„Großbanken, Industriemonopole und Staat“

Posted on 3. Juni 2013 von

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gossvon Stephan Müller

LITERATURTIPP

Im Juni erscheint die Neuauflage von Kurt Gossweilers „Großbanken, Industriemonopole und Staat“. Der Untertitel „Ökonomie und Politik 1914 bis 1932“ deutet bereits darauf hin, dass hier die Verbindung hergestellt wird zwischen den ebenfalls vom Papyrossa-Verlag neu aufgelegten Arbeiten Gossweilers zur Affäre Röhm 1934 und zur Frühgeschichte des deutschen Faschismus 1919 bis 1924. Das Buch, das die akribisch zusammen getragene Faktenfülle präzise analysiert, ist seit seinem ersten Erscheinen 1971 zu einem Standardwerk nicht nur in der marxistischen Geschichtswissenschaft geworden.

Das ist eigentlich ein Missverständnis; es sollte gerade „keine Geschichte des ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik“ sein, wie uns Gossweiler im Vorwort mitteilt; sondern „Es will als eine Studie zu speziellen Problemen der Politik der imperialistischen deutschen Bourgeoisie verstanden sein.“ Gerade deshalb interessiert es uns, weil das Thema der Studie von brennender Aktualität ist. Gossweiler: „Die marxistisch-leninistischen Parteien haben es stets als ihre Aufgabe betrachtet, die Politik des Klassengegners, seine Strategie und Taktik zu studieren, um sie zu parieren und ihn mit der überlegenen wissenschaftlich fundierten Strategie und Taktik der Arbeiterklasse schlagen zu können.“ Zur Grundlage seiner Analyse verweist Gossweiler auf Lenins Feststellung der zwei Taktiken der Bourgeoisie im Kampf gegen die Arbeiterklasse, der Taktik der offenen Gewalt, und der Taktik der Zugeständnisse zur Verhinderung der Revolution.

Weiter bezieht er sich auf Dimitroff, der mahnte: „ Genossen, man darf sich den Machtantritt des Faschismus nicht so glatt und einfach vorstellen, als fasste irgendein Komitee des Finanzkapitals den Beschluss, an dem und dem Tage die faschistische Diktatur aufzurichten. Tatsächlich gelangt der Faschismus gewöhnlich in gegenseitigem, zuweilen scharfen Kampf zwischen dem Faschismus und den alten bürgerlichen Parteien oder einem Teil dieser Parteien zur Macht.“ Es geht Kurt Gossweiler um die „Frage nach dem Ursprung den verschiedenen Konzeptionen innerhalb der herrschenden Klasse.“

Aktuelle Fragestellung

Ein Ausgangspunkt dabei sind Jürgen Kuczynskis „bahnbrechende Arbeiten“, über den beständigen Kampf zweier Gruppen im deutschen Monopolkapital, der alten Schwerindustrie und der neueren Chemie- und Elektroindustrie. Gossweiler deckt Traditionslinien in der Politik des deutschen Imperialismus auf, die schon bei Bismarcks politischen Zwillingen Sozialistengesetz und Sozialgesetzgebung sichtbar wurden. Dabei geht er vor allem drei Fragen nach:

  • Wie haben sich die Gruppierungen in der Industrie herausgebildet und wie entwickelte sich dabei ihr Verhältnis zu den Großbanken,
  • Wie verhalten sich die Einzelinteressen der Monopolkapitalisten, die gegeneinander gerichtet sind, zum Gesamtinteresse der Monopole an der Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft?
  • und schließlich: Wie behandelt die deutsche imperialistischen Bourgeoisie die bürgerlichen Demokratie und welche Rolle spielt sie bei der Errichtung der faschistischen Herrschaft.

Konkret stellt das Buch zunächst dar, wie sich die beiden Hauptgruppierungen der industriellen Großbourgeoisie und ihre verschiedenen Stellungen zur Arbeiterbewegung vor dem ersten Weltkrieg herausbilden, die Schwerindustrie einerseits und die Chemie- und Elektroindustrie andererseits. Im Krieg kristallisierten sich dann die verschiedenen Interessen an der Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalismus heraus. Sie zeigten sich im Streit um die Kriegsziele, aber auch in der Auseinandersetzung um den AEG-Chef Walter Rathenau als Sprecher der einen Gruppe. Nach 1918 spitzten sich die gegensätzlichen Profitinteressen der einzelnen Großkapitalisten in der sich schnell ändernden Lage zu, trotz dem zeitweise gemeinsamen Vorgehen gegen die Arbeiterklasse. Gossweiler stellt dar, wie wenig stabil die politischen Allianzen waren, die die Monopole im Zusammenspiel mit den Großbanken schlossen.

