Die Komintern zum antikolonialen Kampf

Posted on 3. Juni 2013 von

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komintvon Fritz Dittmar & Renate Münder

Neben der Arbeiterbewegung ist dem Kapitalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein neuer Gegner entstanden. Indem der Kapitalismus sein imperialistisches Stadium erreichte, brachte er die Aufteilung der Welt zum (vorläufigen) Abschluss. Soweit die anderen Völker noch keine eigenständige Entwicklung zum Kapitalismus vollzogen hatten, fielen sie unter die Herrschaft einer Handvoll von Großmächten. Sie wurden zu Kolonien und Halbkolonien. Damit wurde ihnen die Perspektive versperrt, sich eigenständig zu kapitalistischen Nationen zu entwickeln. Stattdessen wurde ihnen aufgezwungen, als Lieferanten von Rohstoffen und billiger Arbeitskraft den Imperialisten den Zugriff auf Extraprofite zu sichern.

Die Quelle der Extraprofite des Monopolkapitals aus den Kolonien und Halbkolonien ist eine wesentliche Ursache für die Stärke des Imperialismus – im Kampf gegen das Kapital ist es darum Ziel des Proletariats, diese Quelle zu verstopfen. Der indische Kommunist Manabendra Nath Roy begründete damit sogar eine Verlagerung des Arbeitsschwerpunktes der Komintern in die Kolonien: „Der europäischen Arbeiterbewegung wird der Sturz der kapitalistischen Ordnung erst dann gelingen, wenn diese Quelle endgültig verstopft ist.“1 Zum vollen Erfolg der Weltrevolution sei das Zusammenwirken der proletarischen Bewegung in den Metropolen und der revolutionären Bewegung in den Kolonial- und Halbkolonialländern erforderlich. In den Leitsätzen zur Orientfrage der Gesamtthesen des IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale 1922 schlug sich das folgendermaßen nieder: „Die koloniale Revolution kann nur zusammen mit der proletarischen Revolution in den hochentwickelten Ländern siegen und ihre Eroberungen behaupten.“ 2

Drei Hauptkräfte der Revolution

Die Völker in den Kolonien wurden im antiimperialistischen Befreiungskampf zu gleichberechtigten Bündnispartnern. Und die Zusammenarbeit der drei Säulen der kommunistischen Weltbewegung – Arbeiterklasse in den sozialistischen Ländern, Arbeiterbewegung in den imperialistischen Zentren und Unabhängigkeitsbewegung der unterdrückten Völker – schlug sich in der Erweiterung der Losung des Kommunistischen Manifests nieder: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!“

Von den kommunistischen Parteien in den imperialistischen. Ländern verlangte die Komintern die Unterstützung des Kampfs der Kolonien nach nationaler Selbstbestimmung. In den „Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale“ von 1920 hieß es unter Punkt 8: „Jede Partei, die der III. Internationale angehören will, ist verpflichtet, die Machinationen „ihrer“ Imperialisten in den Kolonien schonungslos zu entlarven, jede Befreiungsbewegung in den Kolonien nicht in Worten, sondern durch Taten zu unterstützen, die Verjagung ihrer eigenen Imperialisten aus den Kolonien zu fordern, in den Herzen der Arbeiter ihres Landes wahrhaft brüderliche Gefühle für die werktätige Bevölkerung der Kolonien und der unterdrückten Nationen zu wecken…“3

Ungleichzeitige Entwicklung

Ein Problem der Kommunisten in den Kolonien war, dass die Ansätze zu eigenständiger kapitalistischer Entwicklung unterschiedlich weit entwickelt waren. So gab es Kolonien, die so rückständig waren, dass die Führung des Kampfs gegen die Kolonialmacht in der Hand von Feudalherren oder Stammesführern lag. Diesen gegenüber bestand die Position der Kommunisten darin, die imperialistische Unterdrückung zu verurteilen und gleichzeitig den Kampf der Massen gegen den Feudalismus zu fördern.

In den Kolonien waren nationale Bourgeoisie und Arbeiterklasse nur keimhaft entwickelt. Zu ihrer freien Entfaltung mussten sie darum kämpfen, das Joch ihrer Kolonialherren abzuschütteln. Ebenso mussten sie in ihrem Land den Kampf gegen die feudalen Großgrundbesitzer führen, die unter der Herrschaft der Unterdrückerstaaten ihre eigene ökonomische Macht gesichert sahen und den Kolonialismus stützten. Am Kampf gegen den Großgrundbesitz und um nationale Souveränität hatten die Bauernmassen, die Arbeiter und in gewissem Umfang auch die Bourgeoisie ein gemeinsames Interesse, ohne dass das ihre internen Gegensätze aufgehoben hätte.

