Was stört Leo Mayer denn nun an der DKP?

Posted on 27. August 2012 von

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von Stephan Krützner

Antwort auf seinen Beitrag in der UZ

Liebe Genossinnen und Genossen,
ich habe mir bewusst etwas Zeit gelassen, um auf Leos Artikel in der UZ zu antworten. Es war nicht ganz einfach, aus seinen unbestimmten und diffusen Aussagen den Kern herauszuarbeiten, so wie ich ihn sehe.
Eine Grundlage unserer Weltanschauung ist die Einheit von Theorie und Praxis, und daran will ich Leos Aussagen messen. Grundlagen unseres Parteiverständnisses sind der demokratische Zentralismus, d.h. die breite Diskussion im Wechsel mit der einheitlichen Aktion. Grundlagen unseres Weltbildes sind die Theorien von Marx, Engels und Lenin, die wir ständig weiterentwickeln müssen, ohne die „Essentials“ dabei zu verlieren. Dazu gehört die Rolle der Arbeiterklasse (wie immer sie sich in einer bestimmten Phase auch konstituiert) als revolutionäre Kraft, die eben nicht eine Klassenherrschaft durch die andere ersetzt, sondern diese Gesellschaft aufhebt ‐ im Kommunismus. Dazu gehört die Partei als Organisation der bewusstesten Kräfte der Arbeiterklasse, die im Bündnis mit anderen Kräften diesen Weg beschreiten muss ‐ ohne, dass wir genau wissen, wie dieser Weg aussieht. Weitere „Essentials“ beschreibt Hans Heinz Holz sehr zutreffend in „Niederlage und Zukunft des Sozialismus“ aus dem Jahr 1991. Ich bitte, dort nachzulesen. Auch das wird ein Maßstab. Für einige Polemiken entschuldige ich mich schon mal im Voraus.

„Ich will eine DKP mit mehr politischem und gesellschaftlichem Einfluss, verankert in Gewerkschaften, Betrieb und Bewegungen.“

Dem ist auf dem ersten Blick zuzustimmen. Aber „verankert“ kann auch bedeuten, sich von anderen Kräften binden und auf deren Positionen fixieren zu lassen. Wenn der Kampf um das Teewasser sich auf diesen beschränkt, wird er eben kein Kampf um den Sozialismus. Die Rolle der Partei ist die der vorwärtstreibenden Kraft über die Grenzen des Systems hinweg. Syndikalismus und Tradeunionismus können andere besser. Wenn wir die wissenschaftliche Weltanschauung für uns reklamieren, dann können wir gar nicht anders, als diese Rolle einzunehmen, wie schwer das z.Zt. auch ist. Wo ich Leo zustimme, ist, dass diese Weltanschauung nicht in der gesamten Partei verankert ist. Aber woran liegt das? Wo ist die zentrale Bildungsarbeit geblieben, die Nina noch vor einigen Jahren angestoßen hat? Wo ist unser (!) ideologischer Braintrust. Das isw kann diese Rolle nicht spielen. Wo ist der produktive Austausch unserer klugen Köpfe statt des gegenseitigen Rumhackens?

„Ich will eine DKP, die initiativreicher ist, wenn es darum geht, aus einer Protestbewegung eine Bewegung für eine Alternative und für Veränderung zu entwickeln.“

Ich will mal hoffen, dass dies keine Fehlwahrnehmung der Anstrengungen und Mühen der Genossinnen und Genossen vor Ort ist. Dazu gehört aber auch, die Erfahrungen mit Kämpfen breit in der Partei zu diskutieren, auszuwerten und daraus Ansätze und Aktionsformen zu entwickeln, die von der gesamten Partei genutzt werden können. Hierzu fehlen die zentralen Orientierungen und Medien in erheblichem Umfang (ich weiß, unter welchen Bedingungen die Leitungs‐ Genossinnen und Genossen arbeiten). Die zentralen Medien sind Spielwiesen für wenige. Hier fehlt die klare Analyse der Strukturen unserer Partei, ihrer Stärken und Defizite. Und was ist der Beitrag von Leos Artikel zu diesen Fragen?

