Auf dem Weg zur Normalität gescheitert

Posted on 20. Dezember 2012 von

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 proclvon Helmut Dunkhase

Nach der Besprechung des Buchs von Losurdo durch Bernd Müller veröffentlichen wir hiermit zwei weitere Rezensionen, da sie sich alle gut ergänzen.

Domenico Losurdo: Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. PapyRossa Verlag, Köln 2012

An Stalin scheiden sich nach wie vor die Geister. Für traditionelle Antikommunisten ist er das blutrünstige Monster, Hitlers Zwilling; für manche „linken“ Marxisten gilt er zumindest als Verräter an der guten sozialistischen Sache, der aus der Geschichte des Bolschewismus verbannt gehört.

Vor 60 Jahren sah die Welt ganz anders aus. Als Stalin starb, trauerten Menschen auf der ganzen Erde aufrichtig, Staatsmänner fast jeder politischen Couleur versagten ihm nicht Bewunderung, Achtung oder Anerkennung. Was war in der Zwischenzeit passiert?

Es war zum einen der Kalte Krieg, der sich tief in die Köpfe der Menschen eingrub und selbst eine entschieden antifaschistische Denkerin wie Hannah Arendt, die die Liquidierung des Antisemitismus und 1945 noch Stalins vorbildliche Nationalitätenpolitik gelobt hatte (269), schon 1951 zur Gleichstellung der Sowjetunion mit dem Hitlerfaschismus verleitete und danach sogar Stalin eine absichtliche Zersetzung der Nationalitäten unterstellte. Zum andern stellte Chruschtschows Geheimrede die Weichen für die Verteufelung. Viele Anhänger der Sowjetunion erlagen dem von ihr erzeugten Auftrieb, als Naive oder Dummköpfe dazustehen (347). Er brachte auch einen Isaac Deutscher, der bis 1953 respektvoll und teilweise bewundernd über Stalin geschrieben hatte, dazu, in Stalin das degenerierte Monster zu sehen (20-21) (eine Einschätzung, über die er 10 Jahre später allerdings wieder ins Grübeln kam).

Die Auseinandersetzung mit der Geheimrede durchzieht das gesamte Buch. Am Ende erscheint sie, mitsamt der Art und Weise ihrer Präsentation, als eines der größten Schurkenstücke in der kommunistischen Bewegung. Es gebe inzwischen kein Detail, das nicht beanstandet wurde (353).

Schon von ihrer Methodik her, als banale Sündenbocktheorie, verfehlt sie die Aufgabe einer seriösen Geschichtsaufarbeitung. In welchen Kategorien sollten wir aber an die Stalin-Frage herangehen? Sind sich viele Historiker, sogar bis in den Kreis der Autoren des Schwarzbuch des Kommunismus hinein, darin einig, dass die Stalinzeit nicht ohne den Ersten Weltkrieg, die Revolutionen von 1917 und den Bürgerkrieg zu verstehen ist (154), so insistiert Losurdo darauf, die gesamte Periode vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg (das, was er den „Zweiten Dreißigjährigen Krieg“ nennt) in Betracht zu ziehen; denn schon nach dem Versailler Vertrag war für die meisten Kontrahenten der nächste Krieg nur eine Frage der Zeit.

Stalin war schon vorm Oktober 1917 bewusst, dass Russland in der damaligen Kriegskonstellation die „Verwandlung in eine Kolonie Englands, Amerikas und Frankreichs“ drohte (59, Stalin 3, 127). Der Kampf gegen Kolonialisierung und Versklavung blieb ein Leitgedanke bis hin zum Großen Vaterländischen Krieg, bildete einen wesentlichen „Meilenstein in der Klarstellung der sowjetischen militärischen Strategie und ihrer politischen Ziele und spielte eine wichtige Rolle für die Stärkung der Volksmoral“ (27). Erfolgreich konnte aber dieser Kampf, so Stalins Gedanke, nur sein, wenn er auch als Kampf um die nationale Unabhängigkeit begriffen wird.

