Linke und Nation

Posted on 19. Oktober 2012 von

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von Johannes Magel

Der Band aus dem Wiener Promedia Verlag umfasst knapp 200 Seiten und kommt als schlichte Textsammlung daher. Stefan Bollinger, der bescheiden als Herausgeber firmiert, hat mit diesem Band das Verdienst erworben, Texte zu einer zunehmend wichtigen Frage linker Debatten zugänglich zu machen, die ansonsten nur mit Mühe zu erschließen wären.

Das Buch umfasst neben dem Einleitungskapitel, über das noch zu sprechen sein wird, folgende Kapitel:

I. Die Internationalisten

Texte von Karl Marx, Friedrich Engels, August Bebel, Karl Kautsky, und Rosa Luxemburg.

II. Die Verfechter der Selbstbestimmung

Texte von Wladimir Iljitsch Lenin, Josef Wissarionowitsch Stalin, Lew Davidowitsch Trotzki und Antonio Gramsci.

III. Das Konzept der kulturellen Autonomie

Texte von Otto Bauer und Karl Renner.

IV. Die linken Nationalisten

Texte von James Conolly, Ho Chi Minh, Mao Zedong und Harry Haywood.

V. Sonderfall Linke und deutscher Faschismus

Texte von Karl Radek, Alexander Abusch und Anton Ackermann.

Jeder Text ist mit einem Vorwort des Herausgebers versehen, in denen diese in ihren historischen Zusammenhang gestellt werden und die zentralen Themen linker Debatten und Kontroversen kundig und nachvollziehbar entwickelt werden. Die sorgfältigen Quellenangaben und Hinweise auf weiterführende Texte geben allen, die sich der Thematik Linke und Nation genauer befassen möchten, gute Arbeitsmittel in die Hand, um sich die Thematik historisch und analytisch weiter zu erschließen.

Der Band hilft, sich einem Thema zu näheren, an dem sich die marxistische Linke seit Marx und Engels theoretisch abgearbeitet und vielfach auch die Zähne ausgebissen hat. Im Einleitungskapitel skizziert Bollinger die Theoriegeschichte marxistischer Diskussion zu den Fragen von Nationalität, Nation und Nationalstaat von Marx und Engels bis in die gegenwärtige Zeit. Dabei wird belegt, dass die produktivste Phase dieser Diskussion im Vorfeld des ersten Weltkriegs und in der Zeit unmittelbar nach der Oktoberrevolution liegt. Die Gedanken Lenins und Stalins, die die Grundlage für den Ansatz bilden, den Kampf um nationale Selbstbestimmung zum Bestandteil einer revolutionären Strategie im Zeitalter des Imperialismus zu machen, zeigen in besonderer Weise die Produktivität marxistischer Theorieentwicklung in dieser Phase. Der Text hütet sich dabei vor Einseitigkeit und Schönfärberei: Erkenntnisfortschritt, historische Relativität, Irrtümer und offene Fragen marxistischer Theoriegeschichte auf diesem Feld werden in diesem Abriss deutlich.

Mit dem Einleitungskapitel hat Bollinger ein doppeltes Verdienst erworben. Es meldet den Anspruch auf die Rückgewinnung von Territorium an und das gleich in doppeltem Sinn, nämlich auf das Feld marxistischer Theorieentwicklung und zugleich auf das Feld politisch-praktischer Aktivität der Linken. Er subsumiert die Grunderkenntnis der Autoren, deren Texte er dokumentiert: „Augenscheinlich begriffen sie zweierlei: Dass die Nation eine historisch gewordene und vergehende Tatsache ist, die eng mit dem Aufstieg des Kapitalismus und den Klassenkämpfen verbunden war, und zunächst ein Projekt der Bourgeoise gegen feudale Zersplitterung und mangelte Demokratie darstellt. Aber die Nation bietet dem Bürgertum auch die Möglichkeit, den Klassenkampf in gemeinschaftliche Losungen aufzulösen und die Arbeiter gegen die äußere Bedrohungen oder fremde Bedrängung oder für eigene nationale Größe zu mobilisieren.“ (S. 37) Als Quintessenz, sozusagen für das Vokalbelheft des theoretischen Arbeitens, hält er fest: „Als Teil eines Kategoriensystems zur wissenschaftlichen Durchdringung des modernen Kapitalismus, in dem letztlich die wirtschaftlichen Strukturen, die Macht- und Eigentumsverhältnisse entscheidend sind, bleibt die Nation unerlässlich.“ (S.11)

Politisch-praktische Rückgewinnung von Territorium heißt zunächst richtiges Erfassen von Realität: „Seit 1989 begann eine kapitalistische Reconquista unter der Losung der Globalisierung. Der Widerstand wird zwar grenzüberschreitend gegen einen oft transnational antretenden modernen Kapitalismus und seine Monopole ausgerufen, aber reale Kampffelder bleiben vorerst die nationalen Zusammenhänge und Nationalstaaten.“ (S. 10) Bollingers Fazit und These für den gegenwärtigen Kampfabschnitt: „Als wesentliches Kampffeld im antikapitalistischen und antimonopolistischen Kampf wird sie (die Nation – J.M.) – trotz anderer Angebote von der Region über die Europaidee bis zum Weltbürgertum – in den meisten Staaten wichtig bleiben.“ (S. 11)

Das Einleitungskapitel enthält einen knappen Exkurs zur Frage der Europäischen Union: „Die Position zu Europa bzw. zur Europäischen Union als wirtschaftlicher und politischer Union sowie zur Globalisierung ist eine der zentralen Fragen für die heutige Linke.“ (S. 25) Bollinger stellt die Position Lenins zur Losung der Vereinigten Staaten von Europa dar, skizziert dann Kriterien für ein Europa, das für eine soziale Politik zugunsten der Arbeitenden, für eine ökologische und friedliebende und demokratisch legitimierte Politik stünde, um dann festzustellen: „Eine solche Europäische Union steht heute nicht auf der Tagesordnung und ist angesichts des vorhandenen Kräfteverhältnisses – in dem die Sozialdemokratie in der Regel nicht mehr auf linken Positionen steht – auch in absehbarer Zukunft nicht zu erreichen. Das Eintreten für eine Verfassung der EU, die auch positive soziale Regelungen festschreibt, aber gleichzeitig die Freiheit des Eigentums betont und an einer militarisierten Außenpolitik festhält, wirkt hierbei irreal und desorientierend.“ (S. 28)

Nach dieser wohlbegründeten Absage an jede transformatorische Schwärmerei formuliert Bollinger seine These über einen sinnvollen positiven Bezug der Linken auf die Souveränität der Nationalstaaten gegenüber der EU: „Der nationale Bezug, die Behauptung des jeweiligen einzelnen Staates und seiner Souveränität wird auch für die Linke zu einer – möglicherweise ungeliebten – Herausforderung: Die Nation eben nicht den Rechtsextremen zu überlassen, sie als verteidigenswerten Ort von Sozialstaat und Grundlage der Demokratie zu sichern und dafür neue Antworten zu finden. Die Nation, der Nationalstaat bzw. der durchaus von unterschiedlichen Nationen oder Nationalitäten geprägte souveräne Staat sind unverändert der Raum und oft auch das Ziel politischer Kämpfe.“ (S. 29)

Stefan Bollinger [Hrsg.]; Linke und Nation, Klassische Texte zu einer brisanten Frage; Promedia Verlag, Wien 2009

ISBN 978-3-85371-302-0; 192 Seiten, 12,90 Euro

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