Zum Verhältnis von Partei und Jugendverband

Posted on 8. Februar 2013 von

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strike-back-logovon Pablo Graubner

Das Entwickeln von Klassenbewusstsein und Klassenorganisation ist seit jeher die Hauptaufgabe kommunistischer Parteien. Für Marx, Engels und Lenin ergab sich dies aus der Tatsache, dass sich in der Arbeiterklasse zwar spontan ein gewerkschaftliches Bewusstsein entwickeln kann, das es ermöglicht, sich zur Verteidigung der unmittelbaren Interessen zusammenzuschließen. Zur Entwicklung eines Bewusstseins über den gesamtgesellschaftlichen Klassengegensatz und die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus sei eine eigenständige Organisation, die Kommunistische Partei nötig. In der Vergangenheit haben kommunistische Parteien wie die DKP ihre besondere Rolle im Klassenkampf und ihre Unersetzbarkeit betont, ohne die Notwendigkeit von Organisationen der Arbeiterbewegung mit spezifischen Aufgaben zu übersehen, wie etwa Gewerkschaften, Bildungsinstitute, antifaschistische- und Friedensorganisationen, Frauen- und Jugendverbände. Zwar haben kommunistische Parteien seit jeher einen allgemeinpolitischen Anspruch, der sich theoretisch in Programmen und praktisch in einer entsprechenden Aktionstätigkeit niederschlägt. Organisationen von bestimmten Teilen der Arbeiterklasse können jedoch unter Umständen besser in der Lage sein, die jeweilige Gruppe ausgehend von ihrer Lage und ihren Interessen zu organisieren und für bestimmte Teilziele zu kämpfen. Besondere Bedeutung haben für kommunistische Parteien neben den Gewerkschaften sozialistische/kommunistische Jugendverbände.

Organisatorische Selbständigkeit erforderlich

Während im Mittelalter die Jugend ausschließlich im Kreis der Familie aufwuchs, steht sie im Kapitalismus mitten in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Gleichzeitig hat sie besondere Probleme und Interessen. Geringere Löhne, Bildungsabbau, immer teurere Freizeitangebote usw. Jugendliche entwickeln sich erst zu Gesellschaftsmitgliedern und machen ihre ersten Erfahrungen mit dem Kapitalismus in Schule, Betrieb, Hochschule und Armee. Allerdings machen sie diese prägenden Erfahrungen unter anderen Bedingungen als die ältere Generation es getan hat. Sie suchen nach ihrem politischen Standort.

In der Regel sind Jugendliche heutzutage ohne Klassenbewusstsein, wenn sie in das Arbeitsleben eintreten. Hinzu kommt, dass die heutige junge Generation kaum größere Klassenkämpfe erlebt hat, dafür jedoch unsichere Arbeitsverhältnisse als Normalität wahrnimmt. Auf der anderen Seite fehlt allerdings die jahrzehntelange antikommunistische Impfung in Westdeutschland zu Zeiten der Systemkonfrontation. Bürgerliche Ideologen schlagen daher regelmäßig Alarm, dass das Wissen (sprich: die Lügen) über die DDR unter Jugendlichen viel zu wenig verbreitet sei. Neben einem generationsspezifischen Klassenbewusstsein entstehen auch eigene Kampf- und Organisationsformen. Beispiele dafür sind etwa die Bildungsstreiks der vergangenen Jahre, Jugendversammlungen in Betrieben und der Zusammenschluss in Gewerkschaftsjugenden. Ihre im Vergleich zu früheren Jahrhunderten größere wirtschaftliche Selbständigkeit führt zu einer größeren kulturellen und politischen Selbstbetätigung.

Lenin stellte fest: „Es kommt oft vor, dass Vertreter der Generation der Erwachsenen und Alten es nicht verstehen, in richtiger Weise an die Jugend heranzutreten, die sich zwangsläufig auf anderen Wegen dem Sozialismus nähert, nicht auf dem Wege, nicht in der Form, nicht in der Situation, wie ihre Väter. Das ist einer der Gründe, warum wir unbedingt für die organisatorische Selbständigkeit des Jugendverbandes eintreten, nicht nur deshalb, weil die Opportunisten diese Selbständigkeit fürchten, sondern auch dem Wesen der Sache nach. Denn ohne vollständige Selbständigkeit wird die Jugend nicht imstande sein, sich zu guten Sozialisten zu entwickeln und sich darauf vorzubereiten, den Sozialismus vorwärtszuführen. Für die vollständige Selbständigkeit der Jugendverbände, aber auch für die volle Freiheit einer kameradschaftlichen Kritik ihrer Fehler! Schmeicheln dürfen wir der Jugend nicht.“ (1)