„Ich will eine DKP, die attraktiver ist für junge Menschen, die attraktiver ist für AktivistInnen in Gewerkschaften, Bewegungen und Betrieben.“

Und was möchte Leo dazu tun? Die Attraktivität einer Partei hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Dazu gehören ihre Programmatik, ihr Umgang mit dieser, ihre Außendarstellung und ihre innere Verfasstheit als Voraussetzung für die Außenwirkung. Ich möchte die Begriffe der Identität und Authentizität verwenden. Unsere Identität ist derzeit ‐ gelinde gesagt ‐ diffus. Und unsere
Authentizität ‐ wie ist denn der gegenseitige Umgang in der Partei? Solidarisch streitbar? Produktiv? Klar? Wissenschaftlich fundiert? Passt das zu unseren politischen Zielen, wenn sich Funktionäre unserer Partei ihre „privaten“ Plattformen schaffen? Wenn der Streit in der Partei außerhalb dieser und nur zu wenigen „offiziellen“ Terminen in und mit der Partei stattfindet? Wenn selbst unsere
programmatischen Aussagen höchstens als Kompromisse bezeichnet werden können? Da ist eine Fokussierung auf Kamp“formen“ doch höchst nebensächlich. Und selbst dazu lese ich nichts.

„Ich will eine DKP, die auch in Fragen der Demokratie glaubwürdig ist, weil wir unsere Lektion aus dem Stalinismus und der Geschichte unserer Bewegung gelernt haben.“

Ich werde hier nicht auf die „Stalinismus‐ Keule“ eingehen, die hat hth auf kommunisten.de schon in übler Weise geschwungen. Da warte ich lieber auf das neue Buch von Domenico Losurdo, das scheint wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Die Frage ist: was versteht Leo unter „Demokratie“? Verwendet er den Begriff i.S. der „Mehrheitendemokratie“ bürgerlicher Prägung? Der Freiheit von
Beschlussverbindlichkeit? Als „keiner macht, was er soll, jeder macht, was er will, alle machen mit (wenn sie gerade mal Lust haben)“? Oder wie? Ich erwarte hier eine klare Aussage, kein Wortgeklingel. Grundlage unseres Demokratieverständnisses ist der „demokratische Zentralismus“. Bei uns läuft derzeit beides mehr schlecht als recht, sowohl die Demokratie und breite Diskussion, als
auch die Verbindlichkeit. Das ist auch kein Wunder. Wenn die offiziellen Parteiorgane nachweislich (!) filtern und kritische Stimmen in die Ablage P entsorgen, fehlt das Vertrauen in die Leitung. Und wohl auch das Vertrauen der Leitung in die Mitglieder. Die Schlagkraft der Partei erfordert aber genau dieses. Welche Vorschläge hat Leo, dieses verlorene Vertrauen wieder zu entwickeln? Wo ist
die kritische Würdigung und Reflektion „abweichender“ Meinungen? Das Angebot zur Diskussion auf kommunisten.de kann ich leider nur als taktischen Schachzug verstehen. Sonst gäbe es dort nämlich eine offene Diskussionsplattform, die alle Genossinnen und Genossen nutzen könnten. Und dann würde in und mit der Partei diskutiert und weniger über sie.

„Die Möglichkeiten nutzen, können wir nur, wenn wir uns auf das Neue einstellen, auf das Neue vorbereiten, um für die Veränderung kämpfen zu können.“

Was bitte ist „das Neue“? Krisen sind im Kapitalismus systemimmanent und deshalb kann er gut mit ihnen umgehen. Er ist sozusagen „kreativ“ und „originell“. Mal „Green Capitalism“, mal Krieg. Was brauchen wir „Neues“? Der Grundwiderspruch bleibt bestehen. Wenn Leo damit andere Kampfformen meint, andere Techniken der Überzeugung, andere Methoden der Agitation ‐ dann soll er es auch so benennen. Er bezieht sich ja weiter unten zum ermüdend wiederholten Mal auf das „Hineintragen“ und interpretiert dies als platte Propaganda. Oder geht es doch um generelle Änderung des Parteikonzeptes? Um eine grundlegend andere Orientierung der Partei? Ich denke, diese Vermutung ist wegen der unbestimmten und diffusen Aussagen berechtigt. Also bitte ‐ Klarheit und Wissenschaftlichkeit. Was ist „das Neue“ und was müssen wir aus Sicht von Leo konkret ändern?

