Philosophisch-politische Perspektiven des Marxismus heute

Posted on 26. Januar 2013 von

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hhDer folgende Artikel von Hans Heinz Holz erschien im Heft 27 (2007/1) der Zeitschrift TOPOS. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie.

Wir erleben, erschüttert und verwirrt, das Scheitern beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaften. Der Sozialismus, den wir von der Utopie zur Wissenschaft entwickeln wollten, scheint sich als eine bloße Utopie zu erweisen, die vor der Wirklichkeit – zumindest vor der Wirklichkeit unserer Zeit – nicht standhält. Die Theorie, der Marxismus, verstand sich als »wissenschaftlicher Sozialismus«. Ist also auch die Theorie gescheitert? Ist, wie manche meinen, die Lehre von Marx, Engels und Lenin durch die Verwirklichung dementiert, die ihr zuteil geworden ist? Brauchen wir, allenfalls, einen Sozialdemokratismus ohne Marx und die Theorietradition, die an ihn anknüpfte?

Die Fragen sind nicht unberechtigt – denn der Marxismus definiert sich, im Unterschied zu aller bisherigen Philosophie, als Einheit von Theorie und Praxis; er nimmt für die Bestimmung dessen, was wahr ist, das Kriterium der Praxis in Anspruch. Also muß er sich auch an seiner Praxis prüfen lassen.

Der Marxismus ist eine Philosophie, die sich nicht bloß mit diesem oder jenem Aspekt der Welt befaßt – mit dem richtigen Denken (wie die Logik), mit den Prinzipien und Verfahren des Erkennens (wie die Erkenntnistheorie), mit den Regeln des richtigen Verhaltens (wie die Ethik); er will eine Auffassung der Welt als ganzer, Natur und Gesellschaft, in ihrer Entwicklung geben und diese Auffassung von den Einsichten der Wissenschaften und ihrer Interpretation zu einem Gesamtzusammenhang aus gewinnen (»wissenschaftliche Weltanschauung«). Er steht so in der Tradition der großen philosophischen Systeme und schließt alle Zweige der Philosophie in sich ein.

Eine Weltanschauung hat jeder Mensch – mehr oder weniger bewußt, mehr oder weniger umfassend, mehr oder weniger kohärent; ohne eine Weltanschauung – eine »Jedermannsphilosophie«, wie Antonio Gramsci sagte – könnte kein Mensch die unzähligen Eindrücke, die er täglich verarbeiten muß, zu einem Bild zusammenfügen, in dem er sich selbst einen Ort zuweist und auf das hin er sein eigenes Tun einrichtet. Der Marxismus ist, wie jede Philosophie und auch die »Jedermannsphilosophie«, ein Orientierungswissen oder – wie ich lieber sagen möchte – ein Orientierungsmodell. Seine Besonderheit ist, daß er nicht nur das – gleichsam vom Handeln der Menschen unabhängige – »objektive« Wissen bietet, sondern das interessengeleitete Handeln der Menschen als ein Moment in das Modell einbezieht, das darum auch als sich ständig verändernd gedacht werden muß. Daher ist der Marxismus nicht nur Wissen von der Geschichte, sondern geschichtliches Wissen.

Das philosophische Grundmuster ist bekannt: Die Ausgangsthese von der Materialität der Welt; die Grundzüge der Dialektik als Lehre von der Veränderung und Entwicklung, von den Widersprüchen und ihrer Bewegung miteinander und gegeneinander, von der Wechselwirkung im Gesamtzusammenhang; die Erkenntnis, daß die menschliche Gattung sich durch Produktion reproduziert und die daraus folgende Erklärung der Menschheitsgeschichte aus der Produktivkraftentwicklung und ihrer Organisation in den Produktionsverhältnissen. Dieses Grundmuster ist weitmaschig genug, um differenzierte, im einzelnen auch gegensätzliche Konzepte aufnehmen zu können und für neue Aspekte offen zu sein. In diesem Sinne ist der Marxismus ein »offenes System«. Eine Theorie ist nur dialektisch und an der Wirklichkeit orientiert (also realistisch), wenn sie Veränderungen in sich aufnehmen und in ihrer Begrifflichkeit ausdrücken kann. Das heißt: Einer Theorie müssen Konstanten zugrunde liegen, die sie als diese bestimmte Theorie – also hier als den dialektischen und historischen Materialismus – identifizierbar machen, und sie muß genügend Variablen enthalten, um dem geschichtlichen Prozeß gegenüber nicht zu versteinern. In diesem Sinne ist der Marxismus nicht überholt oder gar »widerlegt«. Vielmehr ist er sogar imstande, die Bedingungen des Zusammenbruchs der sozialistischen Gesellschaften und die Lähmung des Marxismus in den Institutionen der Theoriebildung zu erklären.

Die Stärke der marxistischen Philosophie

Natürlich gibt es andere als marxistische Theoreme oder – modisch gesprochen – andere Paradigmata der Erklärung von Natur und Geschichte. Wir haben analytische und diskurshermeneutische, strukturalistische und offen irrationalistische Philosophien (um einige Typen zu nennen), die unter dem überwölbenden Postulat des Pluralismus miteinander konkurrieren und sich gegenseitig relativieren. Der Relativismus der Systeme – schon vor sechzig Jahren wurde von der »Anarchie der Systeme« gesprochen – bewirkt, daß jede Philosophie nur noch Ausschnitte, Teilaspekte, isolierte Perspektiven der Wirklichkeit zu artikulieren vermag.

Der Blick auf das Ganze in seinem Wesenszusammenhang und damit die Orientierungsfähigkeit einer Philosophie geht über diesem Pluralismus verloren. Demgegenüber kann der Marxismus als Philosophie der Welt als ganzer seine theoretische Überlegenheit behaupten. Diese beruht unter anderem auf fünf Charakteristika, die mir die hauptsächlichen zu sein scheinen.

1. Der Marxismus ist – als historischer Materialismus – ein rationales Erklärungsmodell geschichtlicher Prozesse. Die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die Dialektik von Naturbedingungen und menschlicher Arbeit, die Dialektik von Ausbeutern und Ausgebeuteten, die Gesetze des Mehrwerts und der Kapitalakkumulation liefern die Schlüsselkategorien für die Bewegung des gesellschaftlichen Seins. Die Analyse des Ausdrucks dieser objektiven Verhältnisse in Ideologieformen (Philosophie und Religion, Kunst und Literatur, Rechts- und Wirtschaftsauffassung, Sitten und Sinngebungen usw.) eröffnet uns das Verständnis für die Historizität der Gestalten des gesellschaftlichen Bewußtseins. Bewußtsein und Sein sind durch die Theorie der relativen und absoluten Wahrheit aufeinander bezogen. Der Mensch kann in diesem Geschichtsmodell seinen eigenen Platz bestimmen, sich orientieren, die Entwicklungsrichtung der geschichtlichen Prozesse und ihre Alternativen angeben und seine eigenen Entscheidungen, im Widerspiel von gesellschaftlich Allgemeinem und individuell Privatem, fällen und begründen.

2. Der Marxismus ist – als universelle Dialektik der Natur oder als dialektischer Materialismus – ein Konstruktionsprinzip des Gesamtzusammenhangs, der Totalität von Welt. Die Welt im ganzen kann nie ein Gegenstand unserer Erfahrung sein, weil sie über jede mögliche Erfahrung hinausreicht; aber sie ist die Voraussetzung dafür, daß wir Erfahrung von Teilen und Ausschnitten der Welt haben, denn jeder begrenzte Erfahrungsgegenstand schließt ein, daß es jenseits der Grenze ein Anderes gibt, etwas »Umgebendes«, aus dem das Eingegrenzte (Segment) »herausgeschnitten« ist. Der in der Erfahrung nicht vorkommende Gesamtzusammenhang kann nur methodisch konstruiert und in einem Modell abgebildet werden. Genau dies leistet die universelle Widerspiegelungstheorie, die die Welt als ein Wechselwirkungssystem, als ein Reflexionssystem aller ihrer Elemente und Teile konstruiert, in dem Widersprüche auf geregelte Weise koexistieren und aufgehoben werden.