Jugendliche zu Kommunisten erziehen

Die Aufgaben eines sozialistischen/kommunistischen Jugendverbandes ergeben sich aus den besonderen Interessen und Bedürfnissen Jugendlicher, ihrer Entwicklung und ihres generationsspezifischen Bewusstseins. Damit haben sie eine eigenständige Aufgabenstellung und sind keine „kleinen kommunistischen Parteien“. Für Lenin besteht die Hauptaufgabe der Jugendverbände darin zu lernen, den Sozialismus zu studieren. Dabei geht es natürlich nicht nur um Bücherwissen. „Ihr sollt aus euch Kommunisten erziehen. Die Aufgabe des Jugendverbandes ist es, seine praktische Tätigkeit so zu gestalten, dass diese Jugend, indem sie lernt, sich organisiert, sich zusammenschließt und kämpft.“ (2)

Damit ist aber auch klar, dass die Unterschiede zwischen kommunistischer Partei und Jugendverband keine politisch-inhaltlichen sind. Der Jugendverband muss stets den Anspruch an sich stellen, seine Mitglieder zu Kommunisten zu erziehen. Dieser Aufgabe muss er selbstständig, aber mit Unterstützung der Kommunistischen Partei nachkommen. Beim Lernen dürfen sich die Jugendverbände nicht im Studierzimmer einschließen, sondern müssen sich aktiv und eigenständig an den Tageskämpfen der arbeitenden und lernenden Jugend beteiligen, sie formen und im Studieren und Kämpfen ihren eigenen Weg im Klassenkampf gehen. Dazu gehört eine eigenständige Agitations- und Propagandaarbeit, eine eigene Widerstandskultur, die in der Lage ist, Klassenbewusstsein unter Jugendlichen zu verbreiten.

Integration oder politische Selbständigkeit?

Das Verhältnis zwischen kommunistischen Parteien und Jugendverbänden war stets Ergebnis eines Ringens um die Bestimmung der jeweiligen Rollen. Besonders in Zeiten schwerer Umbrüche, wie etwa nach Niederlagen in Klassenkämpfen, wurden unterschiedliche Vorstellungen deutlich. Sie reichten dabei von einer Ablehnung organisatorisch eigenständiger Jugendverbände bis hin zur Propagierung einer völligen politischen Loslösung des Jugendverbands von der Partei. Während sich die Notwendigkeit organisatorisch eigenständiger Jugendverbände durchsetzte, musste die politische Orientierung an einer Partei immer wieder neu bestimmt werden. Die neugegründete Kommunistische Internationale beschäftigte sich 1920 vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen den opportunistischen Parteien der zweiten Internationale und den neuen Kommunistischen Parteien mit der Jugendorganisationsfrage.

Vom Exekutivkomitee der KomIntern wurde auf Vorschlag des Büros der Jugendinternationalen Thesen zur Jugendbewegung beschlossen. Die Frage, wie stark sich Jugendverbände an Parteien anlehnen oder politisch unabhängig sein sollen, wird darin vom Fortschritt im Entstehungsprozess einer revolutionären, kommunistischen Partei abhängig gemacht: „Die Beziehungen zwischen Kommunistischer Partei und der Kommunistischen Jugendorganisation nehmen nach den verschiedenen Situationen und dem verschiedenen Stand der Parteien in den einzelnen Ländern verschiedene Formen an. In einigen Ländern, in denen die Bildung kommunistischer Parteien noch im Fluss ist und die Jugend-Verbände sich erst von den sozialpatriotischen und zentristischen Parteien spalten, herrscht die Losung der absoluten politischen und organisatorischen Unabhängigkeit der Jugendbewegung und in dieser Situation ist diese Losung objektiv revolutionär. Falsch ist die Losung der absoluten Unabhängigkeit in den Ländern, wo bereits starke kommunistische Parteien bestehen und wo die Losung der absoluten Unabhängigkeit von den Sozialpatrioten und Zentristen zur Irreführung der Jugend und gegen die kommunistische Jugendorganisation ausgenutzt wird.“ (3)

