Hans Heinz Holz: Revolution neuen Typs

Posted on 9. November 2012 von

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von Hans Heinz Holz (1927 – 2011)

Am 1. August 1914 begann der Erste Weltkrieg. Im September nimmt Lenin das Studium von Hegels Wissenschaft der Logik auf, das er intensiv bis zum Dezember fortsetzt und aus der er 150 Druckseiten exzerpiert und kommentiert. Parallel dazu liest er Feuerbachs Leibniz-Monographie. 1915 schließen sich in rascher Folge Hegels Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, Hegels Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte, weitere Hegel-Studien und die Metaphysik des Aristoteles an.[1] Ein immenses Lektüre-Programm – und das in den ersten Monaten des aufregenden weltpolitischen Umbruchs, der aktuell durch den Krieg ausgelöst wurde. Die Parteien der Arbeiterklasse in der II. Internationale hatten gegenüber der neuen Phase des Kapitalismus – die Lenin dann als imperialistische analysieren wird[2] – versagt und den Klassenkampf mit der Unterordnung unter die Interessen der nationalen Bourgeoisien preisgegeben. Arbeiter schossen an den Fronten auf Arbeiter. Die Ziele des Sozialismus schienen in weite Ferne gerückt, die Sozialisten hatten sich selbst eine vernichtende Niederlage bereitet, die ihre politische Identität zerstörte. In der von Kautsky einst formulierten Alternative Sozialismus oder Barbarei[3] (die später von Rosa Luxemburg wieder aufgenommen wurde) hatten die sozialdemokratischen Parteien sich auf die Seite der Barbarei geschlagen.

Und Lenin – las Philosophie! Ja schlimmer noch: Er studierte den »preußischen Staatsphilosophen« Hegel, den Erzvater des Idealismus. Er beschäftigte sich mit Leibniz und Aristoteles, als gäbe es in diesem Augenblick der Katastrophe nichts Wichtigeres.

Vielleicht gab es in der Tat nichts Wichtigeres! Zwei einschneidende Änderungen in der weltpolitischen Konstellation mußten begriffen werden: Der Selbstwiderspruch der Bourgeoisie im Konkurrenzkampf um den Weltmarkt, im Kampf um die Weltherrschaft – ein Selbstwiderspruch und Kampf, der bis heute andauert und der die Physiognomie des Jahrhunderts ausmacht; und die Selbstaufgabe der Arbeiterbewegung in der Krise des Kapitalismus, der Verzicht darauf, die darin liegende Chance der Gesellschaftsveränderung zu nutzen. Was war geschehen? Was für eine Strategie erforderte die neue Lage?

Darum die Philosophie!

Bestimmen subjektive Zielsetzungen, die dem individuellen Fühlen und Denken der jeweils handelnden Menschen entspringen, das Geschehen? Sind es die persönlichen charakterlichen Schwächen, die zum Verrat führen? Sind es die Interessen und Egoismen der Kapitalisten, die den welthistorischen Konflikt auslösen? Hilft also der Appell an die Moral der einzelnen handelnden Menschen, hat ein solcher einen Sinn und möglichen Effekt?

Oder sind die Charakterschwächen Ausdruck und Folge gesellschaftlicher Machtkonstellationen, verbunden mit der mangelhaften begrifflichen Durchdringung der Bewegung und Wechselwirkung gesellschaftlicher Kräfte und der in ihnen liegenden Widersprüche? Ist Ideologie subjektives falsches Bewußtsein oder objektiv begründeter (»realer«) Schein? Sind die Gegensätze im kapitalistischen Lager das Ergebnis der Kapitalbewegung und nicht privater kapitalistischer Willkür? Welche Prozesse führen von der Konkurrenz der Kapitalisten zur Konkurrenz der Kapitalien, zum Beispiel von den Bedingungen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 zu denen des Ersten Weltkriegs von 1914?

Das sind Fragen nach einer Systemstruktur, nach einer Wesensform, nicht Fragen nach Geschehensanlässen, nach der Beschreibung von Erscheinungen. Lenin hat keinen Augenblick die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo für die Ursache des Krieges gehalten; und ebensowenig diplomatische Vermittlungsbemühungen für ein Mittel, den Frieden zu erhalten. Es geht in der Geschichte, in der Politik nicht um Formalien, sondern um die zugrundeliegenden Inhalte.

Dafür gibt Hegel die methodologische Antwort: die Umkehrung der formalen Logik der Denkfiguren in die kategoriale Abbildung der Bewegungsformen der Wirklichkeit. Lenin notiert aus Hegel: »NB Es ist nicht richtig, daß die Denkformen nur ›Mittel‹ sind, zum ›Gebrauch‹ (17). Nicht richtig ist auch, daß sie ›äußere Formen‹ sind, ›Formen, die nur an dem Gehalt, nicht der Gehalt selbst‹ seien«. Und er fügt kommentierend hinzu: »Hegel indes fordert eine Logik, in welcher die Formen, gehaltvolle Formen, Formen lebendigen, realen Inhalts seien, mit dem Inhalt untrennbar verbunden. […] Die Logik ist die Lehre nicht von den äußeren Formen des Denkens, sondern von den Entwicklungsgesetzen ›aller materiellen, natürlichen und geistigen Dinge‹, d.h. der Entwicklung des gesamten konkreten Inhalts der Welt und ihrer Erkenntnis, d.h. Fazit, Summe, Schlußfolgerung aus der Geschichte der Erkenntnis der Welt«.[4]

Die Intention Lenins trifft sich mit der Hegels: nicht die Erkenntnis der individuellen Form der Gegensätze in der Anschauung und ihrer Beziehungen im Begriff, sondern ihres Zusammenhangs als Einheit – darum auch Einheit der Gegensätze. »NB ›Mit dieser Einführung des Inhalts in die logische Betrachtung‹ werden zum Gegenstand nicht die Dinge, sondern die Sache, der Begriff der Dinge, nicht die Dinge, sondern die Gesetze ihrer Bewegung, materialistisch«.[5]

Übersetzen wir die Erwägungen zur Logik ins Politische! Lenin sucht nach der Systemstruktur, in der der Sozialdemokratismus und der Imperialismus ihren Platz haben (und sich damit auch als korrelativ erweisen). Nicht die Zustimmung zu den Kriegskrediten liefert ihm die Antwort auf diese Fragen, sondern die dialektische Logik Hegels. »Hegel stellt zwei Grundforderungen: 1) ›Die Notwendigkeit des Zusammenhangs‹ und 2) ›die immanente Entstehung der Unterschiede‹«.[6]

Lenin macht es sich nicht leicht. Die allgemeine Konzeption einer (materialistischen) Logik der Bewegungsformen des Inhalts wird erst in der konkreten Durchführung am Inhalt wirklich zur materialistischen. Nicht vor der Analyse der Begrifflogik, im Abschnitt über die Subjektivität, wagt Lenin den Aphorismus: »Man kann das ›Kapital‹ von Marx und insbesondere das I. Kapital nicht vollständig begreifen, ohne die ganze Logik von Hegel durchstudiert und begriffen zu haben. Folglich hat nach einem halben Jahrhundert nicht ein Marxist Marx begriffen!!«[7] Jetzt hat Lenin das kategoriale Material zur Verfügung, das ihn befähigt, nicht spon­taneistisch und aus Emotionen, sondern nach reflektierten Grundsätzen und wohlerwogenen Gründen die Ausgangslage des revolutionären Aufstands wahrzunehmen. Zurückgreifend auf eine Exzerptstelle im Konspekt zur Wissenschaft der Logik[8] merkt Lenin dann zu Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie an: »Wodurch unterscheidet sich der dialektische Übergang vom nichtdialektischen? Durch den Sprung. Durch den Widerspruch. Durch das Abbrechen der Allmählichkeit. Durch die Einheit (Identität) von Sein und Nichtsein«.[9] Sprünge und Brüche, bei denen eine neue Systemqualität entsteht, finden nicht dauernd statt.