Er zeigt, wie sich 1923 aus den gegensätzlichen Monopolinteressen der Streit entwickelte, welches Projekt besser geeignet sei, um die Zugeständnisse zu liquidieren, die der Arbeiterklasse 1918/19 gemacht wurden: Militärdiktatur oder Währungsreform?

Anhand der Hauptakteure der Währungsreform werden die Profitinteressen aufgezeigt, die durch die Personen wirksam wurden: Im internationalen Rahmen bringt Hjalmar Schacht den US-Imperialismus zum Verhandlungstisch und die „flexible“ Fraktion des deutschen Imperialismus verbündet sich mit Hilferding, um den Einfluss der SPD-Führung auf die Arbeiterklasse in die Waagschale zu werfen.

In der folgenden Periode der „relativen Stabilisierung“ der Wirtschaft nach der Währungsreform schwächte sich die offene Auseinandersetzung zwischen den Monopolgruppen ab. Sie passten sich den neuen Gegebenheiten an. Mit dem zunehmenden Eindringen des amerikanischen Kapitals nach Deutschland stieg der Einfluss der „amerikanischen Fraktion“ um Hjalmar Schacht, auf Kosten des französischen Kapitals. Gleichzeitig entwaffnete die „flexible“ Fraktion des Monopolkapitals die Arbeiterklasse mit Hilferding als SPD-Finanzminister, der auf Klassenzusammenarbeit und die Illusion der Wirtschaftsdemokratie baute. Andererseits wurde klar, dass mit der SPD in der Regierung keine wirklichen Verbesserungen für die Volksmassen erreicht wurden. An diesem Widerspruch konnte die KPD erfolgreich ansetzen. An der Frage der Rüstungsfinanzierung – Bau der Panzerkreuzer – kam die SPD unter dem Druck der von der KPD initiierten Protestbewegung an den Rand der Spaltung.

In der Wirtschaftskrise um 1930 flammte der offene Kampf der Monopolgruppen dann wieder auf.

Zweifrontenkampf

An Hand von Kurt Gossweilers Arbeitsweise lässt sich lernen, wie Marxisten produktiv an die konkrete Aufschlüsselung des Zusammenhangs von ökonomischer Basis und politischem Überbau herangehen können. Die wissenschaftliche Detailarbeit ist unvermeidlich, sagt Gossweiler, im Zweifrontenkampf gegen Revisionismus und Dogmatismus. Der Sozialdemokratismus ist immer bemüht, schrieb er 1970 (!) im Vorwort „die flexible Variante imperialistischer Politik, wie sie z.B. in der ‚neuen Ostpolitik‘ der Brandt-Scheel-Regierung praktiziert wird, als eine echte Alternative zur offen aggressiven politischen Linie etwa eines Franz Josef Strauß anzubieten. Der moderne Revisionismus unterstützt solche Bemühungen durch die Verbreitung der These, die flexible oder raffiniertere imperialistische Politik sei eine Linie ‚vernünftiger‘, ‚realistischer‘ Politiker, die sich zur friedlichen Koexistenz und damit zur Absage an das Ziel der Beseitigung des Sozialismus bekehrt hätten. Ultralinke Abenteurer wiederum treten mit der Behauptung auf, die Unterschiede der beiden taktischen Linien der Politik des Imperialismus seien für die Arbeiterklasse völlig ohne Belang, so dass man sie überhaupt nicht berücksichtigen dürfe.“

Die Beschäftigung mit den Gruppierungen der deutschen Monopolbourgeoisie ist aber noch aus einem anderen Grund wichtig, betont Kurt Gossweiler, nämlich weil die „unbestreitbare Tatsache rivalisierender Monopolgruppen um die dominierende Rolle in der faschistischen Diktatur“ missbraucht wird, um „die Monopole von der Verantwortung für die Vorbereitung und Durchführung des zweiten Weltkrieges freizusprechen. Desto wichtiger ist der Nachweis, dass an der Beseitigung der Weimarer Republik und der Errichtung der faschistischen Diktatur mit dem Ziel der Vorbereitung eines neuen Krieges um die Weltherrschaft alle maßgeblichen Gruppen und Fraktionen des deutschen Monopolkapitals interessiert und beteiligt waren, und dass es bei ihren Macht- und Rivalitätskämpfen nicht um unterschiedliche Ziele, sondern in erster Linie um die Führung, in zweiter Linie um die geeignetsten Wege zu den gemeinsamen Expansionszielen ging.“

Dem Buch ist ein ausführliches Quellen und Literaturverzeichnis, sowie Personen- und Institutionenregister beigegeben.

Alle Zitate sind dem von Kurt Gossweiler verfassten Vorwort entnommen.

Kurt Gossweiler, Großbanken, Industriemonopole und Staat; Papyrossa Verlag, Köln, Juni 2013, etwa 400 Seiten, Subskriptionspreis 19.20 Euro bis Ende Mai, ab Juni Normalpreis ca. 24 Euro

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