Breite Massenorganisation oder Parteijugend?

Posted on 8. Februar 2013 von

0


Berlin, Demonstration der kommunistischen Jugendvon Daniel Bratanovic

„Wir sind die Partei der Zukunft, die Zukunft aber gehört der Jugend.

Wir sind die Partei der Neuerer, den Neuerern aber folgt stets die Jugend am liebsten.

Wir sind die Partei des aufopferungsvollen Kampfes gegen die alte Fäulnis, zum aufopferungsvollen Kampf aber ist stets die Jugend als erste bereit.“

(Lenin)

Nichts weniger als „eine völlige Umgestaltung des Charakters der kommunistischen Jugendverbände durch die Schaffung von überparteilichen wirklichen Massenorganisationen der Jugend“, forderte Walter Hähnel. Sie sei „deshalb notwendig, weil sie ihren Formen und ihrem Inhalt nach nicht den Wünschen und dem Leben der werktätigen Jugend entsprechen und deshalb nicht zu breiten Massenorganisationen werden können“ (1), fügte er an. Er sprach dies aus auf der Brüsseler Konferenz der KPD im Oktober 1935, die aus Tarnungsgründen den belgischen Tagungsort angab, in Wirklichkeit aber in Kunzewo bei Moskau stattfand. Walter Hähnel war zu dieser Zeit der Vorsitzende des Zentralkomitees des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD). Es ist das Eingeständnis eines Scheiterns: „Wir waren keine Jugendorganisation, sondern eine junge Partei und haben bereits früher nicht dem Leben der Jugend Rechnung getragen.“ (2)

1935 hatte der Terror von Gestapo, SA und SS die kommunistische Bewegung in Deutschland in tiefe Illegalität gedrängt. Die Aussicht auf freie politische Betätigung lag fern. Die Arbeiterbewegung einschließlich ihrer Jugendorganisationen hatte den Faschismus nicht verhindern können. Eine selbstkritische Rückschau war unvermeidlich, und sie fiel drastisch aus. Die bisherige Herangehensweise an jugendpolitische Organisation stand, so Hähnel, komplett zur Disposition.

Zur Beantwortung der Frage, ob die schonungslose Bilanz Hähnels und seine Schlussfolgerungen heute noch Gültigkeit beanspruchen können, ist es entscheidend, sich die unterschiedlichen Bedingungen verschiedener Kampfetappen vor Augen zu führen: Die Verhältnisse, die in der Zeit der Weimarer Republik herrschten, die enorm erschwerten Kampfbedingungen während des Faschismus und die heutige Zeit. Das kann an dieser Stelle allenfalls kursorisch erfolgen.

Verhältnis von KJVD zur KPD

Der KJVD ging 1920 zunächst als Kommunistische Jugend Deutschlands (KJD) aus der Freien Sozialistischen Jugend hervor, die ihrerseits im Oktober 1918 mit Unterstützung des Spartakusbundes entstanden war. Anfänglich spielte die Bestimmung des Verhältnisses zur KPD und zur Kommunistischen Jugendinternationale eine große Rolle.

Auf dem 6. Reichskongress der KJD, der im September 1921 in Halle tagte, wurde eine Resolution verabschiedet, die dieses Verhältnis regelte: „Die politische Leitung und Führung muss die KPD haben, der sich die KJD unterordnet. Indem sie Programm, Taktik und Direktiven der KPD und KJ als höchste Beschlüsse anerkennt, gibt sie ihre seitherige politische Selbständigkeit auf. Das bedeutet nicht die Beseitigung der organisatorischen Selbständigkeit, die nach wie vor zur Erfassung und Schulung der Jugend notwendig ist.“ (3)

Der DDR-Historiker Karl-Heinz Jahnke traf folgendes Urteil: „Mit diesem Beschluss sagte sich die KJD von den avantgardistischen Auffassungen los und regelte ihr Verhältnis zur KPD endgültig im marxistisch-leninistischen Sinne.“ (4)

Mit „avantgardistischen Auffassungen“ war ein bestimmtes Verständnis der Jugendfrage gemeint, das auf dem Kongress zur Sprache kam. Max Köhler, Mitglied der Zentrale, hob in seinem Referat hervor, dass es nicht mehr darum gehen könne, dass die Jugend eine Sonderrolle beanspruche. „Wir haben jetzt die Aufgabe, nicht mehr die Avant-Garde zu sein, sondern die Partei von innen her vorwärts zu treiben.“ (5) So sprach denn die Resolution auch davon, dass es nicht möglich sei, dass zwei Parteien nebeneinander existierten, die sich nur durch das Alter ihrer Mitglieder voneinander unterschieden. Aufgabe der Parteijugend sei es, die Masse der Jugend zu sammeln und sie im Sinne des Kommunismus zu erziehen.

