„Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte“ (Karl Marx)

Posted on 8. Februar 2013 von

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leninvon Renate Münder

Die Oktoberrevolution ist das wichtigste und zugleich großartigste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Sie hat die Welt nachhaltig verändert und eine neue Epoche der Weltgeschichte eingeläutet, die vom Kampf zwischen dem kapitalistischen und einem neuem Gesellschaftssystem, dem sozialistischen, bestimmt ist. Sie hat zu einer neuen Form der Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums, zu einer Veränderung der Produktionsverhältnisse geführt, die eine weltweite Wirkung auslöste. Diese Epoche dauert immer noch an – die Niederlage bedeutet kein generelles Scheitern, wie es die reaktionären Kräfte behaupten und sich wünschen. Das Bemerkenswerte ist nicht die Niederlage des Sozialismus, sondern dass er dem Imperialismus 70 Jahre widerstanden hat.

Das Wissen, es gibt eine Alternative, wir können auch ohne die Kapitalisten, es gibt einen Ausweg aus Krise und Krieg – das hat die Bolschewiki in ihrem heldenhaften Kampf beflügelt und große Teile des russischen Proletariats und der Bauernschaft mitgerissen und sie zu ungeahnten Leistungen gebracht. Das Beispiel der Sowjetunion wurde zu einer großen Hoffnung für die unterdrückten Völker der Welt. Das kann auch durch die Niederlage des Sozialismus nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Daher kommt auch noch heute, über zwanzig Jahre nach ihrem Untergang, der Hass auf die Sowjetunion! Die Bourgeoisie fürchtet die Erinnerung an den Sozialismus nach wie vor und versucht, ihn mit allen Mitteln zu diskreditieren.

Denn mit der Sowjetmacht fand in Russland eine bisher beispiellose Entwicklung von Industrie und Kultur statt, die auch im alltäglichen Leben der Menschen gewaltige, positive Auswirkungen hatte. Wofür der Kapitalismus 500 Jahre gebraucht hatte, wurde unter sozialistischer Führung in wenigen Jahrzehnten erreicht.

Das Beispiel der Sowjetunion führte zu Befreiungskämpfen der vom Imperialismus unterdrückten Völker und leitete die Entkolonialisierung ein. In China, Vietnam, Korea und Kuba begann nach dem Befreiungskampf der Aufbau des Sozialismus, in Osteuropa wurde mit dem Siegeszug der Roten Armee ebenfalls das Tor zum Sozialismus geöffnet.

In den kapitalistischen Staaten wurde das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit deutlich verbessert. Ich nenne nur zwei Beispiele dazu: der New Deal in den USA als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise konnte im Hinblick auf die Oktoberrevolution durchgesetzt werden. Besonders profitiert hat die Arbeiterklasse in Westdeutschland von der Existenz der sozialistischen Staaten, weil die DDR als dritter Verhandlungspartner am Tisch die Gewerkschaften stärkte. So lange das sozialistische Lager existierte, wurden die zerstörerischen, menschenverachtenden Kräfte des Imperialismus gebremst.

Was ist davon geblieben?

In Russland wurde der Kapitalismus restauriert, die Sowjetunion zerbrach in viele Teilrepubliken. Die VR China konnte zwar ihren sozialistischen Charakter bisher bewahren, der Versuch, mithilfe kapitalistischer Konzerne die Entwicklung der Produktivkräfte voranzutreiben, ist jedoch eine Gratwanderung. Vietnam bekennt sich heute ebenfalls zur sog. sozialistischen Marktwirtschaft – ein Widerspruch in sich – und auch Kuba muss den privaten Sektor wieder ausweiten. Nord-Korea kämpft ums Überleben.

Der Kolonialismus ist trotz formaler nationaler Unabhängigkeit zurückgekehrt – ganz verschwunden war er nie – der Druck international agierender Konzerne wächst und Regierungen, die nicht nach der Pfeife des Imperialismus tanzen, werden mit Krieg überzogen.