Die Allmählichkeit des kontinuierlichen Fortgangs ist der Regelfall. Revolution ist der Augenblick des »Abbrechens der Allmählichkeit«, der Blitz, der einschlägt. Aber dem Blitz voraus geht die Zusammenballung der Wolken, die Erhöhung der Spannung. Der Bruch im Kontinuum bereitet sich vor. Lenins Hegel-Lektüre war der Zugriff auf die wissenschaftliche Methode, die Einheit von Vermittlung und Bruch[10] in der Wirklichkeit und nicht nur im Denken zu begreifen, also den Umschlagpunkt im Übergang zu bestimmen.

Der Rückgriff auf Lenins Lektüre soll zu der Einsicht führen, daß die Oktoberrevolution nicht allein von dem Geschehensablauf begriffen werden kann. Als welthistorischer Epocheneinschnitt, als »Formationswechsel«, ist sie auch ein philosophisches Datum und – im Vergleich mit anderen Revolutionen, insonderheit mit der immer wieder herangezogenen französischen – ein philosophisches Problem. Aus dem »Abbruch der Allmählichkeit« im revolutionären Geschehen entsprang ja ein neuer Prozeß in zeitlicher Erstreckung, in dem erst die revolutionären Ziele verwirklicht wurden. Eine Revolution ist kein Pfingstwunder – allenfalls ist das Pfingstwunder ein Symbol für eine Revolution.

1. Zur Zeitlichkeit von Revolutionen.

Logisch-ontologische Gesichtspunkte

Die Idee der Revolution verdichtet sich in einem Ereignis: Der Sturm auf die Bastille, die Kanonensalve des Panzerkreuzers Aurora, Luthers Thesenanschlag an der Schloßkirche zu Wittenberg. Wir feiern ein Datum als den Tag, ja die Stunde der Revolution. Der Begriff des Umsturzes ist ein Momentbegriff. Ein Baum fällt unter dem Axthieb, ein Gebäude stürzt ein bei einer Explosion oder einem Erdbeben. Das Gegenbild ist der allmähliche Zerfall, das langsame Verfaulen.

Die Zeitvorstellung des revolutionären Bewußtseins orientiert sich am plötzlichen Umschlag.[11] Der Augenblick der Revolution ist es, in dem die Gegensätze aufeinanderstoßen, in dem die Diskontinuität zweier qualitativ verschiedener Zustände als »Jetzt« gegenwärtig ist: der Siedepunkt des Wassers, das Aufspringen der Knospe, der Stillstand des Herzens. Beim Glockenschlag Zwölf bricht in der Silvesternacht das neue Jahr an. »Wie beim Kinde nach langer stiller Ernährung der erste Atemzug jene Allmählichkeit des nur vermehrenden Fortgangs abbricht, – ein qualitativer Sprung – und itzt das Kind geboren ist, so reift sich der bildende Geist langsam und stille der neuen Gestalt entgegen, löst ein Teilchen des Baues seiner vorgehenden Welt nach dem andern auf, ihr Wanken wird nur durch einzelne Symptome angedeutet; […] Dies allmähliche Zerbröckeln, das die Physiognomie des Ganzen nicht veränderte, wird durch den Aufgang unterbrochen, der, ein Blitz, in einemmale das Gebilde der neuen Welt hinstellt«.[12]

Der Begriff des Zeitpunkts ist eine idealisierende Abstraktion. Er überträgt die logisch-mathematische Konstruktion des Punktes auf einen ontischen Sachverhalt. Auch ein Ereignis hat eine Ausdehnung. Um eine Ausdehnung bestimmen, d.h. messen zu können, bedarf es der Festlegung ihrer Grenze im fortlaufenden Kontinuum.[13] De-finition ist eine Verstandestätigkeit. Das präzise Ende einer Ausdehnung im ausgedehnten Kontinuum ist das Resultat eines Denkaktes. In der Realität ist jede Grenze ein fließender Übergang, jede Diskontinuität von Zuständen die ontische Erscheinung logischer Nicht-Identitäten in einem kontinuierlichen Prozeß. Hegels logische Formel der Dialektik – die Identität von Identität und Nicht-Identität – drückt das aus.

Bewegung, Veränderung, Entwicklung, Fortschritt sind nur in der Differenz der Denkfiguren von Ereignis und Prozeß zu fassen. Im Sein bilden diese Denkfiguren eine »Einheit der Gegensätze«. Jeder Prozeß besteht aus einer Abfolge von Ereignissen, jedes Ereignis ist Glied einer Zeit-Kette, die der Prozeß ist und durch die das Ereignis als solches und in seiner Bedeutung für anderes, für die anderen Kettenglieder bestimmt ist. So gesagt, scheint das trivial. Für das bewegte, reflektierende Verhalten in der Praxis erwachsen aus der Differenz der Denkfiguren im Rahmen einer seienden Einheit der Gegensätze mannigfache Verwicklungen.

Die Differenz von Ereignis und Verlauf ist nur die abstrakt-kategoriale Gestalt der inhaltlich erfüllten Historizität. Der Typus des revolutionären Ereignisses und der Charakter des Verlaufs revolutionärer Prozesse werden bestimmt durch die gesellschaftliche Verfaßtheit der Zeitabschnitte, in denen sich die Revolution vorbereitet und vollzieht. Der Zusammenbruch des Römischen Reichs und der Übergang zu feudalistisch organisierten regionalen Herrschaften vollzog sich, nachdem im Agrarsektor die Sklavenherrschaft schon längst durch bäuerliche Produzenten in Formen der Hörigkeit abgelöst worden war.[14] Die Französische Revolution vollstreckte politisch, was ökonomisch durch das Aufkommen frühkapitalistischer Produktionsverhältnisse bereits gesellschaftliche Realität gewonnen hatte.[15] Den klassischen Revolutionen (zum mindesten, soweit sie erfolgreich waren) gingen Verschiebungen in den gesellschaftlichen Produktionsstrukturen und Machtverhältnissen voraus. Das ist es, was Hegels Metapher vom reifenden Embryo und der jähen Geburt des Kindes sagt.[16]

Eine phänomenologische Typologie der Revolutionen wird also zwei strukturelle Ebenen berücksichtigen müssen. Zum einen den Modus der Zeitlichkeit, der je ein anderer ist, wenn eine Umwälzung in Form eines plötzlichen Umschlags geschieht oder in der Form eines wesensverändernden gleitenden Übergangs.[17] Es macht die Revolution aus, daß durch sie ein neuer Typus einer universellen Struktur (zum Beispiel einer Gesellschaftsformation,[18] eines weltanschauungsbildenden Denkhabitus,[19] einer technischen Produktionsweise[20]) geschaffen beziehungsweise durchgesetzt wird. Das Attribut »universell« ist eine notwendige Spezifikation. In Teilbereichen der Lebens- und Produktionsverhältnisse finden ständig Strukturveränderungen statt, die an sich nicht revolutionär sind, obwohl sie zusammengenommen und langfristig Momente eines revolutionären Prozesses sein können.[21]

