Mit dem Neuen Denken zu neuen Ufern

Posted on 31. Juli 2012 von

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von Jörg Högemann

Zu Leo Mayers Text über Gramsci

Mit seinem Beitrag Krise, Hegemonie und Transformation bei Antonio Gramsci (Broschüre der DKP Südbayern) versucht Leo Mayer, den großen italienischen Marxisten als Komplizen einzuspannen. Der erste Versuch, Neues Denken parteiweit einzuführen – die Thesen von 2010 – war nicht gerade auf ungeteilten Beifall gestoßen. Jetzt auf ein Neues: mit Gramsci im Boot und mit Hans Heinz Holz als Ko-Autor – denn der Tote kann sich ja nicht mehr wehren. Und schließlich – der Allergrößte als Überraschungsgast: Karl Marx. Aber alles schön der Reihe nach.

Der ausgemachte Gegner ist Lenin. Nicht mehr lässt sich, schreibt Mayer, „das traditionelle, sozialdemokratische, von Lenin im Hinblick auf die rückständigen Verhältnisse Russlands sogar radikalisierte Bild einer kommunistischen Partei aufrechterhalten, deren Funktion es sei, durch Agitation, Propaganda und Organisation einer unaufgeklärten Masse das sozialistische Bewusstsein ‚von außen‘ (bei)zubringen“ (1).

Nun ist Lenins Problem durchaus nicht die Unaufgeklärtheit der russischen Arbeiter – wie überhaupt die Unterdrückten zu allen Zeiten ein klares Gefühl für ihre Lage hatten, ob Spartakus im alten Rom, ob die Bauern um Thomas Münzer.

Lenin: „Wir haben gesagt, dass die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewusstsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Geschichte aller Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewusstsein hervorzubringen vermag, d. h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen u.a.m.

Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden. Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und EngeIs, gehörten ihrer sozialen Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz an.“ (2)

Mayer rühmt in schönen Worten den methodischen Fortschritt des Bildungswesens in den letzten hundert Jahren, von dem die Heutigen profitieren. Er versteht aber nicht (oder tut so, als verstünde er nicht), dass mit diesen fortgeschrittenen Methoden die alte bürgerliche Ideologie in die Köpfe gedrückt wird, bei jeder Gelegenheit, wie wir es täglich auf Schritt und Tritt erleben. Revolutionäres antikapitalistisches Denken kann nur erworben werden durch Aneignung aus der historisch-materialistischen Wissenschaft, also von außen.

Gramscis Ausführungen über Alltagsverstand berühren sich praktisch mit Lenins Begriff trade-unionistisches, also gewerkschaftliches, Bewusstsein. Nach Lenins Auffassung kann es sich unter Arbeitern spontan herausbilden. Mayer missversteht aber Gramscis Alltagsverstand als eine Art embryonalen historischen Materialismus, wenn er „die Funktion der Kommunistischen Partei und der ihr verbundenen Intellektuellen“ darin sieht, „zur Organisierung und Systematisierung eines in den Massen bereits vorhandenen Wissens beizutragen“ (3) – obgleich Gramsci dieses Wissen ausdrücklich als „eine auseinanderfallende, inkohärente, inkonsequente Weltauffassung“ beschrieben hat, „der Beschaffenheit der Volksmengen entsprechend, deren Philosophie“ (4) sie sei.

Das Hineintragen sozialistischen Bewusstseins zurückzuweisen, das ist Leo Mayers eigentlicher Streitpunkt, deutlich gegen Lenin gerichtet. Mit kategorischem Verdikt belegt der Autor „die Methoden der Belehrung, der Aufklärung und der Agitation, die darauf zielen, ein ‚falsches Bewusstsein‘ durch ein vermeintlich ‚richtiges Bewusstsein‘ zu ersetzen“ (5). Seiner Akrobatik am Rand leninistischen Abgrunds offenbar bewusst, rudert Mayer im Widerspruch zu seiner Positionierung anscheinend wieder zurück: „Dabei gilt nach wie vor, was Lenin in seiner Schrift ‚Was tun?‘ entwickelte, dass die Arbeiterklasse nicht spontan durch ihr politisches Handeln zu einem sozialistischen Bewusstsein gelangen kann, sondern durch ‚wissenschaftliche Einsicht‘ oder, wie Engels schreibt (6), indem sich die Arbeiter zur ‚Marxschen Theorie der Entwicklung aus ihrem eigenen Klassengefühl emporarbeiten‘ “ (7).Ist das nun Täuschung, Verwirrung?