3. Der Marxismus entwirft – als wissenschaftlicher Sozialismus – den Grundriß einer humanen Gesellschaftsordnung. Er tut dies nicht, indem er ein ausgedachtes und erhofftes Bild der Menschlichkeit utopisch auf eine zukünftige Gesellschaft projiziert, sondern indem er aufgrund der Analyse der Wesensgesetze des Geschichtsprozesses die Möglichkeiten aufzeigt, die sich als Folge der gegenwärtigen Vergesellschaftungsformen für die Zukunft ergeben. Dabei stellt sich ein Bild menschlicher Daseinsgestaltung her, von dem sich die gegenwärtige Wirklichkeit als unmenschlich abhebt. Die Einsicht in die gesellschaftlichen Gründe, die die Verwirklichung des historisch herangereiften Gattungswesens des Menschen blockieren, erlaubt es, das politische Handeln auf das Ziel dieser Verwirklichung auszurichten. Wenn wir die Erfüllung des Gattungswesens des Menschen in seinen individuellen Spezifikationen Freiheit nennen (»die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller«), dann zeichnet der wissenschaftliche Sozialismus den Weg in das »Reich der Freiheit« vor.

4. Der Marxismus bringt – als wissenschaftliche Philosophie – die Probleme seiner Zeit auf den Begriff. Das heißt: Er vermittelt nicht nur Vorstellungen von ihnen, die je nach Standpunkt so oder so ausfallen können; sondern er zeigt ihre geschichtliche Herkunft, ihren Zusammenhang untereinander, ihren einheitlichen Charakter als Erscheinungsformen von Wesensmerkmalen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und der bürgerlichen Gesellschaft. Und er zeigt dies, indem er zugleich sich selbst, den Marxismus, als spezifische Reflexionsform seiner eigenen Epoche erkennt und also nicht außerhalb der Geschichte stellt. Damit entgeht er dem Dogmatismus eines absoluten Wahrheitsanspruchs, der traditionellen philosophischen Ganzheitslehren, Metaphysiken, eigen ist, ohne doch darauf zu verzichten, das Recht der historischen Wahrheit gegen den Pluralismus und Relativismus zu reklamieren. Der Marxismus entspricht so ganz und gar Hegels Bestimmung, Philosophie sei »ihre Zeit in Gedanken erfaßt«.

5. Der Marxismus stellt – als politische Handlungsanleitung – die Einheit von Theorie und Praxis her. Das heißt nicht einfach, daß jede Praxis von theoretischen Erwägungen begleitet und geleitet wird; in diesem trivialen Sinne gilt das für jedes Handeln, zumal für jede Politik. Vielmehr durchdringen sich im Marxismus philosophische Theorie und politische Praxis in der Weise, daß jede theoretische Konzeption als ein Moment der Praxis, als eine Position innerhalb der Fronten des Klassenkampfs definiert wird. Das bedeutet einerseits, daß nur wissenschaftliche gegenständliche Wahrheit ein integrales Moment marxistischer Theorie werden kann – denn das wissenschaftlich Falsche wäre im Klassenkampf schädigend für die eigene Strategie. Nur auf dieser Basis wissenschaftlicher Wahrheit können philosophische Totalisationen zu handlungsorientierenden Momenten der Praxis werden und also Theorie-Praxis-Einheit formieren. Aber natürlich sind auf dem Boden der wissenschaftlichen Erkenntnisse, eben weil diese ja immer nur Weltsegmente betreffen, immer noch verschiedene philosophische Ganzheitsentwürfe möglich; und diese repräsentieren Perspektiven und Positionen des Klassenkampfs, als welche sie kritisch zu unterscheiden sind. In diesem »Dreieck« von Theorieentwurf, Praxis und Theoriekritik wirkt eine wechselseitige Rückkopplung. Aus der Praxis entspringt ein Theorieentwurf, dieser wiederum beeinflußt die Praxis, seine praktische Anwendung beeinflußt die Theoriekritik, die Theoriekritik ihrerseits beeinflußt den Theorieentwurf. Die Trennung der Philosophie von der Praxis wird »aufgehoben« (obwohl sie natürlich gleichzeitig erhalten bleibt, denn Theorie ist etwas anderes als praktisches Tun) – sehr zum Entsetzen der »reinen« Philosophen, die sich in einer kontemplativen Ecke gegen die rauhen Winde der gesellschaftlichen Wirklichkeit geschützt glauben.

Mit diesen fünf Punkten ist umrissen, was marxistische Philosophie leistet. Zugleich ist damit auch gesagt, was in Gegenwart und Vergangenheit nicht Marxismus gewesen ist. Denn nicht alles, was sich dafür hält und ausgibt, ist auch Marxismus. Diese Binsenweisheit, die beileibe nicht nur für den Marxismus gilt, versteht sich von selbst. Jeder große Denkansatz hat auch seine Kümmerformen hervorgebracht.

Der Marxismus, von dem hier gesprochen wird und der zu keiner Zeit nur zu Kümmerformen degenerierte (wie larmoyante Selbstanklage jetzt zuweilen uns einreden will), ist keineswegs in der Krise, wie seine politischen Gegner, und besonders die kümmerlichen, geflissentlich behaupten. Daß er es nicht ist, sieht man schon daran, daß auch nicht-marxistische Theoretiker von seinem konzeptionellen Instrumentarium – wenn auch mit anders gewendeten Intentionen – eifrig Gebrauch machen. Wenn wir die Krise der sozialistischen Praxis, also den Niedergang der sozialistischen Gesellschaften analysieren wollen, tun wir gut daran, uns der marxistischen Theorie zu bedienen. Und es reicht dann auch nicht zu sagen, der ursprüngliche Marxismus sei eine kritische Selbstreflexionsgestalt des Kapitalismus und drücke den Selbstwiderspruch der bürgerlichen Gesellschaft aus – in welcher Funktion er ja vielleicht fortbestehen könne. Spätestens seit der Oktoberrevolution war der Marxismus-Leninismus – und das ist eine in sich differenzierte historische Einheit – auch der theoretische Ausdruck des Aufbaus des Sozialismus; und wenn der ursprüngliche Marxismus neben seinem kritischen Gehalt auch einen Zukunftsentwurf einschloß (was ernstlich ja doch niemand bestreiten wird und was ja zum Selbstwiderspruch der bürgerlichen Gesellschaft auch dazugehört), so wurde eben erstmals in der Sowjetunion in einem langwierigen, widerspruchsvollen und nun gescheiterten Prozeß dessen Verwirklichung versucht.

Theoriefehler

Selbstverständlich hat das Scheitern des sozialistischen Aufbaus primär ökonomische Gründe. Rußland war gegenüber den westlichen kapitalistischen Ländern ein rückständiges Land (»schwächstes Kettenglied«), Interventionsfeldzüge, äußere Bedrohung (während der gesamten Existenz des Sowjetstaates) und dadurch erzwungene (systemwidrige) Hochrüstung, Zerstörungen im 2. Weltkrieg trugen dazu bei, das Aufholen des Rückstands zu erschweren. Im einzelnen soll davon an anderer Stelle die Rede sein. Die Chance, unter diesen ungünstigen Umständen eine sozialistische Gesellschaft zu errichten und zu stabilisieren, hat gewiß bestanden; sie wahrzunehmen, hätte eine genaue theoretische Analyse und eine richtige Charakterisierung der Epochensituation und der in ihr wirksamen Kräfte erfordert, auf deren Grundlage die gesellschaftspolitische Strategie und die Erziehung zu sozialistischem Bewußtsein auszuarbeiten gewesen wäre. Dieser Aufgabe gegenüber hat die marxistische Theorie mindestens zwei fundamentale Fehler gemacht, aus denen eine Reihe von Irrtümern, Illusionen, Legitimationsideologien und unrealistische Zielvorgaben und schließlich eine generelle theoretische und also auch praktische Stagnation folgten.