Mit der Frage der Nation berühren wir den Bestandteil eines Komplexes, der der Sowjetmacht zumindest bis zum Vorabend des großen Krieges zu schaffen machte und der wesentlich für das Verständnis der Zuspitzung der Situation mit ihrem Terror, Verbrechen und Tragödien ist. Losurdo nennt ihn einen „abstrakten Universalismus“. Was die Frage der Nation betrifft, brachte Trotzki als frisch gebackener Volkskommissar für äußere Angelegenheiten die Vorstellung sicherlich der meisten Bolschewiken auf den Punkt: „Ich werde ein paar revolutionäre Appelle an die Völker der Welt richten und dann den Laden schließen.“ (57)

Die Bolschewiken mussten mühsam lernen, dass einem solchen Universalismus die konkrete Wirklichkeit doch erheblich im Wege steht, und das hatte Folgen.

„Kein positives Werk noch Tat kann also die allgemeine Freiheit hervorbringen; es bleibt ihr nur das negative Tun; sie ist nur die Furie des Verschwindens.“ Zu diesem Urteil kam Hegel in der Phänomenologie des Geistes in dem der „absoluten Freiheit“ und dem „Schrecken“ gewidmeten Abschnitt seiner Analyse der Französischen Revolution, die mit „heroischen Illusionen“ antrat und in die Schreckensherrschaft der Jakobiner einmündete. In ihrer Begeisterung schrieben diese „das allgemeine Subjekt“, den „allgemeinen Willen“, „das allgemeine Selbstbewusstsein“ auf ihre Fahne. Hegel zeigt, dass dies verbunden ist mit einem Rückzug des reflektierenden Bewusstseins auf sein Für-sich-sein, dem alle vermittelnden Übergänge abgeschnitten sind. Freilich ist hiermit der „der Geist als absolute Freiheit vorhanden“ (Hegel), die „bereit ist, jede Verunreinigung und jede wirkliche oder angebliche Einschränkung der Allgemeinheit als Verrat zu brandmarken (141). Allgemeine Freiheit kann in der konkret historischen Tat nichts Positives hervorbringen, es bleibt ihr nur die Zerstörung, der Schrecken (die Furie des Verschwindens).

Für Losurdo ist Hegels Analyse eine vorgezogene Widerlegung der Sündenbocktheorie in Chruschtschows Geheimrede (147-8), denn die Kategorien Hegels seien ebenso auf die Oktoberrevolution und ihre Folgen anwendbar. Auch hier haben wir es mit einem Universalismus, der Wirklichkeit des Ganzen zu tun, das auf seine Vermittlung mit dem Besonderen keine Rücksicht nimmt und mit einem Messianismus einhergeht, der in der Anerkennung von Schranken, die durch das Besondere gesetzt sind, überall Verrat sieht und zu den entsprechenden Auseinandersetzungen führt. Losurdo führt diese Gemeinsamkeit der Linie 1789 – 1917 auf die Tatsache zurück, dass in diesen beiden Revolutionen erstmals gueux plumées (Bettler der Schreibfeder), d. h. Intellektuelle ohne Eigentum (129), die zudem der bestehenden Ordnung fremd und fern gegenüberstehen (140) und deshalb ohne solide politische Erfahrung sind, an die Macht kamen, was einerseits die Radikalität beförderte (wenn wir im Vergleich dazu an die Sklaven haltenden ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten denken), aber eben auch die Abstraktheit in ihren Forderungen – zumal in den Fragen des Eigentums. Das Dekret über den Boden, das die Bauern „nun zum energischsten Verteidiger des neu geschaffenen Grundeigentums gemacht hatte“ (Kautsky) (131), und die NEP, die die Wirtschaft in einen „Staatskapitalismus“ (Lenin) zurückverwandelte, riefen die schärfsten Vorwürfe des Verrats hervor, die aus einer „messianischen Vision der künftigen Gesellschaft“ heraus einen Abgrund „zwischen der Schönheit des echten Sozialismus und Kommunismus und der hoffnungslosen Mittelmäßigkeit der Gegenwart“ entdeckten (133).