„Und so bleibt es bisher unnatürlich ruhig, obwohl die Krise auch in unserem Land die Verarmungstendenzen verstärkt.“

Hier muss ich jetzt doch leider etwas polemisch werden. Ständig haut uns Leo den Hegemoniebegriff um die Ohren und jetzt wendet er diese Analyse nicht mal an. Es gibt eine Dialektik von objektiver Lage und subjektiver Erkenntnis. Und damit sind wir mal wieder bei der Rolle der Partei, diese objektiven Widersprüche subjektiv erkennbar zu machen, sie als Prozess und in einem Prozess zu
vermitteln. Sie in die Klasse „hineinzutragen“, sie durch die Erkenntnis der Klassenursachen als wissenschaftliche Erkenntnis zu vermitteln. Was soll das Gejammer? Wir haben vor 22 Jahren unsere größte Niederlage erlitten, wir sind kaum in der Lage uns (!) zu einer einheitlichen Sicht durchzuringen, woher soll die Erkenntnis kommen? Wenn das kein Beleg für die notwendige Rolle der Partei ist, was dann? Ich habe woanders mal geschrieben, dass es neben der revolutionären (linkssektiererischen) auch eine opportunistische (revisionistische) Ungeduld gibt. Also: Wie und wo und wodurch erringen wir ‐ sicher langsam und in kleinen Schritten ‐ die Hegemonie? Auch dazu kaum Aussagen.

„Zu einer realistisch erscheinende Alternative gehört eben auch eine politische Kraft, die … Zur Herausbildung dieser pluralen politischen Kraft beizutragen, darin liegt eine der zentralen Aufgabe einer kommunistischen Partei in der heutigen Zeit.“

Zunächst mal Semantik: Realistisch „erscheinend“? „Eben auch eine politische Kraft (was immer das sein soll)“? Und warum im nächsten Absatz „plurale“ politische Kraft? Ich vermute mal, hier geht es um die größtmögliche Breite einer wie auch immer definierten „Bewegung“. Die dann ‐ so verstehe ich es ‐ von friedliebenden Kräften der Klein‐ und Großbourgeoisie bis zu linksradikalen Sektierern
reichen soll. Wenn ich das jetzt falsch verstanden habe, ist das Leos unpräzisen Formulierungen geschuldet. So was wie eine breite antiimperialistische Massenbewegung. Aus der Geschichte wissen wir um die Erfolge solcher Bewegungen. Immerhin ist bei uns jedes AKW von Demos begleitet worden (ja, ja, ist polemisch). Bei mir kommt an, dass sich die Arbeiterklasse und auch ihre Partei
fröhlich in bunten Bündnissen auflösen. Gegen was soll sich diese „Kraft“ denn dann wenden? Was ist ihre Zielrichtung? Wo bleibt die Orientierung über den Kapitalismus hinaus?

„… Wenn wir diese Gemeinsamkeit ins Zentrum rücken, dann werden die verschiedenen Themen zu einer Klassenfrage; …“