1. Die Beschreibung der inneren Widersprüche und Verfallserscheinungen im kapitalistischen System mündete in die richtige Theorie von der allgemeinen Krise des Kapitalismus. In der Tat befindet sich der Kapitalismus seit dem 1. Weltkrieg in einer permanenten, allerdings in Wellenbewegungen verlaufenden Krise. Und Krise meint mehr als Börsenkräche und Konkurse. Allgemeine Krise bedeutet: Die Systemform des freien Markts, die die ökonomische Bedingung der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer fortschrittlichen Idee der Selbstbestimmung des Menschen und mit der dieser Idee entsprechenden Kultur war, wird durch die Bildung von Oligopolen und Monopolen zerstört und damit das Selbstverständnis der Gesellschaft zur Fiktion gemacht; die Ausplünderung der Natur nimmt menschheitsbedrohende Ausmaße an; der Reichtum der Industrieländer gerät in ein immer größeres Mißverhältnis zum Elend der ausgebeuteten »Dritten Welt«; der technische Fortschritt gerät außer gesellschaftliche Kontrolle; in den Ländern der »Ersten Welt« besteht – wenn auch mit Gefälle zwischen den einzelnen Ländern und temporären Schwankungen – eine massenhafte Dauerarbeitslosigkeit; zu jeder Zeit gibt es irgendwo in der Welt Kriege, die vom Kapital verursacht oder angeheizt werden, darunter zwei Weltkriege in dreißig Jahren; eine schleichende Geldentwertung schreitet unaufhaltsam voran; Bildungs- und Moralsysteme zerfallen, Kriminalität und Drogenkonsum nehmen zu. Die Indizien sprechen eine deutliche Sprache, und jeder Historiker würde, rückblickend auf eine solche Gesellschaft, nicht zögern, von Krise zu sprechen.

Indessen war die Schlußfolgerung falsch, die allgemeine Krise des Kapitalismus bedeute auch dessen zunehmende Schwäche und Niedergang, und der aufsteigende Sozialismus werde – könne er sich nur gegen Aggression schützen – in der Systemkonkurrenz notwendig und in nicht allzulanger Frist obsiegen. Zum einen wurden die Ressourcen gesellschaftlichen Reichtums, über die der Kapitalismus verfügt und die er ohne Rücksicht auf die Ausgebeuteten auch voll einsetzen kann, weit unterschätzt. Zum zweiten wurde verkannt, daß die Krise die Bewegungsform des Kapitalismus ist, in der sich seine inneren Widersprüche zur Einheit der Gegensätze formieren, und daß die Widersprüche noch keineswegs die Zerreißgrenze erreicht haben, an der die Einheit nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Drittens blieb unbeachtet, daß zur Zeit der Kapitalismus die Produktivkraftentwicklung noch im Rahmen seiner Produktionsverhältnisse steuern und ihre Probleme beherrschen kann, wenn auch mit immer weniger Aussicht auf langfristige Stabilität. Das heißt: Zwar waren die allgemeinen Erklärungsmuster nicht falsch, aber die mangelnde Konkretisierung und der falsche Schematismus ihrer Anwendung führten zu Fehleinschätzungen, Irrwegen der mittel- und langfristigen Planung und Selbstüberschätzung. Die Dialektik der Vermittlung von Allgemeinem und Besonderem wurde verfehlt.

2. Aus der richtigen These von der allgemeinen Krise des Kapitalismus und dem berechtigten Stolz auf den Sieg der Oktoberrevolution zog man die Folgerung, die Epoche als die des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus zu bestimmen.

In der Langzeit-Analyse ist diese Charakterisierung – wenn damit die Potentialität und Tendenzialität der gesellschaftlichen Prozesse bezeichnet wird – sicher nicht falsch und wäre erst dann widerlegt, wenn die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise zum Untergang der menschlichen Gattung geführt hätten (was ja auch eine reale Möglichkeit ist). In der Auffassung, der Sozialismus sei weltweit das Ziel der Geschichte unseres Zeitalters und die real existierenden sozialistischen Gesellschaften seien dessen erste Verwirklichungsstufe, wurden allerdings die inneren Schwierigkeiten und Widersprüche dieser sozialistischen Gesellschaften bei weitem unterschätzt; oft meinte man gar, sie auf administrative Weise auflösen zu können. Die Probleme waren jedoch struktureller Natur. Sie entsprangen der ökonomischen Schwäche der sozialistischen Länder im Vergleich mit den kapitalistischen Metropolen; der Abhängigkeit von den kapitalistischen Weltmarktbedingungen in der Systemkonkurrenz; der natürlichen Fortdauer vorsozialistischer Bewußtseins- und Verhaltensformen in großen Teilen der Bevölkerung unter den äußeren Bedingungen forcierter Durchsetzung sozialistischer Institutionen; der daraus resultierenden Notwendigkeit, die Diktatur des Proletariats, repräsentiert durch die Partei der Arbeiterklasse, zu prolongieren und damit zugleich die revolutionäre Akzeptanz dieses Zustands immer mehr zu schwächen (was zunehmende Bürokratisierung nach sich zog). Praktisch schlug diese dauernde Anstrengung, über die eigenen Verhältnisse leben zu müssen, in eine tatsächliche Überschätzung und Überbeanspruchung des »subjektiven Faktors« (im Gegensatz zu den eigenen theoretischen Versicherungen), also in eine Überlastung der menschlichen Einsatzfähigkeit und -bereitschaft um. Theoretisch drückte sich diese Diskrepanz in der illusionistischen Einschätzung aus, die Arbeiterklasse mit sozialistischem Bewußtsein habe bereits die gesellschaftliche Hegemonie errungen. Im vermeintlichen Besitz dieser Hegemonie und damit in der Annahme der Übereinstimmung mit den Massen wurden dann die richtigen Grundlagen der eigenen Theorie nicht mehr in argumentativen Auseinandersetzungen vertreten und weiterentwickelt, sondern wie ein allgemein akzeptiertes Kulturgut nur noch verkündet. Die klassischen Grundpositionen Lenins und Gramscis in der Hegemonietheorie wurden dabei ignoriert.

Was heißt Hegemonie?

Die Fehleinschätzung der Verlaufsformen der allgemeinen Krise des Kapitalismus und die Unterschätzung der Widersprüche und gegenläufigen Bewegungen im epochalen Prozeß des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus (als der bestimmten Negation des Kapitalismus und seine historische Alternative) mußte zu der Verkürzung des Hegemonie-Begriffs führen, derzufolge einerseits in den sozialistischen Staaten das Erscheinungsbild der administrativ kontrollierten Kultur mit den tatsächlichen Bewußtseinsprozessen und -inhalten gleichgesetzt wurde, während andererseits in den kapitalistischen Ländern »von einer ›Umbruchsituation‹ der Arbeiterbewegung« gesprochen wurde, »in der es notwendig und auch möglich ist, von vereinzelten und partiellen Abwehrkämpfen zu Klassenauseinandersetzungen mit zusammenfassendem, in die kapitalistischen Verhältnisse eingreifendem, hegemonialem Charakter zu kommen« (H. Geisselbrecht bei der IMSF-Konferenz »Intelligenz, Intellektuelle und Arbeiterbewegung in Westeuropa«, 1987). Demgegenüber gilt es, auf den prinzipiellen Gehalt des Hegemonie-Begriffs als einer Kategorie des entwickelten historischen Materialismus einzugehen.

