Beate Landefeld: Kapitalismus final – Monopole brechen?

Posted on 2. Januar 2013 von

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bmu„Demokratische Reformen erfordern Eingriffe in die Macht des Monopolkapitals“

Interview mit Beate Landefeld nach dem Symposium am 17. November 2012

Hö­he­punkt der Ham­bur­ger Ver­an­stal­tungs­rei­he „Ka­pi­ta­lis­mus in der Krise“ war ein Sym­po­si­um mit Beate Lan­de­feld, Lucas Zeise, An­dre­as Wehr, Dr. Wer­ner Sepp­mann und Dr. Ar­nold Schöl­zel, das am 17. No­vem­ber im Ge­org-As­mus­sen-Haus in Ham­burg-St. Georg statt­fand. Beate Lan­de­feld ist lang­jäh­ri­ge Ak­ti­vis­tin in der DKP und ar­bei­tet in der Mar­xis­ti­schen Abend­schu­le (MASCH) Essen mit. Sie schreibt unter an­de­rem für die Mar­xis­ti­schen Blät­ter und die junge Welt. In ihren Ver­öf­fent­li­chun­gen be­faßt sie sich ins­be­son­de­re mit der Trans­na­tio­na­li­sie­rung der Bour­geoi­sie, der Im­pe­ria­lis­mus­theo­rie und den heu­ti­gen Kri­sen­aus­wir­kun­gen. Beate Lan­de­feld sprach auf dem Sym­po­si­um zum Thema „Struk­tur­ver­än­de­run­gen in der Mo­no­pol­bour­geoi­sie“. Im An­schluß an die Ta­gung be­ant­wor­te­te sie dem Schat­ten­blick ei­ni­ge Fra­gen.

Schat­ten­blick: Warum ist das Kon­zept des staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus Ihres Er­ach­tens nach wie vor we­sent­lich für die Ana­ly­se der ge­gen­wär­ti­gen Phase ka­pi­ta­lis­ti­scher Ent­wick­lung?

Beate Lan­de­feld: Zur neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie ge­hört das Pos­tu­lat: „pri­vat vor Staat“. Da­nach ist der Staat ver­schwen­de­risch und sind pri­vat­ka­pi­ta­lis­ti­sche Ei­gen­tü­mer grund­sätz­lich bes­ser in der Lage, Geld zum Wohle der Ge­sell­schaft ein­zu­set­zen. Diese Mär dien­te als Ku­lis­se für die gi­gan­ti­sche Um­ver­tei­lung von Unten nach Oben, die in den letz­ten 30 Jah­ren durch­ge­setzt wurde. Ziel war, die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Kon­zer­ne auf dem Welt­markt zu stei­gern, indem die Zu­ge­ständ­nis­se und Klas­sen­kom­pro­mis­se, die in der Zeit 1945-1975 er­kämpft wur­den, auf­ge­kün­digt wer­den. Der neo­li­be­ra­le Umbau wäre ohne die ak­ti­ve Rolle des Staa­tes un­denk­bar ge­we­sen. Der Staat half Kon­zer­nen und Bour­geoi­sie, die An­pas­sung an die ver­stärk­te Welt­markt­ori­en­tie­rung, die „Glo­ba­li­sie­rung“, zu meis­tern. Die deut­sche Bour­geoi­sie sieht sich als „Glo­ba­li­sie­rungs­gewin­ne­rin“. In der ak­tu­el­len Krise setzt der Staat große Sum­men ein, um eine Ent­wer­tung der an­ge­häuf­ten Ver­mö­gen ab­zu­wen­den oder zu­min­dest ab­zu­fe­dern und die Las­ten der Krise auf die Ge­sell­schaft ab­zu­wäl­zen. Real haben wir es also im Neo­li­be­ra­lis­mus kei­nes­falls mit einem „Rück­zug des Staa­tes“ zu tun, son­dern mit einem Rich­tungs­wech­sel in der staat­li­chen Re­gu­lie­rung.
Die Theo­rie des staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus be­faßt sich nicht le­dig­lich mit einer be­stimm­ten Po­li­tik­va­ri­an­te, son­dern be­zieht sich auf die Struk­tur des heu­ti­gen Ka­pi­ta­lis­mus. Ich denke, was Jörg Huff­schmid hier­zu 1995 for­mu­liert hat, trifft wei­ter­hin zu: „Die Re­gu­lie­rung Öko­no­mi­scher Pro­zes­se ist durch eine stark ge­wach­se­ne Rolle des Staa­tes ge­kenn­zeich­net: Ein gro­ßer Teil des Staats­ap­pa­ra­tes be­faßt sich mit öko­no­mi­scher Steue­rung.“ Die Staats­quo­te liegt bei einem Viel­fa­chen des Wer­tes vor 80 Jah­ren. Die­ser stei­gen­de Staats­in­ter­ven­tio­nis­mus hängt mit der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te und ge­sell­schaft­li­chen Ar­beits­tei­lung, der damit ver­bun­de­nen, zu­neh­men­den Kom­ple­xi­tät und Ver­ge­sell­schaf­tung des öko­no­mi­schen Pro­zes­ses zu­sam­men – „ohne um­fang­rei­che Re­gu­lie­rung kann wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung nicht funk­tio­nie­ren“. Und das „gilt auch unter den Be­din­gun­gen der all­ge­mei­nen De­re­gu­lie­rungs­rhe­to­rik“.[1]

SB: Wie wür­den Sie das Ver­hält­nis von Staat und Ka­pi­tal in die­sem Zu­sam­men­hang grund­sätz­lich de­fi­nie­ren? Zwin­gen füh­ren­de Sek­to­ren des Ka­pi­tals dem Staat ihre In­ter­es­sen auf oder müßte man dem Staat als „ide­el­lem Ge­samt­ka­pi­ta­lis­ten“ eine über­ge­ord­ne­te Funk­ti­on zu­wei­sen?

