Reise zu Brecht nach Athen

Posted on 3. Juni 2013 von

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bertoltbrechtvon Erich Schaffner

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Zu Brecht nach Athen?

Die Kinder der Partisanen veranstalten einen Kongress, der sich ausschließlich mit diesem deutschen Dichter beschäftigt? Einen zweitägigen mit allen Schikanen? Haben die nichts anderes zu tun? Mitten in der dicksten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren? Es war mir vergönnt, die Genossinnen der Kulturabteilung des Zentralkomitees der griechischen Kommunistischen Partei kennen zu lernen. Die Leiterin, Genossin Eleni Miliaronikolaki, die Malerin Mela und die Übersetzerin Ioannatou. Das in einem Haus, das vor Jahrzehnten die Kommunisten in Eigenleistung und mit internationaler Hilfe errichtet haben. Haus ist falsch: ein riesiger Gebäudekomplex – gegen die Faschisten gut gesichert, aber offen für die Kultur. Nebenan, auch von Genossen gut gesichert gegen die Faschisten der „Goldenen Morgendämmerung“, kicken auf einem Platz Mannschaften von Emigranten. Schön, wenn eine Partei etwas für die Bedrückten tut! Und: „…wenn der Gute etwas Geld hat, hat er doch, was er zum Gutsein braucht.“ (Brecht). Zu dem Komplex gehört auch ein Kongresssaal, groß und eingerichtet wie das Frankfurter Schauspiel: ansteigende Platzreihen, auf der Bühne ein Flügel. Dort finden häufig kulturelle Veranstaltungen statt, Theater, Versammlungen, Parteitage. Und jetzt dieser Brecht-Kongress. 700 Plätze, fast immer alle besetzt, Gesichter, die den Namen verdienen, viele junge Leute. (…)

Diese Griechen, haben die nichts Besseres zu tun?

Sie wissen genau, was sie tun! Wenn der Satz stimmt: „Kunst ist Waffe!“, dann ist Brechts Werk der schärfsten eine. Wer eine solche Waffe zur Verfügung hat, und sie nicht benutzt, müßte eigentlich vom Weltkultursenat gerügt werden! Die vielgeschmähten „SED-Chefs“ von einst mögen Fehler gemacht haben, aber daß sie den Wert Brechts unterschätzten, kann ihnen keiner vorwerfen: als die weißgewaschenen West-Eliten Brecht nicht ins Land ließen, haben sie ihm ein Theater zur Verfügung gestellt, und einen Etat. Er schuf damit ein Ensemble von Weltrang.

Einer seiner Mitarbeiter, der spätere langjährige Leiter des Berliner Ensembles, Professor Manfred Wekwerth, der nicht selber kommen konnte, sandte einen Beitrag nach Athen, der per Video eingespielt wurde. Brechts und Wekwerths und der vielen anderen hervorragenden Theaterleute Ensemble wurde abgewickelt, als es die SED nicht mehr gab, als die Democracy endlich auch in der DDR einzog und sogleich einige Ostmütter dazu übergingen, ihre Babies in Müllsäcken zu entsorgen, oder vom Balkon zu schmeißen, was vorher nicht möglich war, weil die Kinder bekanntlich vom Staat weggenommen und dann in den Schulen auf einen Beruf vorbereitet wurden nicht aber auf die Freiheit. Ein Brecht-Theater war da eher störend. Dessen Schauspielerinnen und Schauspieler konnten nun, wie alle Werktätigen, am eigenen Leib erfahren, was es heißt, eine Ware zu werden.

Sechs griechische Schauspielerinnen und ein Pianist der Theatergruppe „Moderne Zeiten“ brachten zu Beginn des Kongresses Lieder und Gedichte Brechts, mit Kraft vorgetragen.