Es kommt dabei darauf an, den Hegemonie-Begriff nicht zu eng und nicht einseitig zu fassen. Hegemonie ist der Titel für die Struktur des Dominanzverhältnisses in einer Klassengesellschaft; Dominanz heißt Führung im Bündnis mit anderen Klassen vor der Revolution, nach der Revolution aber Führung und Herrschaft in dem von der Arbeiterklasse eroberten Staat. Strategisch bezieht sich das Hegemonie-Konzept auf den Kampf der Arbeiterklasse um die politische Macht, die sie zur Abschaffung der Klassenverhältnisse befähigen soll; theoretisch bezeichnet der Hegemonie-Begriff eine in Klassengesellschaften prinzipiell, wenn auch formationsspezifisch modifiziert wirksame Art der Herrschaftsdurchsetzung, der Sicherung bestehender Produktionsverhältnisse vermittels Institutionen der Eigentumsgarantie, der Fixierung der (sozialen wie technischen) Arbeitsverhältnisse, der Verkehrsform, der Familienstruktur, der Erziehung, des Wissenschaftsbetriebs – vermittels der Lebensweise im allgemeinen, der Verhaltensnormen, der Ziel Vorstellungen und Erwartungshorizonte, vermittels deren Ausdruck in Moral, Kunst, Religion, Philosophie. Die Gesamtheit der diesen institutionellen und ideellen Objektivationen zugrunde liegenden und ihren Sinn mehr oder weniger kohärent zusammenfassenden Auffassungen nennen wir Weltanschauung. Die Dominanz einer herrschenden Klasse besteht darin, daß sie wesentliche Züge ihrer Weltanschauung auch den Beherrschten, Ausgebeuteten konsensfähig zu machen vermag, so daß sie dann der Repression durch äußere Gewalt nur in eingeschränktem Masse bedarf. Weltanschauliche oder kulturelle Hegemonie einer Ausbeuterklasse besagt, daß sie die inneren Widersprüche und Unter­drückungsmechanismen der gesellschaftlichen Ordnung für die Ausgebeuteten im Rahmen eines weltanschaulichen Integrationsmodells akzeptabel macht oder verschleiert. Das heißt: Hegemonie einer Klasse bedeutet die Durchsetzung ihres Weltanschauungstyps (zum Beispiel die polis-bezogene griechische Mythologie, das Ethos der römischen res publica, die christliche Religion der mittelalterlichen Feudalgesellschaft, die Ideen der französischen Revolution).

Die Beispiele zeigen, daß die hegemoniale Weltanschauung jeweils durch einen Komplex von vorherrschenden und normativ geltenden Verhaltensweisen der Menschen charakterisiert wurde. Die Fragen nach dem Sinn der Welt, nach den Ursachen der Naturerscheinungen, nach den bestimmenden gesellschaftlichen Werten, nach den richtigen Methoden des Denkens müssen von einer hegemonialen Weltanschauung so integriert und beantwortet werden können, daß der einzelne sich positiv zu ihnen in Beziehung setzen kann; »positiv« schließt auch eine kritische Einstellung ein, solange sie sich im Rahmen des Gesamtmusters hält. Für den historischen Materialisten versteht sich von selbst, daß die Weltanschauung nicht im Widerspruch zu den durch die Produktionsweise bedingten, also historisch konkreten Bedürfnissen der Menschen stehen darf, wenn sie sich als verbindlich und orientierend behaupten will. (So haben sich z.B. asketische Bewegungen in der Geschichte nie durchsetzen können.)

Nun ist es eine durch mannigfache Beispiele von Akkulturationen belegte Tatsache, daß die Bedürfnisstruktur der technisch-ökonomisch höher entwickelten Gebiete in den auf der nächstniederen Entwicklungsstufe stehenden Regionen als erstrebenswert, gar als Ideal angesehen wird. Durch diese Einwirkung hat sich der Fortschritt im Lebensniveau ausgebreitet. Marx wußte, warum er die Verwirklichung des Kommunismus an einen Stand der Produktivkraftentwicklung und Überfluß des gesellschaftlichen Reichtums gebunden sah, der eine allseitige materielle Bedürfnisbefriedigung garantieren könnte.

Der Kapitalismus bringt, auf der Grundlage eines immensen und rapiden Prozesses technischer Innovationen und Verfeinerungen, in seinem Bereich ein Warenangebot hervor, das die Bedürfnisse der Bevölkerung weitgehend prägt und kanalisiert – und zwar auf Kosten der Entwicklung zahlreicher Seiten des Menschseins, die dabei zu kurz kommen, und natürlich auf Kosten der ausgebeuteten Schichten und Völker, die zur Schaffen dieses großen, aber partiellen Reichtums beitragen, ohne daran teilzuhaben. Die sozialistischen Gesellschaften waren auf ein anderes Bedürfnissystem angelegt, ohne sich jedoch der Verlockung, die der Schein des Reichtums für jeden in der Form des Warenangebots darstellte, entziehen zu können. Ökonomisch schwächer als die kapitalistischen Metropolen, mußten sie im Wettlauf zwischen »sozialen und kulturellen Errungenschaften« und Nachtrab der Konsumgüterproduktion auf die Dauer immer mehr die Kraft verlieren, eine Alternative weltanschaulicher Orientierung gegenüber dem Kapitalismus auszubilden. Die Menschen reagierten mit Gleichgültigkeit und der (trügerischen) Projektion von Erwartungen auf den Kapitalismus, die Regierungen mit Bürokratie und Restriktion individueller Freiheiten.

Damit aber war der Kampf um die Hegemonie der revolutionären Arbeiterklasse in den sozialistischen Ländern verloren. Bürgerliche Ideologien begannen die sozialistischen Gesellschaften zu infiltrieren oder in ihnen, an vorsozialistische Weltanschauungselemente anknüpfend, wieder zu wachsen. Weil die Ganzheitssicht des wissenschaftlichen Sozialismus mit den Erwartungshaltungen der Menschen nicht mehr in Einklang zu bringen war und nur in abstrakter Allgemeinheit sich über die Alltagserfahrungen legte, erstarrte die Theorie in Schematismen und gab das Feld der gegenständlich besonderen Praxis den philosophisch nicht mehr integrierten, daher zu positivistischem Stückwerkdenken regredierenden Spezialwissenschaften preis, die die Methoden und, in ihnen impliziert, auch die weltanschaulichen Deutungen aus dem Wissenschaftsbetrieb westlicher Länder übernahmen. Nicht das wäre schlecht, daß von Kenntnissen und Erkenntnissen systemübergreifend gelernt würde! Anders ist Wissenschaft überhaupt nicht denkbar. Von Übel war aber, daß mangels eigener weltanschaulicher Überzeugungskraft die ideologischen Interpretamente der nützlichen Erkenntnisse mit übernommen wurden.

Also: Versagen der hegemonialen Führung im sozialistischen Lager. Das bedeutete aber auch: Mit dem Schwinden der Attraktivität des gesellschaftlichen Alternativmodells wurde auch die Kraft der kommunistischen Bewegung, in der kapitalistischen Welt um die Hegemonie zu kämpfen und damit die Voraussetzungen für revolutionäre Veränderungen zu schaffen, immer schwächer. Es entsteht die paradoxe Situation, daß einerseits die wissenschaftliche Erklärungskraft des Marxismus auch von nicht-marxistischen Wissenschaftlern, Philosophen, Schriftstellern usw. mehr und mehr anerkannt wird und wenigstens teilweise sich auch in ihren Werken niederschlägt, während andererseits die gesellschaftlich-politische Orientierungsfähigkeit des Marxismus weiter und weiter abgenommen hat. Die Lage, in der wir uns gegenwärtig befinden, ist das Endstadium dieses Abstiegs.

Philosophie im wissenschaftlichen Zeitalter

Es heißt, wenn man auf der Talsohle angelangt sei, könne es nur wieder aufwärts gehen. Aber diese topographische Metapher ist unkorrekt. Ohne Einsatz geht es nicht aufwärts; sonst bleibt man eben unten sitzen! Man muß sein Gepäck zusammenraffen und das Gelände erkunden, um den richtigen Weg zu entdecken. Was also ist die Aufgabe der marxistischen Theoretiker heute? Welches ist der Boden, auf dem er Fuß fassen muß?

Nicht nur als Konsequenz der Aufklärung, sondern vor allem im Zuge der Entwicklung der Wissenschaft zur bedeutenden Produktivkraft ist die Wissenschaftlichkeit zum spezifischen Merkmal des Weltanschauungstyps unseres Jahrhunderts geworden. Die Normen und Formen der Wissenschaftlichkeit bestimmen selbst noch die Rhetorik unwissenschaftlicher, pseudowissenschaftlicher oder wissenschaftsfeindlicher Auffassungen. Das Wuchern des Irrationalismus in der bürgerlichen Welt widerspricht dem nicht, denn auch der Irrationalismus unterstellt sich in seinen Begründungsverfahren dem Prinzip rationaler Argumentation; er will Irrationalität rational konstruieren. Der Anspruch wissenschaftlicher Rationalität übergreift noch ihren Gegensatz. Der Irrationalismus ist nur ein Ausdruck des Bemühens, für das Versagen der bürgerlichen Ideologie gegenüber ihrem eigenen Wissenschaftlichkeitspostulat eine Legitimation zu liefern und damit die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft zur »Seinsverfassung« zu hypostasieren und festzuschreiben.