Das ist doch nacktes „Hineintragen“, igitt. Und voluntaristisch ist es auch: „Wenn wir, … dann …“. Sicher? Mir fehlt hier die klare Analyse der Bewusstseinslage der Bevölkerung, mir fehlt hier die Analyse der Möglichkeiten des Gegners, seiner Verbündeten. Und vor allem die klare Erkenntnis, dass spätestens mit der Stellung der System‐ und Eigentumsfrage diese nette, plurale, demokratische, bunte und ich weiß nicht was noch politische „Kraft“ auseinanderdriften wird. Einige werden weitergehen und zwar als Kommunisten. Als Ansatz, mit den Menschen ‐ für uns und die Menschen ‐ im Kampf Klarheit zu gewinnen, lasse ich den oben zitierten Abschnitt gelten ‐ darüber hinaus ist hier genau der Punkt erreicht, wo die von Leo eingangs seines Artikels benannten Vorwürfe greifbar werden. Und genau hier Praxis an einem Beispiel: Blockupy Frankfurt. In der Demo 4(!) DKPFahnen, Klaus und Andrea habe ich gesehen (Sorry, habe einen Genossen aus Frankfurt vergessen). Die Aussagen der anderen Gruppierungen: Laut, bunt, zum Teil revolutionär. Hier, Leo, hast du Recht! Aber wo ‐verdammt noch mal ‐ war die verbindliche (!) zentrale Orientierung auf Frankfurt? Wo war der PV (von den werbewirksamen Fotos von Bettina in der UZ mal abgesehen)? Wo war der eindeutige und einheitliche Beschluss? Wo war die Diskussion mit der Partei? Wo waren unsere (!) Parolen? WO WAR DIE FÜHRENDE ROLLE DER PARTEI ERKENNBAR? Und
die wird zur Zeit entsorgt, fürchte ich. Nicht nur wegen unserer Schwäche, sondern auch durch die diffusen Orientierungen, die du und andere in die Partei hineintragen. Aus denen sich jeder das rausziehen kann, was er oder sie will. Oder es eben lassen kann.

„Das bedeutet auch, um eine neue politische Kultur zu ringen; die Dynamik der Abgrenzung, des inneren Kampfes und der Spaltung zu überwinden, die die Geschichte der KommunistInnen und der Linken wie ein Fluch begleitet.“

Was unterstellst du uns da eigentlich? Die Spaltung der „Linken“ (wie definierst du die? DieLinke. ?) Und wie gehst du selbst damit um? Gut geschützt hinter deiner Privatburg kommunisten.de verbreitest du deine Theorien (politische Kultur, Abgrenzung), vertrittst international Positionen, die außerhalb des Parteiprogramms stehen (Gramsci‐ Vortrag), hältst mit deinen Freunden eisern an den
Thesen fest (innerer Kampf, Spaltung). Und wenn politische Kultur bedeutet, störende Meinungen auszufiltern und zu ignorieren, dann werde ich um diese Kultur bestimmt nicht (!) ringen. Du tust nicht, was du sagst und du sagst nicht, was du tust, das ist mein Eindruck.

„Die DKP ist und will ein Raum des Dialogs, des Lernens und der Solidarität sein – eine Partei der GenossInnen, die die vielfältigen Diskriminierungen, die das Leben im Kapitalismus prägen, nicht reproduziert, die bewusst anders, solidarisch, offen und zugleich streitbar, als Genossinnen und Genossen miteinander umgehen.“

Okay, Zustimmung. Jetzt die Praxis: Z.B. kommunisten.de. Wo ist denn da das solidarische Miteinander? Eine Voraussetzung dafür ist die Kontrolle der Verantwortlichen auf Basis verbindlicher Beschlüsse. Die Seite gehört der DKP München, was allein schon seltsam ist für eine zentrale Seite der DKP. Zuständig eine (!) Person. V.i.S.d.P. Klaus. Was das mit Leos Artikel zu tun hat? Wenn er ernsthaft das fordert, was er oben schreibt, dann kann er so eine Situation gar nicht dulden. Dann gäbe es längst ein veröffentlichtes Redaktionskonzept für die Seite. Dann würde nicht ein (!) Genosse über die Inhalte entscheiden. Dann gäbe es eine offene Diskussionsplattform mit einem Redaktionskollektiv, das die Diskussion in wesentlichen Punkten zusammenfasst und über die UZ an
alle weiterleitet. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen, hat ein alter nichtmarxistischer Revoluzzer mal gesagt.