BL: Auch unter mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­ti­schen Be­din­gun­gen bleibt die Funk­ti­on des Staa­tes mei­nes Er­ach­tens kom­plex, denn sonst kann er nicht funk­tio­nie­ren. Der bür­ger­li­che Staat muss zu­min­dest vier As­pek­ten Rech­nung tra­gen: Ers­tens, er ist ide­el­ler Ge­samt­ka­pi­ta­list. Dabei wird er die In­ter­es­sen der Groß­kon­zer­ne – schon al­lein wegen deren über­ra­gen­der volks­wirt­schaft­li­cher Be­deu­tung – be­son­ders im Auge haben und, wenn man so will, als „Ge­samt­mo­no­po­list“ agie­ren. Doch muss er dem Mo­no­pol­ka­pi­tal auch eine loya­le po­li­ti­sche Mas­sen­ba­sis er­hal­ten, das heißt zum Bei­spiel, dass er auch Mit­tel­stands­po­li­tik ma­chen muß. Zwei­tens, der Staat ist In­stru­ment der Klas­sen­herr­schaft. Drit­tens, ist er Ver­dich­tung von Kräf­te­ver­hält­nis­sen. In die­sen drei As­pek­ten spie­geln sich wi­der­sprüch­li­che In­ter­es­sen: Die Ka­pi­ta­lis­ten haben kon­kur­rie­ren­de In­ter­es­sen und die Klas­sen­herr­schaft der Bour­geoi­sie kann nur ge­si­chert wer­den, wenn auch den Kräf­te­ver­hält­nis­sen im Klas­sen­kampf Rech­nung ge­tra­gen und nach dem Prin­zip „Teile und herr­sche!“ ein ge­nü­gen­der Teil der Be­herrsch­ten in die In­ter­es­sen des Ka­pi­tals ein­ge­bun­den wird. Aus den Wi­der­sprü­chen er­gibt sich vier­tens eine re­la­ti­ve Selb­stän­dig­keit des Staa­tes. Letz­te­re schließt nicht aus, dass der Staat ab und zu als di­rek­tes In­stru­ment ganz be­stimm­ter Mo­no­po­le agiert, aber im Schnitt wird er das über­ge­ord­ne­te Ge­samt­in­ter­es­se der herr­schen­den Klas­se ver­fol­gen.

SB: Die These, die Her­aus­bil­dung trans­na­tio­na­ler Kon­zer­ne habe zu einer Trans­na­tio­na­li­sie­rung des Ei­gen­tums ge­führt, läßt sich of­fen­bar nicht be­le­gen. Wie ließe sich theo­re­tisch be­grün­den und em­pi­risch nach­wei­sen, wel­che Ent­wick­lung sich dem­ge­gen­über voll­zieht?

BL: Mit dem Über­gang zum Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus setz­te sich als vor­herr­schen­de Un­ter­neh­mens­form die Ak­ti­en­ge­sell­schaft durch, weil das für Groß­be­trie­be nö­ti­ge Ka­pi­tal­mi­ni­mum die Ka­pi­tal­mo­bi­li­sie­rungs­fä­hig­kei­ten des Ein­zel­ka­pi­ta­lis­ten über­stieg. Marx sah in der Ak­ti­en­ge­sell­schaft „die Auf­he­bung des Ka­pi­tals als Pri­vat­ei­gen­tum in­ner­halb der Gren­zen der ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se selbst“. Damit gehe ein­her, so Marx, die „Ver­wand­lung des wirk­lich fun­gie­ren­den Ka­pi­ta­lis­ten in einen blo­ßen Di­ri­gen­ten, Ver­wal­ter frem­den Ka­pi­tals“, und der Ka­pi­tal­ei­gen­tü­mer in „bloße Geld­ka­pi­ta­lis­ten“, die den „Pro­fit nur noch in der Form des Zin­ses“ be­zie­hen.[2]

Wir haben es von da an mit einer Tren­nung von Ei­gen­tum und Ver­fü­gung zu tun, die – je nach Ak­tio­närs­struk­tur – un­ter­schied­li­che Typen von Un­ter­neh­mens­kon­trol­le her­vor­bringt. Selbst wenn also die Ka­pi­tal­mo­bi­li­sie­rung gro­ßer Un­ter­neh­men über die in­ter­na­tio­na­len Ka­pi­tal­märk­te er­folgt, was bei Groß­un­ter­neh­men die Regel ist, folgt dar­aus al­lein noch keine in­ter­na­tio­na­le Un­ter­neh­mens­kon­trol­le. Hier­von kann nur in sol­chen Fäl­len die Rede sein, in denen aus­län­di­sche Groß­ak­tio­nä­re oder aus­län­di­sche Stimm­rech­te­hal­ter auf durch­schnitt­lich be­such­ten Ak­tio­närs­haupt­ver­samm­lun­gen über eine Mehr­heit ver­fü­gen und somit über die Macht, das Ma­nage­ment ein- oder ab­zu­set­zen. Ein sol­cher Fall liegt ak­tu­ell bei der Hoch­tief AG mit ihrem spa­ni­schen Mehr­heits­eig­ner ACS vor.