Zum zweiten ist zu untersuchen, welches die vorgegebenen Bestimmungsmomente des Umschlags oder Übergangs sind, durch die die revolutionären Vorgänge, also das Erscheinungsbild der Revolution, geprägt werden.[22] Revolutionen im engeren Sinne des Wortes verändern die Organisation der Produktionsverhältnisse entsprechend den Bedürfnissen einer sich fortentwickelnden Produktionsweise. Das heißt, in ihnen findet ein Wechsel der politischen Machtträger statt. Die Klassendifferenzen der in den revolutionären Prozeß involvierten gesellschaftlichen Gruppen oder Parteien wirken sich nachhaltig (über den Zeitpunkt des Machtwechsels hinaus) auf die Gestaltung des neuen Gesellschaftstypus aus.[23] Kategorial sind diese Differenzen in revolutionären und postrevolutionären Stadien als antagonistische oder nicht-antagonistische zu charakterisieren – »Widersprüche gegen das Volk« und »Widersprüche im Volk«.[24] Welcher Art Widerspruch ein Konflikt zuzuordnen ist, schlägt sich in der Austragung des Konflikts nieder.

2. Die Tage des Roten Oktober

Der Verlauf der Oktoberrevolution bekräftigt den Anschein des Ereignishaften. Am Abend des 6. November (= 24. Oktober des alten russischen Kalenders) schreibt Lenin an das ZK: »Unter Aufbietung aller Kräfte bemühe ich mich, die Genossen zu überzeugen, daß jetzt alles an einem Haar hängt, daß auf der Tagesordnung Fragen stehen, die nicht durch Konferenzen, nicht durch Kongresse (selbst nicht durch Sowjetkongresse) entschieden werden, sondern ausschließlich durch die Völker, durch die Masse, durch den Kampf der bewaffneten Massen. […] Auf keinen Fall darf die Macht bis zum 25. in den Händen Kerenskis und Co. belassen werden, unter keinen Umständen; die Sache ist unbedingt heute abend oder heute nacht zu entscheiden. Eine Verzögerung wird die Geschichte den Revolutionären nicht verzeihen, die heute siegen können (und heute bestimmt siegen werden), während sie morgen Gefahr laufen, vieles, ja alles zu verlieren. […] Die Machtergreifung ist Sache des Aufstands; ihr politisches Ziel wird nach der Machtergreifung klar werden«.[25]

Am 7. November (25. Oktober) um 2.35 nachmittags wird die Sitzung des Petrograder Sowjets eröffnet. Das Militärkomitee erstattet Bericht über die revolutionären Aktionen: Die Regierung ist gestürzt, die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte haben die Macht übernommen. Lenin ergreift das Wort: »Genossen! Die Arbeiter- und Bauernrevolution, von deren Notwendigkeit die Bolschewiki immer gesprochen haben, ist vollbracht. Welche Bedeutung hat diese Arbeiter- und Bauernrevolution? Vor allem besteht die Bedeutung dieser Umwälzung darin, daß wir eine Sowjetregierung, unser eigenes Machtorgan haben werden, ohne jegliche Teilnahme der Bourgeoisie. Die unterdrückten Massen werden selbst die Staatsmacht schaffen. Der alte Staatsapparat wird von Grund aus zerschlagen und ein neuer Verwaltungsapparat in Gestalt der Sowjetorganisationen geschaffen werden«.[26] Die von Lenin vorgeschlagene Resolution besagt: »Die neue Arbeiter- und Bauernregierung […] wird sofort das Eigentum der Grundbesitzer am Grund und Boden aufheben und den Boden der Bauernschaft übergeben. Sie wird die Arbeiterkontrolle über die Produktion und Verteilung der Produkte sowie die allgemeine Kontrolle des Volkes über die Banken einführen und diese gleichzeitig in ein einziges Staatsunternehmen umwandeln«.[27]

Seit Lenins Brief an das ZK sind kaum mehr als zwölf Stunden vergangen. Einen Tag später, am 8. November (26. Oktober), wird das Dekret über Grund und Boden[28] vom Gesamtrussischen Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte verabschiedet. Der entscheidende Eingriff in die Eigentumsverhältnisse eines noch vorwiegend auf agrarischer Basis beruhenden kapitalistischen Staats- und Gesellschaftssystems ist geschehen. Die Einheit der Arbeiterklasse und der kleinen Bauern ist dadurch garantiert. »Das Wesentliche ist, daß die Bauernschaft die feste Überzeugung gewinnt, daß es auf dem Lande keine Gutsbesitzer mehr gibt, daß es den Bauern selbst überlassen wird, alle Fragen zu entscheiden, selbst ihr Leben zu gestalten«.[29]

Dem entsprechen die Bestimmungen über die Arbeiterkontrolle, die Lenin entworfen hatte. Da das Eigentum von Produktionsbetrieben nicht in gleich übersichtlicher Weise zu erfassen und die Produktion unter neuen Managementstrukturen zu organisieren war wie der Landbesitz, wird zunächst die Frage der Entscheidungsgewalt, also die Machtfrage geregelt.

Das alles geschieht innerhalb einer Woche. Von der Eroberung der politischen Macht bis zum Erlaß über die Enteignung des Grundbesitzes vergeht ein einziger Tag. Die Opposition von Zögernden, Versöhnlern und Reformisten wird ohne Kompromiß zurückgewiesen: »Das Zentralkomitee stellt fest, daß die Opposition, die sich innerhalb des ZK herausgebildet hat, alle grundlegenden Positionen des Bolschewismus sowie des proletarischen Klassenkampfs überhaupt voll und ganz preisgibt; sie wiederholt die zutiefst unmarxistischen Schlagworte von der Unmöglichkeit der sozialistischen Revolution in Rußland, von der Notwendigkeit, den ultimativen Forderungen und Rücktrittsdrohungen seitens der offenkundigen Minderheit der Sowjetorganisation nachzugeben; sie hintertreibt damit den Willen und Beschluß des II. Gesamtrussischen Sowjetkongresses und der armen Bauernschaft. […] Das Zentralkomitee stellt fest, daß man, ohne Verrat an der Losung der Macht der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten zu üben, nicht einen kleinlichen Kuhhandel um den Anschluß von Organisationen an die Sowjets anfangen kann, die nicht) zum Sowjettypus gehören. […] Das Zentralkomitee ist von dem Sieg dieser sozialistischen Revolution völlig überzeugt und fordert alle Skeptiker und Schwankenden auf, alle ihre Schwankungen zu überwinden«.[30]

Das ist der Geist der Revolution – der Kampfgeist, der das Neue als das Andere, nicht als die Veränderung eines bestehenden Alten will. Jede Verzögerung in der Durchsetzung des Neuen begünstigt die Fortdauer und das Wiedererstarken des Alten.