Dem „Hineintragen von Klassenbewusstsein in die Massen“ stellt Mayer antithetisch die „selbständige geistige Arbeit ganz konkreter Menschen“ (8) gegenüber – als wäre Ersteres überhaupt möglich ohne Letztere. Das „eigene Klassengefühl“ (Engels) bei den Arbeitern, soweit vorhanden, ist dabei natürlich wertvolle Förderung.

Die selbständige geistige Arbeit ganz konkreter Menschen hat es Leo Mayer überhaupt angetan – und das ist der passende Moment für ihn, seinen Überraschungsgast einzuführen, und zwar mit dem „Gedanken“, „jede Veränderung der Zustände“ müsse „mit einer SeIbstveränderung der handelnden Subjekte verbunden sein“ (9), im Klartext: Verpflichtung des Menschen, sich selbst zu verändern, sonst klappt seine Veränderung der Zustände nicht. Nun sieht freilich Karl Marx in seiner dritten These über Feuerbach (die Leo als Quelle anführt) die Sache genau umgekehrt: In ihrer Arbeit, in ihrem Kampf, die Welt zu verändern, wächst den Menschen Qualität zu, steigern sie ihren Rang als Kulturwesen, erzieht der Erzieher sich selbst.

Originalton Marx: „Die (bisherige. J. H.) materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergisst, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss. Sie muss daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren. – Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.“ (10)

Marx kreidet den vormaligen Materialisten die Zweiteilung der Dinge an: Die einen ändern sie, die anderen, eingeschlossen sich selbst, nicht. Revolutionäre Praxis ist aber, die Umstände, inbegriffen sich selber, zu ändern. Aber freilich nicht, wie Mayer meint, sich selbst als Vorleistung.

Leo Mayers Resümee des Neuen Denkens: „(…) Das ist etwas anderes als die Methoden der Belehrung, der Aufklärung und der Agitation, die darauf zielen, ein ‚falsches Bewusstsein‘ durch ein vermeintlich ‚richtiges Bewusstsein‘ zu ersetzen. Dies ist in erster Linie eine kulturelle und Aufgabe der Volksbildung und politischen Erziehung, die von den ‚organischen Intellektuellen‘ der Arbeiterklasse (die Kommunistische Partei bei Gramsci; heute eher ein Netzwerk von Parteien und Bewegungen, in dem die Kommunistische Partei eine wichtige Rolle spielen muss) geleistet werden muss.“ (11)

Leo Mayer vermengt Aufgaben der Volksbildung und der „politischen Erziehung“, hält daher konsequenterweise die Kommunistische Partei für ersetzbar durch ein Netzwerk von Bewegungen. Weg von Lenin – wohin geht die Reise?

 

Quellen und Anmerkungen:

(1) Leo Mayer, Krise, Hegemonie und Transformation bei Antonio Gramsci. In: Broschüre der DKP Südbayern. München 2012. S.7

(2) W. I. Lenin, Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung. In: Lenin Werke Bd.5, Berlin 1973, S.385

(3) Mayer, a.a.O., S.7

(4) A. Gramsci, Gefängnishefte. Bd.5, Hamburg 1993, S.1039

(5) Mayer, a.a.O., S.8

(6) F. Engels, Brief an Friedrich Adolph Sorge, Mai 1894. In: Marx Engels Werke Bd.39, Berlin 1968, S.245

(7) Mayer, a. a. O., S.8

(8) Mayer, ebd.

(9) Mayer, a.a.O., S.6

(10) K. Marx, Thesen über Feuerbach. In: MEW Bd.3, Berlin 1969, S.5

(11) Mayer, a. a. O., S.8

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