Die Ei­gen­tü­mer kom­men aus sehr we­ni­gen Staa­ten. Von den 500 größ­ten Kon­zer­nen der Welt nach der Liste des Ma­ga­zins For­tu­ne kamen 2012 Drei­vier­tel aus nur sie­ben Län­dern, näm­lich, in ab­neh­men­der Grö­ßen­ord­nung aus den USA, Japan, China, Deutsch­land, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und der Schweiz. Sieht man von dem auf­ge­stie­ge­nen Schwel­len­land China ab, so han­delt es sich nach wie vor um die glei­chen 5-6 Mäch­te, die die Welt be­herr­schen, von denen Lenin in sei­ner Im­pe­ria­lis­mus­theo­rie wäh­rend des ers­ten Welt­kriegs ge­spro­chen hat. Die geo­gra­fi­schen Zen­tren der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on ent­spre­chen der Ver­tei­lung der Mil­lio­nä­re und Mil­li­ar­dä­re auf der Welt, die als Geld­ka­pi­ta­lis­ten pro­fi­tie­ren, un­ab­hän­gig davon, in wel­chem Maße sie in ihren Kon­zer­nen Kon­troll­funk­tio­nen als fun­gie­ren­de Ka­pi­ta­lis­ten aus­üben oder sich dabei ver­tre­ten las­sen.

Die stein­rei­chen Clans, ihre Ma­na­ger und Ver­mö­gens­ver­wal­ter sind in der Regel über Stif­tun­gen, Un­ter­neh­mer­ver­bän­de, bür­ger­li­che Par­tei­en, for­mel­le und in­for­mel­le Netze, mit ihren Staa­ten und deren Re­gie­run­gen eng ver­floch­ten. Auch do­mi­nie­ren sie über die bür­ger­li­chen Me­di­en­mo­no­po­le die öf­fent­li­che Mei­nung ihrer Län­der. Bei uns ge­hö­ren viele Rei­che und Wirt­schafts­ka­der der CDU/CSU an, al­lein im Wirt­schafts­rat der CDU sind tau­sen­de Un­ter­neh­mer und Spit­zen­ma­na­ger or­ga­ni­siert.

Öf­fent­lich wurde die Gäs­te­lis­te der im Kanz­ler­amt aus­ge­rich­te­ten Ge­burts­tags­fei­er für Josef Acker­mann, auf der unter den etwa 30 Gäs­ten neben der Mil­li­ar­dä­rin Scha­eff­ler auch Frank Schirr­ma­cher von der FAZ zu fin­den ist. Dass Mil­li­ar­dä­re und Mil­li­ar­dä­rin­nen sich an ihrem Ge­burts­tag mit Frau Mer­kel fo­to­gra­fie­ren las­sen, gilt als völ­lig nor­mal. Auf Peer Stein­brücks ver­öf­fent­lich­ter Ho­no­rar­lis­te fin­det sich eine Vor­trags­ver­an­stal­tung des Pri­va­te Wealth Ma­nage­ments der Deut­schen Bank aus Anlaß der Sai­son­er­öff­nung der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker. Bei all die­sen For­men der „Zu­gangs­pfle­ge“ geht es si­cher nicht nur um das Schö­ne, son­dern auch um das Nütz­li­che.

SB: Wel­che vor­herr­schen­den Grund­mus­ter und Ten­den­zen las­sen sich im Ge­flecht des Pro­duk­ti­ons-, Han­dels- und Fi­nanz­ka­pi­tals in Deutsch­land auf­zei­gen, wenn man die Frage nach Ei­gen­tum und Kon­trol­le stellt?

BL: Zu­nächst ein­mal ist in der Bun­des­re­pu­blik eine klare Struk­tur­dif­fe­ren­zie­rung des Ge­samt­ka­pi­tals ge­ge­ben: Es gibt ins­ge­samt etwa 3 Mil­lio­nen steu­er­pflich­ti­ge Un­ter­neh­men. Davon sind 99,7% klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men, die etwa 38% aller Um­sät­ze er­brin­gen. Nur 0,3% sind Groß­un­ter­neh­men, die aber 62% der Um­sät­ze er­brin­gen. Im Schnitt kom­men so auf 1000 Un­ter­neh­men 3, die 2/3 der Um­sät­ze die­ser 1000 er­wirt­schaf­ten. Diese 0,3% kann man als Kon­zer­ne be­trach­ten, die Mo­no­po­le sind oder deren Kon­kur­renz sie „dicht an das Mo­no­pol“ her­an­ge­führt hat.[3]

Nach der mar­xis­ti­schen De­fi­ni­ti­on sind Mo­no­po­le Pro­dukt der Er­hö­hung des Ver­ge­sell­schaf­tungs­grads der Pro­duk­ti­on, die not­wen­dig zur Be­herr­schung be­stimm­ter Zu­sam­men­hän­ge des ge­sell­schaft­li­chen Re­pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses führt und da­durch die An­eig­nung von Mo­no­pol­pro­fit er­mög­licht. Haupt­for­men sind heute nicht mehr Kar­tel­le oder Trusts, son­dern Kon­zer­ne und Ko­ope­ra­tio­nen zwi­schen ihnen. Kon­zer­ne sind recht­lich selb­stän­di­ge Un­ter­neh­men unter ein­heit­li­cher Fi­nanz­kon­trol­le, aus­ge­übt über das Be­tei­li­gungs­sys­tem durch Groß­ak­tio­nä­re oder an­de­re Arten von Stimm­rech­te­hal­tern. Die fi­nanz­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­flech­tun­gen zwi­schen den größ­ten Kon­zer­nen zei­gen sich u.a. darin, dass 2008 von den 100 größ­ten deut­schen Kon­zer­nen in Han­del und Ge­wer­be 32 Töch­ter in­län­di­scher Kon­zer­ne aus der glei­chen Liste der 100 und 14 Töch­ter aus­län­di­scher Kon­zer­ne waren.

