„Verordneter Antifaschismus“ – Mittel zur Delegitimierung der DDR

Posted on 31. Juli 2012 von

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Interview mit Erika Baum

Der Begriff „verordneter Antifaschismus“ wurde 1987 von Ralph Giordano geprägt und gleich als Kampfbegriff verwendet. Er soll zur ideologischen Delegitimierung der „staatlichen Herrschaft in der DDR“ beitragen. Wenn man naiv an den Begriff herangeht, klingt er erst einmal nicht schlecht: gute Medizin wird meistens auch vom Arzt verordnet. Würdest du in diesem Sinne zustimmen, dass Antifaschismus in der sog. Sowjetisch Besetzten Zone und dann in der DDR tatsächlich verordnet wurde?

Ich würde den Vergleich mit dem Arzt nicht unbedingt übernehmen, weil der Arzt ja keine Staatsmacht ist, er kann nur raten. Auf dem Territorium der DDR in der Zeit der antifaschistisch-demokratischen Ordnung und dann beim Aufbau des Sozialismus wurde Antifaschismus jedoch mit Gesetzeskraft durchgesetzt und als vorherrschende Ideologie verbreitet, wurden durch Gesetze, durch Anwendung von Gewalt die Aktivitätenfaschistische Organisationen unterbunden. Im diesem Sinne: Ja, wir haben den Antifaschismus kraft der Staatsorgane gesichert.

Zur ideologischen Waffe wird der Begriff m. E. durch zwei in ihm enthaltene Vorwürfe. Ich nenne zunächst den ersten. Das ist der Vorwurf der Heuchelei, des Etikettenschwindels, der im Kern darauf hinausläuft: Nach außen hin einen auf Antifaschismus machen, aber in Wirklichkeit Nazis in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Einfluss nehmen lassen, was einen Bruch „mit autoritären und totalitären“ Staatsformen verhindert habe. Als Beleg werden Nazis in hohen Ämtern aufgelistet, die beim Aufbau der neuen Ordnung eine Rolle spielten.

Der Vorwurf des Etikettenschwindels trifft nicht zu. Wir haben deutlich gemacht, dass wir gegen den Faschismus, gegen die Herrschaft der reaktionärsten, am meisten am Krieg interessierten Elemente des Finanzkapitals sind. Deshalb sagten wir dieser Klasse den Kampf an, diesem Teil der Kapitalistenklasse, dem Monopolkapital, die den Faschismus zur Sicherung seiner Herrschaft und zur Kriegsvorbereitung braucht. Deshalb war unser antifaschistischer Kampf immer antiimperialistisch. Getreu dem Schwur, den die Häftlinge bei der Befreiung leisteten, wollten wir den Faschismus mit den Wurzeln ausrotten. Das hieß nicht nur Verbot aller faschistischen Aktivitäten, sondern auch die Beseitigung seiner materiellen Grundlagen.

Deshalb beschlossen wir die Volksabstimmung zur Enteignung der Naziaktivisten und Kriegsverbrecher und enteigneten die Monopolbourgeoisie auf der Grundlage von Verordnungen. Ebenso verwirklichten wir die Bodenreform, die Enteignung der Junker und Großgrundbesitzer. Die Durchführung oblag den gewählten Bodenreformkommissionen. Ausgehend vom Potsdamer Abkommen und den Beschlüssen des Alliierten Kontrollrates durften Nazilehrer nicht mehr unterrichten. Nach vielen Diskussionen, an denen sich die Schulreformer aktiv beteiligten, verwirklichten wir die Schulreform. Alle faschistischen Gesetze wurden außer Kraft gesetzt und alle Mitglieder der NSDAP wurden aus der Justiz entfernt.

Alle diese Aufgaben mussten von den neuen Staatsorganen bewältigt werden. Diese grundlegenden revolutionären Veränderungen konnten wir nur deshalb verwirklichen, weil wir die Einheit der Arbeiterklasse geschaffen hatten. Wichtig für die Umsetzung des Programms der antifaschistischen Umwälzung war, dass die sowjetische Besatzungsmacht das Potsdamer Abkommen umsetzte, dass die Besatzungsmacht aus Klassengenossen bestand. Wir haben unsere Absichten nicht verschleiert; wir haben sie theoretisch begründet und verwirklicht. In Wechselwirkung mit all den genannten revolutionär-demokratischen Maßnahmen wurde der Kampf gegen faschistische und militaristische Auffassungen, gegen den Antikommunismus aufgenommen. Schon im September 1945 wurde am Deutschen Theater „Nathan der Weise“ aufgeführt. Jedes Theaterstück, jeder Film, jedes Buch, jedes Parteilehrjahr, jede Diskussion, jedes Lied forderte Entscheidungen in ideologischen Fragen und im täglichen Leben.

In Hetzartikeln der bürgerlichen Presse werden Mitglieder der Nazipartei aufgezählt, die am demokratischen Aufbau beteiligt waren. Natürlich gab es das. Wir haben bei jedem geprüft, wie seine Stellung zum Faschismus war. Wir haben selbstverständlich auch mit Angehörigen der faschistischen Armee, die im Nationalkomitee „Freies Deutschland“ organisiert waren, die aktiven Widerstand gegen das Hitlerregime leisteten, zusammengearbeitet. Einen Globke jedoch, der bei Adenauer Staatssekretär war, einen Geheimdienst, der vom Nazireich übernommen wurde, das hat es bei uns nicht gegeben.

