Gefährlicher Rechtsruck bei Wahlen in Italien

Posted on 9. März 2013 von

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berlvon Gerhard Feldbauer

Neuwahlen nicht ausgeschlossen

Die Par­la­ments­wah­len in Ita­li­en haben das be­fürch­te­te Patt zwi­schen Mitte Links und Rechts ge­bracht. Das Bünd­nis Ber­sa­nis von der De­mo­kra­ti­schen Par­tei (DP) mit der Links­par­tei Um­welt und Frei­heit (SEL) er­reich­te nach den amt­li­chen Er­geb­nis­sen im Par­la­ment mit zirka 31 Pro­zent den ers­ten Platz, kam je­doch im Senat, der zwei­ten Kam­mer, mit 113 Man­da­ten nur auf den 2. Platz. Hier er­reich­te Ex-Pre­mier Sil­vio Ber­lus­co­ni mit der ras­sis­ti­schen Lega Nord mit 116 Sit­zen Platz Eins, im Par­la­ment mit über 29 Pro­zent Platz Zwei. Die Liste des bis­he­ri­gen Über­gangs­pre­miers Mario Monti kam im Par­la­ment ab­ge­schla­gen auf 10,5 Pro­zent. Er wurde, so die meis­ten Pres­se­stim­men, für sei­nen EU-ver­ord­ne­ten Spar­kurs ab­ge­straft. Auch ging die Kal­ku­la­ti­on, Monti mit den frü­he­ren Bünd­nis­part­nern Ber­lus­co­nis, der von dem vor­he­ri­gen Füh­rer der AN-Fa­schis­ten, Gi­an­fran­co Fini, mit „ge­läu­ter­ten“ Par­tei­gän­gern ge­bil­de­ten Par­tei Zu­kunft und Frei­heit (FEL) und der Union De­mo­kra­ti­scher Chris­ten (UDC) den Rü­cken zu stär­ken, nicht auf. Die UDC sack­te von 6,7 Pro­zent 2008 auf 1,8 ab und Finis FEL kam sogar nur auf 0,5 Pro­zent. Mit 25,5 Pro­zent er­reich­te die chao­ti­sche 5-Ster­ne-Be­we­gung des Star­ko­mi­kers Beppe Gril­lo einen spek­ta­ku­lä­ren drit­ten Platz, im Senat 54 Sitze.

Ber­sa­ni er­hält nach dem unter Ber­lus­co­ni ein­ge­führ­ten un­de­mo­kra­ti­schen Wahl­ge­setz im Par­la­ment als Sie­ger 340 Sitze (54 Pro­zent) und kann Mi­nis­ter­prä­si­dent wer­den. Monti hatte ihm be­reits vor der Wahl eine Re­gie­rungs­be­tei­li­gung zu­ge­sagt. Im Senat, der allen Ge­set­zen und De­kre­ten der Re­gie­rung zu­stim­men muss, ist der DP-Chef je­doch auf die Stim­men Ber­lus­co­nis oder Gril­los an­ge­wie­sen. Ein Zu­sam­men­ge­hen mit dem fa­schis­to­iden Me­di­en­dik­ta­tor dürf­te aus­ge­schlos­sen sein. Gril­lo hatte Ber­sa­ni vor der Wahl zwar auch ab­ge­lehnt, in­zwi­schen aber, wie die „Re­pubb­li­ca“, Sprach­rohr der DP, ver­lau­ten ließ, Ge­sprä­che an­ge­bo­ten. Der Star­ko­mi­ker, der im Sie­ges­tau­mel „das Ende aller Po­li­ti­ker“ in den nächs­ten Mo­na­ten an­kün­dig­te, will in­zwi­schen – zu­min­dest in Teil­fra­gen – ko­ope­rie­ren. Damit könn­te Mitte Links auch im Senat eine- wenn auch wack­li­ge – Mehr­heit er­hal­ten. Große Ent­täu­schung herrscht unter den bei­den KP (PRC und PdCI), die hoff­ten, in der Ko­ali­ti­on Ri­vo­lu­zio­ne Ci­vi­le (Bür­ger­li­che Re­vo­lu­ti­on) den Wie­der­ein­zug ins Par­la­ment zu schaf­fen. Das Bünd­nis blieb unter zwei Pro­zent und schei­ter­te damit an der Vier-Pro­zent-Sperr­klau­sel.