Die Wissenschaftlichkeit der Weltanschauung – entgegen einem weltanschaulichen Agnostizismus, der unter Trennung von Sach- und Werturteilen nur noch die Sammlung und logische Verarbeitung von Fakten für wissenschaftlich hält und die Lebensorientierung wissenschaftlich nicht begründbaren Setzungen überläßt – macht die wirkliche Modernität und Überlegenheit des marxistisch-leninistischen Sozialismus aus. Die Gesamtheit des theoretischen und praktischen Verhaltens wird den Normen einer um die Totalität der Reflexion bereicherten Wissenschaftlichkeit unterstellt. Eine solche nicht szientistisch verengte Universalität von Wissenschaftlichkeit als Lebenshaltung wird erst durch die Ausarbeitung der (materialistischen) Dialektik ermöglicht, die es erlaubt, Widersprüche als Momente der »Vernunft in der Geschichte« zu begreifen und so eine rationale Systematik des historischen Fortschritts zu konstruieren. Die wissenschaftliche Weltanschauung des Marxismus ist dergestalt in der Lage, den Entwurf eines homogenen und zugleich entwicklungsfähigen Orientierungswissens anzubieten, das die ideelle und institutionelle Mannigfaltigkeit unseres Weltverhältnisses nach einem einheitlichen Prinzip ordnet und ihren Sinn verstehbar macht. Damit trägt sie in sich die Potenz, auch innerhalb der bürgerlichen Welt der ideologischen Ratlosigkeit abzuhelfen und neue Perspektiven zu eröffnen.

Ich sagte, der Marxismus biete eine entwicklungsfähige Weltanschauung an, und zwar deshalb, weil sie eine wissenschaftliche Weltanschauung ist. Wissenschaft ist an die empirische Überprüfung, Modifizierung und Korrektur ihrer Inhalte (einschließlich der Eliminierung als falsch erwiesener oder im theoretischen Kontext unhaltbar gewordener Auffassungen) gebunden. Eine wissenschaftliche Weltanschauung unterliegt demgemäß dem Kriterium, daß sie sich zu dem Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse und derem sich selbst korrigierenden Fortschreiten nicht in Widerspruch setzen darf. Sie ist daher zugleich kritisch und selbstkritisch: kritisch, indem sie Inkonsistenzen von Theorien und deren Interpretationen aufzeigt, und selbstkritisch, indem sie ihr Zurückbleiben hinter dem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt korrigiert, mithin ihre Modellvorstellungen modifiziert, erweitert, erneuert. Nur als eine kritische und selbstkritische kann eine Weltanschauung im wissenschaftlichen Zeitaltar angemessen orientieren; sonst würde sie dem historischen Prozeß der Entfaltung des Wissens und der Produktivkräfte entgegenstehen und »reaktionär« sein. Es leuchtet ein, daß die Selbstkorrektur von Orientierungswissen nur garantiert ist, wenn keine partikularen Klasseninteressen, die gesichert werden sollen, dadurch verletzt werden. Die wissenschaftliche Weltanschauung wird hegemonial erst in einer Gesellschaft, in der die Produktionsverhältnisse zur Aufhebung der Klassen führen müssen, für die also der Übergang zur klassenlosen Gesellschaft bestimmend ist. Wohl aber enthält die Entwicklung der Wissenschaft zur dominanten Produktivkraft auch schon in der kapitalistischen Gesellschaft die Tendenz zur Verwissenschaftlichung der Weltanschauung, so daß der Marxismus, der dieser Tendenz entspricht, in der Entfaltung seiner eigenen theoretischen Positionen den Kampf um die geschichtlich notwendige Bewußtseinsveränderung der Massen, und das heißt, den Kampf um die weltanschauliche, kulturelle Hegemonie führt.

Dabei ergibt sich eine gegenüber früheren Gesellschaftsformationen neue geschichtliche Situation. Hegemonie einer Klasse bedeutet die Durchsetzung ihres Weltanschauungstyps. Nun können im Übergang von einer Klassengesellschaftsformation zur anderen Teile der herrschenden Klasse ihre Ausbeutungsformen in die der neuen Produktionsverhältnisse überführen, sich diesen anpassen und so erhalten, wie dies zum Beispiel beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus in einem langen (und selbst wieder durch gesellschaftliche Institutionen und Organisationsformen des Absolutismus abgesicherten) Prozeß geschah, während zunächst die alten Herrschaftsstrukturen und ihre Verfassungsformen beibehalten wurden. Den Erfordernissen der neuen Produktionsweise entsprechend wurden die Weltanschauungsgehalte der aufsteigenden Klasse schon unter den alten Herrschaftsverhältnissen hegemonial, und die zu kapitalistischen Produktionsformen übergehenden Vertreter des Feudaladels konnten mit ihrem Hinüberwachsen in die neuen Klassenstrukturen und der Angleichung ihrer Klasseninteressen an die des Bürgertums zugleich auch wesentliche Elemente von dessen Weltanschauung akzeptieren. Die französische Enzyklopädie, die Wissen und Weltanschauung organisierte und homogenisierte, ist das sichtbare Zeichen dieses ideologischen Prozesses. Die kulturelle Hegemonie des Bürgertums als führender Klasse über den Adel als herrschende Klasse setzte sich bereits vor der französischen Revolution durch und diente deren Vorbereitung.

Die Arbeiterklasse ist in einer anderen Lage. Ihre historische Mission besteht ja gerade darin, die partikularen Klasseninteressen von Ausbeuterklassen aufzuheben, so daß es keine Klasse gibt, die ihre Sonderinteressen in den Sozialismus transponieren und in ihm dann wiederfinden könnte. Das heißt, die Arbeiterklasse kann die Profitinteressen der Bourgeoisie nicht in veränderter Form in sich reproduzieren; demgemäß fehlt für die Bourgeoisie zunächst einmal jedes Motiv, die Weltanschauung der Arbeiterklasse, den wissenschaftlichen Sozialismus, als Ausdruck eines historischen Fortschritts zu akzeptieren, an dem sie auch als Klasse, wenn auch als Klasse sich verändernd, partizipieren könnte. Es gibt keinen organischen Übergang von bourgeoisen zu proletarischen Interessen. Ein am 18. Jahrhundert gewonnenes Modell der Eroberung der kulturellen Hegemonie unter den Bedingungen des Fortdauerns der alten Herrschaftsverhältnisse ist darum untauglich, die Ausgangslage des ideologischen Kampfs in der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus auszudrücken. Das bürgerliche Konzept der waltanschaulichen Aufklärung, wie es von fortschrittlichen Intellektuellen in den sechziger und siebziger Jahren als politische Strategie der Systemveränderung vertreten wurde, ist aus klassenstrukturellen Gründen falsch und darum auch, trotz zeitweilig starker Repräsentanz dieser fortschrittlichen Gruppen im Bildungswesen und in den Massenmedien, notwendigerweise (man kann nicht einmal sagen gescheitert, sondern einfach) folgenlos geblieben.