Die politische Integration des Jugendverbands in die Partei solle sich also vom ideologischen Zustand der Partei ableiten, in jedem Fall aber vom Jugendverband selbst gewählt werden: „Zu diesem Verhältnis mit den kommunistischen Parteien müssen alle Jugendorganisationen kommen, und zwar nicht durch den Zwang der Partei, sondern durch Überzeugung und freie Entschließung der Jugendorganisationen.“ (3) Den kommunistischen Parteien gab die KomIntern mit auf den Weg, sie sollten die kommunistischen Jugendorganisationen intellektuell und materiell unterstützen, „ohne diese Unterstützung mit kleinlicher Einmischung in die Tätigkeit der Kommunistischen Jugendorganisation und mit der Jugendpflege zu verknüpfen.“

Lenin und die KomIntern sahen eine Kommunistische Identität der Jugendverbände als notwendig an, um ihre Kraft für die Bildung kommunistischer Parteien einzusetzen. Die SDAJ hat seit ihrer Gründung im Jahr 1968 kein Geheimnis aus ihrer Weltanschauung und ihrer Partnerschaft zur DKP gemacht, zugleich aber stets mit ihrer Aktionseinheitspolitik auch den Versuch unternommen, auf sozialdemokratisch oder weltanschaulich anderweitig orientierte Jugendliche Einfluss zu nehmen und sie an den Marxismus heranzuführen.

Und heute?

Die DKP formulierte zuletzt ihr Verhältnis zur SDAJ im Programm von 2006: „Die DKP will, dass die Arbeiterjugend ihre Kraft in den betrieblichen und gewerkschaftlichen Kämpfen mit der ihrer älteren Kolleginnen und Kollegen vereint. (…) Dabei wirkt die DKP eng mit der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) und der Assoziation Marxistischer StudentInnen (AMS) zusammen, mit denen sie gemeinsame weltanschauliche Grundlagen und politische Überzeugungen verbinden.“ (4)

Die SDAJ beschreibt ihrerseits in ihrem 2012 überarbeiteten Zukunftspapier ihr Verhältnis zur DKP: „Die SDAJ (…) sieht es als ihre wesentliche Aufgabe an, Klassenbewusstsein unter der Arbeiterjugend zu schaffen mit dem Ziel der Erkämpfung einer sozialistischen Gesellschaft. Mit der Deutschen Kommunistischen Partei verbindet sie dieses gemeinsame Ziel, sowie die sozialistische Weltanschauung, die auf Grundlage der Ideen von Marx, Engels und Lenin begründet wurde.“ (5) Sie formuliert zugleich klare Vorstellungen über die Aufgaben der Kommunistischen Partei: „Nur eine Kommunistische Partei kann dafür sorgen, dass Opportunismus, Reformismus und ideologische Einflüsse des Kapitals auf die gesamte Arbeiterklasse zurückgedrängt werden. Zur Erkämpfung des Sozialismus bedarf es also einer Kommunistischen Partei, die die generationenübergreifende Vorhut der Arbeiterklasse ist.“ (6)

Die Frage, ob es der DKP in absehbarer Zeit gelingt, wieder als revolutionäre Kraft in die Klassenkämpfe einzugreifen und wahrnehmbar im Land zu werden, ist eng damit verknüpft, ob es ihr gelingt, wieder eine Partei der Jugend zu werden. Die Orientierung auf die SDAJ als dem marxistischen Jugendverband in der BRD darf sie nicht aufgeben. Im Gegenteil – die Unterstützung für die SDAJ muss ausgeweitet werden und ein zentrales Thema auf dem kommenden Parteitag sein.

Quellen und Anmerkungen

(1) W. I. Lenin: Jugend – Internationale, Lenin Werke, Band 23, Seite 163 – 167

(2) W. I. Lenin: Die Aufgaben der Jugendverbände, Lenin Ausgewählte Werke, Band 5, Seite 688.

(3) Alfred Kurella: Gründung und Aufbau der KJI. München 1972.

(4) DKP Parteiprogramm: http://www.dkp-online.de/programm/ S.41

(5) SDAJ Zukunftspapier: http://www.sdaj-netz.de/uber-uns/zukunftspapier/ S.48

(6) ebd.

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