Das heißt aber auch: Die neuen Eigentums- und Produktionsverhältnisse sind mit dem Ereignis der Revolution noch nicht geschaffen. Die Dekrete bilden die juristische, öffentlich-rechtliche Voraussetzung für einen Übergang, der sich dann schrittweise und in einem Land von so unterschiedlichem Entwicklungsstand der Regionen und so riesiger Ausdehnung wie der Sowjetunion nur mit zeitlichen Verschiebungen vollzieht. Noch zehn Jahre nach den Dekreten existierte das Kulakentum, dauert der Klassengegensatz, ja Klassenkampf auf dem Lande an und machte eine politische Lösung der Agrarfrage unausweichlich.[31]

Wenn Lenin schreibt, das politische Ziel der Machtergreifung werde nach der Machtergreifung klar werden (siehe oben), so benennt er die Besonderheit des revolutionären Ereignisses. Dieses darf noch nicht als Herstellung einer neuen Qualität einer neuen Gesellschaftsformation verstanden werden, sondern als der Umsturz eines Herrschaftssystems mit neuen Herrschaftsträgern. Insofern hat die Revolution dem Anschein nach eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Putsch – und Lenin spricht auch wiederholt vom »Aufstand«. Unter diesem äußeren Anschein verbirgt sich aber eine essentielle Verschiedenheit. In der Revolution geht die Macht auf neue Träger über, deren gesellschaftliches Handeln auf eine qualitativ völlig neue Gesellschaftsformation gerichtet ist; ein Putsch dagegen ersetzt die einen Herrschaftsträger durch andere innerhalb derselben Gesellschaftsformation.

Darum sind die ersten Dekrete über Grund und Boden und über die Arbeiterkontrolle so wichtig. In der Phase des »Aufstands« erlassen, sind sie die Indizien und Garanten für den revolutionären Charakter des Aufstands. Ein Zurückweichen oder ein Kompromiß an diesen Punkten hätte das Scheitern der Revolution bedeutet, die zu einem bloßen Wechsel der Machtelite herabgesunken wäre.[32] Zwischen der sozialistischen Revolution und der Erhaltung kapitalistischer Zustände gibt es keinen »dritten Weg«.

Die von Lenin entworfene ZK-Resolution vom 15. (2.) November sagt darum unzweideutig: »Das Zentralkomitee stellt fest, daß Zugeständnisse gegenüber ultimativen Forderungen und der Drohungen der Minderheit der Sowjets einem völligen Verzicht nicht nur auf die Sowjetmacht gleichkommen, sondern auch auf den Demokratismus, denn solche Zugeständnisse bedeuten […], daß jede beliebige Minderheit ultimative Forderungen wiederholen wird«.[33] Die revolutionäre Macht, die einen neuen Gesellschaftstyp, das heißt neue Eigentums- und Produktionsverhältnisse durchsetzen soll, ist inhaltlich unteilbar. Auch das gehört zur Konzeption der Diktatur des Proletariats. Koalitionspartner können an der Macht beteiligt werden, wenn sie an der Verwirklichung der gleichen Ziele mitarbeiten.[34] Kompromisse im Hinblick auf Zielabweichungen, auf ein Zurückweichen vor dem besiegten Klassengegner kann es nicht geben. Wer solche Kompromisse eingehen möchte, stellt sich damit schon auf die Seite des Gegners.[35]

Die Revolution hat gesiegt. Der Machtwechsel ist vollzogen. Nun aber beginnt erst der mühevolle Weg der Revolution, auf der Grundlage des Machtwechsels den Formationswechsel einzuleiten. Es ist das Besondere der Oktoberrevolution, daß sie sich dafür auf keine Vorbereitungsstufen stützen konnte. Das Rußland von 1917 war ein noch halb feudalistisches, halb frühkapitalistisches Land; was an der Tradition von bäuerlichen Kommunen noch nachwirkte, war kein Vorgriff auf eine sozialistische Produktionsweise für eine industrialisierte Gesellschaft. In dem Slogan »Elektrifizierung + Sowjetmacht« drückte sich die doppelte Aufgabe der Modernisierung und der Sozialisierung der Gesellschaft aus.

Den Sieg beim Machtwechsel in das Gelingen des Formationswechsels überzuleiten, erforderte die Diktatur des Proletariats. Wie hätte man eine Koalition mit den politischen Repräsentanten anderer Bevölkerungsgruppen eingehen können, deren Interessen einer sozialistischen Ordnung fern oder entgegen standen, wo ja erst die Anfänge sozialistischer Organisation der Produktion gelegt werden mußten? Koalitionen sind Kompromisse zwischen Machtträgern mit partikularen, einander widersprechenden Interessen; ihre Macht besteht in einem materiellen gesellschaftlichen Potential. Das Proletariat mußte sich dieses Potential erst erobern und bedurfte dabei der Unterstützung der Landarbeiter und armen Bauern. Das war die Grundlage, auf der der Sowjetstaat errichtet werden konnte. Die gemeinsamen Interessen motivierten die Besitzlosen, sich den konterrevolutionären Armeen entgegenzustellen. Lenins Worte aus den ersten Revolutionstagen behielten Geltung für die ganze Zeit des Übergangs.

Im ersten Jahresrückblick auf die Oktoberrevolution ist Lenin auf diese besonderen Klassenverhältnisse in Rußland eingegangen. »Zweifellos ist die wichtigste soziale Schicht, die die ökonomische Basis für die kleinbürgerliche Demokratie abgibt, in Rußland die Mittelbauernschaft. Zweifellos muß die sozialistische Umgestaltung und der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus in einem Lande mit einer zahlenmäßig so großen bäuerlichen Bevölkerung unvermeidlich besondere Formen annehmen […]. Es besteht kein Zweifel darüber, daß diese kleinbäuerliche Klasse (als Mittelbauern bezeichnen wir denjenigen, der seine Arbeitskraft nicht verkauft), daß dieser Bauer in Rußland jedenfalls die wichtigste ökonomische Klasse ist, welche die Grundlage für die große Mannigfaltigkeit der politischen Strömungen in der kleinbürgerlichen Demokratie bildet. Bei uns in Rußland sind diese Strömungen am meisten mit den Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre verbunden […]. In allen grundsätzlichen Fragen haben die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre heute ›ja‹ und morgen ›nein‹ gesagt. Einerseits haben sie mitgeholfen und andererseits nicht, sie waren ein Musterbeispiel von Charakterlosigkeit und Hilflosigkeit.«[36] Jede Rücksichtnahme auf das Schwanken jener, die einmal Bündnispartner waren und ein andermal Gegner, hätte die Wirkungen des Ereignisses Revolution zunichte gemacht. Nur die alleinige Übernahme der Macht und die Eindeutigkeit der Machtausübung konnten die Auswirkungen des revolutionären Ereignisses sichern und die Revolution erfolgreich zu Ende führen. Die Diktatur des Proletariats entspringt nicht subjektiver Machtgier, sondern der objektiven Notwendigkeit einer Realisierungsphase, in der der revolutionäre Umsturz konsolidiert wird. »Selbstverständlich stand der größte Teil des Kleinbürgertums nicht auf unserem Standpunkt. Das konnten wir gar nicht erwarten. Und wie hätte auch das Kleinbürgertum auf unseren Standpunkt übergehen können? Wir mußten die Diktatur des Proletariats in ihrer härtesten Form verwirklichen. Wir haben die Illusionsduselei innerhalb weniger Monate überwunden. […] Wir mußten die kleinbürgerliche Illusion zerschlagen, wonach das Volk etwas Einheitliches sei, und der Wille des Volkes in irgend etwas anderem als im Klassenkampf zum Ausdruck gebracht werden könne.«[37] Es gab konterevolutionäre Aufstände. »Diese Situation forderte von uns, den erbittersten Kampf zu führen und in diesem Krieg terroristische Methoden anzuwenden. Wie sehr auch die Leute diesen Terrorismus von den verschiedensten Gesichtspunkten aus verurteilen (und solche Verurteilungen haben wir von allen schwankenden Sozialdemokraten zu hören bekommen), der Terror wurde, darüber sind wir uns klar, durch die Verschärfung des Bürgerkriegs hervorgerufen. Er wurde hervorgerufen dadurch, daß sich die gesamte kleinbürgerliche Demokratie gegen uns wandte. Sie führten den Krieg gegen uns mit verschiedenen Methoden – als Bürgerkrieg, durch Korruption, durch Sabotage. Diese Verhältnisse nun waren es, die die Notwendigkeit des Terrors schufen. Deshalb dürfen wir ihn nicht bereuen, dürfen wir ihn nicht verwerfen. Wir müssen nur klar verstehen, welche Verhältnisse unserer proletarischen Revolution die Schärfe des Kampfs hervorgerufen haben.«[38] Der revolutionäre Terror ist – wie 1792 der »terreur« des Wohlfahrtsausschusses[39] – die Extremform einer geschichtlichen Auseinandersetzung und nur im Zusammenhang der Zuspitzung der Kampfsituation zu begreifen, nicht moralisch zu rechtfertigen, ein situationsbezogener Ausnahmezustand. Dagegen ist die Diktatur des Proletariats die geschichtsphilosophische Kategorie der Übergangsform von der bürgerlichen zur sozialistischen Gesellschaft.