Dies sollte man deutlich sehen – gerade dann, wenn nach dem Scheitern des ersten Versuchs, eine sozialistische Gesellschaft in einem Teil der Welt aufzubauen, die Frage nach einer Strategie für die Zukunft des Sozialismus zu stellen ist. Die Zielstrebigkeit und Brutalität, mit der heute alle Daseinsformen und Institutionen des kulturellen Lebens in den ehemals sozialistischen Ländern zerschlagen werden, um sie in den ideologischen Apparat der bürgerlichen Gesellschaft aufsaugen zu können, läßt keinen Zweifel an der weltanschaulichen Kompromißlosigkeit und Unversöhnlichkeit der Bourgeoisie; die abwägende und wohlwollende Einstellung von einzelnen ändert daran nicht viel. Wissenschaftliche Weltanschauung schließt zu einem wesentlichen und unverzichtbaren Teil auch politisches Handeln ein, das sich die Gestaltbarkeit der Geschichte nach wissenschaftlichen Prinzipien zur Grundvoraussetzung macht. Wissenschaftliche Prinzipien: Das bedeutet den Vorrang des Allgemeinen vor Sonderinteressen aufgrund der Erkenntnis, was für die menschliche Gattung (und nicht nur für einige) gut und nötig ist. Eine solche wissenschaftlich und geschichtsphilosophisch begründete Politik steht aber notwendig im Gegensatz zu den besonderen Interessen der herrschenden Klasse, diese muß also, um ihrer Selbsterhaltung willen, einer wissenschaftliche Weltanschauung die Zerfällung des gesellschaftlichen Bewußtseins in die Beliebigkeit gleichberechtigter »Meinungen« entgegensetzen. Der Pluralismus ist die Strategie der Bourgeoisie zur Verteidigung ihrer Hegemonie.

Andererseits sind die gesellschaftlichen Folgen der wissenschaftlich-technischen Revolution nur noch in einer wissenschaftlichen Weltanschauung aufzufangen und den Lebenszielen der Menschen zu integrieren. Wir brauchen einen Zukunftsentwurf, in dem unser technisches Können, unsere humanen Bedürfnisse und unsere natürlichen Lebensbedingungen in Einklang gebracht werden, und der uns zu planmäßigem Handeln befähigt. Wissenschaftliche Rationalität nicht nur in der Detailforschung, sondern auch in der dialektischen Konstruktion des Gesamtzusammenhangs ist eine Überlebensnotwendigkeit der Menschheit. In unserer Zeit bietet aber kein anderer Weltanschauungsentwurf als der des Marxismus ein rationales Konzept der Welt im ganzen, der Geschichte und des geschichtlichen Verhältnisses des Menschen zur Natur. Das macht die potentielle Überlegenheit des Marxismus und seine Zukunftsperspektive aus. Je drängender die Menschheitsprobleme werden, um so mehr werden die Menschen -in der marxistischen Theorie wieder Orientierung suchen.

Es kommt daher alles darauf an, dieses theoretische Instrumentarium gegen alle Entschärfungsversuche zu erhalten, offen für Entwicklungen, die in der Welt stattfinden, präzise in der Begrifflichkeit und Methodik, frei von Schematismen, kritisch gegen bloßes Wunschdenken, kämpferisch in dem Bewußtsein, daß der Fortschritt sich nur in der Überwindung der Partikularinteressen verwirklicht.

Der Marxismus steht dabei – als einzige Philosophie der Gegenwart – in einer nicht durch irrationalistische Einflüsse gebrochenen Tradition der Moderne. Das entstehende und um seine Hegemonie kämpfende Bürgertum vollzog im 17. Jahrhundert – beispielhaft durch die Werke der Galilei, Descartes, Bacon dokumentiert – den Übergang zum weltanschaulichen Primat der Wissenschaftlichkeit. Zwischen 1600 und 1830 vollzog sich die Entwicklung von Philosophie, Wissenschaften und Technik im Gleichklang und führte zur Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverhältnisse mit bürgerlich-demokratischen Politikformen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts in den führenden Industriestaaten verfassungsmäßig institutionalisiert wurden. Es gehört zu den »heroischen Illusionen« dieses Kampfs um die bürgerliche Hegemonie, in den Klasseninteressen der Bourgeoisie die Allgemeininteressen der Menschheit ausgedrückt zu sehen; und diesen »heroischen Illusionen« verdankt die bürgerliche politische und philosophische Theorie zugleich Inhalte, die über die Realisierung der Klasseninteressen der Bourgeoisie hinausweisen und mehr und mehr in einen Widerspruch zu der von der Theorie gemeinten Wirklichkeit und Praxis geraten. Die Kapitalismus-Kritik des Marxismus kann an die Intentionen der Aufklärung anknüpfen, ihre Tendenz zur universellen Rationalität und Wissenschaftlichkeit aufnehmen und in die komplexeren Formen der gegenwärtigen Produktionsweise der wissenschaftlich-technischen Revolution transformieren. Die bürgerliche Ideologie dagegen muß wesentliche Inhalte ihrer Tradition verleugnen oder bekämpfen – und sie tut das seit Nietzsche bis hin zur heute modischen »Post-Moderne«, ohne einen neuen Entwurf der Sinngebung an die Stelle setzen zu können. Alle Weltanschauungsangebote des 20. Jahrhunderts (außer dem Marxismus) bleiben Splitter und Surrogate.

Verhältnis zum Erbe

Jede Klasse produziert in dar Epoche ihres Kampfes um die Herrschaft in der Gesellschaft, um die Hegemonie, also in der Phase ihres Aufstiegs zur herrschenden Klasse die Weltanschauung, kraft deren sie ihre Interessen als die der Menschheit insgesamt interpretieren kann. Das heißt, jede Klasse hat ihre »heroischen Illusionen« über ihre eigene Rolle in der Weltgeschichte und die Verwirklichung eines idealen Zieles oder Gattungswesens des Menschen. Es ist hier nicht der Ort, um die philosophischen Probleme zu erörtern, die in der verborgenen oder expliziten Normativität eines solchen Konzepts liegen; eine historisch-materialistische Kulturtheorie muß sich damit beschäftigen. Jedenfalls gibt es in allen Gesellschaftsformationen, in welcher ideologischen Perspektive auch immer, einen in symbolischen Formen sich ausdrückenden Vorgriff auf die Idee eines erfüllten Menschseins – ein Versprechen, das unter den Bedingungen der Klassengesellschaft nicht eingelöst werden kann, so daß jede Klassengesellschaft im Laufe ihrer Entwicklung in Widerspruch zu ihrem eigenen Weitanschauungsprogramm gerät.

Daß wir zur Vergangenheit der Menschheit ein »jetztzeitliches« Verhältnis haben, hängt damit zusammen, daß wir in den Kulturwerken historischer Epochen einen solchen überzeitlichen, uns betreffenden Gehalt entdecken können. Historisch-materialistisch muß ein solcher antizipativer Gehalt in der Bestimmung des Verhältnisses einer Ideologie oder symbolischen Form zu der sie hervorbringenden Basis (einschließlich der ideellen Differenz zu dieser Basis) herausgeschält und begründet werden. Eine historische Differentialanalyse hebt aus einem antiquarischen Bestand das Erbe heraus, das wir anzutreten oder abzulehnen haben; auch abzulehnen, denn natürlich gehören virulente Traditionen, die in eine ungewünschte Richtung weisen, auch zum Erbe (Beispiel Nietzsche!) – und da gilt es, Entscheidungen zu treffen, die politisch-ideologische Standortbestimmungen im Klassenkampf sind und voraussetzen. Im engeren Sinne kann man das Erbe, das wir unter dem Postulat des »Fortschritts im Bewußtsein der Freiheit« anzutreten bereit sind (und auch antreten müssen, wenn wir uns nicht von den Wurzeln der eigenen Existenz abschneiden wollen), in den Manifestationen der geschichtlich gewordenen und sich entfaltenden Humanität sehen. Der Kampf um die Hegemonie der Arbeiterklasse ist der Kampf um die Verwirklichung eines humanistischen Geschichtsbegriffs.

