Bourgeoisie, ihren Politikern und Medien ist es weitgehend gelungen, den Sozialismus zu diskreditieren, seine trotz unbestreitbarer Fehlentwicklungen gewaltigen historischen Leistungen zu leugnen oder zu entstellen. Das trägt erheblich dazu bei, dass es in der gegenwärtigen Krise zwar viel Unmut über die Zustände des Kapitalismus und die Politik der Herrschenden gibt, aber keine reale Alternative erkannt wird.

Das Nichterkennen einer Alternative zum Kapitalismus sieht Werner Seppmann in einem Beitrag in der „jungen Welt“ vom 27./28. März neben der verbreiteten Angst um den Arbeitsplatz und den damit verbundenen Zukunftsängsten zu Recht als eine wesentliche Ursache für den geringen Widerstand der Arbeiterklasse in der aktuellen Krise. Zuzustimmen ist ihm auch, wenn er daraus den Schluss zieht, dass darum eine vorrangige Aufgabe der linken Kräfte darin bestehen müsse, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Und dies in Vermittlung mit solchen aktuellen Aufgaben wie dem Kampf um die Verkürzung der Arbeitszeit und anderen.

Was die DKP betrifft, so haben wir in unserem neuen Parteiprogramm unsere Vorstellungen für eine sozialistische Zukunftsperspektive und notwendige Übergangsforderungen erarbeitet. Diese Forderungen müssen natürlich immer wieder durch neue Erfahrungen überprüft und jene herausgefunden werden, die am ehesten Arbeiter und Angestellte, Volksmassen dazu bewegen können für ihre Interessen aktiv zu werden.

Der niedrige Entwicklungsstand des Klassenbewusstseins im Gefolge der genannten und anderer Faktoren findet auch in der Schwäche der marxistischen Arbeiterparteien seinen Ausdruck. Diese ist ihrerseits ein wesentliches Hemmnis für die Entwicklung des Klassenbewusstseins, zumindest in seinen höheren Formen, wofür das Wirken einflussreicher marxistischer Arbeiterparteien unerlässlich ist und bleibt.

(Dem Artikel liegt der Beitrag des Autors bei einer von der Zeitung „junge Welt“ aus Anlass des 140. Geburtstages von W. I. Lenin am 22. April in Berlin veranstalteten Podiumsdiskussion zugrunde.)

„Es ist die Aufgabe der Kommunistinnen und Kommunisten, sozialistisches Bewusstsein in den Massen zu entwickeln …

Das Zusammengehen der Klasse mit ganzer Kraft zu unterstützen, das Einigende in den Vordergrund zu rücken, gemeinsame Aktionen zu fördern und zur Entwicklung des Klassenbewusstseins beizutragen – das ist Aufgabe und Grundsatz der DKP.

Als ideologische Aufgabe ersten Ranges betrachtet es die DKP, in der Arbeiterklasse Einsichten in die eigene Klassenlage und in den unversöhnlichen Gegensatz zwischen ihren Klasseninteressen und den Machtund Profitinteressen des Großkapitals zu vermitteln und klassenmäßige Erkenntnisse zu vertiefen.

Quelle: Kritische Massen

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