„Wir haben mit dem Marxismus ein hervorragendes Instrument, das uns die Möglichkeit gibt, die aktuellen Erscheinungen zu verstehen. Aber wir haben diese Möglichkeit nur, wenn wir den Marxismus nicht als starre Ideologie, nicht als Ansammlung von Glaubensartikeln und auch nicht als abgeschlossen erkennen, sondern als kritische Wissenschaft, offen für die kritische Weiterentwicklung, den Dialog und die Auseinandersetzung mit anderen geistigen Strömungen.“

Die Grundlage unserer Weltanschauung, benannt z.B. im Leitantrag an den Parteitag, ist der Marxismus‐ Leninismus (oder die Theorien von Marx, Engels und Lenin). Hier entfernt sich Leo von den Grundlagen, indem er Lenin vergisst. Der Rest seiner Einlassungen ist trivial. Aber zurück zu der „kleinen“ Verkürzung. Zum einen wird hier die Berechtigung des Vorwurfs sichtbar. Zum zweiten
stellt sich die Frage, warum gerade Lenin? Vielleicht, weil genau der (!) wichtige Grundsätze der Parteiverfasstheit aufgestellt hat, die einem „demokratisch‐ pluralistischen“ Parteikonzept entgegenstehen? Nicht nur, was gesagt wird, ist wichtig, auch, was nicht gesagt wird. In der Praxis: Die DKP Südbayern gibt ein Gramsci‐ Papier heraus. Mit EL‐ Logo unten drunter. Mit einem Aufsatz von Hans Heinz Holz. Dass Hans Heinz z.B. in „Niederlage und Zukunft des Sozialismus“ die Hegemonieanalysen von Gramsci und (!) Lenin würdigt, Gramsci also in eine Entwicklungslinie stellt, davon mögen die Herausgeber nicht so viel wissen. Und anstatt dieses Papier öffentlich zur Diskussion zu stellen, dürfen es sich Interessierte für 2 Euro zzgl. Porto bestellen. Sehr solidarisch mit unseren vielen Mitgliedern, die knapp bei Kasse sind. An ihren Taten … Zum Rest des Absatzes, aus dem das Zitat stammt, nur eines: Wie kann jemand, der seit vielen Jahren in der Partei aktiv ist, unsere Ansätze auf „Kampf mit anderen“ und Dogmatismus reduzieren und dabei unsere Beiträge zum Kampf gegen die Wiederbewaffnung der BRD, zu den Ostermärschen, der Friedensbewegung, der Vietnamsolidarität, unsere zahllosen Aktivitäten in den Gewerkschaften, in Bündnissen, Initiativen, unsere Ratsarbeit, … einfach vom Tisch wischen. Wie kann er ignorieren, wie viele Genossinnen und Genossen für ihr Engagement für Frieden, Abrüstung, Völkerverständigung ins Gefängnis gingen, mit Berufsverbot bedroht wurden, ihre Arbeit verloren? Dass die Partei 11 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg wieder einmal verboten wurde. Und trotzdem weiter gekämpft hat. Dass unsere Genossinnen und Genossen von ihren eigenen Gewerkschaftsfunktionärskollegen abgeschossen wurden. Und weiterkämpften. 1968 in einer schwierigen Situation die DKP gegründet
wurde und gegen alle Widerstände Einfluss errang, akzeptierter, aber auch gehasster und bekämpfter Partner in den großen Bündnissen war, diese nach Kräften unterstützt und zum großen Teil aufgebaut und organisiert hat. Alles vergessen? Alles nur Dogmatiker und Sektierer? Weil wir uns 1989 nicht in die SED/ PDS eingereiht haben, sondern unsere Eigenständigkeit bewahrt haben? Weil wir uns nicht in linkssozialdemokratischer Beliebigkeit aufgelöst haben? Genosse Mayer, auch das (!) ist die Geschichte unserer Partei. Nicht zuerst die von dir dargestellten und überzeichneten Fehler, die wir gemacht haben. Die Erfolge und Kämpfe haben uns damals stark gemacht ‐ und das werden sie wieder tun. Wenn wir uns als Kommunistinnen und Kommunisten in die neuen Kämpfe einbringen und immer mehr Menschen klar machen, dass unsere Ziele die richtigen Ziel sind ‐ für die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten. Und damit für die übergroße Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten. Für die anderen ‐ ist Diktatur des Proletariats. Das ist übrigens von Marx, den du ja noch gelten lässt. Damit ‐ und nicht anders ‐ können wir wieder zur Avantgarde werden und die Hegemonie erringen. Das ist Marxismus‐ Leninismus ohne Gänsefüßchen.