Der Widerspruch zwischen dem »heroischen Illusionen«, dem »utopischen Vorschein«, den Idealen, die sich in dar Weltanschauung einer Klasse niedergeschlagen haben, und den tristen Aspekten der Wirklichkeit einer Ausbeutergesellschaft und gar einer »untergehenden Kultur«, bleibt natürlich auch den Angehörigen der herrschenden Klasse nicht verborgen. Resignationsideologien, Weltfluchtbewegungen und Zynismus – oder moralisch betroffene Kulturkritik und Gesellschaftskritik – sind Reaktionen auf das Dilemma zwischen idealen Nomen und schlechter Wirklichkeit, die jedoch gerade wegen ihrer reinen Negativität keine weltanschauliche Integration mehr leisten können. Hier entsteht nun eine neue Front im ideologischen Klassenkampf, im Kampf um die weltanschauliche Hegemonie des Proletariats. Die bewußte, historisch-materialistisch gesichtete und gedeutete Aneignung des kulturellen Erbes, die Identifikation des Sozialismus mit dem humanitären Gehalt der Menschheitsgeschichte und die Verteidigung dieses Gehalts gegen seine Zerstörung bilden ein weltanschauliches Programm, dem große Teile des desillusionierten Bürgertums zustimmen können und das den gemeinsamen Rahmen eines weltanschaulich-politischen Bündnisses abzugeben vermag, innerhalb dessen dann die größere politische, theoretische und moralische Kraft des Proletariats und seine Zukunftsperspektive eine Voraussetzung zur Erlangung der führenden Rolle darstellt. Die Klassengrundlage dieser realen Möglichkeit liegt darin, daß breite Schichten der Bourgeoisie, insbesondere das Klein- und Mittelbürgertum (einschließlich der »Intellektuellen«) längst deklassiert wurden und an der Herrschaft der Monopolbourgeoisie nicht teilhaben, so daß ihre spezifischen Interessen durch die ökonomischen Verhältnisse nicht mehr befriedigt werden und einen nur noch irrealen Ausdruck in der traditionellen Ideologie der klassischen Epoche des Bürgertums finden.

Nutzt also die Arbeiterklasse die Chance ihrer geschichtlichen Existenzbedingung und transformiert die kulturellen Ideale und Antizipationen der Menschheit in ihre Weltanschauung, zeigt sie die reale Möglichkeit der Realisierung dieser Ideale unter Überwindung der ihnen eigenen Klassenschranken, so kann sie jene Schichten der Bourgeoisie für den Fortschritt mobilisieren, die durch den Übergang zum Monopolkapitalismus ihre Interessenbindung an den Klassentypus der bürgerlichen Gesellschaft objektiv verloren haben (wenn sie auch dessen subjektiv nicht bewußt sein mögen). Wenn im Übergang von einer Klassengesellschaft zur nächsten durch die Transformation von Ausbeutungs- und Herrschaftsinteressen die Bedingungen für die Hegemonie der neu aufsteigenden Klasse geschaffen wurden, so kann in der Periode des Übergangs zum Sozialismus die Transformation der Weltanschauungsideale der deklassierten Teile der Bürgertums in die Weltanschauung des Proletariats die gleiche politische Funktion erfüllen – und das besonders im Augenblicke der Gefahr. Das Konzept der antifaschistischen Bündnispolitik und die vom VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale ausgearbeitete Strategie stellen der Arbeiterbewegung diese Aufgabe. Dabei ist deutlich, daß die führende Rolle der Arbeiterklasse in diesem Bündnis nach der Erringung der politischen Herrschaft – gerade weil sie sich gegen das Machtpotential der Monopolbourgeoisie durchsetzen und erhalten muß – auf der Grundlage der weltanschaulichen Hegemonie, das heißt: mit der prinzipiellen Zustimmung der Mehrheit des Bevölkerung, in die staatlich-institutionelle Form der Diktatur des Proletariats übergehen muß; dies ist gegen alle Versuche festzuhalten, die Theorie von der Diktatur des Proletariats aus der Strategie kommunistischer Parteien auszuklammern. Gerade die klassischen Theoretiker des Hegemoniekonzepts (wie Antonio Gramsci) haben diesen Zusammenhang immer wieder hervorgehoben. Hegemonie und Diktatur des Proletariats sind Elemente ein und derselben Theorie des Klassenkampfs.

Mit der Arbeitsteilung zwischen Hand- und Kopfarbeit ist die Produktion und Verbreitung von Weltanschauungsgehalten sowie die institutionelle Durchsetzung von Wertvorstellungen hauptsächlich der Schicht der »Intellektuellen« zugefallen, die damit primär zu Vollstreckern der Hegemonie der herrschenden Klasse geworden sind. Da die Wissenschaft (samt ihren weltanschaulichen Konsequenzen) immer mit der Produktivkraftentwicklung verknüpft ist, können innerhalb der Schicht der bürgerlichen Intellektuellen, der von Gramsci so genannten »traditionellen Intellektuellen«, ja sogar im Bewußtsein des einzelnen Intellektuellen Widersprüche auftreten, die zusammen mit der Transformation des kulturellen Erbes in die Weltanschauung der Arbeiterklasse ein Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Intelligenz begünstigen. Der Transformationsprozeß selbst wird jedoch von Intellektuellen vollzogen, die aus dem Klassenkampf des Proletariats selbst als Träger der speziellen theoretischen Funktionen hervorgegangen sind und die entweder der Arbeiterklasse entstammen oder sich ihr angeschlossen haben; von diesen spricht Gramsci als »organischen Intellektuellen«. Mit Gramsci ist festzuhalten, daß jede menschliche und insbesondere die bewußte politische Tätigkeit intellektuelle Leistungen erfordert und daß also jeder klassenbewußte Arbeiter und vor allem jeder Funktionär ein »organischer Intellektueller« seiner Klasse ist. Theoretische Schulung ist darum ein unerläßliches Moment in der organisierten Arbeiterbewegung und ein Medium der Transformation des kulturellen Erbes.

Damit die Arbeiterklasse diese Transformation kritisch und von ihrem Klassenstandpunkt aus in richtiger politisch-weltanschaulicher Perspektive leiste kann, bedarf es eines entwickelten theoretischen Niveaus des historischen Materialismus. Das heißt, die Praxis des politischen und ideologischen Klassenkampfs enthält als ihr unverzichtbares Moment die Ausarbeitung der theoretischen Konzepte der wissenschaftlichen Weltanschauung des Sozialismus – nicht nur das polemische Element der ideologiekritischen Destruktion der gegnerischen Position. Theorie ist nicht ein zweites, zur spontanen und von den Umstanden diktierten Praxis hinzukommendes Element der Politik, sondern ein Moment der Praxis selbst. Jedes Verhalten ist von weltanschaulichen Steuerungsmechanismen durchsetzt; aber nur eine wissenschaftliche Weltanschauung, die sich zu sich selbst kritisch reflexiv verhält, hebt die Praxis über das einfache Verhältnis von Aktion und Reaktion und über die bloße Setzung von utopischen Zielen hinaus auf ein neues Niveau. So wird die Ausbildung eines theoretisch totalisierenden (und nicht nur pragmatischen) Konzepts zur Bedingung einer wissenschaftlichen Praxis. In einem solchen Konzept sind dann auch die Inhalte des Erbes so aufgehoben, daß sie nicht als fremde Überbleibsel aus einer anderen Weltanschauung stehen bleiben (und dann verzerrend oder dekomponierend in die neue Weltanschauung hineinwirken), sondern Teil der eigenen Sinnentwürfe werden. Nur im Zuge der Entwicklung eigener konsistenter theoretischer Modelle der Geschichte, der Kultur und des Gesamtzusammenhangs kann auch das Erbe einverleibt und also in der neuen Formation lebendig gehalten werden.