Dimitris Koutsoubas, der neugewählte Generalsekretär des Zentralkomitees und Theodoris Chionis vom Zentralrat der Kommunistischen Jugend sprachen Grußworte. Eleni Miliaronikolaki, die Leiterin der Kulturabteilung der KKE, eröffnete mit einer Rede: „Bertolt Brecht: Über das Einfache, das schwer zu machen ist.“

Es folgten an diesem Wochenende mehr als dreißig Vorträge von Regisseuren, Theaterwissenschaftlerinnen, Theaterkritikern, Schauspielern, Philosophiedozentinnen, Professoren, Philologinnen, Parteifunktionärinnen, Soziologen, eine Archäologin, Pädagogen, Komponisten in mehreren Themenblöcken zu nahezu allen Aspekten der Beschäftigung mit Brechts Leben, Werk und dessen Wirkung. Ein Mammutprogramm (…)

Zu den Vorträgen: Ich kam verspätet. Als ich den Kopfhörer aufgesetzt hatte, konnte ich nur noch den Schluß des Beitrages eines imposanten Mannes hören. Er sprach davon, daß das Aufführen von Brechts Stücken Selbstaufopferung erfordert. Viele Schauspieler und Schauspielerinnen suchen und werden bei der Beschäftigung mit Brecht reifer, lernen, werden andere Menschen. Er stellte die Frage, ob in der klassenlosen Gesellschaft noch Kunst nötig ist? Die Antwort: auch dann wird Brecht gebraucht! Auch dann werden Kommunisten nicht geboren. Der Bewußtseinsprozess bleibt notwendig. Und schließlich: Man muß sich als Künstler mit den Ausgebeuteten zusammentun. Nur von unten kann die Veränderung kommen. Der beeindruckende Mann, der anhaltenden Applaus hervorgerufen hatte, setzte sich schließlich neben mich, er ist ein bekannter Regisseur und Schauspielerkollege. Sein Name: Kostas Kazakos. Später konnten wir uns unterhalten. Was er berichtete, war hochinteressant: er betreibt ein Theater in Athen, gestaltet wie ein Amphitheater mit 450 Plätzen, aber innerhalb eines Gebäudes. Und er hat im letzten Jahr Brechts Puntila inszeniert und auch die Figur des Puntila gespielt. 35 Mitwirkende spielten 150 Vorstellungen. Es gab nur ein Problem: die bürgerlichen Medien schwiegen die Aufführungen tot. (Die einzigen, die ständig Werbung gemacht haben, waren die Zeitung, das Radio und das Nachrichtenportal der KKE.)

Das führte anfangs zu schwach besetztem Zuschauerraum. Erst durch Empfehlung von Besucherinnen und Besuchern kam es schließlich zu ausnahmslos ausverkauften Vorstellungen. Grund war auch der günstige Einheitspreis für die Vorstellung: 10 Euro!

Resultat: ein großer Erfolg für die Arbeiterbewegung und das Theater. Zweites Resultat: Kostas Kazakos kam in finanzielle Schwierigkeiten.

Warum boykottieren die Medien Brecht? Darum ging es auch in meinem Beitrag. Der Boykott der Medien ist ja nur ein Teil des Boykotts, den die herrschenden Klassen verschiedener Länder über Brecht und sein Werk verhängten. 1933 floh Bertolt Brecht vor dem deutschen Finanzkapital ins Exil. Man darf annehmen, daß sie ihn sonst umgebracht hätten. In den USA wurde er 1942 als „Enemy Alien“, als feindlicher Ausländer, registriert. Das FBI hat ihn 13 Jahre lang observiert. 1947 kam er vor den Ausschuss für unamerikanische Umtriebe. Er flüchtete wieder. Die Einreise nach Westdeutschland wurde ihm untersagt. Nur die Schweiz nahm ihn auf.

Als 1950 bekannt wurde, dass Brecht die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen worden war, reagierte die dortige Presse mit einem „shitstorm“, wie das heute heißt:

„kulturbolschewistische Atombombe auf Österreich abgeworfen“(Salzburger Nachrichten) und „Wer schmuggelte das Kommunistenpferd in das deutsche Rom?“(Die Neue Front) In anderen Zeitungen war die Rede vom„Poeten des Teufels“, von der„literarischen Ausgeburt“ und „vom größten Kulturskandal der Zweiten Republik“.

Nur das Neue Theater in der Scala, im sowjetischen Besatzungssektor Wiens, spielte Brechts Stücke. Das Ensemble bestand aus zurückgekehrten Emigranten und Antifaschisten.