Die Mo­no­pol­bour­geoi­sie der Bun­des­re­pu­blik setzt sich nach 1945 aus drei gro­ßen Grup­pen zu­sam­men: Ka­pi­ta­lis­ten­clans („Un­ter­neh­mer­dy­nas­ti­en“), pri­va­ten Spit­zen­ma­na­gern und staat­li­chen Spit­zen­ma­na­gern. Der mar­xis­ti­sche Öko­nom Heinz Jung hat dabei die pri­va­ten und staat­li­chen Spit­zen­ma­na­ger als „ko­op­tier­te und ag­gre­gier­te Teile“ der Mo­no­pol­bour­geoi­sie be­zeich­net, die „erst in dem Maße einen fes­ten (und erb­li­chen) Platz in ihr er­hal­ten, wie sie in der Lage sind, ka­pi­ta­lis­ti­sches Ei­gen­tum zu bil­den und kraft Ei­gen­tums­ti­teln Ver­fü­gung über das Mehr­pro­dukt zu er­lan­gen“.[4]

Die Zu­sam­men­set­zung der deut­schen Bour­geoi­sie aus den ge­nann­ten drei Grup­pen hat es in der ge­sam­ten Ge­schich­te der BRD ge­ge­ben. Es gab je­doch Ver­schie­bun­gen zwi­schen den Grup­pen, die es er­lau­ben, von 2 Pha­sen zu spre­chen:

In der Phase 1945-1975, der Zeit der Sys­tem­kon­kur­renz oder des For­dis­mus wächst die Rolle des Staa­tes bei der Re­gu­lie­rung öko­no­mi­scher Pro­zes­se. Der staats­mo­no­po­lis­ti­sche Ka­pi­ta­lis­mus setzt sich auf brei­ter Front durch. Bei den Ei­gen­tü­mern und fun­gie­ren­den Ka­pi­ta­lis­ten der 100 größ­ten Kon­zer­ne wächst bis in die 80er Jahre der Ein­fluß staat­li­cher und pri­va­ter Ma­na­ger, wäh­rend die Un­ter­neh­mer­dy­nas­ti­en vor allem in und mit der Schwer­in­dus­trie aus­zu­ster­ben schei­nen. Er­kenn­bar ist eine Ver­schie­bung zu „mehr Staat und we­ni­ger pri­vat“.

In Phase 2, den 30 Jah­ren Neo­li­be­ra­lis­mus gab es da­ge­gen eine Ver­schie­bung zu „mehr pri­vat und we­ni­ger Staat“. Der Um­satz­an­teil clan­kon­trol­lier­ter Un­ter­neh­men bei den 100 größ­ten Kon­zer­nen ver­dop­pel­te sich bis 2008 im Ver­gleich zu 1985. Er ist sogar ge­gen­über 1958 stark ge­stie­gen. Da­ge­gen sank der Staats­an­teil etwa auf das Ni­veau von 1958. Der Um­satz­an­teil der Kon­zer­ne in Streu­be­sitz und daher unter Ma­na­ger­kon­trol­le un­ter­lag nur klei­nen Schwan­kun­gen. Der An­teil aus­län­disch kon­trol­lier­ter Un­ter­neh­men blieb in bei­den Pha­sen na­he­zu kon­stant bei etwa 20%.

Mit dem Wie­der­er­star­ken der gro­ßer Pri­vat­ei­gen­tü­mer in den Kon­zer­nen kor­re­liert die Ex­plo­si­on des Reich­tums an der Spit­ze der Ge­sell­schaft: Min­des­tens ein Pro­zent der Deut­schen, mehr als 800000, sind heute Mil­lio­nä­re, davon ca. 125 Mil­li­ar­dä­re. Zu den Ver­mö­gens­quel­len schreibt der So­zio­lo­ge Chris­ti­an Ri­ckens: „Le­dig­lich knapp 8% nann­ten ab­hän­gi­ge Er­werbs­tä­tig­keit als wich­tigs­te Quel­le ihres Reich­tums. Der an­ge­stell­te Top­ma­na­ger, Chef­arzt oder In­vest­ment­ban­ker bil­det also unter Deutsch­lands Mil­lio­nä­ren eher die Aus­nah­me.“ Laut Ri­ckens haben von den 100 reichs­ten Deut­schen, die das ma­na­ger ma­ga­zin jähr­lich auf­lis­tet, 34 ihren Reich­tum durch die Grün­dung eines ei­ge­nen Un­ter­neh­mens ver­dient. „Die üb­ri­gen zwei Drit­tel sind vor allem des­halb so reich, weil sie ein Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men oder An­tei­le daran ge­erbt haben.“[5]

Bei­spie­le für die Erben sind Por­sche und Piech, Quandt, Oet­ker oder Hen­kel, für die Auf­stei­ger: die SAP-Grün­der, die AL­DI-Brü­der oder Götz Wer­ner. Ei­ge­nen Re­cher­chen zu­fol­ge be­zo­gen 82 der 122 Mil­li­ar­dä­re des Jah­res 2008 ihr Ver­mö­gen als Groß­ak­tio­nä­re oder Mehr­heits­eig­ner min­des­tens eines der 500 größ­ten Kon­zer­ne der BRD, 15 wei­te­re aus klei­ne­ren Kon­zer­nen, 8 aus Groß­ei­gen­tum an aus­län­di­schen Kon­zer­nen, 7 aus Ab­fin­dun­gen oder Un­ter­neh­mens­ver­käu­fen mit an­schlie­ßen­der Fi­nanz­an­la­ge.[6]
Was die Un­ter­neh­mens­kon­trol­le an­be­langt: Die pri­va­ten Spit­zen­ma­na­ger von Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten in Streu­be­sitz, wie Daim­ler, Sie­mens, Deut­sche Bank, Al­li­anz kon­trol­lie­ren sich fak­tisch ge­gen­seitig. Sind mehr­heits­fä­hi­ge Groß­ak­tio­nä­re vor­han­den, wie etwa bei VW, BMW, Merck, oder Bei­ers­dorf, müs­sen die Spit­zen­ma­na­ger sich die Macht mit den Ver­tre­tern der Mil­li­ar­därs­clans tei­len. Die vom Staat be­auf­trag­ten Ma­na­ger sind zur Zeit vor allem bei Bahn und Post, bei Staats­ban­ken wie der KfW, Lan­des­ban­ken und Spar­kas­sen, bei Re­gu­lie­rungs­in­sti­tu­tio­nen wie Bun­des­bank, BaFin, dem na­tio­na­len Ret­tungs­schirm Soff­in, bei Wett­be­werbs­be­hör­den und als Ab­ge­sand­te der Bun­des­re­gie­rung in Gre­mi­en der in­ter­na­tio­na­len Re­gu­lie­rung, wie EZB, EU-Kom­mis­si­on, EMS, IWF, BIZ, etc., zu fin­den.