Lenin unterschied eine Kompradorenbourgeoisie, die mit den Imperialisten kollaboriert, von einer „national-revolutionären“ Bourgeoisie. Die KI beschloss, „jede national-revolutionäre Bewegung gegen den Imperialismus“ zu unterstützen. Dabei sei es jedoch entscheidend, „dass nur eine konsequente revolutionäre Linie, die darauf abzielt, die breitesten Massen in den aktiven Kampf hineinzuziehen, und der unbedingte Bruch mit allen Anhängern einer Aussöhnung mit dem Imperialismus, im Interesse der eigenen Klassenherrschaft, die bedrückten Massen zum Siege zu führen vermag.“4

Wo die Führung des Widerstands in der Hand der nationalen Bourgeoisie liegt, hängt die Frage eines Bündnisses davon ab, welche Position sie zum Kampf gegen den Feudalismus einnimmt, ob die Bodenreform Teil ihres Programms ist. Das ist die Voraussetzung für die Unterstützung einer national-revolutionären Führung. Ein echtes Bündnis ist aber erst dann möglich, wenn sie die Arbeiterbewegung als eigenständig anerkennt und die legale Tätigkeit der Kommunisten als Partei zulässt.

In den „Leitsätzen zur Orientfrage“ des IV. Weltkongresses der KI wurde ein offenes Bündnis zwischen der kommunistischen Partei und einer bürgerlich-nationalen Bewegung als Taktik ausgegeben. Doch „die Arbeiterbewegung in den kolonialen und halbkolonialen Ländern muss sich vor allem die Stellung eines selbständigen revolutionären Faktors in der antiimperialistischen Gesamtfront erkämpfen. Erst wenn ihr diese selbstständige Bedeutung zuerkannt wird und sie dabei ihre politische Unabhängigkeit bewahrt, sind zeitweilige Verständigungen mit der bürgerlichen Demokratie zulässig und notwendig.“ 5

Bei der Umsetzung dieser Taktik traten jedoch schwierig zu lösende Widersprüche auf. Das bedingungslose Festhalten am Bündnis mit den Repräsentanten der nationalen Bourgeoisie hat zu blutigen Niederlagen der Kommunisten geführt: Die Chinesische KP erlitt durch das Massaker in Shanghai, in dem Chiang Kai-shek Tausende seiner bisherigen Bündnispartner ermordete, einen empfindlichen Rückschlag, die Indonesische KP wurde von General Suharto während seines Putsches gegen Sukarno zusammen mit vielen Anhängern praktisch vernichtet (ca. eine Million Opfer), die Irakische Partei wurde nach der Verfolgung durch Saddam Hussein in die Emigration gedrängt und im Innern praktisch bedeutungslos, ebenso wie die iranische Tudeh Partei nach dem Sturz des Schahs.

Nationale Frage

Die Überwindung des Nationalismus ist in den imperialistischen Ländern eine zentrale Aufgabe der Kommunisten. Während er dort zur Grundlage von Klassenzusammenarbeit, Rassismus, Ausbeutung und Krieg dient, kann er bei den unterdrückten Völkern eine – in begrenztem Maße – fortschrittliche Funktion erfüllen. Auf dem IV. Weltkongress der Komintern wurde festgehalten: „Die von den nationalistischen Bewegungen in den Kolonien aufgestellte Forderung nach nationaler und wirtschaftlicher Selbständigkeit ist der Ausdruck für die Bedürfnisse der bürgerlichen Entwicklung in diesen Ländern.“6 Der Kampf um die nationale Befreiung hat das Potential, alle Klassen und Schichten des Volkes gegen den gemeinsamen Feind zusammenzuführen. Zur Beurteilung von Nationalismus oder Chauvinismus ist die Unterscheidung Lenins von Unterdrückerstaaten und unterdrückten Nationen auch heute noch heranzuziehen.

Die staatliche Souveränität erlangten die meisten Kolonien erst nach dem zweiten Weltkrieg. Wenn die Dekolonisierung aus dem Grund erfolgte, weil die Besatzungskosten von den Unterdrückernationen nicht mehr aufgebracht werden konnten, blieben die ehemaligen Kolonien ökonomisch und politisch von den Imperialisten weiter abhängig. Eine wirkliche Befreiung konnte meist nur im Widerstand gegen einen grausamen und brutalen Gegner erreicht werden, wie in Algerien, Angola oder Vietnam. Der erfolgreiche Kampf des vietnamesischen Volkes fand seinen Widerhall in Che Guevaras Aufruf „schafft zwei, drei, viele Vietnam“.

Seit dem Untergang der Sowjetunion und durch die Schwäche der Arbeiterbewegung in den imperialistischen Staaten haben die unterdrückten Völker nur noch wenig Verbündete in ihrem Kampf, wie es die Bevölkerung des Irak und Libyens erfahren mussten. Die Kriterien der Komintern sind kaum mehr auf die heutigen Bedingungen zu übertragen. Aber sie zeigen uns die kommunistische Herangehensweise, von der wir für die Zeit des Neokolonialismus lernen können.

1 Zitiert nach Nick Brauns, Vom kolonisierten Ding zum revolutionären Subjekt, junge Welt vom 26.07.2005

2 Thesen und Resolutionen des IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale 1923, Leitsätze zur Orientfrage

3 W. I. Lenin: Die große Kraft des Proletarischen Internationalismus; Berlin 1973, S. 209/210

4 Zitiert nach Nick Brauns, ebd.

5 Ebd.

6 Thesen und Resolutionen des IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale 1923, Leitsätze zur Orientfrage

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