Woran die US-Aggression in Vietnam scheiterte

Posted on 3. Juni 2013 von

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tankvon Gerhard Feldbauer

30.4.2013 – 38. Jahrestag der Befreiung Saigons

Ende August 1967 verweigerten über hundert schwarze Infanteristen der 1. Panzerdivision der US-Army den Einsatz gegen eine Antikriegsdemonstration in Chicago. Der Kommandeur der Division ließ 43 der Soldaten wegen „Befehlsverweigerung“ festnehmen. Jonatan Neale schrieb in seinem 2004 erschienen Buch „Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960–1975“, dass im Pentagon damals Befürchtungen wuchsen, es könnte zu Ereignissen wie in Russland 1917 und in Deutschland 1918 kommen. Anlass war u. a. eine Demonstration von Veteranen des Zweiten Bataillons der Marines in Philadelphia, die unter der Losung stattfand: „Alle Macht dem Volke“.

Es gab etwa 300 Gruppen oder Komitees wie „GIs für den Frieden“ und „GIs gegen den Krieg“ oder „Vereinigte GIs gegen den Krieg“. Ihre zahlreichen Zeitschriften erreichten monatlich Hunderttausende. Von „Vietnam GI“, die in Chicago mit einer Auflage von 15.000 erschien, wurden 3.000 Exemplare an Soldaten in Südvietnam verschickt. Aufsehen erregten die Demonstrationen der Vietnamveteranen, die in ihren alten Uniformen und Kampfanzügen aufmarschierten. Sie schilderten, zu welchen Verbrechen an der Zivilbevölkerung sie gezwungen worden waren. Viele von ihnen gaben ihre Kriegsauszeichnungen zurück.

In Südvietnam, wo die Masse der US-Soldaten sich aus Arbeitern, darunter viele schwarze, rekrutierte, war inzwischen eine regelrechte „Revolte der GIs“ gegen den Krieg im Gange. Sie erfasste zahlreiche Truppenteile, und die Kriegsgerichtsbarkeit wurde zunehmend der Lage nicht mehr Herr. Es kam zu Befehlsverweigerungen, zum Angriff anzutreten. In manchen Einheiten entstanden so etwas wie Soldatenräte, auch wenn sie sich nicht so nannten. Viele Kompaniechefs mussten immer öfter mit ihren Soldaten über die Bedingungen des Vorgehens verhandeln.

Gegenüber verhassten Offizieren und Feldwebeln wurde das „Fragging“ (Zersplittern durch eine Handgranate) praktiziert. Wenn Offiziere oder Feldwebel nicht bereit waren, mit den Soldaten zu kooperieren, wurden sie auf diese Weise umgebracht oder im Gefecht einfach erschossen. Über 1000 Offiziere und Unteroffiziere sind schätzungsweise durch ihre eigenen Leute umgelegt worden.

Nachdem die südvietnamesische Befreiungsfront FNL bei den 1970 eröffneten Friedensverhandlungen in Paris öffentlich erklärte hatte, sie werde nicht auf Einheiten schießen, die gegen sie nicht das Feuer eröffnen, trugen viele amerikanische Soldaten rote Armbinden als Zeichen für den Vietcong, dass sie nicht kämpfen wollten. Danach häuften sich Befehlsverweigerungen. Zwischen 1966 und 1972 kam es zu 423.422 Desertionen und unerlaubten Entfernungen von der Truppe – dreimal höher als zu irgendeinem Zeitpunkt des Koreakrieges.

Und als 1972 der Luftkrieg gegen Nordvietnam ausgeweitet wurde, kam es auf allen beteiligten Flugzeugträgern zu Unruhen. 1971 gab es auf Kriegsschiffen laut einer Kongressuntersuchung 488 Beschädigungen oder Versuche dazu, 191 Sabotageakte und 135 Brandstiftungen. Während der mörderischen Bombardements auf Hanoi im Dezember 1972 verweigerte der Phantom-Pilot Captain Dwight Evans den Einsatz, und Captain Michael Heck lehnte es ab, mit seiner B-52 zu starten. Er hatte bis dahin 200 Kampfeinsätze geflogen.

Die Juni-Ausgabe 1971 des Armed Forces Journal schrieb: „Moral, Disziplin und Kampfbereitschaft der US-Streitkräfte befinden sich mit einigen wenigen herausragenden Ausnahmen auf einem Tiefpunkt und in einem schlimmeren Zustand als jemals zuvor in diesem Jahrhundert, vielleicht sogar in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Nach jedem nur denkbaren Maßstab steht unsere Armee, die sich jetzt noch in Vietnam aufhält, vor dem Zusammenbruch. Ganze Einheiten weichen dem Einsatz aus oder verweigern ihn, sie ermorden ihre Offiziere und Unteroffiziere, sind drogensüchtig und mutlos oder stehen kurz vor der Meuterei.“1

Solidarität weltweit

Die anfangs erwähnte Demonstration war Teil der „Frühjahrsmobilisierung“ der amerikanischen Friedensbewegung, die am 15. April 1967 in New York und San Francisco mit 500.000 Teilnehmern die bis dahin größte Antikriegsdemonstration auf die Beine brachte. Die Bewegung schloss Proteste der Studenten und Intellektuellen, Aktivitäten von Gewerkschaftern, Anhänger Martin Luther Kings, der Black Power, der Socialist Workers Party und der Kommunisten mit ein. „Die Antikriegsbewegung war überall, auf fast jedem nennenswerten Stützpunkt“, schrieb Neale.