Der zweite Vorwurf ist der, dass nur die Kommunisten als Helden und Opfer gewürdigt wurden, nicht jedoch die Verfolgung und Vernichtung der Juden, Behinderten oder der Sinti und Roma.

Dieser Vorwurf leugnet die Tatsachen. Es gab zahllose Bücher und Berichte über die Grausamkeiten in den Gefängnissen und Lagern und in den besetzten Ländern gegenüber allen Völkern, Klassen und Religionen. Auch die Verfolgung der Juden war Gegenstand vieler Forschungsvorhaben, Analysen und Anklagen. Eine große Rolle spielten Kinderbücher, die sich gegen Rassismus jeder Art richteten.

Wir wollten aber nicht nur das Leiden der Opfer zeigen, sondern auch den Widerstand gegen die Herrschaft der Faschisten. Dieser Widerstand wurde besonders von Gefangenen, die aus der Arbeiterbewegung kamen, geleistet. Dass die Kommunisten in diesen Kämpfen an der Spitze standen und sich opferten – das ist historische Wahrheit.

Wo gab es aus deiner Sicht tatsächlich Probleme in der Bewältigung des Faschismus? Was ist weniger oder gar nicht gelungen?

Das Problem bei der Bewältigung des Faschismus bestand vor allem darin, dass wir es ja mit einer Bevölkerung zu tun hatten, die bis fünf Minuten nach 12 ihre Peiniger nicht zum Teufel gejagt hatte. Man muss die Situation bedenken, dass die Rote Armee in Berlin um jedes Haus, um jede Straße kämpfen musste. Aber die gleichen Menschen waren auch Opfer des faschistischen Krieges geworden. Deshalb wollten wir alle Maßnahmen mit der größtmöglichen Beteiligung der Bevölkerung umsetzen. Ich denke nur an die Enteignung der Kriegsverbrecher, die wir mit einem Volksentscheid in Sachsen umgesetzt haben. Die Werktätigen in Hessen hatten einen ähnlichen Wunsch; das wurde dort verhindert. Wir konnten es umsetzen, weil wir eine Besatzungsmacht hatten, die den gleichen Klassenauftrag im Auge hatte wie wir. Genauso haben wir die Bodenreform umgesetzt. Auf dem Felde haben wir den Boden verteilt, den wir den Junkern weggenommen haben. Die Bauern standen dabei; sie haben nicht heimlich den Junkern etwas weggenommen, sondern öffentlich, auf der Straße, mit Gesetzeskraft.

Unser Problembei der Bewältigung des Faschismus war die ideologische Aufklärung. Viele Leute distanzierten sich von den schlimmsten Taten der SS. Aber wenn die Väter und Großväter von ihren Leiden im Krieg und der Gefangenschaft erzählten, dann verschwiegen sie die Taten, die sie begangen haben oder geschehen ließen. Das hat bei nachfolgenden Generationen durchaus noch Wirkung zeigen können. Wir haben lernen müssen und haben gelernt, dass man den Faschismus, die Tendenzen des Faschismus, seine Wurzeln, mit jeder Generation neu bearbeiten, seine Einflüsse neu beseitigen musste. Und das war eine Schwierigkeit, von der ich nicht weiß, ob wir sie in allen Etappen immer bewältigt haben. Was sich aber nach dem „Anschluss der DDR“ gezeigt hat, war, dass bei allen Umfragen auf dem ehemaligen Territorium der DDR weniger Rassismus vorhanden war im Vergleich mit den alten Bundesländern. Das beginnt sich zu verändern.

Kommen wir zum Ausgangspunkt zurück. Die These vom „verordneten Antifaschismus“ ist, wie gesagt, Teil der Kampagne zur Delegitimierung der DDR und damit Bestandteil des ideologischen Klassenkampfes. Geht es dabei nicht auch um die Deutungshoheit über den Inhalt des Begriffs „Faschismus“?

Im Deutschen Bundestag wird der Opfer des Holocaust gedacht, aber von den Wurzeln des Faschismus hören wir kein Wort. Im Gegenteil, die Ursachen werden bestärkt. Das ist Zynismus schlimmster Art.

Ja, es geht beim „Verordneten Antifaschismus “ darum, das Wesen des Faschismus zu verschleiern. Die DDR wird angegriffen, weil sie der Tradition des Antifaschismus treu geblieben ist. Deshalb werden Straßen umbenannt, Denkmäler und  Gedenkstätten geschändet. Sie wollen uns unsere Erinnerungen unser Leben nehmen. Wir sollen nicht mehr den Zusammenhang von Imperialismus und Militarismus-Faschismus begreifen. Wir sollen unfähig gemacht werden, Widerstand zu leisten. Wir aber wissen: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ (Bertolt Brecht).

Die Fragen stellte Helmut Dunkhase.

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