Ihre Aufführungen wurden jedoch von der Presse totgeschwiegen.

Brechts differenzierte und kluge Stellungnahme zum 17. Juni 1953 in Berlin wurde in den bundesdeutschen Medien verstümmelt und einseitig wiedergegeben. Der „Wiener Kurier“ titelte : „Österreicher Brecht huldigt SED“. Die sozialdemokratische „Arbeiter- Zeitung“ schrieb: „Hier ist der Dichter Bert Brecht endgültig an dem Leichenfraß des Kommunisten Brecht verendet“.

Nachdem BB schließlich viel zu früh gestorben war, hörten die Angriffe nicht auf:

Als sein Berliner Ensemble 1960 mit dem „Arturo Ui“ in Frankfurt am Main gastierte, empfingen es an den Litfaßsäulen Plakate mit den Worten: „Die Kosaken kommen“. Die Junge Union, der Nachwuchs der Regierungspartei, bildete einen Kordon um das Schauspielhaus und versuchte, das Publikum vor den „Kosaken“ zu schützen, indem sie niemanden durchlassen wollte.

Wie schon 1953 und auch 1956, nach der Niederschlagung der Konterrevolution in Ungarn, setzte nach dem Mauerbau 1961 eine Anzahl westdeutscher Bühnen – bedrängt von Politikern, Abonnenten und Zeitungen, aber auch aus freien Stücken – Brecht-Inszenierungen vom Spielplan ab. (Die Bild-Zeitung schrieb: „Mit jeder Brecht-Premiere geht ein wenig von der inneren Abwehrbereitschaft zum Teufel“)

Der mutige Frankfurter Intendant Harry Buckwitz erklärte, er werde seine geplante „Galilei“ -Premiere erst dann absetzen, wenn „von Ost auf West geschossen wird“. Auch Ulms Intendant Kurt Hübner trotzte öffentlichen Protesten und Bombendrohungen mit Brechts „Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen“, in der Regie von Peter Palitzsch.

(…)

Dann versuchten sie eine Zeit lang, ihn in der Versenkung verschwinden zu lassen.

1988, zu seinem 90. Geburtstag, gab es nur eine kleine, von Genossenen organisierte Veranstaltung in einem Augsburger Lokal. Seine Vaterstadt hatte seinen 90. Geburtstag vergessen. Mit zwei Kolleginnen, hatte ich die Ehre, dort zu singen und zu sprechen.

Zum 100. Geburtstag 1998 hätten sie sich mit ihrer Ignoranz vor der Welt blamiert. Es wurden über 250 nationale und internationale Veranstaltungen angekündigt, allein 100 davon in Augsburg. Der damalige Bundespräsident Herzog sah in Brecht ein Beispiel für die „Innovationskraft Bayerns“. Wen sie nicht totschweigen können, den versuchen sie, zu vereinnahmen: Brecht als Werbeträger für die bayrische Rüstungsindustrie. Sie schmücken sich mit dem großen Künstler, entpolitisieren sein Werk, möchten sein Bild auf ihre Waren kleben, um deren Wert zu steigern. Auf eine Lüge mehr oder weniger kommt es ihnen nicht an. Er selbst kann sich nicht mehr wehren, das müssen wir für ihn und uns tun.

Zum 50. Todestag 2006 durften auch Kapitalisten und bürgerliche Politiker Brechts Gedichte am Schiffbauer Damm vortragen. Die Deutsche Bank sponsorte eine Dreigroschenoper- Aufführung in Berlin. Sechs Jahre später verbietet das Frankfurter Ordnungsamt eine Kulturveranstaltung vor der alten Oper, bei der ich für Blockupy seinen „Mackie Messer“ singen wollte. Dem freiheitlichsten Präsidentenpfaffen aller Zeiten war das keinen Protest wert. (…)

Die KKE hat vor, sich als nächstes ausführlich in einem Kongress mit dem türkischen Dichter Nazim Hikmet zu beschäftigen.

(…) dieses Jahr werden an vielen Theatern in Griechenland Stücke von Brecht gespielt.

Gekürzte Fassung mit Einverständnis des Autors

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