„Mir scheint, dass es sich auch um eine Fehlinterpretation von Lenins Parteikonzeption handelt, …“

Okay, was ist denn Leos Parteikonzeption? Das war ja genau eine der Fragen, welche die UZ gestellt hat! Antworten: Anders. Und dann wieder die höchst persönliche Interpretation des „Hineintragens“. Was sagt denn Lenin dazu? Er weist den Intellektuellen diese Rolle zu, weil das Begreifen der Mechanismen dieses Systems halt Zeit braucht und eine intensive Beschäftigung mit Marx und Engels. Ganz klar sagt er, dass der Kampf um die Verbesserung der Lebensbedingungen nicht zwangsläufig zu der Erkenntnis führt, die Welt müsse grundsätzlich verändert werden. Der Kampf um das Teewasser … (s.o.) Kein Wort bei Lenin über die konkrete Form, sozusagen das pädagogische Konzept des Hineintragens. Darüber sollten wir nachdenken ‐ wie wir den konkreten Menschen in ihrer konkreten Lebenssituation mit geeigneten Formen unsere Erkenntnisse nahebringen. Wie wir sie abholen, wo sie sind und ihnen die Perspektive eröffnen ‐ über die Tageskämpfe hinaus. Über den Kapitalismus hinaus. Für die Systemalternative. Dafür kämpfen wir mit ihnen, aber nicht, um im Kapitalismus kleine Erleichterungen zu schaffen und es dabei bewenden zu lassen. Ich kann in Leos Artikel an keiner Stelle die Behandlung der Dialektik von Reform und Revolution erkennen ‐ und das macht mich dann doch etwas stutzig. Und Jupp Schleifstein zu benutzen, um das Parteikonzept in die Beliebigkeit zu wenden (mal wieder mit arg verkürzten Zitaten) ‐ mein lieber Leo, Josef würde im Grab rotieren, wenn er wüsste, wie du ihn hier instrumentalisierst.

„Wie stellen wir uns in einem hochentwickelten kapitalistischen Land einen revolutionären Prozess zur Überwindung des Kapitalismus vor?“

Ja, wie denn? Genau darauf habe ich Antworten erwartet. Wenn ich den Artikel richtig verstehe, dann dadurch, dass wir uns in eine möglichst breite „Bewegung“ integrieren (Massenbasis der Bewegung) und unser Parteiverständnis generell in Frage stellen. Da ist der Klassenfeind schon weiter: „Was ich an den Kommunisten fürchte, ist nicht ihre Zahl, sondern ihre Organisiertheit.“ (Spranger, ehem. Innenminister). Das ist unsere Stärke, nicht die schiere Zahl. S. Bauernkriege. Im weiteren führt Leo dann aus, wie ernüchternd doch die Ergebnisse seien und das dies wohl mit dem „Hineintragen“ und dem Missverständnis zu tun hätte, man müsse ein „falsches“ durch ein „richtiges“ Bewusstsein ersetzen. Und das mit ungeeigneten Methoden, u.a. der „Belehrung“. Hier werden „pädagogische“ Fehler mit der Ablehnung des Grundansatzes vermengt ‐ was zumindest sehr unwissenschaftlich ist. Ich weiß nicht, wo Leo seine marxistische Grundausbildung gemacht hat und wo ihm diese Formen des Hineintragens begegnet sind, die er so sehr ablehnt. Ich erinnere mich gut an die langen Diskussionen in der Grundeinheit, beim Pressefest, auf Parteitagen, am Lagerfeuer, bei Schulungen und in Zirkeln. An die Anwendung der dort gefundenen Erkenntnisse in der politischen Arbeit. An die Reflektion und kritische Würdigung der Verbindung von Theorie und Praxis. Wir haben die Dinge aber zu oft lehrbuchmäßig analysiert, zu häufig verkürzt. Da bin ich bei Leo. Aber deshalb
lehne ich die Grundprinzipien dieses Herangehens nicht ab. Und wem der Begriff „Hineintragen“ nicht gefällt, der Originalbegriff lautet, glaube ich внести́, was mit „hineintragen, bringen, auslegen“ übersetzt werden kann. Warum dieses Klammern an einen Begriff? Wenn unsere damaligen Methoden ‐ die übrigens so schlecht nicht funktioniert haben ‐ heute nicht mehr greifen, dann brauchen wir neue. Vom Internet über Flashmobs, die‐ ins, Sketche, Musik, Theater, Flugblätter, Twitter, facebook, … Bis auf die neuen Technologien ist übrigens alles schon da gewesen. Und die sind auch nur alter Wein in neuen Schläuchen. Was also ist der Kern von Leos Kritik? Weil wir nicht erfolgreich genug waren sollen wir jetzt die Grundsätze unseres Handelns entsorgen? Das wäre nun völlig außerhalb unserer Wissenschaft.