Die Solidaritätsbewegung breitete sich in vielen Ländern der Welt aus. Auch in der BRD fanden Hunderte von Demonstrationen statt und zahlreiche Vietnam-Komitees organisierten das Verstecken von amerikanischen Fahnenflüchtigen, sammelten Geld für humanitäre, aber auch militärische Zwecke. AnSchulen, Universitäten, in Betrieben und Stadtteilen gründeten sich Vietnam-Ausschüsse.

Während die Bundesrepublik politisch und wirtschaftlich, personell und moralisch, aber auch durch verdecktes militärische Engagement die USA und ihr südvietnamesisches Marionettenregime unterstützte, stellte die DDR sich moralisch und mit beträchtlicher materieller Hilfe an die Seite des vietnamesischen Volkes. Die entscheidende Rolle für den Befreiungskrieg Vietnams spielte jedoch die an der Spitze des sozialistischen Lagers stehende UdSSR. Ohne ihren militärischen Beistand wäre der vietnamesische Sieg nicht möglich gewesen.

Den Ausschlag gab jedoch der Widerstandswille des vietnamesischen Volkes. Trotz barbarischer Kriegsführung der USA war der Widerstand nicht zu brechen. Zu erinnern ist an die bestialischen Verbrechen der US-Soldateska in My Lai am 16. März 1968. Sie waren kein Einzelfall, wie US-Präsident Nixon später der Weltöffentlichkeit einzureden versuchte, sondern Tag für Tag gängige Praxis, um die Bevölkerung daran zu hindern, den Befreiungskämpfern Unterstützung zu geben. Die Zahl der ermordeten Zivilisten geht in die Hunderttausende.

Die kommunistische Partei Vietnams mit ihrem legendären Gründer Ho Chi Minh verstand es, die Traditionen nationalen und antikolonialen Widerstandes zu mobilisieren. Seine herausragende Führerpersönlichkeit zeigte sich selbst nach seinem Tod. Denn als er 1969 starb, hinterließ er nicht, worauf seine Feinde spekulierten, eine Vakuum, sondern eine kampfgestählte Partei mit einem Führungskollektiv und ein von seinem Unabhängigkeitswillen beseeltes Volk, die sein Werk fortsetzten.

Der Sieg des vietnamesischen Volkes war auf drei Faktoren zurückzuführen.

  • auf den heldenhaften Kampf des vietnamesischen Volkes, der sowohl politisch wie militärisch von der Kommunistischen Partei in vorbildlicher Weise geleitet wurde
  • auf den entschlossenen und mutigen Widerstand in der US-Army, der vor allem von schwarzen Soldaten getragen wurde 2
  • und auf die weltweite Solidaritätsbewegung, insbesondere auf die Unterstützung durch die sozialistischen Länder.

Die Liquidierung des sozialistischen Blocks in Europa hatte neben dem über dessen Völker gebrachten sozialen Elend eine wachsende Aggressivität des Imperialismus zum Ergebnis. Wichtige Positionen des Völkerrechts konnten zerschlagen werden, was die ungehinderte Missachtung der Souveränität von Libyen, die Völkerrechtsverbrechen gegen den palästinensischen Widerstand oder die Kriegsdrohungen gegen den Iran zur Folge hatte.

Gegenwärtig scheint es, dass die weltweiten neokolonialen Eroberungsfeldzüge des Imperialismus, bei denen sich neben den USA die Bundesrepublik hervortut, kaum zu stoppen sind. Deshalb erinnern wir an die Erfahrungen des weltweiten Widerstandes gegen die damals wie heute größte Kriegsmaschine der Welt. Trotz des ungünstigen aktuellen Kräfteverhältnisses sollten wir nicht vergessen, was die Vietnamesen während ihres Kampfes in unerschütterlicher Überzeugung verkündeten: Die Aggressoren werden am Widerstandswillen, am Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang der Völker scheitern.

Quellen und Anmerkungen:

1 S. Gerhard Feldbauer: „Die nationale Befreiungsrevolution Vietnams. Zum Entstehen ihrer wesentlichen Bedingungen von 1925 bis 1945“, Pahl Rugenstein 2008. Und Irene und Gerhard Feldbauer: „Sieg in Saigon. Erinnerungen an Vietnam“. Ebenda, 2005, 2. Auflage 2006.

2. Diese Erfahrung führte dazu, dass die Wehrpflicht in den USA „ausgesetzt“ und eine Berufsarmee etabliert wurde.

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