An­hän­ger der These vom „Fi­nanz­markt­ka­pi­ta­lis­mus“ spre­chen gern von einer Macht­ver­schie­bung zu­guns­ten von Fi­nanz­in­ves­to­ren, wobei meist große Pen­si­ons­fonds aus den USA als Bei­spie­le ge­nannt wer­den. Auch in der BRD ver­viel­fach­te sich die Zahl der Pu­bli­kums- und Spe­zi­al­fonds von Ban­ken und Ver­si­che­run­gen sowie di­ver­ser In­vest­ment­ge­sell­schaf­ten. Die Ak­ti­en­pa­ke­te der Pu­bli­kums­fonds lie­gen meist un­ter­halb der Mel­de­schwel­len. Der größ­te US-In­ves­tor Black­rock ist an vie­len deut­schen Fir­men mit mel­de­pflich­ti­gen An­tei­len um die 5% ver­tre­ten. Kon­troll­macht er­gibt sich al­lein dar­aus nicht.

Dort, wo es kon­trol­lie­ren­de Groß­ak­tio­nä­re gibt, sind das in der Regel Mut­ter­kon­zer­ne oder die Be­tei­li­gungs­ge­sell­schaf­ten, Stif­tun­gen und Er­ben­ge­mein­schaf­ten von Clans. In ma­na­ger­kon­trol­lier­ten Kon­zer­nen sind ara­bi­sche Staats­fonds und rus­si­sche Olig­ar­chen als „An­ker­ak­tio­nä­re“ gern ge­se­hen, die Schutz gegen feind­li­che Über­nah­men bie­ten, aber nur, so­lan­ge sie nicht selbst die Kon­trol­le an­stre­ben.

SB: Stellt der Fi­nanz­sek­tor eine we­sent­li­che Funk­ti­ons­be­din­gung und Wei­ter­ent­wick­lung des heu­ti­gen Ka­pi­ta­lis­mus dar?

BL: Dazu muß er­neut die Frage der Ver­ge­sell­schaf­tung an­ge­spro­chen wer­den. Marx sah – wie oben schon zi­tiert – in den Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten eine sys­tem­im­ma­nen­te Lö­sung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Grund­wi­der­spruchs zwi­schen Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­on und Pri­vat­ei­gen­tum. Er be­schrieb, wie die für die Ver­ge­sell­schaf­tung nö­ti­ge Tren­nung von Ei­gen­tum und Ver­fü­gung zur Her­aus­bil­dung einer neuen „Fi­nan­za­ris­to­kra­tie“ aus „Pro­jek­ten­ma­chern, Grün­dern und bloß no­mi­nel­len Di­rek­to­ren“ führ­te, was „ein gan­zes Sys­tem des Schwin­dels und Be­trugs mit Bezug auf Grün­dun­gen, Ak­ti­en­aus­ga­be und Ak­ti­en­han­del“ ein­schließt.[7]

Als sich um 1900 das Mo­no­pol­ka­pi­tal als neue Stufe der Ver­ge­sell­schaf­tung durch­ge­setzt hatte, ent­wi­ckel­te Hil­fer­ding seine Theo­rie vom Fi­nanz­ka­pi­tal und Lenin schrieb, be­zo­gen auf die Struk­tur der herr­schen­den Klas­se: „Zum ty­pi­schen ‚Herr­scher‘ der Welt wurde nun­mehr das Fi­nanz­ka­pi­tal, das be­son­ders be­weg­lich und elas­tisch, na­tio­nal wie in­ter­na­tio­nal be­son­ders ver­floch­ten ist, das be­son­ders un­per­sön­lich und von der di­rek­ten Pro­duk­ti­on los­ge­löst ist, das sich be­son­ders leicht kon­zen­triert und be­reits stark kon­zen­triert hat, so daß buch­stäb­lich ei­ni­ge hun­dert Mil­li­ar­dä­re und Mil­lio­nä­re die Ge­schi­cke der gan­zen Welt in ihren Hän­den hal­ten.“[8]

Für den mar­xis­ti­schen Öko­no­men Peter Hess ist das Fi­nanz­ka­pi­tal „die Form, in der sich die ge­sell­schaft­li­che Macht des Ka­pi­tals gegen das in­di­vi­du­el­le Ka­pi­tal durch­setzt“, ohne die die Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­on nach heu­ti­gen Maß­stä­ben unter Be­din­gun­gen des Pri­vat­ei­gen­tums und der Pro­fi­t­rea­li­sie­rung nicht mehr mög­lich wäre. In die­sem Sinn spre­chen er und an­de­re Theo­re­ti­ker des staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus vom Fi­nanz­sek­tor als einer Funk­ti­ons­be­din­gung des heu­ti­gen Ka­pi­ta­lis­mus. Hess ver­weist zudem auf das un­ab­ding­bar ge­wor­de­ne Auf­tre­ten des Staa­tes als „Ka­pi­tal­mo­bi­li­sa­tor und -ver­wen­der“, eben als „Fi­nan­zier“, der aber im Ge­gen­satz zu den pri­va­ten Ka­pi­tal­ei­gen­tü­mern nicht dem Zwang un­ter­lie­ge, selbst Ka­pi­tal zu ver­wer­ten.[9]