3. Die prolongierte Revolution

Bedrohlich genug war es, daß die Revolutionsregierung ihre Amtsführung sofort mit einer Niederlage beginnen mußte. Die Ablehnung der Kriegspolitik des Zaren war ein wesentliches Motiv gewesen, aus dem heraus die Massen die Revolution unterstützten. Nun war die Sowjetregierung gezwungen, dem demütigenden Friedensschluß von Brest zuzustimmen, um das Überleben des jungen sozialistischen Staats zu sichern. Die Kriegsprofiteure, die an den Patriotismus des Volks appelliert hatten, schienen recht zu behalten. Der Frieden verletzte die Gefühle der Massen. Lenin weigerte sich, das Ausmaß der Niederlage zu verschleiern. Nicht Verdrängung noch Weheklagen war seine Reaktion, sondern der Wille, aus der Niederlage aufsteigend diese in einen Sieg zu verwandeln. »Wir müssen den ganzen Abgrund der Niederlage, der Zerstückelung, der Versklavung, der Erniedrigung, in den man uns jetzt gestoßen hat, restlos, bis auf den Grund durchmessen. Je klarer wir das verstehen werden, desto fester, härter, stählerner wird unser Wille zur Befreiung sein, unser Streben, uns auf der Versklavung wieder zur Selbständigkeit zu erhaben. […] Es ist eines wirklichen Sozialisten unwürdig, zu schwadronieren oder der Verzweiflung zu verfallen, wenn er eine schwere Niederlage erlitten hat. […] Wenn also Rußland jetzt […] einem nationalen Aufschwung, einem großen vaterländischen Krieg entgegengeht, so ist der Ausweg für diesen Aufschwung nicht der Ausweg zum bürgerlichen Staat, sondern der Ausweg zur internationalen sozialistischen Revolution. Seit dem 25. Oktober 1917 sind wir Vaterlandsverteidiger. Wir sind für die ›Verteidigung des Vaterlandes‹, aber der vaterländische Krieg, dem wir entgegengehen, ist ein Krieg für das sozialistische Vaterland, für den Sozialismus als Vaterland, für die Sowjetunion als Trupp der Weltarmee des Sozialismus.«[40]

Nicht die Schwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus, nicht die Schwäche gegenüber den kapitalistischen Weltmächten, nicht die eigenen Fehler und die Verzagtheit in den eigenen Reihen dürfen den revolutionären Fortschritt lähmen; vielmehr muß das Bewußtsein des Geleisteten auch in der Niederlage das Vertrauen in die eigene Stärke festigen. »Wir haben in wenigen Tagen eine der ältesten, mächtigsten, barbarischsten und bestialischsten Monarchien zerstört. Wir haben in wenigen Monaten eine Reihe von Etappen des Paktierertums mit der Bourgeoisie, der Überwindung der kleinbürgerlichen Illusionen zurückgelegt, wozu andere Länder Jahrzehnte brauchten. Wir haben nach dem Sturz der Bourgeoisie im Laufe von ein paar Wochen ihren offenen Widerstand im Bürgerkrieg gebrochen. Wir haben den Bolschewismus im siegreichen Triumphzug vom einen Ende des gewaltigen Landes zum anderen getragen. Wir haben die untersten der vom Zarismus und der Bourgeoisie unterjochten Schichten der werktätigen Massen zur Freiheit und zum selbständigen Leben emporgehoben. […] Wir waren gezwungen, einen ›Tilsiter‹ Frieden zu unterzeichnen. Wir dürfen uns keiner Selbsttäuschung hingeben. Wir müssen den Mut haben, der ungeschminkten bitteren Wahrheit gerade ins Gesicht zu sehen. […] Wir haben den imperialistischen Räubern aller Länder den Fehdehandschuh hingeworfen«.[41]

Je härter die neue Gesellschaft von ihren Gegnern bedrängt wird – sei es von außen durch militärischen, ökonomischen oder weltpolitischen Druck, sei es im Innern durch revisionistische und konterrevolutionäre Aktivitäten -, um so länger wird sich die Übergangsphase bis zur Stabilisierung hinziehen. Daß es nach dem punktuellen Ereignis des Umsturzes eine sich lang erstreckende Periode der Umgestaltung geben werde, hat Lenin von Anfang an betont: »Marx und Engels, die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, sprachen stets von langen Geburtswehen, die unvermeidlich mit dem Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus verbunden sind. […] Eine Revolution, die auf einen Schlag siegen und überzeugen könnte, die auf einen Schlag veranlassen könnte, an sie zu glauben, eine solche Revolution gibt es nicht.«[42] Das gilt insbesondere von einer Revolution in einem, ökonomisch noch rückständigen, Land, in dem zudem eine immense Volksbildungsarbeit erst zu leisten ist. Darum stand die »Hebung des Bildungs- und Kulturniveaus der Masse der Bevölkerung«[43] von Anbeginn der Revolution zuvorderst auf dem Aufgabenkatalog. Zentral war, daß der revolutionäre Elan in produktive Aufbauleistung umgesetzt wurde. »Ich wiederhole abermals, daß jetzt der komplizierteste, der schwerste Abschnitt im Leben unserer Revolution begonnen hat. Wir stehen jetzt vor der Aufgabe, alle unsere Kräfte straff wie Stahltrossen anzuspannen, um sie in neuer schöpferischer Arbeit anzuwenden, denn nur eiserne Ausdauer und Arbeitsdisziplin wird dem revolutionären Proletariat Rußlands helfen – das in seiner titanischen revolutionären Arbeit zunächst so ganz allein steht -, den Zeitpunkt der Entlastung abzuwarten, wo das internationale Proletariat uns zu Hilfe kommen wird.«[44]

Dies in positiver Motivierung zu leisten, ist Hauptaufgabe der Partei und bestimmt ihre Aktivitäten an der gesellschaftlichen Basis, wo sich die Produktion vollzieht. »Die Aufgabe der Partei der Kommunisten (Bolschewiki) […] besteht darin, […] an die Spitze der erschöpften und müde nach einem Ausweg suchenden Massen zu treten, sie auf den richtigen Weg zu führen, den Weg der Arbeitsdisziplin, der Koordinierung der Aufgabe, Versammlungen über die Arbeitsbedingungen abzuhalten, mit der Aufgabe unbedingter Unterordnung unter den Willen des sowjetischen Leiters, des Diktators, während der Arbeit. […] Aber ohne das Abhalten von Versammlungen hätte die Masse der Unterjochten niemals von der durch die Ausbeuter erzwungenen Disziplin zur bewußten und freiwilligen Disziplin übergehen können.«[45]