Aufgaben einer Parteijugend

Die Teilnehmer des Kongresses lehnten demnach ein Partikularverständnis von Jugend ab, demzufolge „Jugend“ sich klassenindifferent qua Alter und Gnade später Geburt als Teil über das Ganze erhebt und sich berufen fühlt, die desperaten gesellschaftlichen Verhältnisse hinwegzufegen. Demgegenüber besaß der KJVD den Anspruch einer Politik, die gemeinsam mit ihren älteren Klassengenossen in der KPD zu verfolgen war. Gerade dieses Verständnis führte allerdings dazu, dass der KJVD zwei wesentliche Arbeitsbereiche benannte, die keineswegs im Widerspruch zur besagten Linie standen: Er versuchte seine Mitglieder systematisch zu schulen und Kader zu entwickeln, die zweifelsohne auch später in der Partei wirken sollten. Massenschulungen sollten das Niveau des gesamten Verbandes heben, Leninschulen Funktionäre befähigen, ihre Verbandsaufgaben zu erfüllen.

De facto Parteijugend zu sein, bedeutete jedoch nicht, dass das Verbandsleben und die Verbandspraxis in einer gleichsam esoterischen Nische, einem fest arrondierten Milieu von Kommunisten eingesperrt gewesen wäre. Das Milieu war die Arbeiterklasse, die Zielgruppe die proletarische Jugend. Die angestrebte Mitarbeit im „Reichsausschuss der Arbeiterjugendbewegung“ (Rajo) währte nur kurz. Auf Initiative des ADGB wurde die KJD nach weniger als einjähriger Mitgliedschaft im Februar 1922 aus dem Rajo ausgeschlossen.

Unabhängig davon entwickelte die KJD bzw. der spätere KJVD eigene jugendspezifische Forderungen. Der KJVD forderte grundsätzlich die Gleichstellung von jugendlichen und erwachsenen Arbeitern. Er setzte sich für eine Ausweitung des Jugendschutzes auf alle Jugendlichen bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres ein. Er verlangte einen vierwöchigen bezahlten Jahresurlaub sowie die strikte Einhaltung des Verbots der Nacht- und Sonntagsarbeit und des Beschäftigungsverbots von Jugendlichen in gesundheitsschädigenden Gewerben und Betrieben. Die proletarische Jugend sollte tariflich festgelegte Mindestlöhne erhalten. Gefordert wurde ferner, dass der Besuch der Berufsschulen während der regulären Arbeitszeit stattzufinden habe und entsprechend zu vergüten sei. Berufsausbildung und Lehrmittel sollten bis zum 18. Lebensjahr kostenlos sein. In den Berufsschulen sollten Schülerräte über den Lehrplan mitbestimmen können. Erwerbslose Jugendliche sollten prinzipiell die gleiche finanzielle Unterstützung erhalten wie die erwerbslosen erwachsenen Arbeiter. Im Bereich des Lehrlingsschutzes verlangte der KJVD ein generelles Züchtigungsverbot, die Abschaffung individueller Lehrverträge sowie die Aufhebung des Kost- und Logiszwangs. Die Kontrolle der Lehrlingsbeschäftigung sollte den Gewerkschaften obliegen, Lehrlingslöhne im Verhältnis zur Qualifizierung gestaffelt, Arbeiten, die nicht zum Berufsbild gehörten, verboten und die Lehrzeit auf zwei Jahre beschränkt werden. Zum Ende der Weimarer Republik wehrte sich der KJVD gegen die Einführung der Arbeitsdienstpflicht und die Notverordnungen Brünings, die Jugendliche im Großen und Ganzen von der Erwerbslosenunterstützung ausschlossen. (6)

Verbindung mit der KP auch im Faschismus

Von Brünings Notverordnungen bis zur Errichtung der faschistischen Diktatur vergingen lediglich einige Monate. Die Kampfbedingungen veränderten sich damit jedoch ganz erheblich. Es musste nunmehr das Ziel sein, möglichst die gesamte Jugend im antifaschistischen Sinne zu erziehen und in den Kampf gegen die Nazi-Herrschaft zu führen. Diese Umstände geben den Hintergrund ab, vor dem Hähnel seine Überlegungen über eine „völlige Umgestaltung des Charakters kommunistischer Jugendverbände“ (7) anstellte und die Forderung erheben konnte, zusammen mit der sozialistischen Jugend überparteiliche antifaschistische Massenorganisationen zu schaffen.