„Da unser Ziel die Emanzipation ‐ die Selbstbefreiung der Arbeiterklasse ‐ ist, müssen auch die Mittel und Methoden einen emanzipatorischen Charakter haben und einem demokratischen Prozess entsprechen.“

Ja, ja und nochmals ja. Mit einer Anmerkung: Was ist wieder dieser demokratische Prozess? Inwieweit unterscheidet er sich vom Prinzip des „demokratischen Zentralismus?“ Wieder keine Antwort. Ich interpretiere, dass es um einen Prozess geht, in dem wir Kommunisten keine (!) führende Rolle spielen.

Gleichzeitig benennt er aber „… dann ist es Aufgabe der marxistischen Partei, dieses Streben zu unterstützen und mit der
Systematik der marxistischen Weltanschauung zu befördern, damit Bewusstsein über die gesellschaftliche Stellung und Aufgabe erarbeitet wird.“

Ja, was tun wir denn? Sicherlich manchmal mit unzulänglichen Methoden, mit erheblichen Theoriedefiziten in unserer Partei. Mit wenigen, davon vielen alten und kranken Mitgliedern. Gegen einen immensen Widerstand (sie fürchten uns immer noch!). Mit der Absage unserer wichtigsten zentralen Veranstaltung (Pressefest) ohne eine breite Diskussion in der Partei über Gründe und Ursachen dafür! Ohne schlagkräftigen eigenen Braintrust. Zerstritten. Und von eigenen Genossinnen und Genossen werden uns die Fehler und Defizite um die Ohren gehauen ‐ ohne klare Aussagen, was (!) denn nun die Aufgaben der Partei sind. Und das von einem stellvertretenden Vorsitzenden.

Lieber Leo, um es mal in der Sprache zu formulieren, die du ja offensichtlich so hasst: Setzen, 5 Minus. Ich fordere dich auf, deine Vorstellungen von der Rolle der Deutschen Kommunistischen Partei endlich klar zu benennen, das ist deine Pflicht als stellvertretender Vorsitzender. Dann können wir produktiv über den weiteren Weg der DKP diskutieren. Der von dir vorlegte Artikel klärt nichts, bietet kaum verwertbare Aussagen und schürt weiterhin das Misstrauen, das du selbst eingangs deines Artikels benannt hast.

Schlussbemerkung:

Lieber Leo,
du hast dich ja nun aus dem Fenster gehängt und gemerkt, dass der Wind manchmal auch scharf von Osten weht. Nimm meine Anmerkungen nicht persönlich, aber die Linie, die du vertrittst, halte ich für falsch. Ich habe versucht, sachlich zu argumentieren, bin auch manchmal polemisch geworden, was‐ denke ich ‐ erlaubt sein muss.
Ich habe dich in facebook aufgefordert, deine Parteikonzeption vor Ort mit den Genossinnen und Genossen zu diskutieren. Ich hoffe, du erklärst dich einverstanden, dann sollten wir Termine machen ‐ evtl. andere dazu einladen ‐ und uns offen und ehrlich austauschen. Eine (!) theoretische Konferenz reicht dafür nicht aus. Wir sind ganz am Anfang, die Wege zu entdecken, die wir beschreiten wollen.

Mit kommunistischen Grüßen

Stephan Krützner

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