Die Bolschewiki mussten mühsam lernen, „den Idealen der Allgemeinheit, die die Revolution geleitet hatten, einen konkreten Inhalt zu verleihen“ (149), ein Lernprozess, der weder mit Stalin begann noch mit Stalin aufhörte. Das dauerte mal kürzer, mal länger. Ziemlich schnell ging es zum Beispiel bei der Auflösung der Familie: Den Egoismus und engen Blick der bürgerlichen Familie vor Augen, forderte Kollontai von den Kommunisten so etwas wie die Entwicklung „allgemeiner Verantwortung“ und forderte die Überwindung von „Mein und dein“ auch im Hinblick auf die Kinder und den direkten Übergang zum „Unser“. Hier war es Trotzki, der auf die Notwendigkeit einer besonderen Verantwortung der Eltern für ihre Kinder hinwies (74). Die sofortige Auflösung der Familien wurde von der Tagesordnung abgesetzt. Doch in der Frage der Nation wurde die Einheit von Allgemeinem und Besonderen lange vernachlässigt. Seit der Gründung der III. Internationalen galt, das weltweite Proletariat habe die allgemeine Emanzipation der Menschheit zu realisieren – ohne sich von „sogenannten nationalen Interessen“ ablenken zu lassen. Es dauerte bis zum VII. Weltkongress 1935, dass ein „nationaler Nihilismus“ verworfen wurde.

Ein Problem, das zu Lebzeiten Stalin nie wirklich bewältigt wurde, war die Staatsfrage. Lenin setzte sich in Staat und Revolution am Vorabend der Oktoberrevolution mit den Erwartungen von Marx und Engels über den absterbenden Staat auseinander, wonach nach Aufhebung der Klassen, wenn die Ausbeuterklasse vollständig entmachtet ist, das Absterben des Staates beginnt. Lenin erwartete beim „Ingangsetzen“ der kommunistischen Gesellschaft eine Reduktion des Staates auf eine rein administrative Funktion (LW 25, 487-8). Allerdings hielt er auch in der proletarischen Demokratie Vertretungskörperschaften für unumgänglich (LW 25, 436-7). 1923 sprach er aber bereits über „Verbesserung unseres Staatsapparats“, „Staatsaufbau“, usw. (77), was bereits eine Polemik über den Verrat an den ursprünglichen Ideen in Gang setzte. Auch bei Stalin gab es, als er, um 1925 herum, die Wiederbelebung der Sowjets in ihrer Funktion der Heranziehung der Massen zur Verwaltung des Staates und das Auseinanderhalten von Partei und Staat propagierte, eine Phase, in der er das Absterben des Staates erwartete(157-159). All dies hat sicherlich dazu beigetragen, dass sich eine Staatsrechtstheorie in der Sowjetunion kaum entwickeln konnte. Stalin kommt nach Losurdo aber immerhin das Verdienst zu, sich von der These vom absterbenden Staat vorsichtig (er lenkte den Blick dabei auf die wirtschaftlich-organisatorische und kulturell-erzieherische Arbeit) verabschiedete.

Doch bereits das allererste Dekret der Sowjetmacht, das Dekret über den Frieden, brachte heftigste innere Auseinandersetzungen mit sich. Beide Seiten hatten plausible Argumente für die Annahme bzw. Nichtannahme des Vertrages von Brest-Litowsk. Lenin hatte mit seinem Plädoyer für die Annahme eigentlich keine Mehrheit im Zentralkomitee, doch Bucharin als Hauptkontrahent zögerte, Lenin abzusetzen, weil er sich nicht als geeigneten Parteiführer ansah. (Genaueres Cohen, p. 62-69)

Und die Auseinandersetzungen verschärften sich noch: Sie waren verbunden mit Konspiration, Sabotage und Ermordung der Gegner. Losurdo spricht für den Zeitraum des „Zweiten Dreißigjährigen Krieges“ nicht nur von einem permanenten Ausnahmezustand, sondern auch von den „drei Bürgerkriegen“, ein – zumindest für mich – neuer Blick auf diesen Teil der Geschichte. Er meint damit – neben dem Krieg gegen die Weißen – die Zuspitzungen um die Kollektivierung, die schließlich in den Großen Terror einmündeten. Es mag erstaunen, dass Losurdo von Bürgerkriegen spricht, wo es doch „nur“ um Auseinandersetzungen innerhalb der Partei ging; er spricht auch manchmal von einem „latenten Bürgerkrieg“. Doch Trotzki selber oder der trotzkistische Historiker Rogowin sprechen auch davon (99-100).