Angesichts der von außen errichteten Hemmnisse und der inneren Tendenz zur Anarchie (siehe Anm. 42) kann diese Übergangsperiode nur unter der straffen Führung durch das Proletariat und seine Organisationen verlaufen. »Es wäre jedoch die größte Dummheit und der unsinnigste Utopismus, wollte man annehmen, daß der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohne Zwang und ohne Diktatur möglich sei. Die Theorie von Marx hat sich schon vor sehr langer Zeit und mit aller Bestimmtheit gegen diesen kleinbürgerlich-demokratischen und anarchistischen Unsinn gewandt. […] Die Diktatur des Proletariats ist eine unbedingte Notwendigkeit beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, und in unserer Revolution hat diese Wahrheit ihre volle praktische Bestätigung gefunden. Die Diktatur setzt jedoch bei der Niederhaltung sowohl der Ausbeuter als auch der Rowdys eine wirklich feste und schonungslose revolutionäre Staatsgewalt voraus, und unsere Staatsgewalt ist zu mild. Die Unterordnung, und zwar die unbedingte Unterordnung während der Arbeit unter die einzelverantwortlichen Anordnungen der sowjetischen Leiter, der Diktatoren, seien sie nun gewählt oder von Sowjetinstitutionen ernannt, die mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet sind, ist noch lange, lange nicht genügend hergestellt. Hier äußert sich der Einfluß der kleinbürgerlichen Elementargewalt, der elementarischen Flut kleinbesitzerlicher Gewohnheiten, Bestrebungen und Stimmungen, die der proletarischen Disziplin und dem Sozialismus von Grund auf widersprechen.«[46] Solange die Überreste vorsozialistischer Gesinnung und unsozialistischen Verhaltens nicht überwunden sind, dauert auch in der Aufbauphase des Sozialismus der Klassenkampf, ideologisch und politisch, an. Diese Phase gehört noch zum revolutionären Prozeß, sie ist die Prolongation des revolutionären Ereignisses in die Zeit.

Die lange Reihe von Lenin-Zitaten aus dem ersten Jahr nach der Oktoberrevolution soll die Atmosphäre heraufbeschwören, in der politisch gehandelt und gedacht wurde und die gesellschaftlichen Verhaltensmuster und Institutionen der neuen Sowjetgesellschaft sich ausbildeten. Den Zeitgenossen mochte das Ereignis des Roten Oktobers als Epochenwandel erscheinen; aus dem Abstand der Geschichte erweist es sich als die Initialzündung des Wandels, den man als prolongierte Revolution betrachten kann. Wie lange sich diese Prolongation hinzieht, hängt von den Umständen ab. Vergessen wir nicht, daß auch die ökonomisch und ideologisch wohl vorbereitete Französische Revolution von 1789-93 vier Jahre dauerte und ihre Protagonisten in ihr den Klassenwidersprüchen zum Opfer fielen, bis die Bourgeoisie das Ziel der Revolution, ihre gesellschaftsgestaltende Herrschaftsrolle, ausgebaut hatte. Die Umstände beim Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion waren viel komplizierter:

– Notwendigkeit einer schnellen industriellen Entwicklung und technischen Forschung bei hoher Arbeitsproduktivität;

– aufzulösende dreischichtige Klassenverhältnisse auf dem Lande: Großgrundbesitz, Lohnarbeit ausbeutendes Mittelbauerntum (Kulaken), Dorfarmut;

– Aufbau von die Massen versorgenden sozialen Dienstleistungen;

– Behebung des Analphabetismus und Errichtung eines effizienten Volksbildungs-Systems;

– Ausbreitung einer gesellschaftsintegrierenden sozialistischen Weltanschauung (mit entsprechenden Wertvorstellungen, Bedürfnisstrukturen, Lebenserwartungen) einschließlich der Überwindung des Einflusses der Kirche.

Die institutionell zu lösenden Aufgaben werden in erstaunlich kurzem Zeitraum bewältigt: Gesundheits- und Bildungswesen, soziale Versorgung, technische Modernisierung, Industrialisierung und Ausbau des Verkehrs (von großer Bedeutung in diesem Riesenreich), relevante Steigerung des allgemeinen Lebensstandards. Die Geschichte der Sowjetunion ist eine Geschichte der Erfolge des Sowjetstaats. Die Lösung des Klassengegensatzes auf dem Lande (unter dem Stichwort Kollektivierung der Landwirtschaft) war eine schwierigere Aufgabe, weil sie eine Fortsetzung des revolutionären Klassenkampfs in extrem antagonistischen Formen bedeutete (Ermordung von Sowjetfunktionären; repressive bis exzessive Gewalt seitens der Staats- und Parteiinstitutionen). Zeitweiliger Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion und ernste landesweite Versorgungsschwierigkeiten waren damit verbunden. Aber letzten Endes wurde der Klassenkampf auf dem Lande zugunsten einer sozialistischen Perspektive entschieden und die landwirtschaftlichen Staats- und Genossenschaftsbetriebe zu einem stabilen Faktor der sozialistischen Gesellschaft.

Über die verschiedenen Wege des sozialistischen Aufbaus gab es allerdings Differenzen, die zu Fraktionsbildungen innerhalb der Partei führten – auch dies ein Vorgang, der aus allen Revolutionen bekannt ist. Die Fraktionen waren letztlich Ausdruck der Nachwirkung von vorsozialistischen Klassengegensätzen, die auch schon vor der Oktoberrevolution in der sozialistischen Bewegung existierten und ausgefochten wurden und die sich in der Parteispitze nach der Oktoberrevolution fortsetzten.[47] So gab es auch innerhalb der Partei Fronten des Klassenkampfs, und dies führte zu Auseinandersetzungen, die durchaus dem Typus revolutionärer Gewaltausübung entsprechen, aber angesichts der Prolongation der Revolution in die Periode staatlicher Organisation der Gesellschaft hinein nicht als revolutionäre Gewalt, sondern als staatliches Unrecht erscheinen.[48] Jedenfalls konnte die Verfassung von 1936 dieser widerspruchsvollen Phase des Aufbaus einen positiven staatsrechtlichen Abschluß geben,[49] dessen Weiterentwicklung durch den 2. Weltkrieg sogleich unterbrochen wurde.

Wenn wir den in seinen Strategien umstrittenen Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion und den heroischen Überlebenskampf gegen die deutsche Invasion nicht als Phasen der Revolution begreifen, werden wir immer nur zu einer moralistischen Beurteilung dieser Periode kommen. Es gab im Kampf um die Durchführung und Sicherung der Revolution viele überflüssige Härten[50], es ist viel Unrecht geschehen, das aus der Sicht »normaler« rechtsstaatlicher Verhältnisse (die ja selbst noch genug Unrecht zulassen) deren Charakterisierung als »Verbrechen« verdienen würden[51]. Es besteht auch immer die moralische Pflicht, sich einem erkannten Unrecht zu widersetzen. Solange aber die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, verlaufen Umwälzungen des Gesellschaftssystems nicht ohne Gewaltanwendung und das heißt auch mit Einschluß von Unrechtshandlungen. Zielhorizont des gesellschaftlichen Fortschritts ist die reale Möglichkeit der Deckung von Moralität und Historizität, aber der Weg in diesen Horizont muß erst erkämpft werden. Die Differenz von Moralität und Historizität, die die Differenz von Weg und Ziel ausdrückt, wird allerdings um so spürbarer, je länger sich der revolutionäre Prozeß hinzieht, weil er dann von dem Schein der Normalität des Alltags überlagert und nicht mehr als Moment der Revolution erkannt wird. Die Klärung der kategorialen Bestimmungen und der soziologischen Gehalte einer »prolongierten Revolution« ist eine noch in Angriff zu nehmende Aufgabe der Geschichtsphilosophie.