„Sind wir einmal also geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun, als wieder von vorn anzufangen.“ (Friedrich Engels, 1848)

Die Oktoberrevolution brach das schwächste Glied aus der Kette des Imperialismus heraus, ganz gegen die Annahme von Marx und Engels. Alle Revolutionen des 20. Jahrhunderts wurden in Ländern durchgeführt, in denen die Arbeiterklasse noch schwach entwickelt war, zum Teil noch feudalistische Strukturen herrschten und die Bauern die große Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. In den imperialistischen Ländern blieb die Revolution aus oder erlitt eine Niederlage, anders, als es die Bolschewiki erhofft und erwartet hatten. Die lange Isolierung der Sowjetunion war eine der Ursachen für ihre Stagnation.

Das 20. Jahrhundert war aber auch das Jahrhundert des Faschismus, der zur tödlichen Gefahr für den Sozialismus wurde und die Sowjetunion um Jahrzehnte zurückwarf. Dass der Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus mit einer vorläufigen Niederlage des Sozialismus endete, ist auch eine Folge des faschistischen Überfalls.

Die schmerzliche Lehre von1989 heißt, dass der Sozialismus nicht unumkehrbar ist, dass der Klassenkampf auch im Sozialismus weitergeht – die Revolution ist nur der Beginn eines langen revolutionären Prozesses. Und dieser Prozess fand ja nicht geschützt wie unter einer Käseglocke statt, sondern immer unter scharfen Angriffen von außen, die wiederum den Klassenkampf im Innern anheizten.

Der Sozialismus ist eine Übergangsgesellschaft, behaftet mit den Muttermalen der alten Gesellschaft. Teile der Arbeiterklasse zeigen lange noch ein Lohnarbeiterverhalten, weshalb Lenin die freiwillige Arbeit für das Gemeinwohl, die Subbotniks, als ersten Schritt zur praktischen Verwirklichung des Kommunismus bezeichnete. Es wird Generationen dauern, bis die bürgerliche Ideologie in den Köpfen beseitigt ist. Sozialismus war und ist deshalb mit vielen Fehlern und Irrwegen, selbst mit Verbrechen behaftet.

Wie gehen wir damit um? Für die Nachgeborenen ist eine moralische Verurteilung billig. Außerdem nützt sie wenig, wie die Linkspartei erfahren musste. Die Reaktion wird uns trotz aller Distanzierungen Fehler immer vorhalten. Wir müssen für die Geschichte der kommunistischen Bewegung einstehen – sie bleibt unsere Geschichte. Stattdessen sollten wir eine Analyse machen: wieso ist die Geschichte so verlaufen, was waren die gesellschaftlichen Bedingungen, hätte es Alternativen gegeben? Brecht drückte die Alternative, vor der die Revolutionäre standen, so aus: „Ja, aber in diesem Kampf gibt es nur blutbefleckte oder abgeschlagene Hände“[1].

Wir dürfen uns unsere Geschichte nicht nehmen lassen. Die, die uns angreifen, haben am allerwenigsten das Recht dazu angesichts der blutigen Geschichte des Kapitalismus bis heute. Es gilt, die Errungenschaften des Sozialismus selbstbewusst zu vertreten, die Widersprüche unserer Geschichte auszuhalten, das Heldenhafte genauso wie Irrtümer, Verrat und Verbrechen. Ohne Schönfärberei, aber auch nicht im Büßergewand.

Und heute? Was ist zu tun?

Erneut steht die Alternative Sozialismus oder Barbarei: die Gefahr von Faschismus und Krieg ist für den Imperialismus wieder eine Option, beschleunigt von der tiefgehenden Krise des Kapitalismus. Sogar ein Krieg der Großmächte untereinander ist nicht mehr ausgeschlossen, so sehen es die Herrschenden selbst [2]. Das Kapital ist angeschlagen, aber eben deshalb besonders aggressiv. Es führt Krieg nach außen und nach innen.