Im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um den Friedensvertrag von Brest-Litowsk kam es bereits zur ersten Säuberungsaktion in der Tscheka, nachdem der Sozialrevolutionär Bljumkin aus Protest gegen den Vertrag – um die Weiterführung des Krieges zu provozieren – den deutschen Botschafter erschossen und sich dabei eines Beglaubigungsschreibens der Tscheka bedient hatte (92). 1926 wurde eine militärische Aktion gegen Stalin geplant, die dann 1927 scheiterte (91). In dieser Zeit bildeten Stalin und Bucharin das unangefochtene Duumvirat, das sich zunächst der „linken“ Opposition entledigte. (Bucharin willigte in den Parteiausschluss von Trotzki und Sinowjew ein. (Cohen)) Das änderte sich 1928 zum einen durch die Getreidekrise, zum anderen durch die Verfinsterung der internationalen Lage, die die Kriegsfurcht steigerte. Die „außerordentliche und Notmaßnahme“ vom Januar 1928 wurde zwar einheitlich gebilligt, aber unterschiedlich interpretiert. Während Stalin in der Getreidekrise strukturelle Ursachen, die letztlich in der NEP begründet seien, sah und deshalb die „Sackgasse der Bauernwirtschaft“ beenden wollte, lag für Bucharin und Rykow, die eine begrenzte Kollektivierung akzeptierten, die Ursache in staatlichen Fehlern (verfehlte Preispolitik, falsche Einschätzung der Marktsituation) und sie plädierten deshalb für ein vorsichtigeres Vorgehen im Rahmen der NEP. Stalin setzte sich durch und diese Politik führte zur „Bartholomäusnacht“ (Losurdo) der Zwangskollektivierung.

Danach schien Stalin wieder eine Politik der Öffnung und Demokratisierung anzustreben (163f), während Trotzki – nach eigenen Zeugnissen – die Opposition zu formieren suchte und das Land so auf den „3. Bürgerkrieg“ zusteuerte.

Konspiration und Verschwörung hatten eine lange Tradition in der russischen Geschichte und richteten sich nun gegen die Sowjetmacht. Trotzki, der nicht davor zurückschreckt, Stalin mit Nikolaus II zu vergleichen, sah es nicht nur als sein Recht, sondern auch als seine Pflicht an, Propaganda und Agitation unter Soldaten und Offizieren zu betreiben und die Gründung einer militärischen Organisation zu forcieren (92), wie es Lenins Schrift „Was tun?“ fordert. Aber auch Stalin hatte „Was tun?“ gelesen und kannte die bolschewistischen Regeln sehr gut (93).

Losurdo führt Zeugnisse von Personen, die nicht im Verdacht stehen, Freunde Stalins zu sein, an, in denen über Kontakte Bucharins mit der Sinowjew-Kamenew-Fraktion, um den Kampf gegen Stalin zu koordinieren, berichtet wird, dass es in den 1930er Jahren der Opposition gelungen sei, in den Sicherheitsapparat auf höchster Ebene einzudringen (98-99). Historiker „trotzkistischer Orientierung“ rühmten die Verdienste der Opposition, weil sie mit allen Mitteln den Sturz des „thermidorianischen Regimes“ betrieben haben (359). (Hier fehlen allerdings Quellenangaben.) Es entstand eine Atmosphäre von Verdacht, Hysterie und Desinformationen. Auch auf internationaler Ebene. Die Frage, ob Tuchatschewski einer Intrige Hitlers zum Opfer gefallen ist oder nicht, bleibt auch für Losurdo eine offene Frage. Die Informationen des tschechoslowakischen Präsidenten Benesch wurden jedenfalls nicht nur in Moskau, sondern auch in Paris und London geglaubt.

Zusammenfassend zeichnet Losurdo folgendes Bild der drei Jahrzehnte unter Stalin: Der „grundlegende Aspekt“ sei „nicht die Mündung der Parteidiktatur in die Autokratie, sondern der wiederholte Versuch, vom Ausnahmezustand zu einer Situation relativer Normalität überzugehen“ (169). Diese Versuche scheiterten sowohl an den inneren Auseinandersetzungen als auch aus internationalen Gründen, die durch den drohenden Krieg bestimmt waren.