Der Status einer wissenschaftlichen Weltanschauung, die praxisorientierend sein soll, und der Anspruch auf Theoriekonsistenz verbieten es, divergierende Problemlösungen als prinzipiell gleichberechtigt und gleich gültig (gleichgültig!) anzusehen. Die Intention auf einen pluralen oder pluralistischen Marxismus mit unentschiedenen, vielleicht sogar unentscheidbaren Varianten widerspricht dem integrierenden Charakter einer auf hegemoniale Stellung ausgehenden Weltanschauung und ist selbst Produkt einer spätbürgerlichen Geisteshaltung, also das genaue Gegenteil einer Weltanschauung der Arbeiterklasse. Natürlich gibt es Meinungsstreit im Marxismus, Differenzen über die Brauchbarkeit von Hypothesen, über den Wahrheitsgehalt oder die Richtigkeit von Theorieentwürfen, aber mit der Erwartung, daß solche Differenzen prinzipiell entscheidbar sind und aus Gründen der Praxisorientierung auch entschieden werden müssen. Natürlich gibt es – und zwar, wie oben ausgeführt, unverzichtbar – dauernde Kritik und Selbstkritik, die zu Korrekturen bestehender Theorien führt. Die Grundauffassung von der Historizität der Erkenntnis und von der graduellen Annäherung relativer Wahrheit an die absolute steht einer dogmatischen Verfestigung entgegen (was nicht heißen soll, daß es nicht dogmatische Verfestigungen geben kann, deren Auflösung großer kritischer Anstrengungen bedarf). Aber es gibt nicht mehrere »Marxismen«, und es könnte sie nur geben um den Preis der Spaltung der Arbeiterklasse und ihres Verzichts auf ein neues, die Gesellschaft nach einem einheitlichen Prinzip organisierendes und die Geschichte als gesetzmäßig verstehendes »System der Zwecke«. Institutionalisierter, als Weltanschauungs­prinzip anerkannter Pluralismus würde bedeuten: Ausklammerung der Wahrheitsfrage, Legitimation subjektivistischer Strategiekonzepte, Auflösung der in den Organisationen der Arbeiterklasse sich realisierenden Einheit von Theorie und Praxis und damit des besonderen Charakters der politischen Form der Arbeiterbewegung, Zerfall des Klassenbewußtseins. Es ist der philosophische Sinn der Leninschen Parteitheorie und der objektiven Bestimmung der Kommunistischen Partei als »Avantgarde der Arbeiterklasse«, daß die Objektivität und der historische Wahrheitsgehalt der Theorie als ein integriertes Moment der Praxis (und nicht als eine auswechselbare Zutat) begriffen werden und in das Organisationsverständnis des Marxismus-Leninismus eingehen. Die historische Mission der Arbeiterklasse, zum erstenmal in der Geschichte nicht partikulare Interessen, sondern das Gattungswesen des Menschen zum Klassenzweck, zum Inhalt ihrer Hegemonie machen zu können, läßt einen Pluralismus von »Weltanschauungen« nicht zu.

Wohl aber hat die marxistische Theorie (in ihrer systematischen Einheitlichkeit) die Mannigfaltigkeit der historisch-gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen des Klassenkampfs in den verschiedenen Ländern zu berücksichtigen und neben den ökonomischen Verschiedenheiten insbesondere die differenzierten kulturellen Traditionen in ihre Strategien aufzunehmen. Nur dann ist in der Aneignung der jeweiligen Nationalkultur auch die Voraussetzung für die Erringung der kulturellen Hegemonie gegeben. Internationalismus und nationale Besonderheiten widersprechen sich nicht, sondern greifen ineinander. Die Kommunisten sind sich dessen immer bewußt gewesen, wenn sie, ungeachtet aller Solidarität innerhalb der revolutionären Weltbewegung, stets betont haben, daß die Revolution nicht exportiert werden könne und in jedem Lande aus den dort herrschenden Widersprüchen hervorgehen müsse. So steht die fortschrittliche Intelligenz jedes Landes vor der Aufgabe, von den eigenen nationalen Gegebenheiten aus, unter Aktivierung des nationalen Kulturerbes, die theoretischen Konzepte zu formulieren, die dem Kampf um den Übergang zur neuen Gesellschaftsformation Ausdruck und Richtung geben.

Was ansteht

Wissenschaftliche Weltanschauung ist mehr, als ein bloßes Wissen von der Welt, das zu einem Gesamtbild (= Weltbild) gerinnt. Ein »Bild« bleibt auf die Statik des Ergebnisses einer reproduzierenden oder konstituierten Darstellung festgelegt. Weltanschauung setzt das Bild, auf das man sich beziehen kann, voraus, aber sie erfährt die wirkliche Welt als bewegte, sich verändernde, in deren prozessualem Ganzen jeder selbst seinen Ort hat und wechselt und sich also orientieren muß. Weltanschauung ist nicht primär auf Wissen, sondern auf Praxis bezogen; und wissenschaftliche Weltanschauung ist Orientierungswissen für die Praxis auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Erste Aufgabe marxistischer Philosophie, die in der Praxis nicht bloß als externe »Beratungsinstanz«, sondern als wirksames Moment der Praxis selbst eingehen will, muß es also sein, ständig an eigenen Konzepten zur Erklärung und Bestimmung des situativen, sich verändernden Weltverhältnisses des Menschen zu arbeiten. Problemfelder sind heute vorgegeben durch die neue Qualität technischen Machens und Machen-Könnens, durch die neuen Erweiterungen und Begrenzungen des Freiheitsraums, durch den Strukturwandel des – von Marxisten bisher unverständlicherweise vernachlässigten – Systems der Bedürfnisse, durch die sog. »globalen« Probleme, durch das neuartige Phänomen der intensiven Kulturbegegnungen und -durchdringungen, durch die neue Form der Produktion von Schein im gesellschaftlichen Bewußtsein durch die Omnipräsenz der Medien (um nur einige auffällige »Aktualitäten« zu nennen). Hier hat die Philosophie produktiv konzeptionelle Arbeit zu leisten und sich darüber hinaus methodologisch und erkenntniskritisch ihres eigenen Vorgehens zu vergewissern.

Doch diese positive Aufgabe, die Inhalte und Formbestimmungen der Weltanschauung auszuarbeiten und weiterzuentwickeln, kann nicht geleistet werden, wenn nicht zugleich weltanschauliche Deutungssysteme abgewehrt werden, die der Wissenschaftlichkeit zuwiderlaufen und/oder Legitimationen für die Perpetuierung bestehender Produktions- und Herrschaftsverhältnisse sind. Ideologiekritik – oft zu ausschließlich als das Geschäft marxistischer Philosophie verstanden – bleibt deren unverzichtbarer Bestandteil, und zwar aus zwei Gründen: Einmal, weil die Widerlegung falscher Theorien und/oder unwissenschaftlicher Deutungen zur Förderung und Sicherung des wissenschaftlichen Fortschritts gehört (Parteilichkeit für die Wahrheit!); zum anderen, weil weltanschauliche Deutungen von Wissen immer einen Stellenwert in der politischen Auseinandersetzung um die Organisationsform des gesellschaftlichen Lebens, also im Klassenkampf besitzen (Parteilichkeit der Wissenschaft für den gesellschaftlichen Fortschritt!). Das erste ist die erkenntnistheoretische, das zweite die ethische Komponente der Wissenschaftlichkeit, und letztere auszuklammern, wäre eine szientistische Verkürzung. Hier können wir immer noch aus dem 6. Buch der Nikomachischen Ethik des Aristoteles lernen.

Allgemeiner geht die Ideologiekritik in eine dritte, umfassendere Aufgabe marxistischer Philosophie über: Der Schein, der sich insgesamt über die bürgerliche Gesellschaft legt und, von ihr produziert, ihr wahres Wesen verschleiert – man denke z.B. an die institutionellen Formen der Demokratie, an die Fiktionen von Freiheit und Menschenrechten, an die Wohlstandsideologie und vieles andere mehr -, dieser Schein oder (wie Adorno sagte) »Verblendungszusammenhang« muß in einer allgemeinen philosophischen Theorie der spätbürgerlichen Gesellschaft und in unzähligen, sich untermauernden Einzelanalysen durchsichtig gemacht werden, wenn die multimediale Manipulation des gesellschaftlichen Bewußtseins durchbrochen werden soll. Sicher entsteht Klassenbewußtsein nicht durch Theorie; ganz sicher aber entsteht es auch nicht ohne Theorie, deren Erkenntnisse im politischen Kampf orientieren und aufklärend aktiviert werden.

Als diese Theorie ist der Marxismus nicht in der Krise. Im Gegenteil: Er liefert das Erklärungsmuster, um die Krise der bürgerlichen Gesellschaft, ihren Selbstwiderspruch (den andere Theorien nur konstatieren und beklagen) in ihrer geschichtlichen Notwendigkeit zu begreifen und den Ausweg aus ihr, also den Weg in eine neue Gesellschaft aufzuzeigen. Um das zu vermögen, muß er allerdings auch in der Lage und willens sein, die Niederlage zu erklären, die der Sozialismus in der Konkurrenz der Gesellschaftssysteme hinnehmen mußte.

[Copyright bei Edizioni La Città del Sole/Napoli]

Übernommen von http://www.kominform.at

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