Prolongiert ist der durch die Oktoberrevolution ausgelöste Prozeß auch deshalb, weil er nicht mehr – wie zu früheren Zeiten – auf einen geographischen Bereich beschränkt bleibt (etwa West- und Mitteleuropa, wie die Französische Revolution). Im Kapitalismus hat sich ein weltumspannendes einheitliches ökonomisches Herrschaftssystem hergestellt – wenn auch mit unterschiedlichen Entwicklungsstrukturen (ungleichmäßige Entwicklung der Industrieländer, koloniale und später dann neokoloniale Ausbeutung und Abhängigkeit, Kapitalisierung des Agrarsektors u.a.m.), aber durchgängig den Gesetzen des kapitalistischen Weltmarkts unterworfen. Revolutionen folgten regional aufeinander in Schüben, alle logisch und historisch anknüpfend an die Oktoberrevolution und mit dieser zusammen als ein einheitlicher Prozeß – China, Cuba, Vietnam; und sie verbanden sich mit nationalen Befreiungskämpfen, die noch nicht zum Formationswechsel führten – Indien, Indonesien. Auch innerhalb einer als Staat organisierten Gesellschaft kann die Umwälzung intermittierend verlaufen; in China haben wir den politischen Herrschaftswechsel mit der Errichtung der Volksrepublik 1949, dann die harte Phase des Klassenkampfs in der Kulturrevolution ab 1968[52], und wir wissen noch nicht, welche Erschütterungen auf dem Weg zum Sozialismus diesem Riesenreich voller Widersprüche noch bevorstehen.

Wenn die klassischen Revolutionen der Neuzeit zu definieren sind als der politische Herrschaftswechsel, der die ökonomischen Veränderungen der Basis besiegelt, so folgt der gegenläufige Übergang vom revolutionären Ereignis zum revolutionären Umwälzungsprozeß – der Umschlag in der Zeitstruktur – aus dem vorgreifenden politischen Umsturz: Die ökonomische Basis war weder in Rußland 1917 noch nach 1949 in China, Cuba, Vietnam noch auch heute in Venezuela und Bolivien reif für und vorbereitet auf sozialistische Produktionsverhältnisse. Nicht auf dem höchsten Niveau gesellschaftlichen Reichtums bei höchst entwickelter technischer Produktionsweise fand und findet hier die Befreiung der Menschen aus der Sklaverei der Lohnarbeit statt, sondern unter Bedingungen des Mangels und eines ungeheueren Nachholbedarfs bei der Ausgestaltung der Produktivkräfte. Das verändert die Machtlage im Klassenkampf – seine Fortdauer in der inneren Auseinandersetzung mit den noch starken Kräften der bürgerlichen Gesellschaft und in der äußeren Auseinandersetzung mit der Notwendigkeit der Abwehr von Bedrohung durch die kapitalistischen Staaten. Die sozialistische Revolution vollstreckt nicht den Übergang zum Sozialismus, sondern schafft die Voraussetzungen, ihn erst schrittweise und also in immer neuen revolutionären Teilakten aufzubauen. Die jeweils erreichten Zwischenstufen sind noch kein Sozialismus und werden von Fall zu Fall verschiedene Formen annehmen. Sie sind darum um so mehr gefährdet durch Revisionismus in der Theorie-Praxis des Sozialismus und durch Aggressivität der imperialistischen Metropolen. Es gibt keine sozialistische Revolution, die ihre Ziele nach ihrem ersten politischen Sieg als gesichert ansehen und sich in der Illusion wiegen darf, der geschichtliche Prozeß sei unumkehrbar. Lenin und Mao, Castro und Ho chi minh waren die Lokomotiven der Revolution, aber sie wußten noch nicht, wie der Bahnhof aussieht, in dem der Zug ankommen wird. Auch wir wissen es nicht, der Zug fährt noch. Man sprach einmal in der Geschichtsschreibung vom Zeitalter der Revolutionen und meinte damit die nationalen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts. Sollte nicht das 20. Jahrhundert im Singular das Jahrhundert der Revolution genannt werden? Und 90 Jahre nach der Oktoberrevolution ist auch unser Jahrhundert noch nicht zu Ende!

[1] Lenin, Werke (= LW), Band 38, Berlin 1964, (= LW 38) S. 63-344 und S. 345-355.

[2] LW 22, Berlin 1960, S. 189 ff: »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«. Vgl. dazu auch Band 39, Berlin 1965, Hefte zum Imperialismus aus dem Nachlaß.

[3] Karl Kautsky, Das Erfurter Programm, Berlin 1965, S. 141: »Ein Beharren in der kapitalistischen Zivilisation ist unmöglich; es heißt entweder vorwärts zum Sozialismus oder rückwärts in die Barbarei«.

[4] LW 38, S. 84 f.

[5] LW 38, S. 86. Der Kantianismus ist die dem Hegelianismus entgegengesetzte logische Struktur; das erkennt Lenin von Anfang an. Vgl. ebd., S. 83.

[6] LW 38, S. 89.

[7] LW 38, S. 170.

[8] Siehe LW 38, S. 115 ff.

[9] LW 38, S. 172.

[10] Vgl. Hans Heinz Holz, Vermittlung und Bruch, in: Annalen der Internationalen Gesellschaft für dialektische Philosophie – Societas Hegeliana, Band IX, Bonn 1996.

[11] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Gesammelte Werke, Band 9, Hamburg 1980, S. 14 f.

[12] Zum kategorialen Status des »Jetzt« (nyn) und des »Plötzlichen« (exaiphnes) vgl. Platon. Fundstellen bei Friedrich Ast, Lexicon Platonicum, Band II, S. 399 f. und Band I, S. 731. Die Zeitlosigkeit des Einstands im Jetzt beschreibt Walter Benjamin als das Bewußtsein vom Augenblick der Revolution.

[13] Man könnte mit einer eingeschränkten Analogie sagen, die Definition eines Ereignisses entspreche dem Verfahren bei der Konstruktion von Fraktalen. Eine unendlich lange Grenzkurve umschließt eine endliche Fläche (Koch-Kurven). Die Konstruktionsmethode der Kurve ist bestimmbar, nicht aber die Länge – weil bestimmen eben Festlegung im Endlichen ist; der Flächeninhalt aber ist endlich und also auch bestimmt. Ein Ereignis ist inhaltlich bestimmt, seine Grenze unbestimmt. Beide Verfahren, die Feststellung des Bestimmten und die Konstruktion des Unbestimmten sind Verstandesoperationen.

[14] Siehe Michail Rostovtzeff, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der hellenistischen Welt, Darmstadt 1984.

[15] Bernhard Groethuysen, Philosophie der französischen Revolution, Neuwied/Berlin 1971.

[16] Mit der Erfassung dialektischer Phänomene treten organizistische Metaphern an die Stelle von mechanistischen.