„Die von der herrschenden Ideologie schwülstig umrissene Geschichte der kommunistischen Bewegung als Verbrechen wird von denen, die Mühe haben, sich mit der herrschenden Ideologie zu identifizieren, bloß umgetauft in eine Geschichte des Verrats der ursprünglichen Ideale“ (401). Die Kategorie des Verrats, die in der Empörung über Verbrechen stecken bleibt, trägt wenig zum Verständnis der zugespitzten Lage bis zum Ausbruch des Krieges bei. Sie wird niemals zum Verständnis etwa von Tragödien vordringen. Tragödien im antiken Sinn: Es steht nicht Recht gegen Unrecht, sondern Recht gegen Recht. Bucharin hatte in der Kollektivierungsdebatte (wahrscheinlich) ökonomisch Recht mit seinem Vorschlag, die Privatinteressen der Bauern und anderer Gesellschaftsschichten zur Entwicklung der Produktivkraft und damit letztlich der Sache des Kommunismus zu nutzen (146), aber Stalin hatte auch Recht mit seiner Einsicht in die Notwendigkeit einer brachialen Entwicklung der Industrie. Und Losurdo weist mit Recht auf das Gemeinsame in den Kategorien „Verbrechen“ und „Verrat“ hin: die Lenkung des Blickes auf die kriminelle Energie einzelner Individuen, wo es doch die wirkliche historische Entwicklung mit seinen sozialen und politischen Wirkungsmomenten zu verstehen gilt (404).

Ein Hilfsmittel der Analyse ist der komparatistische Blick auf die Geschichte. Losurdos Prinzip ist hier, Anschuldigungen gegenüber Stalin mit Urteilen von Persönlichkeiten traditionell antikommunistischer oder zumindest „antistalinistischer“ Provenienz zu konfrontieren. Es wird also nicht die Geschichte selbst analysiert, sondern es werden Bilder von Stalin miteinander verglichen. Chruschtschows Behauptungen aus der Geheimredeüber Stalins Verhalten im Großen Vaterländischen Krieg (mangelnde Kriegsvorbereitung, Apathie nach dem Angriff, Planung auf einem Globus, u. a.), über den Personenkult, Mord an Kirow, usw. erscheinen darin völlig unglaubwürdig. Mehr noch: Losurdo zitiert Historiker und Militärstrategen, die die von Arnold Joseph Toynbee aufgestellte These, dass der von Stalin verfolgte Weg 1928-1941 Stalingrad möglich gemacht habe (328f).

Ausführlich setzt sich Losurdo mit dem Vorwurf des Antisemitismus auseinander. Auch hier ist der Zeitpunkt interessant, ab dem der Vorwurf erhoben wurde: nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis dahin wurde die Sowjetunion allenthalben wegen seiner Liquidierung des Antisemitismus gelobt. Auch hier gibt er Zeugnisse stalinunfreundlicher Quellen an, die die Vorwürfe ad absurdum führen. Und selbst ein Kerenski befand, dass der Antisemitismus der Sowjetunion eine Erfindung des Kalten Krieges war (276).

Die in der Totalitarismustheorie enthaltene Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus bzw. von Stalin und Hitler, kann ihre Wirkung nur erzielen, indem sie von Klasseninhalten, politischen Zielen und der historischen Genealogie abstrahiert. Hier ist es nützlich, sich an die von Losurdo in seinem Buch Kampf um die Geschichte herausgearbeitete Gegenüberstellung der universalistisch-gesellschaftlichen Linie 1789-1917 versus der partikularistisch-individualistischen Linie 1688-1776 zu erinnern. Letztere, die bis heute die Leitlinien der „westlichen Welt“ bestimmt, konnte ihre kolonialistischen und rassistischen Wurzeln nie ablegen. Losurdo zeigt im Stalin-Buch (noch einmal), dass der deutsche Faschismus keineswegs einen „Sonderweg eines unverbesserlichen Volkes“ darstellt, sondern völlig in der Tradition der von den angelsächsischen Revolutionen ausgelösten Determinanten steht. Die Kolonialisierung Osteuropas entlehnt Hitler in Mein Kampf dem Umgang der amerikanischen Siedler mit den Indianern (204). Hitlers „Endlösung“ war weder die erste, noch die letzte in der westlichen Welt. Das gleiche gilt die KZ. Interpretationen der Oktoberrevolution als jüdische Verschwörung entstanden zuerst in liberalen westlichen Welt (255f). Selbst der Begriff „Untermensch“ wurde als Übersetzung des englischen Wortes under manübernommen, das der rassistische us-amerikanische Autor Lothrop Stoddard geprägt hat – ein Autor, der von den US-Präsidenten Harding und Hoover gleichermaßen wie von Hitler geehrt wurde (381-2).