In Ber­lin und Brüs­sel gibt man sich scho­ckiert über das Come­back Ber­lus­co­nis, der neben halt­lo­sen Wahl­ver­spre­chen mit Steu­er­sen­kun­gen und der Schaf­fung von drei Mil­lio­nen Ar­beits­plät­zen dem­ago­gisch den von ihm in drei Re­gie­run­gen selbst prak­ti­zier­ten So­zi­al­ab­bau Mon­tis scharf at­ta­ckier­te und Stel­lung gegen Ber­lin und Brüs­sel bezog. Dabei wird ver­ges­sen, dass Ber­lus­co­ni dort einst sa­lon­fä­hig ge­macht wurde. Ex-Kanz­ler Kohl von der CDU fei­er­te da­mals den Re­gie­rungs­an­tritt des fa­schis­to­iden Me­di­en­dik­ta­tors als einen „his­to­ri­schen Au­gen­blick“ und schwa­dro­nier­te vom „ge­mein­sa­men Auf­bau der De­mo­kra­tie“ mit Ber­lus­co­nis Fa­schis­ten und Ras­sis­ten. Die stän­di­ge Ein­mi­schung der Mer­kel-Re­gie­rung in die ita­lie­ni­schen Wah­len – in letz­ter Mi­nu­te wurde sogar ein Mitte Links-Sieg mit Wohl­wol­len be­dacht – nütz­te Ber­lus­co­nis „an­ti­deut­schen“ An­grif­fen.

In Ita­li­en wirk­te die von Ber­lin be­för­der­te Ver­harm­lo­sung der von Ber­lus­co­ni aus­ge­hen­den fa­schis­ti­schen Ge­fahr, auf die der Auf­ruf von In­tel­lek­tu­el­len wie No­bel­preis­trä­ger Dario Fo, Um­ber­to Eco oder Nanni Mo­ret­ti vor den jet­zi­gen Wah­len er­neut war­nend ver­wies, sich auf die Mei­nungs­bil­dung aus. Das Thema spiel­te auch dies­mal in der Wahl­kam­pa­gne keine Rolle. Ob­wohl Ber­lus­co­ni sich mit sei­nem Be­kennt­nis zu „guten Taten“ des „Duce“ die meis­ten Stim­men der frü­he­ren AN-Fa­schis­ten (2008 waren es zirka 12 Pro­zent) si­cher­te und das Bünd­nis mit der Ras­sis­ti­schen Lega Nord er­neu­er­te, wurde er auch in Ber­sa­nis PD und der rö­mi­schen „Re­pubb­lic­ca“ un­ver­än­dert als Cen­tro de­s­tra (Rech­tes Zen­trum) ver­harm­lost. Hinzu kam, dass von Mitte Links und auch dem am­tie­ren­den Über­gangs­pre­mier Monti nichts un­ter­nom­men wurde, das re­ak­tio­nä­re Wahl­ge­setz Ber­lus­co­nis durch ein we­nigs­tens bür­ger­li­chen An­sprü­chen ge­nü­gen­des zu er­set­zen. In der DP spe­ku­lier­te man, davon zu pro­fi­tie­ren, was nun im Senat da­ne­ben ging. Er­neut konn­te der Me­di­en­dik­ta­tor beim Stim­men­fang auch sein Fern­sehmo­no­pol von drei Pri­vat­sen­dern ein­set­zen, das zu be­gren­zen und zu kon­trol­lie­ren eben­falls nichts getan wurde.

In Mitte Links sind hek­ti­sche Kon­sul­ta­tio­nen im Gange, ob Ber­sa­ni eine Re­gie­rungs­bil­dung wagen oder der Weg so­for­ti­ger Neu­wah­len ein­ge­schla­gen wer­den soll­te. Die Er­ör­te­run­gen sind von der Furcht ge­prägt, ein er­neu­ter Wahl­gang könn­te die Si­tua­ti­on wei­ter ver­schlech­tern. Ber­lus­co­ni hat Neu­wah­len be­reits ab­ge­lehnt. Über sie ent­schei­det je­doch Staats­prä­si­dent Gior­gio Na­po­li­ta­no, des­sen Amts­zeit im Mai ab­läuft. In den letz­ten sechs Mo­na­ten darf er die Kam­mern oh­ne­hin nicht mehr auf­lö­sen. Dass sich Na­po­li­ta­no aus­ge­rech­net in die­ser pre­kä­ren Lage zum Staats­be­such in die deut­sche Haupt­stadt auf­mach­te, wird in Rom üb­ri­gens als mehr als de­plat­ziert ge­se­hen.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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