Die besondere Beziehung zur Kommunistischen Partei sollte derweil erhalten bleiben: „Wir können heute umso eher die Schaffung überparteilicher Jugendorganisationen anstreben, weil die kommunistischen Parteien in den kapitalistischen Ländern gefestigt und bolschewisiert sind. Sie werden das Vertrauen dieser überparteilichen Jugendorganisationen gewinnen können, um sie anzuleiten und in richtiger Weise zu entwickeln.“ (8) Von der Warte der Jugendorganisation ausgehend, heißt es an anderer Stelle: „Es ist eine Frage der Erziehung der Mitgliedschaft in dieser Organisation, indem wir der Mitgliedschaft begreiflich machen, dass die Verbindung mit der Kommunistischen Partei notwendig ist, weil sie die besten Erfahrungen im Kampf gegen die Kapitalisten und gegen den Faschismus hat und zu gleicher Zeit der beste Interessenverfechter der Jugend ist.“(8) Schluss gemacht müsse indessen mit der Nachahmung der Methoden der Partei und damit, eine junge Partei der Werktätigen darzustellen. Aller verlangten organisatorischen Umbrüche zum Trotz – die enge Bindung an die Partei und die Orientierung am Marxismus-Leninismus sollte bewahrt bleiben.

Der Faschismus führte zu einer besonderen Kampfetappe, die der kommunistischen Bewegung samt ihrer Jugend entsprechende Anpassungen und Strategiewechsel abverlangte. Der Faschismus bedeutete zugleich das schmerzhafte Anerkenntnis einer schweren Niederlage, die unweigerlich die Frage nach gemachten Fehlern aufwarf. Über die bereits genannten Ausführungen lässt sich jedoch nicht erkennen, dass Hähnel geneigt war, die damalige Praxis des KJVD in Bausch und Bogen zu verdammen. Die aufgeführten Forderungen belegen indes, dass der Verband kleine Tagesforderungen in direktem Interesse der Arbeiterjugend mit revolutionären Zielen organisch zu verknüpfen suchte. In welchem Umfang und auf welche Weise diese Verknüpfung hergestellt werden konnte oder nur unzulänglich gelang, müsste einer gründlicheren Untersuchung vorbehalten bleiben.

Für die Gegenwart gilt es, die Erfahrungen zweier verschiedener Kampfetappen aufzugreifen und im dialektischen Sinne aufzuheben. Es kommt darauf an, die eigene Kampfetappe zu bestimmen, um daraus angemessene strategische und taktische Schlüsse abzuleiten, die dem einen großen Ziel der Umwälzung der Verhältnisse untergeordnet sind. Und trotz der drastischen Kritik Hähnels gilt: Zumindest dem Selbstverständnis nach war der marxistisch-leninistische Jugendverband zu keinem Zeitpunkt eine junge Partei, eine kommunistische Partei im Kleinen. Nicht 1921, nicht 1935 und auch nicht 2013.

Quellen und Anmerkungen

  1. Aus dem Diskussionsbeitrag von Walter Hähnel (Karl), Vorsitzender des Zentralkomitees des KJVD, S. 542, in: Klaus Mammach (Hg.): Die Brüsseler Konferenz der KPD (3.-15. Oktober 1935), Frankfurt/Main 1975, S. 541-550

  2. ebd.

  3. zitiert nach: Barbara Köster: »Die Junge Garde des Proletariats«. Untersuchungen zum Kommunistischen Jugendverband Deutschlands in der Weimarer Republik, Bielefeld 2005, S. 44. (Onlinequelle: http://pub.uni-bielefeld.de/download/2303641/2303644; zuletzt aufgerufen am 21.01.2013)

  4. ebd., S. 45

  5. ebd., S. 43

  6. ebd., S. 113f.

  7. Siehe Hähnel, a.a.O., S. 543

  8. ebd., S. 547f.

Advertisements