Losurdo spricht vom GULAG durchaus als Konzentrationslager-Universum. Doch selbst im Horror zeigt sich die Scheidelinie der beiden großen Bewegungen. Der GULAG wurde als Erziehungs- oder Resozialisierungsinstitution angesehen. Auch gab es produktive Besessenheit, sozialer Aufstieg und brachte sogar Zivilisation in unbewohnte Gegenden. Insassen wurden mit „Genosse“ angesprochen. Das änderte sich 1937. Doch bestreitet Losurdo – auch hier gestützt auf antikommunistische Zeugen – jeglichen Mordwillen. Als der Anteil der Todesfälle wegen aus Mangel an Nahrung anstieg, hatte auch die normale Bevölkerung wenig zu essen. „In der UdSSR sehen wir im GULAG und außerhalb von ihm im Grunde genommen eine Entwicklungsdiktatur am Werk“ die angesichts des drohenden Versklavungs- und Vernichtungskrieges „alle Kräfte zur Überwindung der jahrhundertelangen Rückständigkeit zu mobilisieren und ‚umzuerziehen'“(197). Das Nazi-KZ „spiegelt dagegen die Hierarchie auf rassistischer Basis wider, die den schon existierenden Rassenstaat und das zu errichtende Rassenimperium kennzeichnet“ (ebd.). Angesichts der kolonialistischen Traditionslinie, in der das Nazi-KZ steht, erscheint es umso absurder, wenn die Gleichsetzung von GULAG und Nazi-KZ vor allem von Ideologen, die aus jenen Ländern kommen, betrieben wird. Mit der Verdrängung der eigenen Geschichte verweigern die heutigen Richter über die Oktoberrevolution und insbesondere Stalin den Angeklagten das, was den Angeklagten der Nürnberger Prozesse ebenfalls verweigert wurde: das Prinzip tu quoque (du auch).

Auch mit weiteren Instrumenten der Gleichsetzung von Hitler und Stalin setzt sich Losurdo auseinander: der Nichtangriffspakt von 1939, die Hungersnot in der Ukraine Anfang der 1930er Jahre (Anstoß?) und schließlich die Kategorie der paranoiden Persönlichkeit.

Ein Sonderfall bleibt: die Vorgänge in Katyn 1940 (331f). Hier geht Losurdo davon aus, dass es sich um ein unentschuldbares Verbrechen „an sich“ handelt, solange nicht neue Erkenntnisse präsentiert werden.

Losurdos Buch ist weder eine Biographie noch eine Sozialgeschichte. Schon aus diesem Grund bleibt auf dem Feld der Aufarbeitung unserer Geschichte noch viel zu tun. Losurdo hat mit der Einführung philosophischer Kategorien sicherlich plausible Erklärungen der Vergangenheit geliefert. Allerdings ist ihre prognostische Kraft begrenzt. So ist über die Auflösung der Familie oder das Absterben des Staates (Dietmar Dath?) noch nicht das letzte Wort gesprochen. Erst recht betrifft dies Losurdos Steckenpferd, das er – nicht nur in dieser Veröffentlichung – immer wieder reitet: sein Beharren auf dem ewigen Bestehen von Markt und Geldwirtschaft. So sicher es ist, dass wir auch hier beim Fortschreiten zur kommunistischen Produktionsweise bei der Vermittlung des Allgemeinen durch das Besondere auf heute noch nicht absehbare Probleme stoßen werden, so gewagt ist die Behauptung, dass es keinen Weg der Vermittlung geben wird.

Nichtsdestotrotz ist dieses Buch für uns eine Pflichtlektüre und ihm eine rasche Verbreitung bei Freund und Feind zu wünschen.

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