[17] Bei Platon und Aristoteles werden die Kategorien des »Plötzlichen« (exaiphnes) und des »Jetzt« (nyn) thematisiert. Wenn von der »neolithischen Revolution« oder der »scientific revolution« am Anfang der Neuzeit gesprochen wird, sind langdauernde Prozesse (von sehr unterschiedlicher Dauer) gemeint.

[18] Vgl. Hans Heinz Holz, »Zum Problem der Gesellschaftsformationen«, in: Domenico Losurdo/André Tosel, Die Idee der historischen Epoche, Frankfurt am Main 2004, S. 53 ff.

[19] Hans Blumenberg, Die Genesis der kopernikanischen Welt, Frankfurt am Main 1975.

[20] Zum Beispiel der Rolle der Informatik im Produktionsprozeß.

[21] Vgl. Andreas Hüllinghorst, »Grundlegendes zur Dialektik von Reform und Revolution«, in: TOPOS 7, Bonn 1996, S. 135 ff.

[22] Zu Cromwell und Winstanley vgl. Hermann Klenner, Nachwort zu Gerrara Winstanley, Gleichheit im Reiche der Freiheit, hg. von H. Klenner, Leipzig 1983, S. 301 ff.

[23] Zum Beispiel die Rolle der Bauernschaft in China, auch in Rußland. So ist auch der Einfluß des Kleinbürgertums auf den Vollzug revolutionärer Prozesse relevant.

[24] Mao ze dong, Über den Widerspruch, Ausgewählte Werke, Band I, Peking 1968, S. 365 ff.

[25] LW 26, S. 223 f.

[26] LW 26, S. 228.

[27] LW 26, S. 330.

[28] LW 26, S. 249.

[29] LW 26, S. 252 f.

[30] LW 26, S. 271.

[31] Wer die Klassenfrage in der Verfassung der Landwirtschaft außer Betracht läßt, versteht weder die Motive des forcierten Kollektivierung noch die Fraktionsfronten in der innerparteilichen Auseinandersetzung.

[32] Das ist die Differenz zwischen dem Februar und dem Oktober. Der Name Kerenski steht als Symbol dafür.

[33] LW 26, S. 272.

[34] Das ist in den Punkten 6 – 8 der Resolution enthalten.

[35] Das ist nicht eine Besonderheit der Oktoberrevolution, sondern ein Wesenszug aller Revolutionen. Wir sehen das zum Beispiel an der Auseinandersetzung zwischen Girondisten und Jakobinern in der Französischen Revolution, innerhalb der Jakobinerfraktion am Gegensatz zwischen Danton und Robespierre Wir sehen es aber auch aktuell in der bolivarischen Revolution in Venezuela.

[36] LW 28, S. 197 ff. und 200.

[37] LW 28, 203.

[38] LW 28, 204.

[39] Vgl. Hans Heinz Holz, Tugend und Terror, in: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 14, S. 182 ff.

[40] LW 27, S. 147 f. und 150.

[41] LW 27, S. 143.

[42] LW 27, S. 498. Vgl. LW 27, S. 256: »Man darf keinen Augenblick vergessen, daß das bürgerliche und kleinbürgerliche Element in doppelter Weise gegen die Sowjetmacht kämpft: Einerseits wirkt es von außen […] durch Verschwörungen und Aufstände, durch deren schmutzige ›ideologische‹ Widerspiegelung, durch Ströme von Lügen und Verleumdungen in der Presse […]; andererseits wirkt diese Anarchie von innen und nutzt jedes Element der Zersetzung, jede Schwäche aus, um zu bestechen, um die Undiszipliniertheit, die Verlotterung, das Chaos zu verschlimmern. Je näher wir der völligen militärischen Unterdrückung der Bourgeoisie kommen, um so gefährlicher wird für uns das Element der kleinbürgerlichen Anarchie«.

[43] LW 27, S. 248.

[44] LW 27, S. 221.

[45] LW 27, S. 261.

[46] LW 27, S. 254 und 388.

[47] Vgl. Hans Heinz Holz, Vortrag beim Convegno sui problemi della transizione nell’ USSR über Gramscis Kritik an Bucharin als Ausdruck der ideologischen Fronten, die im Sowjetmarxismus bestanden. Erscheint demnächst im Druck.

[48] Siehe dazu Maurice Merleau-Ponty, Humanismus und Terror, Frankfurt am Main 1966.

[49] Hans Heinz Holz, »Die Verfassung der Sowjetunion von 1936«, in: W. Gerns/H. H. Holz/H. Kopp/Thomas Metscher/Werner Seppmann (Hg.), Philosophie und Politik, Festschrift Robert Steigerwald zum 80. Geburtstag, Essen 2005, S. 280 ff.

[50] Mit Bezug auf Lenins Kritik an Stalins Härte bemerkte dieser in einer Rede am 23. Oktober 1927: »Das stimmt durchaus. Ja, Genossen, ich bin grob (hart) gegen diejenigen, die grob und verräterisch die Partei zersetzen und spalten. Ich habe das nicht verheimlicht und verheimliche das nicht. Möglich, daß hier eine gewisse Milde gegenüber den Spaltern erforderlich ist. Aber das bringe ich nicht fertig«. (Stalin, Werke, Band 10, S. 153, Berlin 1953. Sitzung des Plenums des ZK und der ZKK der KPdSU.) Das Ineinandergreifen von moralischen Maßstäben und politischem Rigorismus habe ich am Beispiel der französischen Revolution untersucht: Tugend und Terror. Zur sogenannten Schreckensherrschaft, in: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF Nr. 14, Frankfurt a.M. 1988, S. 181 ff.

[51] Ich halte den Terminus »Verbrechen« in Zeiten gewaltsamer revolutionärer Auseinandersetzungen (wozu auch die Abwehr der Konterrevolution gehört) für unanwendbar, weil er nur in Bezug auf eine bestehende staatlich-gesellschaftliche Friedensordnung definiert werden kann. Natürlich gibt es zu jeder Zeit individuelle Verbrechen – z.B. den Mord am ungeliebten Ehegatten oder an der reichen Erbtante, jener Stoff für die Kriminalromane! – nicht aber im kollektiven politischen Handeln, in dem jedoch durchaus schweres Unrecht verübt werden kann.

[52] Am Anfang der Kulturrevolution in China steht ein Artikel in der Zeitung der Volksbefreiungsarmee, Chieh-fang-chün-Pao, unter dem Titel: »Nie den Klassenkampf vergessen!« (4. Mai 1966), in dem es heißt: »Die parteifeindlichen und antisozialistischen Elemente werden ihre bürgerliche Natur auf hunderterlei Wegen hartnäckig zeigen, und es ist unmöglich, von ihnen zu verlangen, daß sie sie nicht zum Ausdruck bringen. […] Der USA-Imperialismus und die übrigen Klassenfeinde im In- und Ausland versuchen nicht nur, uns mit Gewalt zu stürzen, sondern wollen uns auch durch die ›friedliche Evolution‹ erobern. Auf hunderterlei Wegen verbreiten sie reaktionäre politische und ideologische Bazillen und die bürgerliche Lebensweise, um die Kommunisten, das Proletariat und die übrigen revolutionären Volksmassen zu korrumpieren und zu demoralisieren«. Dies ist eine ziemlich genaue Beschreibung der Situation des Klassenkampfs in einer »prolongierten Revolution«.

Erschienen in TOPOS – Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, Nr. 28

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