Große Krise oder allgemeine Krise des Kapitalismus?

Posted on 8. Februar 2013 von

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kdkAnmerkung der Redaktion

Die Frage der Begrifflichkeit und die Bedeutung der richtigen ökonomischen Analyse ist nicht akademisch, stellten wir im Juli 2010 fest (T&P 21). Mit der Übernahme der Begriffe Globalisierung und Transnationale Konzerne verschwand z. B. der präzise Begriff Imperialismus. Er wurde zum transnationalen neoliberalen Kapital. Heute sehen wir, dass diese Analyse theoretisch falsch und von den Fakten widerlegt ist: Der deutsche Imperialismus dominiert die EU und setzt ungeniert seine Interessen durch.

Inzwischen wurde der Begriff der Großen oder Übergangskrise kreiert und der Partei vorgesetzt. Die Urheber des Begriffs stellen damit die Wirtschafts- und die ökologische Krise, die Krise der Demokratie und die Energiekrise usw. einfach nebeneinander, ohne die gemeinsame Ursache zu benennen. Sie übernehmen dies aus der bürgerlichen Soziologie, statt auf der Grundlage der Theorie des Marxismus-Leninismus zu arbeiten.

Die Theorie der allgemeinen Krise des Kapitalismus, die davon ausgeht, dass es nicht bloß eine zyklische und eine Finanzkrise gibt, sondern dass die Krise die ganze Gesellschaft erfasst, wurde zuletzt in den 60er Jahren bearbeitet und dann nicht mehr weiter entwickelt. Der Mangel einer Wirtschaftsgruppe der Partei tritt hier schmerzlich zutage. (Und so konnte das isw erfolgreich in diese Lücke stoßen.) Für Leo Mayer ist der Begriff der allgemeinen Krise seit der Niederlage des Sozialismus obsolet geworden. Gegen diese Auffassung begründet Hans-Peter Brenner in der jungen Welt, warum er ihn weiterhin für sinnvoll hält (1). Wir zitieren im Folgenden aus einem Artikel von Andreas Wehr (2), der ebenfalls die Behauptung zurückweist, nach der Niederlage des Sozialismus sei der Begriff nicht mehr brauchbar.

„(…) Fast gleichzeitig mit der Herausbildung des Imperialismus betritt auch seine bestimmte Negation die Welt: „Der notwendig gewordene qualitative Übergang zu sozialistischen Produktionsverhältnissen wurde politisch-real mit der Oktoberrevolution eingeleitet.“ (3) Aufgrund dieser Durchbrechung des imperialistischen Weltsystems wurde davon gesprochen, dass sich der Kapitalismus in seiner allgemeinen Krise befinde.

Heute, nach dem Scheitern des europäischen Sozialismus, müssen wir uns mit der Frage befassen, ob weiterhin von einer allgemeinen Krise des Kapitalismus gesprochen werden kann. Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass keine Gesetzmäßigkeit existiert, aus der sich der Übergang von Imperialismus in Sozialismus ergibt. Die Geschichte hat vielmehr gezeigt, dass der Imperialismus noch über erhebliche Potentiale verfügt, die es ihm ermöglichen, Ausbrüche aus dem imperialistischen Weltsystem wieder rückgängig zu machen. Doch noch immer bekennt sich eine Reihe von Staaten zum sozialistischen Weg. Darunter ist China, das in absehbarer Zeit die stärkte ökonomische Macht der Erde sein wird. Von seinem weiteren Weg wird die Zukunft des Sozialismus im 21. Jahrhundert abhängen.

Von einer allgemeinen Krise des Kapitalismus kann aber weiterhin in dem Sinne gesprochen werden, dass der Imperialismus „Kapitalexport – und Ausdehnungsdrang über die Erdkugel hin und Reaktion, Antidemokratismus, Aufklärungs- und Liberalismuswiderruf nach innen in untrennbarer Einheit“ ist. (4) Wir leben weiterhin im Zeitalter der „Zerstörung der Vernunft“ (Georg Lukács). Über einen solchen, auch die kulturellen Äußerungen einschließenden Imperialismusbegriff verfügte Peter Hacks. Heute untersucht Thomas Metscher die gegenwärtige Kunstproduktion im Zusammenhang mit der imperialistischen Epoche. (5) Es gilt: „Die bürgerliche Gesellschaft zerbricht und fällt zurück, wenn sie ihre zivilisatorische Entwicklung nicht weitertreibt. Die Zeit der dialektischen Dynamik von Imperialismus und Sozialismus ist die Zeit einer weltgeschichtlichen Krise, in der über den Fortgang der Geschichte entschieden wird.“ (6) Es ist daher angebracht, an einem die gesamte Gesellschaft umfassenden „Epochenbegriff Imperialismus“ festzuhalten.“

Quellen und Anmerkungen:

  1. Hans-Peter Brenner, Ära des Übergangs, Zur These von der „allgemeinen Krise“ des Kapitalismus, in: junge Welt, 20.01.2011

  2. Andreas Wehr, Symposium: Kapitalismus in der Krise – Eine Bestandsaufnahme (Hamburg, 17. November 2012)

  3. Wolf-Dieter Gudopp, Der Imperialismus und „die Periode der Weltkriege“, in: Marxistische Blätter 3-97, S.67

  4. Reinhard Opitz, Faschismus und Neofaschismus, Bonn 1996, S. 16

  5. Vgl. Thomas Metscher, Imperialismus und Moderne. Zu den Bedingungen gegenwärtiger Kunstproduktion, Essen, o.A.

  6. Wolf-Dieter Gudopp, Der Imperialismus und „die Periode der Weltkriege“, a. a. O., S. 69

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