Die Frage, ob die Dominanz des Kapitals zu durchbrechen ist oder nicht, ist akademisch – das Proletariat hat keine andere Wahl. Objektiv sind die Verhältnisse längst reif für die Revolution, sie sind überreif, sie zeigen Prozesse der Dekadenz und Fäulnis. Ein Gesellschaftssystem, das dauerhaft nicht mehr in der Lage ist, die Masse seiner Lohnsklaven auszubeuten und zu ernähren, obwohl diese dafür Schlange stehen, so ein System ist objektiv am Ende. Die Fäulnis offenbart sich dadurch, dass maximal noch 10 Prozent der Profite wieder reinvestiert werden, der Rest geht in die Spekulation. Die Fäulnis offenbart sich weiter dadurch, dass ganze Länder deindustrialisiert werden und ihre Landwirtschaft in den Bankrott getrieben wird.

Unser Problem ist der subjektive Faktor: Wie ist die Arbeiterklasse, die nach wie vor die Hauptkraft eines revolutionären Prozesses sein muss, zu mobilisieren? Das ist die wichtigste Aufgabe der Kommunisten heute. Solange die vorherrschende sozialpartnerschaftliche Haltung, die den deutschen Imperialismus stützt, nicht überwunden wird, brauchen wir von einem neuen Anlauf für den Sozialismus gar nicht zu reden. Doch beides gehört zusammen – es ist gerade die Perspektivlosigkeit, das fehlende Ziel einer anderen Gesellschaft, das auch im Tageskampf zu Co-Management und Standortpolitik, zur Klassenzusammenarbeit führt und uns damit zu Verlierern macht.

Nur im Kampf um die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterklasse können wir die Fortgeschrittensten von ihr für den revolutionären Kampf gewinnen, bei ihnen wieder Vertrauen auf die eigene Stärke wecken und den Willen, die Bourgeoisie zum Teufel zu jagen. Eine vage antikapitalistische Stimmung und eine wachsende Unzufriedenheit mit der herrschenden Klasse reichen da nicht aus, denn diese können auch zur Stärkung der faschistischen Kräfte umfunktioniert werden.

Die Hauptbedingung für eine Bewusstseinsänderung der Arbeiterklasse ist eine starke revolutionäre Partei. Noch haben wir sie nicht. Die linken Kräfte sind zersplittert, und wie wir sie zusammenführen können, ist ein eigenes Thema.

Entscheidend wird sein, ob wir die Aktionseinheit der Arbeiterklasse gegen die Offensive des Monopolkapitals, gegen den Krieg und die faschistische Gefahr herstellen können. Nur dann werden wir wieder in die Offensive kommen können. Wir haben dazu die Theorie des Marxismus-Leninismus, die Erfahrungen der kommunistischen Bewegung und das Vorbild vieler kämpfender Kommunisten. Wie wir die marxistische Theorie in Agitation und Propaganda, in die Praxis des Tageskampfs unter den Gesichtspunkten einer langfristigen Strategie umsetzen, das wird über die Zukunft der Kommunistischen Partei hier in Deutschland entscheiden und damit eine wesentliche Voraussetzung für einen erneuten Anlauf für den Sozialismus sein.

Dieser Beitrag wurde auf der Veranstaltung zum 95. Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution 1917 in Russland am 17. November 2012 in Bremen vorgetragen.

[1] Bertolt Brecht legt diesen Satz in dem Stück Die Tage der Commune einem Kommunarden in den Mund.

[2] Angela Merkel in ihrer Erklärung vor dem Deutschen Bundestag zum EU-Sondergipfel am 26. November 2011: „Niemand sollte glauben, dass ein weiteres halbes Jahrhundert Frieden und Wohlstand in Europa selbstverständlich ist. Es ist es nicht. Deshalb sage ich: Scheitert der Euro, dann scheitert Europa. Das darf nicht passieren.“

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