Ein wei­te­rer As­pekt ist die Frage der Über­ak­ku­mu­la­ti­on. Schon im „Ka­pi­tal“ von Marx und En­gels ist von „chro­ni­scher Über­pro­duk­ti­on“ die Rede. Rosa Lu­xem­burg, Hil­fer­ding, Bucha­rin und Lenin lei­ten aus der chro­ni­schen Über­ak­ku­mu­la­ti­on, die in zy­kli­schen Kri­sen nicht mehr über­wun­den wird, die wach­sen­de Rolle des Ka­pi­tal­ex­ports im Ver­gleich zum Wa­ren­ex­port, die In­ter­na­tio­na­li­sie­rung der Pro­duk­ti­on und den Im­pe­ria­lis­mus ab. Jörg Huff­schmid ging davon aus, dass der re­la­ti­ve Ka­pi­tal­über­schuss zu den Grund­er­schei­nun­gen des mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­ti­schen Sta­di­ums ge­hört.[10] Konn­te die­ses Pro­blem durch die Ent­wer­tun­gen in zwei Welt­krie­gen und der Welt­wirt­schafts­kri­se 1929-38, spä­ter durch Auf­rüs­tung und Wie­der­auf­bau über­deckt wer­den, so war es spä­tes­tens ab der Krise 1974/75 wie­der ma­ni­fest und ist eine der Quel­len der heu­ti­gen Auf­blä­hung des Fi­nanz­sek­tors.

Schließ­lich ge­lang den Bour­geoi­si­en der ka­pi­ta­lis­ti­schen Haupt­mäch­te in der neo­li­be­ra­len Phase mit Hilfe der „Ent­fes­se­lung“ der Fi­nanz­märk­te eine um­fas­sen­de Re­struk­tu­rie­rung des Ka­pi­ta­lis­mus. Neben der staat­li­chen Um­ver­tei­lung war es die Dis­zi­pli­nie­rung der Pro­duk­ti­on durch den Druck der Fi­nanz­märk­te, womit die Pro­fit­be­din­gun­gen zu Las­ten der Ge­sell­schaft und be­son­ders der Lohn­ab­hän­gi­gen ver­bes­sert wer­den konn­ten. Eine der trei­ben­den Kräf­te die­ses Klas­sen­kampfs von oben ist die deut­sche Bour­geoi­sie, die zur Zeit dabei ist, dem Rest der Eu­ro­zo­ne eine ent­spre­chen­de „nach­ho­len­de Ent­wick­lung“ zu ver­ord­nen.

SB: In­wie­weit könn­te man in die­sem Zu­sam­men­hang von einer Son­der­stel­lung oder do­mi­nan­ten Ei­gen­stän­dig­keit eines Fi­nanz­ka­pi­tals spre­chen?

BL: Unter Fi­nanz­ka­pi­tal kann man Ver­schie­de­nes ver­ste­hen. In der All­tags­spra­che wird mit Fi­nanz­ka­pi­tal meist das Bank- und Ver­si­che­rungs­ka­pi­tal im Un­ter­schied zum In­dus­trie­ka­pi­tal as­so­zi­iert. Mit Hil­fer­dings Werk „Das Fi­nanz­ka­pi­tal“ und durch Le­nins Ver­ar­beitung der The­sen Hil­fer­dings in sei­ner Im­pe­ria­lis­mus­theo­rie kam zu­sätz­lich die In­ter­pre­ta­ti­on von Fi­nanz­ka­pi­tal als „Ver­schmel­zung von Bank- und In­dus­trie­ka­pi­tal“ in Ge­brauch. Hil­fer­ding be­zeich­net das Fi­nanz­ka­pi­tal als „Ka­pi­tal in der Ver­fü­gung der Ban­ken und in der Ver­wen­dung der In­dus­tri­el­len“.[11]

Lenin de­fi­niert mo­der­nes Fi­nanz­ka­pi­tal als: „Kon­zen­tra­ti­on der Pro­duk­ti­on, dar­aus er­wach­sen­de Mo­no­po­le, Ver­schmel­zen oder Ver­wach­sen der Ban­ken mit der In­dus­trie – das ist die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Fi­nanz­ka­pi­tals und der In­halt die­ses Be­griffs.“[12] Von Hil­fer­dings These einer Do­mi­nanz des Bank­ka­pi­tals über das In­dus­trie­ka­pi­tal grenzt Lenin sich ab. In sei­ner Mo­no­pol­theo­rie bleibt das Fi­nanz­ka­pi­tal trotz sei­ner Los­lö­sung von pro­duk­ti­ven Funk­tio­nen an die Mo­no­po­li­sie­rung aus dem Ak­ku­mu­la­ti­ons­pro­zeß ge­bun­den.

Der mar­xis­ti­sche Öko­nom Heinz Jung hat ein­mal ziem­lich genau be­schrie­ben, wie man sich die Ver­schmel­zung oder das Ver­wach­sen von Bank- und In­dus­trie­ka­pi­tal vor­zu­stel­len hat. Über das Fi­nanz­ka­pi­tal führt er aus: „Es nis­tet auf der Ebene des Geld­ka­pi­tals und des aus den Ei­gen­tums­ti­teln ent­ste­hen­den fik­ti­ven Ka­pi­tals. Es ver­kör­pert die aus den Ei­gen­tums­ti­teln er­wach­sen­den An­sprü­che an den Mehr­wert. Es ver­flicht sich mit den Ei­gen­tums­ver­hält­nis­sen des fun­gie­ren­den Ka­pi­tals und er­rich­tet seine Kon­troll­sta­tio­nen an den Kno­ten­punk­ten des Wirt­schafts­pro­zes­ses.“[13]

Der Be­griff der Fi­nan­zo­lig­ar­chie, der heute wie­der im Ge­brauch ist, meint die füh­ren­de Grup­pe des Fi­nanz­ka­pi­tals, die heute gern als die „Ent­schei­der“ be­zeich­net wird. Das ist der Per­so­nen­kreis, den Kurt Fie­big, Ak­tio­när bei vie­len DAX-Kon­zer­nen, tref­fend wie folgt um­schrie­ben hat: „In jeder Haupt­ver­samm­lung trifft man auf die glei­chen Ge­sich­ter, von denen man weiß, dass sie sich ge­gen­sei­tig zu Amt und Wür­den ver­hel­fen.“

Haupt­for­men des Mo­no­pols sind heute die trans­na­tio­nal agie­ren­den Kon­zer­ne und die Ko­ope­ra­tio­nen und Joint Ven­tures zwi­schen ihnen. Kon­zer­ne sind recht­lich selb­stän­di­ge Un­ter­neh­men unter ein­heit­li­cher Fi­nanz­kon­trol­le, aus­ge­übt über das Be­tei­li­gungs­sys­tem durch Groß­ak­tio­nä­re oder an­de­re Arten von Stimm­rech­te­hal­tern. Die fi­nanz­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­flech­tun­gen zwi­schen den größ­ten Kon­zer­nen zei­gen sich u.a. darin, dass 2008 von den 100 größ­ten Kon­zer­nen der BRD 32 Töch­ter in­län­di­scher Kon­zer­ne auf der glei­chen Liste der 100 und 14 Töch­ter aus­län­di­scher Kon­zer­ne waren.

Die Ver­flech­tun­gen zwi­schen In­dus­trie- und Fi­nanz­kon­zer­nen ba­sie­ren auf wech­sel­sei­ti­ger Ab­hän­gig­keit sowie mo­no­po­lis­ti­scher Kon­kur­renz und Ko­ope­ra­ti­on: Die in­ter­na­tio­nal tä­ti­gen Kon­zer­ne stei­gern ihre Pro­fi­te u.a. durch Nut­zung von Wech­sel­kurs­schwan­kun­gen, Un­ter­schie­den in Steu­er­sys­te­men und Löh­nen, durch Ge­winn­trans­fers mit­tels In­tra-Fir­men­prei­sen, durch De­vi­sen- und Rohstoffspe­ku­la­ti­on. Au­to­kon­zer­ne bie­ten Kre­di­te, Ver­si­che­run­gen und an­de­re Fi­nanz­dienst­leis­tun­gen an. Dazu braucht jeder Kon­zern sei­nen ei­ge­nen Fi­n­anz­über­bau und zu­gleich die Ko­ope­ra­ti­on mit den eben­falls in­ter­na­tio­nal tä­ti­gen Groß­ban­ken.

Ent­spre­chend tritt BDI-Chef Kei­tel gegen eine allzu ri­gi­de Re­gu­lie­rung der Ban­ken mit dem Ar­gu­ment auf, die deut­sche In­dus­trie brau­che nicht nur „ein­heit­li­che Kas­sen­in­sti­tu­te um die Ecke, son­dern auch star­ke Ban­ken, die das in­ter­na­tio­na­le Ge­schäft der Un­ter­neh­men be­die­nen“ könn­ten.[14] Der Druck der Fi­nanz­märk­te im Sinne des Share­hol­der Value dient der Mehr­wert­stei­ge­rung. Ein wei­te­res ge­mein­sa­mes In­ter­es­se von In­dus­trie- und Bank­ka­pi­tal ist, dass die Re­fi­nan­zie­rungs­kos­ten mög­lichst ge­ring ge­hal­ten wer­den. Eine gute Bo­ni­tät des Staa­tes be­güns­tigt die Bo­ni­tät sei­ner Ban­ken und die Wett­be­werbs­fä­hig­keit sei­ner Kon­zer­ne. So kann VW der­zeit davon pro­fi­tie­ren, dass die VW-Bank Kun­den­kre­di­te zum Null­zins ver­ge­ben kann, wäh­rend die Autos eu­ro­päi­scher Kon­kur­ren­ten trotz nied­ri­ge­rer Prei­se wegen der hö­he­ren Kre­dit­zin­sen teu­rer sind.[15]

Die wech­sel­sei­ti­ge Ab­hän­gig­keit zwi­schen Bank- und In­dus­trie­ka­pi­tal schließt weder eine Kon­kur­renz zwi­schen bei­den aus, noch die re­la­ti­ve Los­lö­sung des Fi­nanz­sek­tors von der „Re­al­wirt­schaft“. Die Mög­lich­keit der Los­lö­sung ist in der ka­pi­ta­lis­ti­schen Wa­ren­pro­duk­ti­on schon mit dem Aus­ein­an­der­fal­len von Pro­duk­ti­on und Rea­li­sie­rung durch den Aus­tausch an­ge­legt. Bei der heu­ti­gen chro­ni­schen Über­ak­ku­mu­la­ti­on wach­sen die Ka­pi­tal­mas­sen schnel­ler als die Mög­lich­kei­ten ihrer pro­fi­ta­blen Ver­wer­tung, was in der Wirt­schafts­pres­se als „An­la­ge­not­stand“ um­schrie­ben wird. Nicht nur die Ver­mö­gens­ver­wal­ter der Rei­chen, auch die Kon­zer­ne selbst brau­chen unter die­sen Um­stän­den die Spe­ku­la­ti­on, um die Pro­fi­te auf­zu­hüb­schen.

Karl Marx spricht im zwei­ten Band des Ka­pi­tals davon, dass der Pro­duk­ti­ons­pro­zess den Ka­pi­ta­lis­ten oft „nur als not­wen­di­ges Übel zum Behuf des Geld­ma­chens“ er­scheint. „Alle Na­tio­nen ka­pi­ta­lis­ti­scher Pro­duk­ti­ons­wei­se wer­den daher pe­ri­odisch von einem Schwin­del er­grif­fen, worin sie ohne Ver­mitt­lung des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses das Geld­ma­chen voll­zie­hen wol­len.“ [16] Der fran­zö­si­sche Öko­nom Fran­cois Ches­nais knüpft an die­ses Zitat die Frage, ob der „Schwin­del“ unter be­stimm­ten his­to­ri­schen Be­din­gun­gen nicht grö­ße­re Aus­ma­ße und zeit­wei­se einen struk­tu­rel­len Cha­rak­ter an­neh­men könne.

Ches­nais These lau­tet, dass be­stimm­te po­li­ti­sche und so­zia­le Ver­hält­nis­se und macht­vol­le In­sti­tu­tio­nen, die für das kon­zen­trier­te fi­nan­zi­el­le An­la­ge­ka­pi­tal güns­tig sind, zum Ver­such ge­führt haben, den „Schwin­del“ für eine län­ge­re Dauer als bis zum Ende einer Boom­pha­se zur Exis­ten­z­wei­se des Ka­pi­tals zu ma­chen. In der Tat hat die Nied­rig­zins­po­li­tik der US-No­ten­bank FED die Bla­sen­bil­dung in den USA immer aufs Neue ent­facht. Un­kon­trol­lier­te Kre­dit­ver­gabe der Ban­ken wirk­te in die glei­che Rich­tung. Die Bla­sen stei­ger­ten den Kon­sum der US-Bür­ger und waren ein Fak­tor, der das welt­wei­te Wirt­schafts­wachs­tum stütz­te. Ches­nais zu­fol­ge ist in einem sol­chen „fi­nanz­do­mi­nier­ten Ak­ku­mu­la­ti­ons­re­gime“ ein auf Bör­sen­hausse an­ge­leg­ter Fi­nanz­markt ge­ra­de­zu eine struk­tu­rel­le Be­din­gung des Wachs­tums.

Er be­tont zu­gleich, dass vom Pro­duk­ti­ons­pro­zess ab­ge­son­der­tes Geld­ka­pi­tal sich letzt­lich nicht real, son­dern nur fik­tiv ver­meh­ren kann. „Die Au­to­no­mie er­mög­licht dem fi­nan­zi­el­len An­la­ge­ka­pi­tal, eine Be­tei­li­gung an der Ge­winn­ver­tei­lung zu for­dern und durch­zu­set­zen. Wenn man sich je­doch Wert und Mehr­wert an­eig­nen will, so müs­sen diese vor­gän­gig in ge­nü­gen­der Menge pro­du­ziert wor­den sein.“[17] „Do­mi­nanz des Fi­nanz­sek­tors“ hieße so nichts an­deres, als Druck auf­zu­bau­en, um die Pro­duk­ti­on im Sinne von mehr Pro­fi­ta­bi­li­tät zu dis­zi­pli­nie­ren. Das ent­spricht völ­lig dem In­ter­es­se auch des In­dus­trie­ka­pi­tals.

Für die Stra­te­gie ka­pi­ta­lis­mus­kri­ti­scher Kräf­te be­deu­tet die wech­sel­sei­ti­ge Ab­hän­gig­keit von mo­no­po­lis­ti­schem In­dus­trie- und Bank­ka­pi­tal, dass die „Re­re­gu­lie­rung des Fi­nanz­markts“ star­ke Geg­ner hat. Nicht nur die Fi­nanz­kon­zer­ne, son­dern das ge­sam­te Mo­no­pol­ka­pi­tal wird ver­su­chen, sie zu ver­hin­dern oder zu­min­dest zu ver­wäs­sern. Wirk­sa­me de­mo­kra­ti­sche Re­for­men er­for­dern daher Ein­grif­fe in die Macht des Mo­no­pol­ka­pi­tals. Sie sind nur mit einer mo­bi­li­sier­ten und kampf­be­rei­ten Ar­bei­ter­klas­se durch­setz­bar.

SB: Frau Lan­de­feld, vie­len Dank für die­ses auf­schluß­rei­che Ge­spräch.

Fußnoten:

[1] Jörg Huffschmid, Weder toter Hund noch schlafender Löwe. Die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus. spw (1995), Nachdruck in Marxistische Blätter 1-2010, S. 8

[2]MEW 25, S. 452

[3] „An einem bestimmten Punkt schlägt die Konkurrenz in das Monopol um.“ (Lenin)

[4] Jung/Schleifstein, Die Theorie des SMK und ihre Kritiker. VMB 1979, S. 70

[5] Christian Rickens, Ganz oben. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011/2012, S. 56 und 131

[6] Siehe Vermögensquellen deutscher Milliardäre 2008 auf: http://belafix.wordpress.com/

[7] MEW 25, S. 454

[8] LW 22, S. 103 (Vorwort zu Bucharin, Weltwirtschaft und Imperialismus)

[9] Peter Hess u.a., Grundlagen und Formen der Herrschaft des Finanzkapitals. VMB Ffm 1974, S. 7ff.

[10] Jörg Huffschmid, Der marxistische Monopolbegriff. In: Theorie des Monopols, Argument Sonderband 6, 1975, S. 51ff.

[11] Rudolf Hilferding, Das Finanzkapital. Berlin 1955, S. 336

[12] LW 22, S. 103 (Vorwort zu Bucharin, Weltwirtschaft und Imperialismus) und LW 22, S. 230

[13] Jung/Schleifstein, Die Theorie des SMK und ihre Kritiker. VMB 1979, S. 142

[14] „Keitel wirft Steinbrück Realitätsferne vor“, HB 3.11.2012

[15] „Euro-Krise macht VW zum Herrscher über Europa“, Welt online 15.11.2012

[16] MEW 24, S. 62

Mit freundlicher Genehmigung von Beate Landefeld & Schattenblick.de

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